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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-08-08 · 32 (8.8.1902) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
32 (8.8.1902)
Date
1902-08-08
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Sette 532 Vr> Bloches Wochrnschritr» Nr. 32 stickenden Peffimismus warnt. Nicht ganz mit Unrecht sagt er: „Wie der Optimismus — der das Herz verstockt und das Schlechte und Böse beschönigt — mit der Moral nicht in Einklang gebracht werden kann, so hat auch der Pessimismus einen schädigenden Einfluß auf das moralische Leben geübt. Die Ueberzeugung, daß das Nichtsein der Welt ihrem Dasein vorzuziehen sei, muß allen Lebensmuth Niederschlagen und, wie überhaupt alle Lebensthätigkeiten, so auch unser moralisches Streben lähmen: Ist ja doch »Alles eitel"'). Dem Optimismus wird gewöhnlich der Vorwurf gemacht, daß er jeden Fortschritt negirt und auf jede wirkende und wollende Kraft, die sich zu bethätigen beabsichtigt, um etwas zu schaffen, hemmend wirkt. Denn da der Optimismus lehrt, daß Alles, was da ist und was in die Erscheinungswelt tritt, das Beste ist, so ist jedes Streben überflüssig. Nun fragt es sich, ob dem Pessimismus nicht derselbe Vorwurf gemacht werden könne". Denn der Peffimismus lehrt nicht, daß alles Sein unvollkommen, sondern daß es absolut schlecht sei. Was aber absolut schlecht ist, ist einer Besserung nicht fähig. Folglich nützt keine Mühe und keine Plage, keine Sorge und keine Anstrengung. Der Peffimismus ist demnach viel reactionärer, viel kraftlähmender als der Optimismus. Ja noch mehr. Es ließe sich sogar geschichtlich Nachweisen, daß die großartigsten Eulturschöpfungen nur zu Zeiten vom Menschengeschlecht ins Leben gerufen worden sind, wenn der Geist des Menschengeschlechtes vom Geiste des Optimismus getragen wurde. Denn nur die freudige Stimmung wirkt erregend und nur die vom Schimmer der Hoffnung getragene Seele spornt den Menschen zur rastlosen, unermüdlichen Thätigkeit an. Hat die peffimistische Anschauung, daß nämlich im All ein Uebermaß von Leiden vorherrschend sei, etwas für sich, so darf andererseits nicht vergessen werden, daß das Judenthum mehr Gewicht auf den Werth und den Erfolg des Leidens legt, als auf dieses selbst. Ein Gedanke, der einen wirklichen Pessimismus nicht aufkommen läßt* 2 *). Eine ungeheuere Anzahl hervorragender christlicher Gelehrter .schrieb die unüberwindliche Lebenskraft des jüdischen Volkes, welche auf so wunderbare Weise zu allen Zeiten zutage trat und auch heute noch sich gewaltig offenbart, dem optimistischen Geiste zu, von dem es belebt ist. Von den jüdischen Apologeten wollen wir keine Notiz nehmen, wiewohl sie sehr viel Wahres an das Tageslicht fördern. Schopenhauer, der Vater des modernen Pessimismus 4 * 6), meint dadurch den Beweis erbracht zu haben daß die Welt und das Sein ein Uebel sei, daß er das Böse in seiner Erscheinung als etwas Positives, das Gute als etwas Negatives hinstellt. Das Nichtauftreten des Schmerzes, meint Schopenhauer, wird an und für sich als etwas Angenehmes, Gutes betrachtet. Nicht etwa, daß das Gute etwas Eoncretes, Greifbares, Positives, ein Ding wäre, nein. Das Gute existirt nicht, das Böse ist da und nur das Nichthervortreten desselben empfinden die Lebewesen angenehm. Im Gegensätze zu diesem Jdeengang beißt es im Sohar ^): In dem Augenblicke, so der Alte der Alten