Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 32 (8.8.1902)
- Date
- 1902-08-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 524 dx. Blmtz's Wmkrenfchrtfl. Nr. 32 finden und gewissenhaft zu entscheiden. Die größte Gefahr droht der unbefangenen Rechtsprechung vom Antisemitismus, der im Vorhinein das Urtheil trübt und die Geschwornen, auf deren Sinn die Jahre hindurch betriebene schmutzige Agitation verwirrend eingewirkt hat, auch bei dem redlichsten Willen, gerecht zu sein, der Klarheit des Urtheils beraubt. Diese schmutzige Agitation muß wenigstens von der Rechtspflege ferngehalten werden, und deshalb verdient die corporative Begrüßung eines Parteiführers anläßlich der corporativen Abschiedsseier der Jury den schärfsten Tadel. * * * Von der civilisirenden Wirkung des Antisemitismus kann sich übrigens gerade jetzt Herr Dr. Lueger selbst in K a r l s b a d gründlich überzeugen. Nicht blos jene reizenden Ansichtskarten, mit welchen in dem internationalen Curort ein schwungvoller Handel getrieben wird, sind ihm ein Beweis dafür, sondern auch die lieblichen Scenen, die, wie uns berichtet wird, sich daselbst tagtäglich ereignen. In vielen Karlsbader Geschäften kann es einem jüdischen Curgast, wenn er die geforderten, ungebührlich hohen Preise nicht bezahlen will, ohneweiters passiren, beschimpft zu werden, und vor einigen Tagen wurde ein Jude auf der Straße ohne den allergeringsten Anlaß von einem Passanten geohrseigt. Bon einem Augenzeugen befragt, warum er denn ohne jeden Grund einen Menschen schlage, erwiderte der von seiner „Parteizugehörigkeit" erfüllte Strolch: „Wenn's Dir nicht recht ist, Jud, kriegst auch Eine!" Der Mißhandelte, ein Herr S. aus Preßburg, meint in einem Briefe, den er an die „Oesterreichische Wochenschrift" gerichtet hat: „Ich könnte noch viel über den Antisemitismus in Karlsbad sagen, aber ich halte es mit unseren Weisen: „In den Brunnen, aus dem Du einst getrunken, sollst Du keinen Stein hineinwerfen", und ich habe seit Jahren in Karlsbad Linderung für meine Leiden gefunden. Seitdem Bürgermeister Kn oll gestorben ist, hat sich Vieles hier verschlimmert." Wir aber meinen, das sei ein öffentlicher Scandal, und der Gemeinderath, sowie die Curverwaltung von Karlsbad hätten alle Ursache, sich deffen zu schämen, daß in einem Weltcurorte, zu welchem die Kranken aus allen Ländern der Erde pilgern, darunter viele Tausende von Juden, die dort Heilung suchen, die Judenhetze betrieben werden darf, die dazu führt, daß kranke Menschen mißhandelt werden. * * * Der „Parteizugehörigkeit" ist es wahrscheinlich auch zu danken, wenn das „Deutsche Volksblatt" arische Päderasten mit Schonung und Discretion behandelt. Unter dem Titel „§ 129" berichtet es über eine geheime Verhandlung, die gegen den jüdischen Geschäftsmann Simon Fuchse! und gegen Franz Schurtz wegen eines Verbrechens gegen die Sittlichkeit durchgeführt wurde. Fuchsel wurde zu einem Jahre schweren Kerkers verurtheilt. Und Schurtz? Ja, das erzählt das ehrenwerthe Blatt nicht, denn der Franz Schurtz ist ja kein Jude. In Budapest werden von Ariern Verbrechen an Kindern begangen; da ist der Juden liberalismus daran .schuld; so versichern das „Deutsche Volksblatt", die „Reichspost" und die „Ostdeutsche Rundschau" des auf der Höhe sittlicher Weltanschauung stehenden K. H. W o l s. „Wie viele brave und lebenssrische Mädchen", ruft die „Reichspost" aus, „werden durch Juden verführt und unglücklich gemacht." Wollen die würdigen Herren von der „Reichspost" damit darthun, wie unrecht es von den Juden sei, gerade die lebensfrischen Landmädchen für sich zu nehmen und den „ausgeklaubten" Rest den Anderen zu überlassen? Oder glaubt die „Reichspost" wirklich daran, daß nur die Juden Vorliebe für lebensfrische Landmädchen haben, während die bescheideneren Arier sich mit den älteren Jahrgängen begnügen müssen? Oder will das clericale Blättchen nur die Lasterhaftigkeit der Juden gegenüber der notorischen Unverdorbenheit der arischen Weinreisenden darthun? Das wird wohl das Richtige sein, und daher finden wir es auch begreiflich, wenn die „Reichspost" sehr anschaulich schildert, wie in öen Hotels der Sommercurorte auch die Tugend der Zimmermädchen gerade seitens der Juden den gefährlichsten Anfechtungen preisgegeben ist. Bei den Ariern gibt's das bekanntlich nicht und die „Sittlichkeit auf dem Lande" blüht nur in judenreinen Breitegraden. . . . Während wir uns an dieser Blüthenlese aus der antisemitischen Zeitungsmache belustigen, stoßen wir auch auf eine Notiz des „Verganiblattes" und da weicht die heitere Stimmung dem Gefühl des Ekels. „Ein jüdischer Selbstmörder" ist die Notiz