Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 32 (8.8.1902)
- Date
- 1902-08-08
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 32 Sette 526 rechtigt, auf zwei Mängel hinzuweisen, die, trotzdem sie gewiß bereits Bielen ausgefallen sind, doch bisher gerade den leitenden Kreisen entgangen zu sein scheinen. Sie wären sonst gewiß schon längst abgestellt worden. Wie Biele hatten schon schmerzliche Veranlassung, einem theuern Todten, unmittelbar ehe derselbe in den Ceremoniensaal getragen wurde, nochmals ins bleiche geliebte Antlitz zu sehen, von ihm den letzten Abschied zu nehmen oder die Ceremonie der Keriah an sich vollziehen zu lasten, wie Viele haben sich nicht in ihren Gefühlen aufs Tiefste verletzt gefühlt, wenn sie noch einen Blick haben für den Ort, an dem dies Alles vor sich geht. Es geschieht in einem engen kahlen Vorraum der Leichenkammern, zwischen Thor und Windfang, an einem Ort. dessen wichtige trauervolle Bestimmung durch nicht das geringste Emblem, nicht einmal durch Anstrich der Farbe der Wände gekennzeichnet ist. Es wäre dringend nothwendig, im Anschluffe an die Leichenhalle einen intimen, würdigen, künstlich beleuchteten Raum, in welchem unmittelbar vor dem Leichenbegängnisse die Hinterbliebenen, nächsten Verwandten sich um die Leiche versammeln, zu schaffen. Ebenso unpastend, fast barbarisch scheint es mir, die nächsten Angehörigen im Ceremoniensaal auf der Estrade zwischen den Functionären und der Rückwand aufzustellen. Es ist gerade, als ob man eine Schaustellung des tiefsten Schmerzes, der Verzweiflung veranstalten wollte. Dabei nöthigt man auch schwächliche in solchen Momenten besonders kraftlose Personen zum Stehen, setzt sie Ohnmachtsanfällen, vielleicht noch Aergerem aus. Dagegen kommt es zuweilen vor, daß der Rabbiner hinter den auf den Metallsarg sich thürmenden Kränzen unsichtbar wird. Man sollte hier, das Budapester Beispiel nachahmend, zu beiden Seiten der Estrade zwei Bänke, eine für die weiblichen, die andere für die männlichen nächsten Verwandten aufstellen. Dabei könnte man ihnen Täfelchen, auf denen das Hazur Tomin und Menucho abgedruckt ist, vorlegen, damit dieselben diese Gebete inbrünstig mitbeten können. Für den Prediger müßte ein erhöhtes Podium oder eine Kanzel hinter der Estrade errichtet werden. Diese, wie mir scheint, nicht unwichtigen Anregungen dürsten jetzt, wo gerade verschiedene Renovirungsarbeiten auf dem Frieshofe im Zuge sind, vielleicht nicht ungelegen kommen. Für die Veröffentlichung dieser Zeilen verbindlichst dankend, zeichnet Ihr Hochachtungsvoll ergebener G. B e t t e l h e i m. Sophie v. Gutmann. An die Familie der verstorbenen Frau Sophie v. G u tma nn gelangen noch immer zahlreiche Kundgebungen des Beileids und der Theilnahme, zumeist von Persönlichkeiten, die nicht in Wien weilen und erst später Kunde von dem Trauerfalle erhielten. Erzherzogin Maria Therese sendete ein in den theiluahmsvollsten Ausdrücken abgefaßtes Telegramm. Herzogin Alexandrine von Coburg, die Witwe des 1893 verstorbenen Herzogs Ernst, die bereits im 82. Lebensjahre steht, richtete an die eine Tochter. Baronin Irma Mayer-Ketschendorf, die ihren Wohnsitz in