Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 33 (15.8.1902)
- Date
- 1902-08-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 540 Dr. Vloch's Wochvnschrifl. Nr. 33 die Begrüßung einer jüdischen Deputation entgegennimmt und ihr in hebräischer Sprache dankt, da vergißt der Antisemit sein Christenthum und das seiner Leser. Der neugewählte Erzbischof von Lemberg, Graf SzePitzki, ist sofort .ein Bischof, der jüdelt", und der antisemitische .Schriftleiter" ruft ihm höhnend sein Hepp-Hepp zu. .Ob der Herr Erzbischof", schreibt das .Deutsche Volksblatt", .mit Herrn Taubeles auch einen Reinbraten mit Nockelach oder e Gansbiegel mit Rischert gegessen und bei einem Glase Koscherwein Smollis getrunken hat, darüber schweigt der Chronist". An diese Verhöhnung des Erzbischofs von Lemberg, der in altclassischem Hebräisch die Thora begrüßt und damit dcmonstrirt hat, daß er das Alte Testament im Urtext studirt hat und der Mischen Religion seine Achtung entgegenvringt, reiht sich würdig eine Notiz über den Fürsterzbischof von Olmütz, Dr. Kohn. Der Name .Kohn" bietet ja für den richtigen antisemitischen Schmock an und für sich eine Fülle sinniger Anregungen. Der Kohn, der Kohn . . . haben Sie nicht den kleinen Kohn gesehen? Sobald auch der Erzbischof von Olmütz zu .jüdeln" anfängt, dann ist auch er nicht mehr der katholische Kirchenfürst, nicht mehr das Oberhaupt der christlichen Seelsorger in seinem Bezirke, nicht mehr einer der höchsten Würdenträger der Christenheit, sondern der so populäre, zur Volksbelustigung dienende .kleine Kohn". So fügt denn einer der Stilisten des antisemitischen Blattes eine Anzahl von Worten aneinander, die mit der Silbe .Kon" anfangen, um darzuthun. daß .der Nachkomme eines konvertirten Kohn ohne Koncurreuz dasteht." Die witzige Notiz schließt mit dem Ausrufe: „Die Misemeschine über ihn!" Der Verfasser dieser Notiz weiß gewiß, was eine .Misemefchine" ist, aber von den Lesern des .Deutschen Volksblatt" dürften das nur Wenige wissen. Es hätte also auch die Uebersetzung beigefügt werden sollen, und da die.Schriftleitung" Vergani's das Unterlasten hat, so wollen wir das besorgen. Eine Misemeschine heißt so viel wie ein gräßlicher Tod. Das .christliche" Blatt spricht aus dem Anlaffe, daß Fürsterzbischof Doctor Kohn sich von dem jüdischen Porträtmaler Epstein hat malen lasten, den Wunsch aus, es möge ein gräßlicher Tod über ihn kommen. Wir wundern uns über irgend eine noch so bodenlose anttsemitische Gemeinheit nicht im Allergeringsten. Es gibt keine Lumperei, durch die der Ernst Vergani die Welt in Erstaunen versetzen könnte. Wir verzeichnen nur als culturhistorisch interestant die Thatsache, daß in dem nach Versicherung des Doctor Lueger so christlichen Wien und in dem Organ jener Partei, die den Schutz des angeblich bedrohten Christenthums als Borwand für ihre Existenzberechtigung gebraucht, über die Würdenträger der katholischen Kirche in einem solchen Tone gesprochen werden darf, und daß das ehrlose Blatt in der Josefsgasse ganz uiwerfroren und ungenirt den Wunsch aussprechen darf, der Erzbischof möge eines gräßlichen Todes sterben. Der Erzbischof von Hemberg mag sich bei Vergani für die milde Strafe bedanken; ihm wünscht er keinen Schlaganfall, sondern blos .Reinbraten mtt Nockelach" oder .Gansbiegel mit Ritschert". Herr Dr. Lueger, der einst sehr gerne der Gast befreundeter jüdischer Familien war, wird dem .Preßleiter" des Antisemitismus bestätigen können, daß die erwähnten Speisen in der Küche jüdischer Familien sehr schmackhaft zubereitet zu werden pflegen. Einer der jüdischen Bankdirectoren, die Vergani anschnorren ließ, hätte sich vielleicht auch berett gefunden, nicht blos ein Inserat, sondern auch einen Gansbiegel herzugeben mit etwas Ritschert als .Gratisbeilage" für das .Deutsche Bolksblatt". Nur möchte ich den Vergani, falls er einige Recensionsexemplare von Gansbiegeln erhalten sollte, darauf aufmerksam machen, daß man von Gansbiegel mtt Rttschert nicht gar zu viel essen darf, weil man sich sonst leicht den Magen verdirbt, und weil ich ein Gemüthsmensch bin, so wünsche ich durchaus nicht, daß der Ernst Vergani in Folge übermäßigen .Anpampfens" mit Ritschert seine Lebensdauer abkürze oder gar, wie er so schön sich ausdrückt, eine Misemeschine einnehme. Im Gegentheile; ich: wünsche, daß der liebe Gott uns diese Schandsäule des Antisemitismus recht lange erhalte, weil von der Verachtung und dem Ekel, den seine Erscheinung und sein Blatt bei jedem gesitteten Menschen Hervorrufen, eine ausgiebige Portion auf den sogenannten .ch r i stlichsocialen Gedanken" abfällt, dessen publicistischer Vertrieb ihm zu Haus und Hof und Geld verholfen hat. * * * dieser famosen Behandlung katholischer Bischöfe darf sich ein