Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 31 (1.8.1902)
- Date
- 1902-08-01
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 516 Wochenschrift. Sir. 31 meinen Sohn Rüben oder wie wir ihn nannten, Rudolf, während meine Schwester Hindel vier Knaben und ein Mädchen hatte. Nach der Geburt dieses letzten Kindes war sie hinübergegangen. Wir haben dem unglücklichen Schwager und auch seinen Kindern alle Hilfe geleistet, ich und mein Weib Gitel. Die Knaben meines Schwagers haben gut gelernt und sind gleich nach der Barmizwah in die Fremde gekommen. Der älteste kam in ein Productengeschäft nach Tabor, einer ist Gerber geworden und arbeitet jetzt in einer großen Fabrik im Reich draußen, einer ist als Wirthschaftsbeamter in einem Meierhofe bei Budweis. Der jüngste und die kleine Ella waren zu Hause und haben mit meinem etwas älteren Rudolf wie Geschwister beisammen gelebt. Da ist ein Typhus hier ausgebrochen und eines der ersten Opfer war mein Weib. Vier Wochen nach ihr ist auch der Bub von meiner Schwester gestorben und mein Schwager, der ihn treu bei Tag und Nacht gepflegt hat, ist auch erkrankt. Ohne mich vor Ansteckung zu fürchten, habe ich ihn bedient, was ich nur konnte. Einmal in der Nacht, als ich bei ihm wachte und eifrig Thillin sagte, um nicht einzuschlafen, ruft mich der Kranke an sein Bett und sagte zu mir: „Jizchakleben, ich spür an mir, ich muß auch sterben, ich komme bald zu meiner getreuen Hindel. Was läßt Du ihr und Deinem Weib sagen?" Ein Schauder ergriff mich. „Red' keinen Shuß", antwortete ich ihm, „es geht Dir doch bester, der Doctor sagt, daß Du in zwei Wochen herumgehst." „Der Doctor versteht viel von dieser Krankheit, sagte er mit bitterem Lächeln, sonst hätte er Dein gutes Weib und meinen schönen Buben auscurirt. Jetzt ist's aus mit mir. Ich dank Dir tausendmal für alles Gute, was Du mir und meinen Kindern gethan hast; jetzt versprich mir auch, daß Du die Jungen, was draußen in der Welt sind, treu berathen wirst, und daß Du meine kleine Ella, das arme Jassiml nicht verlassen wirst." „Das schwör ich Dir aus jeden Fall, werde nur bald gesund!" „Schwör mir noch etwas! Ich kann nicht ruhig sterben vor Sorgen, in was für Hände einmal die Ella, das feine Kind, kommen wird. Versprich mir, daß Du sie Deinem Sohne Rüben zum Weibe geben wirst, wenn er groß wird und sie mag." Trotz des Ernstes der Situation konnte ich mich eines Lächelns nicht erwehren. „Was willst Du schon heute davon reden", sprach ich ausweichend, „Rüben ist zehn, Ella gar erst sechs Jahre alt." „Ich muß schon heute davon reden, weil ich es später nicht werde können und es liegt mir sehr am Herzen." Ich versprach auch dieses. Ich hätte in dieser ernsten Stunde noch vieles Andere versprochen, wenn der arme Vater es verlangt hätte. Mein Versprechen aber genügte dem Kranken nicht; er wollte einen Schwur haben. In die Enge getrieben, leistete ich auch diesen. Drei Tage später trug man meinen Schwager hinaus auf das Bes Alam und bettete ihn neben dem Grabe seiner Hindel zur letzten, vielleicht auch ersten Ruhe. Wie ick diese herben Verluste alle überkam, ich weiß es selber nicht. Die Pflicht allein gab mir die Kraft zum Leben. Ich mußte ja jetzt nicht nur für meinen Sohn sorgen, sondern auch für die kleine Waise, welche ich zu mir nahm und wie ein eigenes Kind hielt. Die beiden Kinder wuchsen so nebeneinander auf, wie Geschwister, ohne daß sie eine Ahnung davon hatten, was über ihre Zukunft beschlossen war. Auch ich vergaß allmälig daran. Den mir erpreßten Schwur hatte ich überhaupt niemals ernst genommen. So übersah ich es, daß sich zwischen Rudolf und Ella mit der Zeit ein L'.ebesverhältniß entwickelt hatte. Ich hatte ihre gegenseitige Zuneigung für eine rein geschwisterliche gehalten. Mein Sohn harte von mir die schöne Handschrift geerbt, welche er durch llnterrichtnahme in Kalligraphie vervollkommnete. Dies ermöglichte ihm, in das Comptoir eines großen Handlungshauscs in Wien einzutreten. Ich war stolz aus besten Stellung und baute die kühnsten Pläne zu seiner einstigen Größe. Ich sah ihn im Geiste als großen Handlungsherrn, der Alles durch seinen Geschäftsgeist und den erworbenen Reichthum in Staunen setzte. Einmal bekam er auf einige Wochen Urlaub, um sich zu erholen. Diesen Urlaub wollte er in der Heimat verbringen. Während dieser Zeit erhielt ich ein Schreiben aus Wien, worin mir sein Chef mittheilte, daß seine einzige Tochter an meinem Sohne Wohlgefallen gefunden, mit andern Worten, sich in ihn verliebt habe. Er wolle ihrem Glücke in keiner Weise im Wege stehen, und da er in meinem Rudolf einen geschäftstüchtigen, charaktervollen