Coburg hat, jetzt aber bei ihrem Vater in Baden weilt, ein Telegramm, worin sie ihrer wärmsten Antheilnahme an dem tiefschmerzlichen Verluste Ausdruck gibt. Fürstin Pauline Metternich-Sandor richtete sowohl an Herrn David Ritter von Gutmann wie an Baronin Mayer Beileidsschreiben, worin sie versicherte, daß sie die edle Frau nie vergeffen und ihr über das Grab hinaus eine treue und dauernde Erinnerung bewahren werde. Ferner kamen noch Condolenzschreiben vom Vicrpräsidenten des Herrenhauses Fürsten Karl Auersperg, vom Präsidenten des Verwaltungs-Gerichtshofes Grafen Friedrich Schönborn, Justizminister Freiherr v. Spens-Booden, Fmanzminister Doctor v. Böhm-Bawerk, Unterrichtsminister v. Härtel, Fürsten Adolph Joseph Schwarzenberg, Markgrafen Alexander Pallavicini, Viceadmiral v. Barry, Senatspräsidenten Decsey, Bischof Fracknoi, Gräsin Irma Taaffe, geheimen Rath Baro» Chumecky, Grafen Bubna, Grafen Adolph Dubsky, Grafen Boos-Woldeck, Baron Königswarter, Baron Philipp Haas, Baron Wodianer, Herrenhausmitgliedern Baron Czedik und Ludwig Lobmeyr, Anton Dreher, Hofburgfchauspieler Adolph Ritter v. Sounenthal, Alexander Grrardi, Alfred Grünfeld, Hofopernsänger Fritz Schrötter und vielen Anderen. Aus der Trauerrede des Herrn Oberrabbiner Doctor Güdemann: So wie man einst von den Hohepriestern sagen durfte: o-nan v"nn Jp tojh, daß er gestanden zwischen den Lebenden und zwischen den Todten, so war die Selige, seitdem sie den einzigen herrlichen Sohn verloren, mit ihren Gedanken getheilt, bald voll Wehmuth hingewandt zu dem ihr durch das Schicksal Entrissenen, bald voll hingebender Sorge und treuesten Pflichtgefühls für den Gatten, für die Töchter, für die Welt. Nun hat nach hartem Ringen die Sehnsucht nach dem Todten die Liebe zu den Lebendigen überwunden. Wenn aber irgendwo, so durfte man bei dieser Frau es sagen: Kränze werden dankend abgelehnt. Denn ihr ganzes Leben war ein herrlicher Kranz, gebildet aus den schönsten und herrlichsten Blumen der Menschenliebe und Freundlichkeit, der Barmherzigkeit und Wohlthätigkeit. Diese Blumen aber sogen ihre Kraft aus der innigen Religiösität, aus dem treuen Anhänge an der Religion, die bei ihr, ihrem Hause, ihren Töchtern und ihrer edlen Schwiegertochter eine Heimstätte im schönsten Sinne des Wortes gefunden. Nun tragen wir ihre sterblichen Ueberreste dorthin, wo wir einst vor ungefähr zwei Jahren den Sohn ihr gebettet; mso sb omaa: ditto D^jam Donwn: Die geliebt und beliebt im Leben, sie sind auch im Tode nicht getrennt. Ihr selber aber wird der Engel des Allmächtigen zurufen, was dieser einst nach dem diesmaligen Wochenabschnitte Pinchas gesagt: Tina ns b jms on Siehe, ich -ntbiete Dir meinen Bund: den Frieden! Amen. Ferner meldet man uns aus: Jaworzno (Galizien). Montag den 28. Juli fand in der hiesigen Bikur-Cholim-Synagoge ein Trauergottesdienst für das Seelenheil der dahingeschiedenen Frau Sophie v. Gutmann, Gattin des Herrn David v. Gutmann aus Wien, Mitbesitzer der Herrschaft Jaworzno und Gewerke der hiesigen Steinkohlengewerkschaft, statt. Nach Recitirung des Joschew besesser- Psalmes durch den aus Krakau eigens berufenen Cantor Herrn Schorr mit Knabenchorbegleitung