jüdisches Mädchen, das in einer koscheren Würstlerei bedienstet ist, nicht darüber beklagen, daß es in einer .Plauderei" des .Deutschen Volksblatt" als eine .Selchermad" geschildert wird, die ebenso unverdaulich ist, wie der Knofel in den koscheren Würsten. Der geistvolle .Plauderer" schildert die Atmosphäre in den Würstlereien als ein widerliches Gemisch von Senf- und Knofelduft und Würstelsuppendampf, und sagt dann: .Die Selchermad" paßt zu diesem klebrigen Milieu vollkommen. Ihr ganzes Exterieur erstrahlt im Fettglanze. Dabei ist sie weder liebenswürdig noch tüchtig. Arrogante, freche Antworten kann man schneller haben, als etwas zum Essen." An dieser pöbelhaften Beleidigung ists noch nicht genug, auch die Ehre der Mädchen wird von dem antisemitischen Lotterbuben in den Koth gezerrt, indem er den Lesern vörlügt, daß jeden Schabbes zwei andere Stammgäste die .Mad" einladen dürfen. .Mit an geht sie nix. Vielleicht kann sie nix gutstehen vor sich selbst?" Wer den Geschäftsbetrieb der jüdischen Würstlereien kennt, dem ist es auch bekannt, daß die in denselben beschäftigten Mädchen für geringen Lohn vom frühen Morgen bis zum späten Abend sich schwer plagen müssen, daß es ausnahmlos brave, anständige und gesittete Mädchen sind, die sich hier schwer genug ihr Brot verdienen, und die Züchtigung mit der Hundspeitsche wäre die einzig richtige Widerlegung dessen, was in dem antisemitischen Schandblatte über sie geschrieben wird. Wenn aber die Juden verhöhnt werden, die in der Würstlerei nachtmahlen, weil es dort billig ist und sie Alkohol nicht vertragen, und weil ihre Mittel es ihnen nicht erlauben, .täglich für ä 2 Kronen im Gasthause zu nachtmahlen", so weiß man wirklich nicht, ob damit ein Lob oder ein Tadel ausgesprochen werden soll. Vergani kann allerdings ausgiebiger .nachtmahlen"; ihm erlauben es die erpreßten Pauschalien und Bestechungen. Was die Reinlichkeit betrifft, die der .Plauderer" den koscheren Würstlereien abspricht, so erinnern wir uns allerdings, daß man in Würsteln und in .Rindsgollasch" die Embryos von Ratten gefunden hat und daß deshalb Gerichtsverhandlungen stattgefunden haben. Jene Würsteln und jenes Gollasch waren aber durchaus nicht .koscher", sondern wurden in Localen verabreicht, deren Inhaber zu den Parteigenossen und Abonnenten des .Deutschen Volksblatt" zählen. * * * Außer den hier besprochenen dieswöchentlichen Bübereien Vergani's ist noch eine von ihm begangene Dummheit M"verzeichnen. In einer Enquete über die Hebung des Fremdenverkehrs druckte er ein Gutachten der Gastwirthegenossenschaft ab, in welchem die Parteiverhältnisse in Wien und die gesellschaftliche Verhetzung für die Rückständigkeit des Fremdenverkehrs verantwortlich gemacht werden. Dieses Document seiner eigenen Gemeinschädlichkeit hätte das .Deutsche Volksblatt" nicht veröffentlichen sollen. Ferner hat er sich in diesen Tagen eine grobe Nachlässigkeit zu Schulden kommen lassen. Bei dem Jubiläum einer vorortlichen freiwilligen Feuerwehr hat ein Pfarrer die Feuerwehrleute mit den barmherzigen Samaritern verglichen, die niemals darnach fragen, welcher Nationalität oder Confession der Hilfsbedürftige angehört, und er hat die Nächstenliebe verherrlicht, die keinen Unterschied des Glaubens kennt. Wie haben die Herren Schriftleiter eine solche Verwegenheit eines Pfarrers ungerügt hinnehmen können? Dieser Pfarrer hat ja, indem er eine Lehre verkündet, die dem Antisemitismus direct entgegensteht .gejüdelt!". Wo bleibt da die .Misemeschine"?. * * * In Rumänien hat ein Ministerwechsel stattgefunden, der für die dortigen Juden nicht ohne Bedeutung ist. Der Ackerbauminister Missir, der Urheber des berüchtigten Gesetzes, hat seine Demission gegeben. Außerdem wurde ein neuer Finanzminister ernannt, Emil Costinescu. Die Hoffnung der Rumänen, daß der Eintritt Emil Costinescu's in das Cabinet Sturdza eine Gewähr dafür sei. daß die finanzielle Conversion zu Stande komme, scheint uns auf sehr schwachen Füßen zu stehen. Die Rumänen sollten wissen, daß diese finanzielle Operation von ganz anderen Factoren abhängt als von einem Ministerwechsel in Bukarest * * * Zum Kampf gegen das fremdenfeindliche rumänische Handwerkergesetz sendet man aus Bukarest folgende Zuschrift: „Die italienische Colonie in Bukarest hat eine Versammlung abgehalten, um gegen den Artikel 95 des vielbesprochenen Handwerkergesetzes Protest einzulegen. Der Artikel bestimmt bekanntlich, daß bei Submissionen unter 30.000 Francs rumänische Unternehmer bei allen Vergebungen öffentlicher Arbeiten auch dann bevorzugt werden sollen, wenn ihre Offerten fünf Percent höher sind, als die von Ausländern. Die italienische Colonie behauptet mit Recht, daß diese Bestimmung eine Verletzung der zwischen Italien und Rumänien