Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 33 (15.8.1902)
- Date
- 1902-08-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 33 Dr. Bloch's Wochenschrift. Sette 539 reiche Schiffe der Altonaer Firmen I. I. Holländer u. Söhne, A. A. LioN u. A. m. Ein Jude habe schon vor dreißig Jahren mehreremale ein Schiff nach Grönland geschickt. Noch ganz kürzlich sandten in Hamburg Gottschalck und Salomon in Gemeinschaft mit einem christlichen Rheder das Schiff „Die Elbe" unter Hamburgs Flagge aus. Sie werden in der That nach Ausweis der Acten in den SchiffSPäffen als Rheder anerkannt. Das Gesuch wird genehmigt. Sehr bedeutsam ist das folgende, über diesen Fall vom Hamburger Senat eingeforderte Gutachten der Commerzdeputation, welches an Freisinnigkeit dem des preußischen Generalfiskals würdig an die Seite zu stellen ist: „An Einen Hochedeln und Hochweisen Rath ergebenster Antrag der Commerz Deputation wegen der von den Juden Lion von Embden nachgesuchten hiesigen Schiffs Pässe. Mere. d. 30. Sept. 1801." „In Ansehung der Frage, ob den hiesigen Juden Lion von Embden und Sohn zu verstatten sei, ihr Schiff unter Hamburgischer Flagge fahren zu lassen, müffen Commerz Deputirte die rechtliche Erörterung und die Untersuchung, wiefern die Einwohner und Juden überhaupt an den bürgerlichen Gerechtsamen theilnehmen können, als nicht zu ihrer Competenz gehörig, dem Ermessen E. Hochweisen Raths anheimstellen; auch wollen sie die für sich selbstredenden Vortheile der Beförderung des Schiffbaues an sich und in Beziehung auf so manche Nahrungsstände hier keineswegs wiederholen. Sie beschränken sich blos aus die Untersuchung, ob solches der hiesigen allgemeinen Handlung nützlich oder schädlich sein dürfte? Nun ist es aber eine unleugbare Wahrheit, daß die Handlung im Ganzen, durch jede vermehrte Concurrenz der Hilfst mittel und durch jede Erleichterung derselben nicht allein an Bequemlichkeit, sondern auch an innerer Kraft und Festigkeit gewinnt. Die Schiffahrt aber ist das erste und vorzüglichste Hilfsmittel für den Handel dieser Stadt. Je mehr eigene Schiffe wir haben, desto leichter findet der Kaufmann eine Gelegenheit zur Verführung seiner Waaren, desto weniger hängt er von fremden Staaten und ihrer Schiffahrt ab. Je größer ferner die Concurrenz der Schiffe ist, desto wohlfeiler werden auch die Frachten und desto leichter kann man sich auf eine Unternehmung einlassen. Aber auch an Sicherheit gewinnt der Kaufmann durch die Vermehrung unserer eigenen Schiffe. Es ist leichter, sich an Ort und Stelle nach der Beschaffenheit eines Schiffes zu erkundigen, als wenn man sich mit einem fremden Schiffe abgeben muß. Wie oft . sind wir nicht durch die Unregelmäßigkeit der Documente eines .^fremden Schiffes gefährdet worden? Wie oft ist nicht noch in diesem Kriege eine Flagge, die für neutral gehalten ward, plötzlich unfrei geworden und dadurch der hiesige Kaufmann in großen Aufenthalt und Schaden gekommen? Wie viele hiesige Befrachter haben nicht z. E. empfindlich darunter gelitten, als Rußland den dänischen Schiffen den Eingang in seine Häfen verweigerte. Was wir also zur Vermehrung unserer eigenen Schiffahrt beitragen können, das ist wahrer Gewinn für unseren Handel. Alle diese Vortheile werden ebensowohl erreicht, wenn das Hamburgische Schiff einem Juden, als wenn es einem Christen gehört, denn in Hinsicht auf die Concurrenz der Schiffe und auf die vermehrte Gelegenheit, sich der hiesigen Flagge bedienen zu können, kommt es auf das Glaubensbekenntniß der Rheder nicht an. Vielmehr dürfte ein Jude wohlfeiler Frachten geben müssen, um nur einigermaßen mit den Christen concurriren zu können. Aber sollte es nicht in anderen Rücksichten dem christlichen Kaufmann gefährlich werden können? Dürsten nicht etwa die Juden mit der Zeit die Vortheile der Hamburgischen Flagge ganz oder größtentheils an sich reißen? Oder sollten sie nicht unsere Flagge zu gefährlichen und verbotenen Unternehmungen mißbrauchen können? Was die erste Besorgniß anbelangt, so läßt sich eine solche ausschließliche Anmaßung und Verdrängung der Christen wohl in Ansehung einzelner Handelsgeschäfte denken, aber in Beziehung auf die Schiffahrt halten Deputirte eine solche Besorgniß für unbegründet. Die Schiffahrt ist von einem viel zu großen Umfange; hier ist Raum für Christen und Juden. Es würde fast nicht weniger dazu erforderlich sein, als daß die Juden zuvörderst den ganzen Handel dieser Stadt selbst an sich reißen, weil unsere meisten Rheder auch zugleich Kaufleute