sein weißes Hauvt offenbart, d. h. so er mit seinem weißen Haupte in die Erscheinungswelt tritt, wirkt der Urwille, er wird in Thätigkeit gesetzt c) und im All sind ausschließlich Liebe und Barmherzigkeit schöpferisch thätig, wodurch nur Gutes geschaffen und Edles bewirkt wird. Wenn jedoch der Alte der Alten sein weißes Haupt nicht enthMt. sich überhaupt ganz passiv verhält, herrscht im All lauter Strenge, das Urlicht gibt keinen Glanz und nur tiefe, tiefe Finsterniß, welche ausschließlich Böses im Gefolge hat, ist im All vorherrschend 7). Logisch betrachtet und consequent dem Jdeengang und der ganzen Ausführung Schopenhauer's folgend, muß man annehmen, daß etwas, zu dessen Hervorbringung irgend eine Handlung nothwendig ist, sei dieselbe durch den Urwillen oder den „Alten der Alten" vollbracht, als positiv, als concret existirend, ja als wahrhaftes Sein betrachtet werden muß, wogegen das, zu dessen angenommener Existenz kein Schöpfungsact stattfinden muß, nur ein fingirtes Sein ist. Allerdings würde ein scharfer Dialektiker anders verfahren. Seine Logik würde zu einem entgegengesetzten Schluffe gelangen. Er würde folgern: Das, was ohne Handlung da ist, das, was ohne jedes Zuthun und ohne jede Zuthat existirt, ist als existirend zu betrachten, ist die einzig wahre ') Moralphilosophie, pag. 85. 2) Lazarus, Die Ethik des Judenthums. Frankfurt a./M., 1899, pag. 260. s) Man vergleiche die ausgezeichnete, jüngst erschienene Schrift Dr. Güdemann's „Das Judenthum in seinen Grundzügen und nach seinen geschichtlichen Grundlagen dargestellt", Wien, 1902, Verlag R. Löwit. 4) Auf ihn ist vielleicht das Wort Lazarus' gemünzt: Neben der Denkweise der talmudischen Autoren erscheint der satte und vergnügte Pessimismus unseres Jahrhunderts als eine matte und blaße Oberflächlichkeit. Ethik, 260. s) Sohar zu Genesis 19, 24. 6) Wen erinnert diese Stelle nicht an Schopenhauer's Hauptwerk „Welt und Wille als Vorstellung", in welchem sein ganzes metaphysisches System auf den Urwillen aufgebaut ist? 7) In den gedruckten Ausgaben des Sohar ist diese Stelle nicht zu finden, sie wird nur vom Kabbalisten Rabbi Moses Eonduero in seinem Hauptwerke „Pardes Eimmonim“ Pforte 4, Absatz 1 citirt, woraus hervorgeht, daß ihm ein anderer Sohartext Vorgelegen hat. Realität, ist absolutes Sein, wogegen dasjenige, das erst dann ist, wenn es geschaffen wird, nur in secundärem Sinne als ein „Etwas" zu gelten hat. Demnach wäre gerade im Sinne der eben citirten Soharstelle das Böse als positiv, das Gute als negativ zu betrachten. Und doch ist dem nicht so, da wir uns den Urwillen nach Auffassung der Kabbalisten als unaufhörlich, fort- und immerwährend wirkend vorzustellen haben, während das nicht in der Natur des Urwillens gelegene Stillestehen ein Zurücktreten des positiv existirend Guten bedeutet, welches als Unlust, somit als Böses empfunden wird. So findet man denn in jedem Zweige der jüdischen Literatur, wo es sich um ethische, ästhetische, metaphysische und religiöse Fragen handelt, den Optimismus als hervorstechendes, charakteristisches Merkmal derselben. Es ist dies keineswegs ein Optimismus, der sich selbst genügsam ist, kein Optimismus, der der Faulheit das Wort redet oder für die Grabesstille und -Ruhe eintritt. Nein! Es ist dies vielmehr ein Optimismus, welcher Schaffensfreudigkeit hervorruft und einen Thatendrang in der menschlichen Brust