Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 33 (15.8.1902)
- Date
- 1902-08-15
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021439-3021473--12000-3036569- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 546 dx. Vlvch's Wochrnschrffk. Nr. 33 diesen Zeitpunkt müffen sich die zionistischen Organisationen vorbereiten; die Agitation muß anabläffig betrieben und die materiellen Mittel müffen gesammelt werden. Je leistungsfähiger unsere Bewegung sein wird, umso schneller und sicherer wird sie an's Ziel kommen/ Christlicher Zionismus. Ein Chicagoer Religionsstifter Namens Dowie beabsichtigt nichts mehr und nichts weniger, als Jerusalem zu kaufen und mit seinen Anhängern dorthin auszuwandern, sowie er das nöthige Geld dazu beisammen haben werde. Aber auch andere Christen als Herr Dowie haben sich mit der zionistischen Idee befreundet. Ernster jedenfalls als Herr Dowie meint es Herr Arthur Smedlcy Green, der in der Juni-Nummer von »Everybodys Magazine" allen Ernstes die Christenheit zu einem modernen Kreuzzeug auffordert, um das heilige Land zu gewinnen. Aber nicht mit den Waffen der alten Kreuzfahrer soll Palästina in blutigem Ringen erobert, sondern es soll mit dem »allmächtigen Dollar" gekauft werden. Alle Christen ohne Unterschied des Bekenntnifles sollen beisteuern zu der jedenfalls nicht geringen Kaufsumme, die den Sultan zur Hergabe des heiligen Landes geneigt machen soll. Ist der große Wurf gelungen, dann soll Palästina eine zu Ehren Christi geschaffene Republik werden, deren Unabhängigkeit, Neutralität und Unantastbarkeit die christlichen Mächte zu verbürgen hätten. Bereits sind, wie Herr Green behauptet, »Vorarbeiten" im Gange, um ausfindig zu machen, wie viel ungefähr die Ausführung dieses Projectes kosten könnte. Budapest. (Rumänische Juden in Budapest.) Vorige Woche trafen auf dem hiesigen Ostbahnhofe ungefähr 250 Juden aus Rumänien ein. Auswanderer, die auf der Reise nach Canada begriffen sind. Die Männer sind durchwegs kräftige, intelligente Gewerbetreibende und Kaufleute. Diese Leute äußern sich sehr abfällig über das Vorgehen der rumänischen Behörden, die die jüdischen Familien systematisch aus Rumänien verjagen. Während des kurzen Aufenthaltes, den die Auswanderer bis zur Abfahrt des Wiener Zuges hier nahmen, sorgte die Polizei für die Aufrechthaltung der Ruhe; mehrere Personen wollten unter die rumänischen Juden Geld vertheilen, doch die Auswanderer nahmen nichts an und erklärten, ein Unterstützungscomits sorge schon für sie. München. Großes Aufsehen erregt hier der Concurs der Bayrischen Beamtencreditbank. Die „Münchener Neuesten Nachrichten" schreiben darüber: »Man kann sich der Einsicht nicht verschließen, daß nicht nur bei der Organisation der Bank grundlegende Fehler begangen wurden, sondern daß auch die Handhabung der Geschäfte nicht der Sorgfalt eines ordentlichen Kaufmannes entsprach. In der Buchführung sind Unregelmäßigkeiten vorgefallen, die als direct strafbar erscheinen." Das Interessanteste bei diesem Concurs ist die Thatsache, daß der Begründer und Direktor der Gesellschaft, Wächter, dem die ganze Schuld an dem Ruin der Bank beigemessen wird, einer der eifrigsten Antisemiten war. Also wieder einer! Paris. (Neuwahlen in der Alliance Jsraßlite Universelle.) Das Ergebniß der am 11. Mai vollzogenen Wahlen in das Centralcomits der Alliance Jsraelite Universelle liegt nunmehr vor. Darnach setzt sich dasselbe aus 78 Mitgliedern zusammen, von denen 24 in Paris, 43 außerhalb Frankreichs ihren Wohnsitz haben. Unter den Letzteren befinden sich 22 Deutsche, von denen 15 dem Centralcomite bereits früher angehörten und zwar die Herren Dr. Baerwald-Frankfurt a. M.. I. M. Bielefeld- Mannheim, Dr. Heinrich Meyer Cohn-Berlin, Oberrabbiner Dr. Feilchenfeld-Posen, Rabbiner Dr. Frank-Köln, Justizrath Dr. Fuld-Frankfurt a. M., Charles L. Hallgarten-Frankfurt a. M., Geheimer Hofrath Dr. Josephthal-Nürnberg. Sanitätsrath Doctor S. Neumann-Berlin, Theodor Oschinsky-Breslau, Rabbiner Dr. Rosenthal-Breslau, Simon Salomon-Metz, Districtsrabbiner, Dr. Salvendi-Dürkheim, Consul Alexander Simon-Hannover und Rabbiner Dr. Werner-München. Neugewählt wurden die Herren: Rechtsanwalt I. Behrend-Danzig, Gemeindevorsteher Elias- Dortmund, Hermann Gumpertz-Hamburg, Stadtrath Leopold Guttmann-Beuthen, Emil L. Meyer-Hannover, Rabbiner