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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-08-08 · 32 (8.8.1902) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
32 (8.8.1902)
Date
1902-08-08
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 32 Dr. Bloch's Wochenschrift. Sette 52S christliche Geistlichkeit in Amerika, trotzdem ihr christlicher Eifer dem der Geistlichen in der alten Welt nicht nachsteht, ihn vielleicht häufig übertrifft, sehr vernünftige Anschauungen über die Juden. Wir haben erst vor Kurzem in den „Mittheilungen" und schon früher in gelegentlichen Notizen darauf hingewiesen. Wir möchten heute aus der Predigt eines Geistlichen, die der Reverend A.W. Martin in Tacoma, im Staate Washington, gehalten hat, über Moses einige charakteristische Bemerkungen wiedergeben. Nachdem er die überragende Gestalt Moses geschildert, betont, daß Christenthum und Islam auf ihn zurückführen, und daran erinnert hat, daß die Psalmen, die jeden Sonntag in allen Kirchen in der ganzen Welt gesungen otur recitirt werden, der Persönlichkeit und der Lehre Moses ihre Inspirationen verdanken, fährt er fort: „Das Werk Moses ist die starke und innige Familienliebe, welche die Individualität der Hebräer trotz vielhundertjähriger Verfolgung und Unterdrückung erhalten hat. Sein Verdienst ist der feurige Patriotismus, welcher die Herzen der Maccabäer entflammte und den Angriffen der griechischen Heere und römischen Legionen Widerstand leistete. Um die Persönlichkeit und das Werk des Moses zu verstehen und zu würdigen, müssen wir uns erinnern, daß Jesus und seine Jünger, Paul und die Apostel, Jaeobus, der erste christliche Bischof, alles directe Nachkommen des Moses sind. Wir haben uns ferner zu vergegenwärtigen, daß wir das Hauptverdienst um unsere moderne Civilisation dem Unternehmungsgeist und dem Denken der Juden im Mittelalter zu verdanken haben. Juden waren es, welche die erste Universität auf dem Continent gründeten. Sie haben den Handel in einem Zeitalter organisirt und erhalten, da Handel gleichbedeutend war mit Cultur, Bildung und weitem Horizont. Die Juden waren es, die Jahrhunderte hindurch in Zeiten, da der Aberglaube blühte, der Glaube blind war, da Unwissenheit als ein Geleitbrief für das Paradies betrachtet wurde, Bildung pflegten, die medicinische Wissenschaft vorwärts brachten und die Künste und Wissenschaften förderten. Der christlichen Religion wird es zu ewiger Schmach gereichen, daß die Verfolgung, die Bigotterie, die Engherzigkeit, unter welchen die Juden während so vieler Jahrhunderte gelitten haben, noch heute existiren sollen, noch heute bestehen sollen gegenüber einem Volk, das, wie ich keinen Anstand nehme, zu behaupten, sich am meisten achtet, daß größte Selbstvertrauen hat, am besten sich selbst durchschlägt und das gesetzlichste von unserer ganzen gemischten Bevölkerung ist. Und ich will noch einen Schritt weiter gehen und sagen, daß ganz und gar inhuman das Vorurtheil und die Bigotterie sind, die selbst kleine Kinder, Kinder reicher und hochgebildeter jüdischer Eltern, aus der Schule heimzukehren zwingt, weinend über die Unbilden, die ihnen zugefügt worden sind von den Kindern christlicher Eltern, christlicher Eltern, die ihre tiefste religiöse Inspiration Moses und seinen Nachfolgern verdanken. Nicht vergessen sollte man, daß, was Christen auch am jüdischen Handel, dem jüdischen Geldverdienen auszusetzen haben, auf die Feindschaft, das Vorurtheil, den Haß der Christen zurückzuführen ist." New-Iork. Der New-Iorker Congreßdeputirte Goldvogle hat, begleitet von dem muthigen Kämpfer für das Recht der Juden, Simon Wolf, den amerikanischen Präsidenten Roosevelt in der letzten Woche besucht, um ihn um seinen Beistand zu bitten bei den Bemühungen, Rußland zu veranlassen, daß es den amerikanischen Juden freien Zutritt gewähre, vorausgesetzt, daß sie mit einem eigenen Paß versehen sind. Es ist lange bekannt, daß trotz der guten Absichten der Staatsbehörden — Absichten, deren Ernst Niemand bezweifelt — nichts im Stande ist, diese Agitation zu fördern, als die directe Intervention des Präsidenten selbst. Der Präsident versprach, die Angelegenheit mit dem Staatssecretär Hay zu erörtern. Die Haltung der amerikanischen Regierung war bisher eine ziemlich schwankende. Daß Rußland sich niemals zu irgendwelchen Conceffionen bereit finden lassen wird, wenn es nicht durch ständige Intervention hierzu gezwungen wird, ist sonnenklar. Andernfalls wären aber Repressivmaßregeln am Platze, in der Art. wie der frühere Secretary Gage sie in dem Rechtsstreit mit