betitelt. Es ist wahr, ein unglücklicher Mensch ist freiwillig aus dem Leben geschieden. Aus den anderen Blättern erfahren wir, daß ihn ein qualvolles Leiden in den Tod getrieben hat. Im „Deutschen Volksblatt" war der Grund nicht angegeben. Aber, daß der Selbstmörder ein Jude ist, das interessirt dieses verächtliche Blatt und der Gedankengang, von welchem der Macher dieser Notiz bei der Wahl des Titels geleitet war, ist klar. Auch der Selbstmord, auch die Verzweiflung ist nun ein Requisit für die Judenhetze. Der richtige antisemitische Journalist beschnüffelt auch die Gräber der Selbstmörder, um die Judenleichen herauszufinden. Isegrim. Alland und Roznau. Eine Metamorphose, wie man sie eben gewahr werden kann, vollzieht sich zur großen Ueberraschung Derjenigen, die mit ihrer Gefühlsduselei nicht aufzuräumen vermögen. Die Heilanstalt für Brustkranke in Alland, zu deren Gründung die Juden zum erheblichsten Theil beigetragen haben, wird, einem in der eben beendeten Landtagssession gefaßten Beschlüsse zufolge, in die Verwaltung des Kronlandes Niederösterreich übergehen. Der niederösterreichische Landesausschuß ist derzeit in seiner Mehrheit christlich-social, was, wie männiglich bekannt, gleichbedeutend ist mit judenhetzerisch. Das Tuberkulosenheim in Alland verfolgte bisher zumindest seinen Statuten gemäß eine interconfessionelle Tendenz. Bei der Ausnahme von Brustleidenden in die Anstalt ist man freilich nicht allzu philosemitisch vorgegangen, denn unter den Hunderten von Pfleglingen konnte man nur einige Aufputzjuden herausfinden, gerade so viel und nicht mehr, um sagen zu können, man sei dem Princip gerecht geworden. Wie wird sich nun die Sache gestalten, wenn in Hinkunft das Brustkrankenheim in die Machtsphäre der antisemitischen Partei übergehen wird, wenn die Kampfhähne der rüdesten Judenhetze das entscheidende Wort zu sprechen haben werden. Da kann doch mit apodiktischer Gewißheit angenommen werden, daß unseren Glaubensgenoffen der Zutritt in die Räume von Alland gänzlich verschlossen und verwehrt bleiben wird, denn es widerspricht den Grundsätzen der antisemitischen Partei, einen Juden gleichwerth zu behandeln. Die Judenfeinde sind rücksichtslos genug, in dem Kranken und Leidenden nicht den Menschen zu betrachten, sondern den Juden, der einer Race angehört, welcher sie Urfehde geschworen, welcher sich zu einer Religion bekennt, die sie verfolgen und anfeinden zu müssen für eine heilige Pflicht erachten. Für die Gebote der Menschlichkeit und Nächstenliebe haben die Christlich-Socialen nur taube Ohren, sie finden und suchen Befriedigung und Genugthuung nur in der Bethätigung gemeiner Triebe und in der Niedertracht ihrer Gesinnung. Wir haben schon wiederholt darauf hingewiesen, daß wir trotz der Anfeindungen und Gehässigkeiten, die wir erdulden und ertragen müssen, dennoch dafür sind, daß unsere Glaubensgenossen alle Institutionen von rein humanitärem Charakter moralisch und materiell nach Kräften zu fördern nicht unterlassen mögen. Wir betrachten uns als das von der Vorsehung auserwählte Volk und müssen der Quintessenz unserer heiligen Religion gerecht werden: Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst und thue Deinen Feinden Gutes. Dies schließt jedoch nicht aus, daß wir uns auch unserer eigenen Humanitären Anstalten erinnern. Die derzeitige Strömung in welcher es unsere Feinde und Widersacher sich zur Aufgabe gemacht haben, uns vom Genüsse aller philanthropischen Einrichtungen auszuschließen, erfordert gebieterisch, daß wir unsere consessionellen Institutionen zumindest mit gleicher Opserwilligkeit unterstützen. Die Heilanstalt Alland ist zum belangreichsten Theil mit jüdischem Gelde erst vor Kurzem, nahezu im Handumdrehen, ins Leben gerufen worden. In Wien besteht länger als ein halbes Jahrhundert schon der Verein zur Verpflegung jüdischer Bru st kranker auf dem Lande, dessen Obmann gegenwärtig der seines philanthropischen Wirkens wegen bekannte Dr. Adolf H o f f m a n n ist, der alljährlich nahezu zweihundert tuberkulösen Glaubensgenossen die Möglichkeit bietet, ihre zerrüttete Gesundheit wiederherzustellen. Dieser Verein kann jedoch seinen Zielen und Zwecken nicht vollständig gerecht werden, weil er nicht in der Lage ist, eine Anstalt zu errichten, in welcher die Patienten einer den Anforderungen der modernen Hygiene entsprechenden Behandlung und Pflege zugeführt werden könnten. Wohl besitzt dieser Verein schon einen ansehnlichen Baufond, es fehlen jedoch zu demselben noch circa 25.000 Gulden. Wir richten daher an alle unsere Glaubensgenossen den ebenso warmen als eindringlichen Appell, unverweilt nach Kräften ein Schärflein