Doctor Porges-Leipzig und Rabbiner Dr. Vogelstein-Königsberg. Außerdem sind nur noch fünf Herren in das Centralcomits neu eingetreten, neben vier Parisern Herr I. D. Lioni-Amsterdam. Bukarest. Obgleich sich in Folge der diesjährigen ausgezeichneten Weizenernte bereits eine erhebliche Besserung im Handel bemerkbar macht, so ist doch für das Bauhandwerk in diesem Jahre noch keine Aenderung in der Geschäftslosigkeit eingetreten, und darunter hat in erster Linie die'israelitische Arbeiterschaft zu leiden, welche von den wenigen zur Ausführung gelangenden Bauten geradezu methodisch ausgeschlossen wird. Allein in Bukarest sind an 600 Familien von Bauhandwerkern vollständig erwerbslos und es wird eine Sammlung veranstaltet, um die denselben zur Auswanderung nöthigen Mittel im Mindestbetrage von 80.000 Lei zu verschaffen. Daneben dauern aber die Auswanderungen aus Bukarest und aus der Provinz in ungeschwächter Ausdehnung fort. Bis jetzt haben 342 israelitische Emigranten über Predeal das Land verlassen. Zur Nothlage des großen Theiles der israelitischen Bevölkerung Rumäniens kommen nun noch verschiedene kleine Chicanirungen, welche, ohne daß man deshalb von einer Judenverfolgung reden könnte, doch darnach angethan sind, den Israeliten den Aufenthalt im Lande zu verleiden. So hat die Primarie der großen Stadt P l o j e st ein am 1./14. August in Kraft tretendes Reglement votirt, nach welchem die Schlachtung von Thieren zu Nahrungszwecken nur mehr nach einem vom Veterinär der Stadt erfundenen Systeme stattfinden darf, und die israelitischen Fleischer der Stadt sind bereits angewiesen worden, diese mit dem Gebote Moses' in völligem Widerspruch stehende Methode in ausschließliche Anwendung zu bringen. Hie und da kommt es wohl auch zu thätlichen Angriffen auf einzelne Israeliten, ohne daß es die Behörden der Mühe werth finden, sich um solche Kleinigkeiten zu kümmern. So berichtet der »Dorobantul" unter Angabe von Namen über einen Ueberfall, dessen Opfer der in der Gemeinde P r e u t e st i, District Suceava, ansässige israelitische Kaufmann David Lazarovici geworden ist. Obgleich Lazarovici in der Gemeinde geboren ist und daselbst bisher unbeanstandet das Gewerbe eines Colonialwaaren- und Eisenhändlers ausgeübt hat, wollte man ihn doch zum Berlasien des Dorfes zwingen, und es sind zu diesem Zwecke Leute in sein Geschäftslocal eingedrungen und haben ihn in barbarischer Weise mißhandelt. Zwar wurde die in Betracht kommende Behörde unter Nennung der Uebelthäter von diesem am 14. Juli vorgesallenen Gewaltacte verständigt, doch ist bisher gar nichts geschehen, um die Schuldigen zur Verantwortung zu ziehen. Botosani. (H i l f e r u f.) Am 1. August l. I. brach in unserer Gemeinde, die meistens von Juden bewohnt ist, eine fürchterliche Feuersbrunst aus, die sich zu einer schrecklichen Katastrophe gestaltete. 80 Häuser wurden ein Raub der Flammen und all das Hab' und Gut ihrer Bewohner wurde eingeäschert. Leute, die tags zuvor sich noch eines ziemlichen Wohlstandes erfreut hatten, sind nun notorische Bettler geworden; Gewerbetreibende, die von ihrem Handwerke lebten, verloren ihre Einrichtung und ihr Werkzeug und zugleich die Möglichkeit ihres weiteren Erwerbes, um ihr Leben fristen zu können; selbstständige Kausleute büßten ihre Waarenlager ein, ohne solche bei irgend einer Assecuranz- Gesellschaft versichert zu haben. Schrecklich ist das Unglück, furchtbar das Elend, grauenhaft die Noth: ca. 400 Seelen sind obdach- und brotlos geworden und stehen verzweifelt bei den Dämmern ihres einstigen Besitzes, mit trauernden Augen dem Wimmern der Kinder, dem Weinen der Frauen zusehend, ohne in der Lage zu sein, ihnen zur Stillung ihres Hungers Brot zu bieten und für ihre Blöße die nothwendigsten Kleidungsstücke anzuschaffen. Sollte nicht schleunigst Hilfe geschaffen werden, müßten diese Unglücklichen unbedingt total zu Grunde gehen. Das gefertigte Comits erlaubt sich daher alle edeldenkenden Menschen um Hilfe anzurufen, mit der dringendsten Bitte zur möglichsten Verbesserung der Lage dieser so hart Betroffenen, zur Linderung der herrschenden Noth und zur Steuerung des grassirenden Elends ihr Schärflein beitragen zu wollen. Ist die ökonomische Lage unserer Glaubensgenossen in diesem Lande im Allgemeinen eine arge, so erreichte die Lage unserer Abgebrannten