Rußland wegen der Zuckerprämien anwendete. Es gibt viele Wege, etwas zu erreichen, wenn man ernstlich dazu die Absicht hat, und die geniale Begabung des Mannes, dessen Pflicht es ist, dies zu thun, kann sicher einen Weg finden, wenn er ihn suchen will. Ein amerikanisches Blatt sagt mit Recht: Es bedarf nicht der Antwort, daß die Juden aller anderen Länder unter denselben Maßregeln leiden. Wir können es wagen, für die wahre amerikanische Lehre einzutreten, daß die Regierung der Vereinigten Staaten auf dem Recht besteht, daß ihre Bürger kommen und bleiben können in jedem Lande, mit welchem wir Frieden haben, solange als sie sich friedlich und anständig betragen." Wien. (Der Kampf um den Synagogen bau in der I o s e f st a d t.) In dem Kampfe, den der Wiener Gemeinderath gegen den Bau eines israelitischen Tempels in der Josefstadt führt, ist endlich die Entscheidung gefallen. Wie nicht anders zu erwarten war, ist der G e m e i n d e r a t h unterlegen. Das Ministerium des Innern hat den Recurs der Gemeinde gegen die den Bau bewilligende Entscheidung der Baudeputation zurückgewiesen und nur einige Bedingungen in sicherheitspolizeilichen Beziehungen gestellt, und zwar wurde der Fassungsraum der Synagoge sür eine Besucherzahl von 480 Personen festgesetzt, welche nicht überschritten werden darf; die in die seitlichen Hofräume führenden Thore, sowie die drei Hauptthore sind während der Benützung des Tempels stets offen zu halten; die Ausgangsthüren aus dem Tempel sind mit einer Fettstoffbeleuchtung zu versehen. Die angeblich vom Standpunkte der Verkehrs- und öffentlichen Rücksichten erhobenen Einwendungen wurden als nicht begründet zurückgewiesen. Der Stadtrath hat diese Entscheidung zu Kenntniß genommen und von der Ergreifung der Beschwerde an den Verwaltungsgerichtshof abgesehen. Wien. Aus Anlaß der Vermählung seines Sohnes hat Herr Dr. Schaff aus Lemberg eine ganze Reihe humanitärer Institute mit ansehnlichen Spenden bedacht, außerdem auch andere Liebesgaben zur Vertheilung gebracht. Es erhielten der Kaiser Franz Josefs-Fonds zur Unterstützung armer jüdischer Studirender 600 Kronen, der Verein zur Unterstützung jüdischer Mittelschüler 200 Kronen, das jüdische Siechenhous 600 Kronen, der Verein zur rituellen Bespeisung der Kranken 200 Kronen, der Verein zur Unterstützung von Wöchnerinnen 100 Kronen, der Rigorosanten-Vereia 100 Kronen, die Volksküche 100 Kronen, der Vorstand der Gemeinde zur Vertheilung an verschämte Arme 760 Kronen, der Verein jüdischer Frauen „Przytulek" 200 Kronen. Außerdem fand auf Kosten des Herrn Schaff eine Festbespeisung im Lemberger Siechen- und Waisenhause statt, während in der dortigen Volksküche 500 Gratisportionen verabreicht wurden. Wien. Der jüdisch-humanitäre Verein ,Ungar. Herz" veranstaltet am Sonntag den 10. August d. I. in Löbl's Restaurant. VI., Schmalzhofgaffe 10, ein Gartenfest mit Vorträgen, bei welchen hervorragende Kunstkräfte Mitwirken. Der Reingewinn fließt wohlthätigen Zwecken zu. Innsbruck. Am 17. August 1902 findet im israelitischen Tempel zu Linz die Vermählung des Fräulein Elsa Abeles, der Tochter des Herrn Sigmund Abeles, mit dem k. u. k. Regimentsarzte der Militär-Oberrealschule Mährisch-Weißkirchen Herrn Dr. Alexander Skutezky statt. Das Blutmärchen. Der „Pester Lloyd" vom 1. August meldet aus NagyvLrad : Zwei Arbeiter schickten gestern aus der Schänkstube des Salomon Egri die achtjährige Helene Kiss mit Branntwein nach Hause. Das Kind verschwand unterwegs. Gewiffenlose Hetzcr verbreiteten nun das Gerücht, das Kind sei von einem aus Klausenburg zugereisten Juden ermordet worden, da man das Blut des Kindes sür die im Bau befindliche Klausenburger Synagoge brauche. Das Geschäft Egri's wurde von einer erregten Menge förmlich belagert; zur Verhinderung von Exceffen mußte Gendarmerie aufgeboten werden. Heute wiederholten sich die Exceffe. Nun brachte aber eine Bäuerin die Kunde, daß das Kind in einem benachbarten Orte unversehrt und weinend aufgesunden wurde. Egri hat gegen die Urheber der Exceffe die Strafanzeige erstattet. Prag. (Der Prager Judenfriedhof.) In der unlängst stattgefundenen Sitzung des Prager Stadtrathes wurde eine Zuschrift der Statthaltern mitgetheilt, wonach das Ministerium des Innern die Expropriation eines Theiles des alten Prager Judenfriedhofes bestätigt hat. Berlin. Dr. Josef Horovitz, Sohn des Herrn Rabbiners Dr. Horovitz '2 in Frankfurt a. M., ist zur Habilitirung als Privatdocent für orientalische Sprachen an der hiesigen Universität zugelaffen.

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