Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 31 (1.8.1902)
- Date
- 1902-08-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021439-3021471--11966-3036533- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 514 Dr. Bloch's Wochsnschrrfk. Nr. 31 Witwen und Waisen in angemessener Weise Sorge getragen. In vereinzelten Fällen werden auch kleinere Geldbeträge ohne Zinsen und auf Theilzahlung verliehen. In der vor einigen Tagen stattgefundenen Vorstandswahl sind folgende Herren gewählt worden : S. Frey, I. Springer, I. W. Kohn, A. Singer, A. Silberberg, R. Pevtschin, H. L. Katz, S. Katz, I. Strahl und L. Natowitz. Wir hoffen, daß der Verein unter der neuen Leitung auch neues Leben entfalten und zum Wohle und zur Freude seiner Mitglieder mehr Macht und Mittel gewinnen wird, was wir ihm auch wünschen. Rom. Der König von Italien weilte in Petersburg als Gast des Zaren; zu dem Gefolge des Königs zählt auch ein Jude, und zwar der Zeitungsschreiber und Abgeordnete E d u a r d A r b i b, der sonst nicht zu den Personen der Umgebung des Königs zählt und dieser Ehre in einer Weise theilhaftig geworden ist, die ebenso bezeichnend für die edle Gesinnung des Königs von Italien, wie beschämend für Rußland ist. Als Berichterstatter mehrerer Zeitungen für die Petersburger Reise König Victor Emanuel's III. bestellt, erhielt Eduard Arbib auf seine Anzeige vom Königlichen Hausminister s o f o r t die Antwort, daß seine Person »willkommen" sei! Da erhob jedoch die russische Botschaft in Rom Einsprache und verweigerte die Visirung des Passes. Der Jude erschien dem Zarenreich offenbar sehr gefährlich, obwohl er als einer der gemäßigtsten Politiker, viel gemäßigter als selbst der italienische Ministerpräsident Zanardelli gilt. Aber dem russischen Botschafter mochte wohl die jüdische Religion Arbib's als das »Gefährliche" erscheinen. Minister Prinetti verwandte sich in Person beim russischen Botschafter, und als dieser Schritt nicht augenblicklichen Erfolg hatte, erschien General Prizio-Vaglia, der Hausminister, um mitzutheilen, daß Herr Arbib im politischen Gefolge des Königs die russische Grenze überschreiten werde. Eine Stunde später erhielt der Jude Arbib seinen visirten Paß mit einem höflichem Schreiben der russischen Botschaft zugestellt. Paris. Das Budget der Synagogenverwaltung der jüdischen Gemeinde von Paris weist eine Einnahme von 266.500 Frcs. für Synagogenzwecke und 60.000 Frcs. für eine Zpercentige Verzinsung der Consistorialanleihe auf. Der Verkauf der Synagogenplätze brachte 119.000, und die Gebühren für die im Laufe des Jahres geschloffenen 315 Ehen 94.000 Frcs. Die Zahl der geschloffenen Ehen ist die höchste seit 1895, dennoch blieben die gezahlten Gebühren 6000 Frcs. hinter der Norm zurück. Als Grund dafür wird angegeben, daß die vermehrten Eheschließungen eine Folge der steigenden Einwanderung russischer Juden sind, die zwar sehr heiratslustig, aber mit Glücksgütern wenig versehen sind und daher nur eine Hochzeit dritter Claffe mit nur 15 Frcs. Gebühren sich leisten können. Unter den Ausgaben figuriren 138.000 Frcs. für Unterhaltung der Prediger, der Chöre und der Synagogendiener in den drei osficiellen Synagogen, 22.506 Frcs. betrugen die Kosten des Secretariats und 15.000 Frcs. wurden für Beheizung rc. ausgegeben. Für das Jahr 1903 wurden die Einnahmen mit 253.770 und die Ausgaben mit 252.959 Frcs. eingestellt. Zur Ermordung des Dr. Ordenstein. Aus Paris wird der Münchener »Allg. Zeitung" geschrieben: Der ermordete Dr. Ordenstein wurde unter großer Theilnahme der deutschen Colonie und unter officieller Betheiligung der englischen Botschaft und des deutschen Hilfsvereins begraben. Dr. Ordenstein war einer der ältesten und einer der angesehensten der hier lebenden Deutschen. Um die Colonie hat er sich besonders als Arzt des Hilfsvereins fast 25 Jahre in der selbstlosesten Weise verdient gemacht, wie er überhaupt ungewöhnlich menschenfreundlich und wohlthätig war. Verschiedene deutsche Regierungen hatten ihn dafür mit Auszeichnungen bedacht. Im Uebrigen lebte er vorwiegend wissenschaftlichen Studien und war unter den französischen Aerzten wie auch bei seinen hier lebenden deutschen College« hoch geschätzt. Sein Mörder ist ein gemeiner Raubmörder von der Sorte, wie sie die Umgebung von Paris seit einiger Zeit mehr denn je aufzuweisen hat. Der Mann, ein dienstentlaffener, kleiner Beamter, mit der hier immer mehr zum Fluch werdenden, durch die weniger nach Würdigkeit als aus politischer Gunst vergebenen massenhaften Freistellen der höheren Schulen einerseits und durch das Recrutirungsgesetz anderseits gerichtete Halbildung