bestieg Herr Kreisrabbiner I. M. Halberstamm aus Chrzanow die Kanzel und widmete der Dahingeschiedenen in einer halbstündigen Rede einen warmen Nachruf, welcher sämmtlichen Anwesenden Thränen entlockte. Nach der Rede des Rabbiners intonirte Cantor Schorr unter Chorbegleitung das El molu rachmim- und Ow harachmim- Gebet. Sowohl die wirkungsvolle Rede des Rabbiners, wie auch der meisterhafte Gesang des Cantors sammt Chor übten auf alle Anwesenden einen tiefen Eindruck. In dem entsprechend drapirten Gotteshause hatten sich u. A. eingefunden: der Synagogenvorstand, Cultusvorsteher Schönberg aus Chrzanow, Bergwerksdirector Kaiser mit last sämmtlichen Beamten der Gewerkschaft, die Beamten der Sodafabrik in Szczackawa, Bürgermeister Schattanek, Schuldirector Rzeszowski, Werksarzt Dr. Damski und ein zahlreiches Publicum. Gleichzeitig fand in der hiesigen Chesed w Ernes-Synagoge eine Trauerandacht für Frau v. Gutmann statt, bei welcher Herr Ortsrabbiner Ch. W. Rosenblum einen in claffischem Hebräisch gehaltenen Hesped hielt. Basel. Die Baseler „Nationalzeitung^ veröffentlichte als Mittheilung aus dem Publicum folgenden Aufruf an Bafels jüdifche Einwohnerschaft: Wie Sie bereits der Tagespresse entnommen haben dürften, passiren wöchentlich einige hundert jüdische Auswanderer den hiesigen Bahnhof. Diese Leute, die sich meistens in Wien zu Gruppen zusammenschließen, sind genöthigt, sich einen bis zwei Tage in Basel aufzuhalten. Vom Elend getrieben, ihre Heimstätten zu verlassen, um einer ebenso traurigen wie aussichtslosen Zukunft entgegenzugehen, veräußern diese Bedauernswerthen ihre letzte Habe, um damit den Fahrschein nach ihrem Bestimmungsort zu lösen. Von gewissenlosen Zwischenagenten, die nur auf eigenen Gewinn bedacht sind, dazu verleitet, begeben sich dieselben, aller Mittel entblößt, meistens ohne jede materielle Hilfe, auf diese so lange, trostlose Reise. Durch ernannte Hilfscomites in Wien, Paris und Havre erhalten die Unglücklichen einige Verpflegung. Basel, wo der Aufenthalt am längstens dauert, war bis jetzt der einzige Ort, wo keinerlei Hilfe stattfand. — Das soll und muß nun anders werden. Nachdem der Vorstand der israelitischen Cultusgemeinde, resp. dessen Armenfonds, in seiner Sitzung vom 14. Juli beschlossen hat, zur Verpflegung eine Summe bereit zu stellen, ist es nothwendig, daß ein Hilfscomite zusammentrete. Das Unterzeichnete provisorische Hilfscomitö erlaubt sich daher, an alle jüdischen Einwohner Basels heranzutreten und sie aufznfordern, einer am nächsten Dienstag den 22. Juli Abends halb 9 Uhr, im Local der zionistischen Vereinigung, Restaurant zum „Helm" erster Stock (Fischmarkt) stattfindenden öffentlichen Versammlung zur Besprechung der Aufbringung von Geldmitteln, der Organisation eines definitiven Hilfscomitös, dessen Functionen u.s. w. beiwohnen zu wollen. Das provisorische Hilfscomit6 gibt sich der Hoffnung hin, daß an dieser Besprechung alle erwachsenen jüdischen Einwohner, ohne Unterschied der Parteistellung und der politischen Ueberzeugung theilnehmen werden, um ein günstiges Resultat für dieses eminent humane Werk zu erzielen. Besonders aber fordern wir die werthen Damen