weckt, welcher dem jüdischen Volke noch die schönste, blühendste und hoffnungsreichste Zukunft bringen wird. Rabbiner Dr. Kaufmann. V i r o v i t i c a (Slavonien). Literarische Umschau. Von Rabbiner Dr. K o b a k. II. Als Beitrag zur Geschichte und Literatur des zweiten jüdischen Staatswesens hat Herr Dr. S. Gelbhaus, Rabbiner, Prediger und Docent am „Letkanückraseft" in Wien, eine beachtenswerthe Monographie unter dem Titel: „Nehemias und seine social-politischen Bestrebungen" veröffentlicht. (Wien, 1902, Verlag von R. Löwit.) Der Verfasser benützte die Bücher Esra und Nechemia, sowie die darüber zerstreuten Notizen im Talmud und Midrasch und kommt nach eingehender Prüfung neuerer Forschungen auf dem Gebiete der jüdischen Geschichte zu dem Ecgebniß, daß Nechemia im Verein mit dem „geübten Schriftgelehrten" Esra die verworrenen und unerquicklichen Zustände in geordnete Verhältnisse zu bringen bestrebt war. Die erste unter dem Perserkönige Cyrus im Jahre 536 vor der üblichen Zeitrechnung erfolgte Einwanderung einer jüdischen Colonie von beiläufig fünfzigtausend Personen konnte in Folge der ihnen feindlich gesinnten Samaritaner in der wiedergewonnenen Heimat sowohl in nationaler, als auch in socialer Beziehung kein ruhiges und geordnetes Dasein fristen. An ein Gedeihen war gar nicht zu denken, da es an einer energischen Führung fehlte und die Reichen das Volk mit der größten Rücksichtslosigkeit bedrückten und viele Ungerechtigkeiten der Steuerpächter den Armen eine unerschwingliche Last auferlegten. Und zu diesem großen Elend gesellte sich noch die geistige Finsterniß, welche einen sittlichen Niedergang ganz schlimmer Natur herbeigeführt hat. Elend, Unwissenheit und die dadurch veranlaßte Zuchtlosigkeit bildeten trostlose Zustände, besonders, daß fast die ganze Colonie sammt vielen Priestern zweifelhafter Abkunft nahe daran war, durch Mischehen mit heidnischen und samaritanischen Frauen in der heidnischen Bevölkerung, die sich dort angesiedelt hatte, aufzugehen. Da versuchte der Priester Esra, der geübte Schriftgelehrte, nach seiner Heimkehr mit einer neuen Colonie die erste Colonie zu reorganisiren und die Wiederherstellung der mosaischen Lehre und Gesetze in Palästina zu bewerkstelligen, was ihm nicht ganz gelungen war. Erst mit der Ankunft seines treuen Genossen Nechemia, der mit weitgehenden Vollmachten von Seiten des persischen Königs Artaxerxes nach Palästina kam, ist es gelungen, die von Esra geplanten Maßregeln durchzuführen. Der Großkönig hat in seinem Liebling, dem Mundschenk Nechemia (auch Tirschata genannt), den würdigsten Vasallen für Palästina gefunden. Denn große und herrliche Eigenschaften zierten sein Wesen. Mit glühender Liebe für sein Vaterland, mit echter Hingebung an seine Stammesgenossen, mit seiner unverfälschten Gesetzestreue, mit seiner Opferwilligkeit und Uneigennützigkeit verband er — ausgerüstet auch mit Titel, Reichthum und in Folge hoher Stellung auch mit stolzem Standesbewußtsein — große Energie und volle Thatkraft und war somit als Organisator und Wohlthäter in den verwüsteten Districten aufgetreten. Nach der Erbauung einer Mauer um Jerusalem, welche trotz aller Hindernisse von Seiten der Samaritaner glücklich — wenn auch mühevoll — gefördert wurde und auch zu Stande gekommen ist, und welche — nach der gut motivirten Ansicht des

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