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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-08-15 · 33 (15.8.1902) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
33 (15.8.1902)
Date
1902-08-15
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 33 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 549 und da belehrende Vorträge aus Bibel und Talmud hielt. Gleichzeitig war er auch Schächter, was in so einem großen und streng religiös geführten Haushalte, wie es der Fantes'sche war, nicht gering zu achten ist. Dieser Russe besaß das volle Vertrauen des Fabriksherrn, und wer von dem Personale nur immer ein Anliegen an Letzteren hatte, brauchte sich blos an den »Rebbe", so wurde der Russe kurzweg benannt, zu wenden und konnte sicher darauf rechnen, daß seine Angelegenheit einen warmen einflußreichen Fürsprecher haben werde. Der Rebbe ging am heutigen Tage schmunzelnd und fich vor inneren Vergnügen die Hände reibend in der wohldurchwärmten Synagoge herum, Alles ordnend, damit am ersten Chanukaabend ein solenner Festgottesdienst abgehalten werden könne. Dem jüngeren Theile der Fabriksarbeiter, welche über eine schöne Singstimme verfügten, hatte er ein neues Lluo8 Zw einstudirt. Es sollte ja heute Abends nicht nur die Erinnerungsfeier an das einstige Chanukawunder und die heldenmüthigen Makkabäer abgehalten werden, sondern auch Dankgottesdienst veranstaltet werden dafür, daß Gott den geliebten, wie einen Vater verehrten Herrn von seiner weiten mit Gefahren verbundenen Reise wieder glücklich heimkehren gelassen. Gleich nach Pessach hatte er sich nach Europa eingeschifft, theils um Geschäftsverbindungen anzuknüpfen, theils auch um das alte Europa, von dem er nur einen kleinen Theil kannte, einmal gründlich anzusehen, hauptsächlich aber, um das Grab seiner Mutter dort auf dem kleinen Friedhofe des weltentlegenen Gebirgsdörfchens zu besuchen. Dort in dieser verarmten Gemeinde hatte er reichlich Gelegenheit, seinen Wohlthätigkeitssinn zu entfalten und den Beweis zu geben, daß er wohl in Amerika das Bürgerrecht erworben hatte, im Herzen aber ein gemüthvoller deutscher Jude geblieben war. Der Rebbe ging in der Synagoge herum und freute sich fast kindisch über die Ueberraschung, welche einestheils des Hausherrn wartete, anderntheils die anderen Besucher derBetstube haben werden, wenn sie das Prachtstück erblicken werden, welches der Herr eigens für die Betstube erworben und mitgebracht hatte. Endlich näherte sich die festgesetzte Stunde. Einzeln oder gruppenweise erschienen die Arbeiter, jung und alt in dem Bethause. Sie hatten den Arbeitskittel abgelegt und einen Feiertagsrock angezogen, aber der Raum ward dennoch bei ihrem Eintritt in demselben von einem scharfen prikelnden Tabaksgeruch erfüllt. Waren es ja lauter Cigarrenarbeiter, welche in den Bänken Platz genommen hatten und nicht nur an ihren Arbeitsgewändern sogar an ihrer Person haftete der Tabaksgeruch, mit welcher die ganze Umgebung der Fabrik geschwängert war. Alle hatten nach dem Eintreten ein bewunderndes Ah! ausgestoßen und hatten sich, bevor sie sich an ihren Platz begaben, vor dem neuen silbernen Chanukaleuchter gestellt, der statt des einfachen messingenen, wie er immer in Anwendung war, hier prangte. Ein einziger der Arbeiter, ein hübscher, aber sehr ärmlich gekleideter Mann, Ende der Zwanziger Jahre, war, im Anblick des Leuchters versunken, längere Zeit davor stehen geblieben. Nachdem er ihn von allen Seiten besehen und einen am Fuße eingravirten Namen entziffert hatte, begannen Thränen über sein blasses intelligentes Gesicht zu rinnen, ohne daß es ihm in seiner Gemüthsverfassung einfiel, selbe abzuwischen. So in dem Betrachten des Kunstwerkes versunken, bemerkte er die Bewegung nicht, welche unter der Schaar seiner Kameraden entstanden war. Erst als der Chor einen hell klingenden Na towu anstimmte, kam ihm das Bewußtsein, daß der »Herr", auf dessen Erscheinen man mit dem Beginn des Gottesdienstes gewartet hatte, eingetreten sein mußte, und ganz bestürzt sprang er zur nächsten Bank, um daselbst Platz zu nehmen. Dem scharfen Auge des Fabriksherrn war aber dieser Vorgang nicht entgangen, und während des Gottesdienstes wendete er keinen Blick von dem jungen Arbeiter, dessen intelligente Züge und elegante Gestalt und Bewegungen er heute erst zu bemerken schien, trotzdem er schon fast ein Jahr lang in dessen Fabrik in Arbeit stand. Fantes nahm sich vor, den jungen Mann, für den er sich zu intereffiren begann, gleich andern Tages zu sich rufen zu lassen, um ihn über sein sonderbares Betragen beim Anblicke des Leuchters zu befragen. Jedoch, der Mensch denkt und Gott lenkt! Die Folgen der zurückgelegten beschwerlichen Reise machten sich bei Fantes durch große Abspannung und Schwäche fühlbar, so daß seine Frau in ihn