Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 32 (8.8.1902)
- Date
- 1902-08-08
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 32 Dr. Bloch's Wochenschrift. Sette 531 „$)a könntest Du Recht haben, Kind, und sobald ich mit meiner Arbeit fertig bin, wird sich die Sache hoffentlich aufklären. Diese Hoffnung wird meine Feder beflügeln. Morgen, im jirzeh haschem, fahre ich in der Früh nach Prag, um dort Alles zu meiner Arbeit Nothwendige anzukaufen. Auch brauche ich ein neues Augenglas. Vergoffene Thronen und schlaflose Nächte haben meine Sehkraft geschwächt, so daß mein altes Glas nicht scharf genug ist; was wünschest Du für Dich, Ella? Was soll ich Dir aus Prag mitbringen? Fordere nur!" „Mir? Was fällt Ihnen ein, Onkel, ich brauche nichts, ich habe ja alles Nothwendige. Ich verlange nach gar nichts Anderen als einer frohen Nachricht über unseren Rudolf, den ich vertrieben habe." „Du gutes Kind! Statt Vorwürfe gegen mich lieblosen herzlosen Vater, wendest Du nur solche gegen Dich selbst an. Indessen hoffe ich zu Gott borueü du, welcher meine aufrichtige Reue sieht, daß er noch Alles zum Guten wenden und unser Beider Herzenswunsch erfüllen wird." Ella sagte unter tiefem Erröthen: „Ich habe noch niemals alle Hoffnung aufgegeben, den Verschollenen aufzufinden, jetzt aber ist diese wieder neu in mir aufgelebt. Ich hoffe fest und zuversichtlich, daß diese Bestellung als erster Schritt zu seiner Auffindung führen wird. Wir müssen es nur geschickt anfassen." „Wie verstehst Du das, mein Kind?" „Ich weiß es selbst noch nicht. Doch wir haben ja Zeit genug, darüber nachzudenken." Gleich nach seiner Rückkehr aus Prag begann der Sofer seine mühselige Arbeit. Sie ging ihn nicht so rasch von Statten, wie frühere ähnliche. Denn erstens war seine Hand außer Uebung gerathen und waren seine Finger durch den rauhen Frost, den sie ungewohnter Weise ausgesetzt gewesen, etwas ungelenk geworden. Auch sein Augenlicht ließ so Manches zu wünschen übrig. Endlich war Kohen bemüht, das Sefer Thora mit zierlichen Buchstaben zu schreiben, wie es die übergroße Entlohnung, die dafür ausgesetzt war, erforderte. Sein ganzes Können setzte er an dieses Werk, vermuthlich das letzte dieser Art, welches auszuführen ihm vergönnt sei. Dann auch wurde er fast täglich von Ella in seiner Arbeit unterbrochen. „Es ist ein herrlicher Abend, lieber Onkel", sagte sie schmeichelnd, „den müssen wir im Freien zubringen. Es wäre jammerschade, ihn in der dumpfen Stube zu versitzen." Dann packte sie das frugale Abendbrot und ein Fläschchen mit Milch in ein zierliches Körbchen und ließ nicht nach, bis der Onkel seine Arbeit wegräumte und mit ihr den Waldesschatten aufsuchte. „Du förderst schlecht meine Arbeit", meinte dieser öfter in komischem Zorne, „wenn Du mich immer wegschleppst." „O, es eilt ja nicht damit, Onkel, und Sie müssen sich vor Allem vor Uebermüdung hüten, damit die Arbeit dann nicht wirklich längere Zeit ruhen oder, Gott behüte, gänzlich aufgegeben werden muß." Ella war klug. Sie wußte, daß die Kräfte des alten Mannes geschont und gestützt werden mußten, sollte dies Werk, von dem sie sich so viel versprach, zu Stande kommen. Mit ängstlicher Miene überwachte sie den Fortschritt dieser Arbeit, von deren Vollendung ihr Lebensglück abzuhängen schien und jede Seite, welche die kunstvolle Hand des Oheims zu Ende brachte, schien ihr ein Schritt näher zur Erreichung ihres Lebensglückes zu sein. Indessen war der Rabbiner auch nicht müssig gewesen. Er hatte eifrig Erkundigungen über Janes Fantes eingezogen und alle ergaben das gleiche Resultat, daß wirklich ein reicher aus Böhmen ein gewanderter Jude in der Nähe von Chicago eine Cigarrenfabrik habe, daß sein Vater einst mit ihm, dem damals 13jährigen Knaben von Böhmen ausgewandert sei. Im letzten Herbste habe dieser auf seiner Reise durch Europa auch Prag berührt, habe in der Paschele'schen Buchhandlung diverse Einkäufe gemacht, dabei die Menorah erworben, welche er in seiner Haussynagoge, die er in seiner Fabrik errichtet hatte, aufstellen wollte. So hatte er sich nämlich gegen den Buchhändler geäußert. Für diese Synagoge brauchte er auch eine Sefer Thora und da erinnerte er sich des Sofer, welcher damals aus Noth seinen kunstvoll gearbeiteten Chanukaleuchter verkaufen mußte — und da wollte er eine Mizwah mit der anderen verbinden und übertrug diesem die lohnende Arbeit. Der Zusammenhang lag auf der Hand, und sowohl der Rabbiner als auch Kohen, welcher Ersteren das Resultat seiner Nachforschung