sind. Wie könnte man .einem solchen colossalischen Gedanken Eingang verstatten? Aber zudem hängen die Juden wohl bei keinem Geschäfte mehr von Christen ab, als in Ansehung der Schiffahrt. Sie mögen nun ein Schiff bauen oder repariren oder beftachten wollen, so müffen sie sich immer an Christen wenden. Eben diese Abhängigkeit von den Christen aber wird unfehlbar die Folge haben, daß die Juden niemals große, viel weniger nachdenkliche Fortschritte in der Schiffahrt machen werden. Daß auch diese Folgerung nicht zu kühn sei, dafür bürgt die Erfahrung so mancher Länder, in welchen die Juden ungestört die nationale Flagge genießen. Um dem zweiten Einwurf einiges Gewicht beizulegen, muß man schon von einer gewiffen Deutungsart ausgehen, die zwar aus einzelnen Erfahrungen abgeleitet sein mag, aber doch keineswegs berechtiget, ein ganzes Volk zu verwerfen. Daß wohl von einzelnen Juden unsere Flagge zu bedenklichen Unternehmungen gemißbraucht werden könnte, wer möchte das leugnen? Aber werden solche Unternehmungen darum unterbleiben, weil die Juden keine eigenen Schiffe haben? Werden sie nicht vielmehr sich in Ermangelung eigener Schiffs der christlichen bedienen und diese solchergestalt in Gefahr setzen? Man kann daher bei der Frage, ob die Juden Rhederei treiben sollen, keine Rücksicht auf ihre Handels-Operationen nehmen, sondern es ist die Untersuchung auf ihre Qualität als Schiffsrheder einzuschsänken. In dieser Eigenschaft aber werden sie denselben Vorschriften gleich den Christen unterworfen. Sie können keine Pässe erhalten, wenn die Schiffsdocumente nicht regelmäßig und unverdächtig sind. Es ist also auch in dieser Hinsicht kein Mißbrauch der Flagge zu besorgen, der nicht ebensowohl bei Cyrriicn erntreten könnte. Aus allen diesen Betrachtungen sind Commerz-Deputirte aus voller Ueberzeugung des Dafürhaltens, daß es der hiesigen Handlung keineswegs schädlich, vielmehr nützlich und zuträglich sei. den Juden bei befundener Richtigkeit der Schiffspapiere die nachgesuchten Päffe zu ertheilen u. s. w." Das war vor der Zeit der bürgerlichen Gleichstellung der Juden. Wenn also heute durch englische und amerikanische Blätter Nachrichten laufen, wie die von der Ernennung eines Juden zum Lieutenant in der portugiesischen Kriegsmarine (Jewish Chronicle, 31. Jan. 1902) oder über jüdische Combattanten unter dem Sternenbanner in den Seekämpfen um Cuba oder wie die Mittheilung des jüdischen Capitäns Henry Elbe über seine Begegnungen mit jüdischen Seefahrern unter allen Zonen, so gelten sie höchstens als neue Belege für die Thatsache, datz der Jude, wo ihm nicht äußerer Zwang die Hände bindet, im Wettbewerb der Kräfte selbst da nicht zurücksieht, wo persönlicher Muth, wo Thatkraft und Umsicht den höchsten Anforderungen sich gewachsen zeigen muß. Eine besondere Note verdient immerhin die Anerkennung, welche an höchster Stelle in diesen Tagen ein Jude findet, der in einer Zeit, wo das Schwergewicht des nationalen Jntereffes Deutschlands sich der überseeischen Schifffahrt zuneigt, hier einen der wichtigsten treibenden Factoren bildet. Vom Jahrmarkt des Lebens. Gloffen zur Tagesgeschichte. (Der jüdelndeErzbischof und derkleineKohn. — Gansbiegel mit Ritschert. — Der christlichsociale Gedanke. — Die Selchermädchen. — Eine „Misemeschine". — Neue Mini st er in Rumänien. — Italiener gegen das berüchtigte Handwerkergesetz. — Dr. Ga st er beim König Karl. Unter der falschen Flagge des Christenthums betreiben die Antisemiten ihr volksbetrügerisches Handwerk. Sie geriren sich als die Beschützer des Christenthums, sie erziehen das „christliche" Volk zum Judenhaß, sie verbreiten die Lüge, daß die Juden die Christen Haffen um ihres Glaubens willen. Thatsächlich richtet sich, wie dies oft genug nachgewiesen wurde, der Antisemitismus gegen alle Fundamente der christlichen Religion. So oft nun ein Kirchenfürst, sei es ein katholischer oder Protestantischer, die Grundsätze der Gleichberechtigung, der Toleranz und der Nächstenliebe ausspricht, fühlen sich die Jntereffenten des Geschäftsantisemitismus in ihrem schmutzigen Erwerb bedroht. Dann durchbricht ihre maßlose Wuth nicht die Schranken des Anstandes, denn diese bestehen für die Leute vom Stamme der Vergani überhaupt nicht, sondern die der geschäftlichen Klugheit, die ihnen gebieten würde, sich vor Denjenigen zu ducken, die von der christlichen Bevölkerung als die Leuchten der Kirche und als die Repräsentanten des christlichen Gedankens verehrt werden. In dem Augenblicke, in welchem ein Erzbischof