jungen Mann habe kennen gelernt, so stehe seiner Bewerbung um seine Tochter nichts im Wege. Dieser ungeahnte Glücksfall machte mich ganz schwindlig. Ich faßte mich am Kopfe und fragte mich, ob ich auch wache oder nicht etwa träume, ob die ungemestenen Hoffnungen, die ich auf die Zukunft meines Jungen setzte, mir nicht gar den Kopf verdreht haben. Aber nein, da stand es schwarz auf weiß. An meinen Schwur dachte ich keinen Augenblick, vielmehr freute ich mich, daß ich durch diesen außerordentlichen Glücksfall in der Lage sein werde, für die Kinder meiner Schwester etwas mehr zu thun als bisher. Die Jungen sollten alle in gute Stellungen kommen, und für die Ella wird mir die beste Partie in der Khille gerade gut genug sein. Abends kam Rudolf von einem Ausfluge, den er mit mehreren Freunden unternommen hatte, heim. Ich ließ ihm kaum Zeit, die bestaubten Kleider zu wechseln und etwas zu essen, als ich schon meine Freudenbotschaft vorbrachte. Nie in meinem Leben vergesse ich den entsetzten Blick, den mir Rudolf nach dieser Mittheilung zuwarf. Das ist ja unmöglich, was fällt ihr denn ein, ich habe ja niemals ein Wort von Liebe zu ihr gesprochen." Darauf trat das Unerwartete ein. Eher hätte ich geglaubt, daß der Himmel plötzlich einstürzen werde, als daß ein mittelloser junger Mensch ein solches Glück von sich stoßen könnte. Doch Rudolf sagte: „Ich habe das Mädchen einigemale gesprochen, bei Gelegenheit der in ihrem Elternhause veranstalteten Tanzunterhaltung. wozu ich immer von ihrem Vater geladen war. Theils aus Pflicht gegen meinen Chef, theils aus Mitleid mit der von der Natur stiefmütterlich beoachten und von den Gästen vernachlässigten kleinen jungen Dame habe ich sie mehrmals zum Tanze aufgefordert, ich nahm an, daß ick zu diesem Zwecke nur geladen war, denn als gute Tänzer, als Futter für's Pulver sind wir Angestellte im Hause der Chefs gut genug. Ich war bestrebt, die junge, nicht ganz geistlose Dame so gut es ging, zu unterhalten. Wenn sie aus meiner Artigkeit derartige Folgerungen zog, so ist es ihre Sache, nicht die meine. Für mich ist nur das Eine unangenehm dabei, daß ich nicht mehr in diesem Posten bleiben kann und mich sogleich um einen anderen Umsehen muß." Es widerstrebt mir, Euer Ehrwürden, mit der Beschreibung der unangenehmen Auftritte, die nun folgten, zu behelligen. Genug, mein Sohn blieb bei seiner Weigerung, sich um die Tochter seines Chefs zu bewerben, und als ich immer dringender die Ursache dieser Weigerung zu erfahren begehrte, entdeckte er mir, daß sein Herz nicht mehr frei sei, daß er seine Cousine Ella seit Kindheit an liebe und keine Andere jemals heiraten werde. Auch m e i n Trotz war erwacht, und ich drohte ihn in einer unseligen Stunde mit meinem Fluche, wenn er es sich jemals einfallen ließ, mit dem dummen Mädl ein Wort zu sprechen, und erklärte ihm, daß ich nimmer drein einwilligen werde, daß er seine Pflegeschwester heirate. Tags darauf war Rudolf abgereist. Auch Ella erklärte mir, daß sie lange genug mein Gnadenbrot gegessen habe und in die Fremde gehen wolle, sich irgendwo einen Dienst zu suchen, um mir nicht länger lästig zu fallen. Dies paßte mir nicht recht, denn ich war an die Pflege und sorgsame Hausführung Ella's so gewöhnt worden, daß es mir unmöglich schien, sie zu vermissen. Wer hätte mir bei der größten Religiosität so sparsam und so ordentlich gewirthschaftet, wenn sie fortgegangen wäre? Die Erinnerung an den ihrem Vater geleisteten Eid fing auch an, mich zu beunruhigen. Ich hegte die feste Hoffnung, daß Rudolf bald kommen würde, der im Groll weggegangen war, und daß ich alsdann durch eine Verbindung der Beiden Alles gut machen und mein erwachtes Gewissen beruhigen werde. In diesem Sinne sprach ich auch mit Ella und bewog sie zum Bleiben. Tage, Wochen, ja Monate vergingen im vergeblichen Warten, und kein Brief, kein Lebenszeichen von meinem Sohne kam an. Alle an ihn gesandten Briefe kamen als unbestellbar zurück. Ich konnte die stille und doch so tiefe Trauer Ella's nicht länger mitansehen und reiste nach Wien, mich nach meinem Starrkopfe umzusrhen. Indessen mußte er schon längst die Stadt verlassen haben. Bei der Polizei war er bereits vor längerer Znt abgemeldet und von keiner anderen mehr eingetragen worden. Keiner unserer Bekannten hatte ihn weiter gesehen, und auf geschickte Weise hat er jede Spur hinter sich zu verwischen gewußt. Was ich seither gelitten, spottet jeder Beschreibung. In der Arbeit glaubte ich Beruhigung zu finden, ich schrieb mit Eifer an dem Sefer, welches ich kurz zuvor zu schreiben begonnen hatte; so suchte ich meine aufsteigenden Ge-