und seines eigenen Nachdenkens mitgetheilt hatte, gaben sich damit zufrieden, Kohen wohl mit einem tiefen Seufzer, der ihm die Enttäuschung erpreßte. Nicht so Ella. Ihr idealer Sinn konnte sich mit dieser prosaischen Auslegung nicht zufrieden geben. In ihrem Kopfe spukte ein Gedanke, der sich nicht bannen ließ, ja immer mehr greifbare Gestalt annahm, je mehr Meister Kohen's Arbeit ihrem Ende zureifte. Endlich nach monatelangem Hoffen und Warten hatte Kohen sein mühseliges Werk beendet. Der Rabbiner mit noch einem Sachverständigen stand ganze Tage lang über die Pergamentrolle gebeugt, um etwaige Fehler, die fich eingeschlichen, herauszufinden und die Correctur zu veranlassen. Aber da gab es blutwenig zu thun. Kohen hatte mit allen ihm zu Gebote stehenden Verständniß gearbeitet, kaum daß es nothwendig war, eine unbedeutende Radirung oder einige Federstriche vorzunehmen, so daß der Rabbi schließlich das Citat als Lobspruch anwendete: Dieses Werk wird seinen Meister loben und seinen Ruhm hinübertragen über das Weltmeer. Hier ist die Adresse des Prager Spediteurs, welcher die Verschiffung besorgen wird. Seien Sie nur recht vorsichtig im Verpacken, daß die kostbare Waare unterwegs nicht beschädigt wird." „O dafür ist mir nicht bange", meinte Kohen. „Ich habe eigens eine paffende feste Kiste machen lassen und sie gut ausgepolstert, damit Gottes Stimme über die Wasser gehet, ohne Schaden zu nehmen. Jetzt war für Ella die Zeit gekommen, ihren längst gehegten Plan auszuführen. Unter dem Vorwände, noch einen letzten Blick auf das Werk zu werfen, welches unter ihren Augen entstanden war und auf Nimmerwiedersehen über den Ocean wandern sollt?, wußte sie geschickt ein bereit gehaltenes Schreiben zwischen die kunstvoll geschnitzten Rollen zu verstecken. Mit pochendem Herzen sah Ella der Verpackung zu. vor Angst bebend, daß es noch Jemandem einfallen könnte, das Sefer noch einmal aufzurollen und dadurch ihr Geheimniß verrathen werde. Doch nein, dies geschah nicht mehr. Mit einem freudigen Ah! begrüßte sie den ersten Hammerschlag, mit dem die Vernagelung der Kiste begann. „Fahre wohl, Du liebes Brieflein, fahre wohl und vollende Deine Mission, mir den Geliebten wieder zu bringen, ohne den mir das Leben nichts anderes ist, als eine unerträgliche Last. Lasse ihn Deinen Inhalt erfahren, denn auf andere Weise wüßte ich nicht, wie ihm Nachricht von uns zu senden!" (Fortsetzung folgt.) Gi«e interessante Soharstrlle für die optimistische Wrttanschannng. Eine geschichtliche Darstellung über die optimistische Weltanschauung des Judenthums ist seinerzeit von Dr. Goitein, derzeit Rabbiner in Kopenhagen, veröffentlicht worden. In verschiedenen religionsphilosophischen Werken jüdischer Denker des Mittelalters wird bei Behandlung ethischer Fragen die optimistische Weltanschauung als die richtige hingestellt'). Es wäre hier überflüssig, auch ist hier der Ort nicht, die ganze philosophische Literatur zu behandeln, welche zu der Frage des Optimismus und Pessimismus Stellung nimmt. Hier sei nur hcrvorgehoben, daß eine feste Säule der optimistischen Weltanschauung Leibnitz ist, der von der Welt des Seins, beziehungsweise der Erscheinung als der einzig wahrhaft besten spricht*). Daß Kant's Idealismus einer pessimistischen Weltansicht nicht huldigen konnte, braucht hier nicht erwähnt zu werden *). Die Herbartianer, deren hervorragendste Vertreter der vor etwa zwei Jahren verstorbene Professor Robert Zimmermann war '). sind ebenfalls die entschiedenen Vertreter einer optimistischen Weltanschauung. Vertreter der pessimistischen Weltanschauung sind ebenfalls unter den hervorragendsten Denkern der verschiedenen Zeitalter zu finden. Unter den neuern und neuesten Philosophen sind Schopenhauer und Ed. v. Hartmann zu nennen, abgesehen davon, daß die Naturalisten und Realisten fast durchwegs Vertreter des Pessimismus sind 5). Schopenhauer geht so weit, den Optimismus als eine „ruchlose" Denkungsart hinzustellen, welche ein bitterer Hohn über die namenlosen Leiden der Menschheit sei"). Doch müssen wir Gizycki, den wir zu den Pessimisten zählen, insoferne Gerechtigkeit widerfahren lassen, als er vor einem übertriebenen, jede Lebenslust er- ') Besonders Aldo in seinem „Jkkarim". ') Theodicee I, 7. 3) Betrachtungen über den Optimismus. Königsberg, 1759. 4) Vergl. seine ausgezeichnete „Anthroposophie." . 5) Vergl. Georg v. Gizycki, Moralphilosophie, pag. 84 fg. Leipzig, ] «S88. ö) Schopenhauer, an verschiedenen Stellen seines „Parerga und „Paralipomena".