drang, mit ihr nach Chicago zu fahren, um dort ärztliche Hilfe zu suchen. Bon dort wurde er in eine Heilanstalt geschickt, wo er zwei Wintermonate zubrachte, von seiner Frau gepflegt, und sorgsam vor jeder Aufregung gehütet. Als Fantes hergestellt und gekräftigt in seine Billa zurückgekehrt war, erinnerte er sich eines Tages an jenen jungen Cigarrenarbeiter, der ihm damals so aufgefallen war. Ec sprach darüber mit dem Fabriksdirector, dem er seine Beobachtung vom ersten Chanukaabende mittheilte. Dieser gab zu, daß dieser Abend wirklich eine Rolle im wirklichen oder Gemüthsleben dieses jungen Mannes gespielt haben müsse. Denn vorher war dieser, wenn auch still und ernst, so doch immer gleichmäßig ruhig gewesen, doch von diesem Abende an wurde er unruhig und von einer tiefen Schwermuth befallen. Selbst der Umstand, daß er ihn seither zum Aufseher über den czechischen Theil der Arbeiterschaft gemacht hatte, mit welcher er wegen seiner gründlichen Kenntniß der czechischen Sprache gut umzugehen wisse, selbst dieses Avancement konnte seine Traurigkeit nicht verscheuchen. Ihm, dem Director sei es nicht gut möglich, fich um die Privatverhältnisse der Arbeiterschaft zu kümmern, jedoch dieser junge Böhme mache eine Ausnahme, und widme er ihm eine ganz besondere Aufmerksamkeit. Mall sieht es seinem Aussehen, seinem Benehmen, überhaupt seiner ganzen Persönlichkeit an, daß er fich einst in besseren Kreisen bewegt hatte, trotzdem er einst in ganz derangirtem Zustande Arbeit suchend hier angekommen war. Nur die Furcht, daß man es auch in diesem Falle mit einem jener zahlreichen Verbrecher zu thun habe, welche, die Folgen ihres Vergehens fürchtend, über den Ocean flüchteten, hat mich zurückgehalten, diesem begabten jungen Manne eine seinen kaufmännischen Kenntnissen angemessene Stellung in unserem Comptoir einzuräumen. Ich habe in dieser Beziehung so viele traurige Erfahrungen gemacht, daß ich em Pessimist geworden bin." »Das kann ich Ihnen im Grunde nicht verdenken, lieber Lewoje! Habe ja auch ich in diesem Lande sehr viel von meiner ursprünglichen Gutmüthigkeit eingebüßt, nachdem sie so oft mißbraucht wurde, und habe es öfters erlebt, daß ich des Restes wegen, der mir noch verblieben war, verspottet wurde. Dieser mein Landsmann aber intereffirt mich; bitte, schaffen Sie mir Gelegenheit-, ihn auf unauffällige Weise, so wie zufällig, zu sprechen." »Dies kann geschehen", antwortete Director Lewoje, »ich werde trachten, dies zu veranstalten." (Fortsetzung folgt.) Literatur. Funk S. Dr.» Die Juden in Babylonien, 200—500, I Theil, Boskowitz. Es gereicht mir zur Freude, ein Buch anzeigen zu können, das redliches Wollen und tüchtiges Können verräth. Ich habe mir nicht die Mühe genommen, zu untersuchen, inwieweit unser Autor in einzelnen Punkten durch Arbeiten seiner Vorgänger gefördert wurde.*) Ich gewann immerhin den Eindruck, daß Funk das Material selbstständig verarbeitet und in besonderer Weise Schlüsse aus demselben zu ziehen verstanden hat. In den Fußnoten findet man eine Fülle von Einzelfragen berührt und vielfach gelöst. Man wlrd allerdings nicht immer den Lösungen beistimmen können, anregend bleibt die Ausführung Funk's in der Regel. In diesem Bande behandelt der Verfasser die Zeit vom Aufblühen der Eultur unter Rab und Samuel bis zur Lehrperiode Rabba's. Es wird ihm vielleicht der Vorwurf nicht erspart bleiben, daß er in den einzelnen, zusammenfassenden Capiteln das chronologische Moment einigermaßen vernachlässigt hat. Schließlich waren aber die Verhältnisse in Babylon derart, daß eine gewisse Continuität ruhig angenommen werden darf, soweit nicht wichtige Umwälzungen eintraten. Und diese hat auch Funk berücksichtigt. Wenn die Form des Werkes nicht durchaus tadellos genannt werden kann, soll doch rühmend hervorgehoben werden, daß die Diction nicht selten belebt wird durch Parallelen aus späteren Epochen, selbst aus der Gegenwart. Besonders wohlthuend wirkt im Uebrigen das warme, jüdische Herz, das im ganzen Buche sein Schlagen vernehmen läßt. Es ist eben das unsterbliche Verdienst unseres Graetz, daß seit seinen auch in dieser Richtung epochalen Schriften kein jüdischer Historiker mehr unsere Aufmerksamkeit beanspruchen kann, wenn er nicht das Gemüth seinem Gegenstände weiht. Nur wer die Liebe zu unserem Volke hat, kann den Befähigungsnachweis erbringen, uns in seinen Schilderungen das psychische Leben unserer Vorfahren wieder durchleben zu lassen. Wir wollen im Nachstehenden einige Einzelheiten herausgreifen und manchem Thema Ergänzendes anfügen. 1. S. 6 und Note II: lieber die Traditionskette in Babylon, vgl. Lecker Tannaim (eck. Luzzatto, Kerem chemed IV, S. 186) *) Den zweiten Band von Halevy's Vorst darisedomm habe ich bislang nicht zu sehen bekommen.

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