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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-08-08 · 32 (8.8.1902) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
32 (8.8.1902)
Date
1902-08-08
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 32 Dr. Bloch's Wochenschrift. Sette 533 Verfassers — nicht etwa zum Schutze des Heiligthums oder der Stadt bewerkstelligt worden ist, sondern um als Grundstock einer nationalen Repräsentation nach Außen würdig zu erscheinen, beschäftigte sich Nechemia ununterbrochen mit den rituellen und culturellen Angelegenheiten des Volkes. Im Sinne und im Geiste der mosaischen Gesetze bemühte er sich, die armen Kleinbauern von der sie fortwährend bedrückenden Last von Seiten der reichen Großbauern zu befreien. Die capitalskräftigen Herrenstämme benützten jede Gelegenheit, die wenig bemittelten Landesbewohner in öconomische Abhängigkeit zu bringen, die Aecker und Weinberge der wirthschaftlich Schwachen zu pfänden und sie sich dann anzueignen und die früheren Eigenthümer als Hörige und Leibeigene an sich zu ketten. Ohne jeden Gerechtigkeitssinn vergewaltigten sie rücksichtslos die sogenannte ,uiisera plebs". Der Eigennutz und die Habsucht machten die besitzlüsternen, reichen Adeligen taub gegenüber den Klagen der Armen und Elenden. Und wei n es auch aus den Documenten in den Büchern Esra und Nechemia, die der Verfasser nach wissenschaftlicher Auseinandersetzung richtig als echt anerkennt, nicht ersichtlich ist — was der Verfasser öfter hervorhebt — daß die Herrenstämme die Kleinbauern durch Zins und Wucher in ihre Abhängigkeit brachten, da diese Ausdrücke weder hier, noch auch in den tadelnden Worten früherer Propheten Vorkommen, so ist es doch als zweifellose Thatsache bekannt, daß die Großbauern die verpfändeten Güter in gewaltthätiger Weise an sich gerissen haben, was der schneidige Prophet Jesaias (150 Jahre vor der ersten Katastrophe) und der herzinnige, wehmuthsvolle Jeremias (40 Jahre vor derselben) ununterbrochen tavelten und rügten und dafür das Strafgericht der göttlichen Gerechtigkeit verkündeten. Nun, um diesen Unfug zu beseitigen, stellte sich Nechemia mit der ganzen Kraft seiner sittlichen Persönlichkeit auf den Kampfplatz. Er ließ die Großen und Adeligen versammeln, richtete an sie geharnischte Worte und führte ihnen das Verwerfliche und Strafbare ihrer Handlungen vor die Augen, appellirte an ihr Ehrgefühl, an ihren Brüdeclichkeitssinn, an ihre Gottesfurcht und veranlagte sie, ihr Unrecht gut zu machen, auf ihre Faustpfänder und ihr Guthaben zu verzichten und die Gründe den Eigenthümern zurückzugeben. Er selbst, seine Familie und seine Anhänger gingen dabei mit dem Beispiele voran, so daß der ganze Adel sich angeschlossen hat. Und außer der Verzichtleistung auf sein Guthaben bei den armen Volksgenossen suchte Nechemia vielmehr dieselben mit seinem Vermögen zu unterstützen, was er im großen Maßstabe aussührte. Dann schickte sich Nechemia im Namen des durch Esra zu großem Ansehen gelangten mosaischen Gesetzes an, eine tief einschneidende Verbesserung des inneren Lebens der jüdischen Bevölkerung durchzusühren, von der — wie er es mit Fug und Recht allgemein verkündete — die Wohlfahrt des ganzen Volkes abhing, nämlich die Entfernung der heidnischen und samaritanischen Frauen aus dem jüdischen Familienleben, und zwar durch die gewaltsame Trennung der Mischehen. Der gesetzestreue Nechemia griff die Sache kräftig an, als er erfahren, daß die Herrenstämme nntsammt einer großen Zahl von Priestern Mischehen eingegangen sind. Er zankte, fluchte, vergriff sich in seinem Eifer auch thätlich an den Widerstrebenden; und die Würdenträger jeder Art, die nicht gehorchen wollten, entließ er aus ihrem Amte. — Daß die weiblichen Personen, welche zur damaligen Zeit mit Juden Ehen geschlossen haben, Proselytinnen waren, ist nicht wahrscheinlich, obgleich der Verfasser dies aus dem Tone der Erzählung herauszufinden vermeint. Gegen Proselyten wäre T i r s ch a t a, der doch dies, sowie die Priesterpurification mit dem geübten, gesetzeskundigen Esra durchgeführt hat, sicherlich nicht ausgetreten. Und die Samaritaner waren ja mit Recht als Heiden angesehen, wie es unsere Weisen öfter betonten. Gegen das Priesterthum im Allgemeinen hat T i r s ch a t a gewiß nicht Stellung genommen, wie der Verfasser zu behaupten geneigt ist, sondern er wollte diese Würde von den Schlacken der Unsittlichkeit reinigen, und nur diejenigen wurden zurückgestoßen, welche sich nicht als Priester legitimiren konnten oder Mischehen eingegangen sind. Nechemia hat also die Familienehre der Priester und die F a m i l i e n r e i n h e i t des Volkes mit großer Rigorosität hergestellt. Es verdient noch hervorgehoben zu werden, daß Nechemia sich auch bemühte, die sehr