ausgestattet, einer Halbbildung, die ihn ein dem landesüblichen Mangel jedes religiösen Haltes dem Verbrechen in die Arme treiben muß, sobald er durch irgend einen Zufall aus den normalen Bahnen heraus geworfen wird, war an dem Morgen des Tages, an dem er den Doctor Ordenstein aus der Eisenbahn zwischen hier und Versailles ermordete, einfach auf Raub ausgezogen, mit allen dazu nöthigen Waffen und Handwerkszeug reichlich versehen. Daran, daß es sich um einen Raubmord und um nichts weiter handelt, war vom ersten Moment ab nicht der geringste Zweifel erlaubt. Die Polizei und die Behörden haben auch einem solchen Zweifel niemals Ausdruck gegeben. Das zu thun, und zwar aus den allerverwerflich st en Gründen zu thun, ist wieder einmal der hiesigen Hetzpresse, an deren Spitze, wie immer, wenn es sich darum handelt, eine internationale Infamie zu begehen, der »T e m p S" gestanden ist, Vorbehalten geblieben. Diesmal haben dann natürlich die A n t i s e m i t e n tapfer mitgemacht. Dr. Ordenstein war in einem Wagenabtheil I. Claffe, wie erwähnt, auf der Fahrt von Paris nach Versailles von einem mit ihm allein im Coupö befindlichen Mitreisenden plötzlich überfallen und nach kurzem Ringen mittelst eines scharfen Küchenmessers in den Unterleib gestochen worden. Der Stich war, wie Ordenstein noch auszusagen im Stande gewesen ist, mit großer Wucht und nach der Brust geführt, ging aber fehl. Im Ringen mit seinem Angreifer, oder vielleicht auch im ersten Moment nach erhaltener Verwundung, hatte Dr. Ordenstein noch Zeit, die Nothleine zu ziehen. Daß die Leine tatsächlich durch Ordenstein und nicht durch dessen Mörder, wie man für diesen jetzt glauben machen möchte, gezogen wurde, ist erwiesen und war vom ersten Moment an erwiesen durch die Aussage des Dr. Ordenstein selbst und ferner durch das Zeugniß eines Mitreisenden des Nebencoupös. Die französischen Eisenbahnwagen erster Claffe haben in den Abtheilungswänden Fenster angebracht. Trotzdem hatte der oben näher gekennzeichnete Theil der französischen Presse unter Leitung des »Temps" die cynische Unverfrorenheit, um den Landsmann-Mörder, der ja »nur" e i n e n D e u t s ch e n erstochen hat, herauszulügen, beziehungsweise ihm mildernde Umstände zuzuschanzen, ein Märchen zu erfinden, das an Infamie nichts zu wünschen übrig läßt, und das zugleich den Mörder zu entschuldigen und sein Opfer zu diffamiren bestimmt ist. Es wurde zu diesem Zweck insinuirt und die F a b e l wird noch heute aufrecht erhalten, der Mörder habe nur gekränkte eigene, oder gekränkte Familienehre an dem — nebenbei nochmals ausdrücklich bemerkt über jeden solchen Verdacht thurmhoch erhabenen — Opfer gerächt. Es dürfte Pflicht der deutschen Berichterstattung aus Paris sein, diesen Machenschaften eines Theiles der Pariser Presse, an deren Spitze Blätter stehen, die sich im Auslande leider noch immer eines unverdienten Rufes der Anständigkeit erfreuen. Bon den Behörden wie von der Polizei soll nochmals gesagt sein, daß sie sich auf das Correcteste benommen haben. Markus Antokolsky und der Zar. Zu der Notiz über den Tod des berühmten russischen Bildhauers Antokolsky in der Nummer 29 unseres Blattes möchten wir noch nachtragen, daß, nachdem dem Künstler bei Lebzeiten alle Ehren und Medaillen zutheil geworden sind, die ein Künstler nur gewinnen kann, ihm noch nach seinem Tode eine Künstlern äußerst seltene Ehre erwiesen werden soll. Die Leiche Antokolsky's sollte nach Paris gebracht werden, um dort beerdigt zu werden. Aber der Zar hat die Hinterbliebenen gebeten, die Leiche nach St. Petersburg zu transportiren, wo sie auf Staatskosten feierlich beigesetzt werden soll. Für einen Juden, denn wie wir bereits erwähnt haben, war Antokolsky Jude, der sich aus den allcrkleinsten Verhältnissen zu den höchsten künstlerischen Höhen emporgearbeitet hat, gewiß eine ganz außerordentliche Ehre. Aber mehr im Sinne des Schöpfers des »Spinoza", der »letzten Augenblicke des Sokrates", des »Christus vor dem Volk", des »Ewigen Juden" würde der Zar handeln, wenn er statt ihm, dem Todten, diese große Ehre zu erweisen, seinen Glaubens- und Leidens genossen mehr Luft und Licht zum Leben ließe, statt die Leiche des Juden zurück nach Rußland zu berufen, lebenden Juden es nicht unmöglich machte, das heilige Rußland zu betreten. Ueber die Beerdigung des berühmten Künstlers wird der »Jüdischen Presse" aus St. Petersburg berichtet: »Schon auf den größeren Stationen, welche der die Leiche hierher befördernde . Eisenbahnzug passirte, hatten sich viele Tausende eingefunden. In Wilna, dem Geburtsorte des Verblichenen, waren die städtischen Behörden in corpore erschienen, und der