vernachlässigte Sabbathruhe nach den Vorschriften der mosaischen Lehre wieder einzuführen. Ob die Psalmen 112, 127, 139 und 140 wirklich auf die Zeitverhältniffe und die Wirksamkeit Nechemia's Bezug haben — wie es der Verfasser behaupten will — bedarf einer gründlichen Erforschung. Wenn der Verfasser die von Nechemia eingeführten Abgaben der „Erstlinge von jeder Fruchtart" als Erschwerung und Abweichung von denen der Thora ansieht, so darf auf die Stelle 4. B. M. Cap. 18, V. 13 hingewiesen werden, die mit Nech. 10, 36 nicht collidirt. Und wenn dem Tirschata vom Verfasser keine sehr große Gesetzeskunde zugesprochen wird, obgleich er ja Mitglied der „großen Synode" war, so darf nicht vergessen werden, daß er Alles im Verein mit dem sehr kundigen Schriftgelehrten Esra unternahm und zur Ausführung brachte. Der Verfasser schließt mit der richtigen Bemerkung, daß die verschiedenen Urtheile über Nechemia sich nicht einander widersprechen, sondern ein jedes derselben das Resultat der Betrachtung einer Seite seines Wesens, eines Theiles seiner Thätigkeit ist; aber einen Einblick in den Gesammtcharakter dieses edlen Mannes liefert die Tradition im Talm. bab. Joma 69 und im Midrasch Schocher Tob zu Ps. 19, V. 1, wo von den „Männern der großen Synode" gesagt wird, daß sie die Würdigung des göttlichen Waltens in der Geschichte richtig erfaßt haben, („daß sie der Gotteskrone den unfehlbaren Werth zuerkannten"), indem sie seine ehrfurchtgebietende (nora) Stellung zur Erhaltung des kleinen Häufleins des jüdischen Stammes trotz der zahlreichen Verfolgungen und gefährlichen Bedrückungen mächtiger Feinde Jahrtausende hindurch beschützt und beschirmt. Und diesen tiefen Einblick in die jüdische Volksseele, welche in der göttlichen Sittenlehre ihre Wurzeln ausbreitet, diese treue und ausdauernde Widerstandskraft des jüdischen Sittengesetzes brachte Nechemia als einflußreiches Mitglied der großen Synode — wie unsere Weisen es nachdrücklichst betonen — in seinem tiefempfundenen Gebete (Cap. 9) zum Ausdrucke, indem er alle drei Epitheta, welche Moses dem Einig - Einzigen beilegte (groß, mächtig und ehrfurchtgebietend — 5. B. M. 10, 17 —), gebrauchte, während Jeremias und Daniel nur je zwei derselben anwendeten, indem sie in den Zeiten großer Unglücksfälle Gottes Allmacht oder seine Furchtbarkert vermißten. Nechemia hat also damit „der göttlichen Krone die alte Herrlichkeit verliehen" und im prophetischen Geiste die unversehrte Zukunft Israels in der Geschichte der Völker vorausgeschaut, und dadurch ist diese Formel in unser tägliches Pflichtgebet eingefügt worden, um den trostreichen Gedanken festzuhalten, daß keine Ungunst der Zeiten unser Vertrauen auf die göttliche Hilfe zu erschüttern im Stanbe ist. Und wenn die geistigen Maulwürfe die weitverzweigten Wurzeln unseres Lebensbaumes zu unterwühlen suchen, wenn die Fluthen wahnbethörter Schriften uns zu überschwemmen drohen, wenn die gefährlichen Gluthen des Haffes unser Bolksthum zu schädigen beginnen, wenn die heißhungerigeu politischen Wölfe unser sociales Leben zu vernichten unternehmen, so brauchen wir nicht zu verzweifeln, sondern die unerschütterliche Ueberzeugung in uns zu tragen, daß der Große und Ehrsurchtgebietende seinen allmächtigen Beistand uns leistet, daß wir im Großen und Ganzen unversehrt bleiben. Die Stürme der Zeiten werden vorüberbrausen und die sonnigen Strahlen der Gerechtigkeit und Llebe werden glänzend und erwärmend ihre heilsame Wirkung ausüben. Mit aufrichtiger Anerkennung der Leistungen des Verfassers verbinden wir zum Schluffe den Wunsch, daß derselbe seine bewährte Fähigkeit auch ferner dazu benützen möge, durch nützliche Arbeiten die jüdische Wiffenschaft zu fördern und durch Veröffentlichung zu verallgemeinern. III. Für die gründlichen Kenner des rabbinischen Schriftthums ja — es muß dies hier besonders betont werden — nur für Talmudkenner hoher Stufe (und nicht für Agada- oder Midraschgelehrte), hat Herr David Fränkel zwei sehr nützliche Schriften hervorragender Gelehrten des Mittelalters herausgegeben. Der Herausgeber ist der Leiter eines Vereines in Husiatyn in Galizien, der — wie sein Titel lautet (Dowew sifsse Jeschenim) — sich die anerkennenswerthe Aufgabe gestellt, die trefflichen Erzeugnisse früherer Jahrhunderte auf dem Gebiete der rabbinischen Wiffenschaft zu veröffentlichen. Das erste Werk bildet einen Supercommentar (Tosafoth) zum babylonischen Tractat Aboda sara von Rabbi Elchanan, Sohn des Rabbi Jsak aus Dompair, nach einer Handschrift des verstorbenen Bibliophilen Schönblum zum erstenmale herausgegeben, wozu der Editor sehr nützliche Anmerkungen hinzugefügt hat. Rabbi Elchanan war einer der bedeutendsten Tosafisten, dessen Glossen sich auf viele Tractate aus-

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