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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-08-01 · 31 (1.8.1902) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
31 (1.8.1902)
Date
1902-08-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 31 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 511 geben von Künstlern, Gelehrten und Personen von Bedeutung, da durften ihr wohl auch manche andere vom Glücke Begünstigte an die Seite gestellt werden; welche Bedeutung jedoch die Verewigte für das Judenthum hatte, und das ist das Hauptsächlichste, was wir uns hier zu fragen haben, hiezu gehört die intime Kenntniß ihres Familien- und Seelenlebens, die sich von der öffentlich bekannten Wirksamkeit nicht ablesen läßt. Hier, in ihrem stillen Refugium, wo sie seit mehr als drei Jahrzehnte ihren Landsitz hatte, mußte man ihre Lebensweise beobachten, um den richtigen Einblick in ihr vornehmes, hochsinniges, tiefreligiöses Wesen zu gewinnen. Ihre Liebe zur bescheidenen zurückgezogenen Lebensweise, ihr ganzes Aufgehen im stillen Familienleben, durchtränkt und erfüllt von Gottesfurcht und altehrwürdigem jüdischen Geist — Eigenschaften, die besondere Merkmale in der Lebensanschauung ihres hervorragenden Gatten bilden, der in unserer Zeit die leuchtende Sonne am Firmament des jüdischen Lebens in unserem Heimatlande ist — diese geben ihrem edlen Charakter ihre besondere Prägung, die in der Erhaltung und Pflege des jüdischen Geistes im großen Hause David vonGutmann für das gegenwärtige und künftige Judenthum von unberechenbarer, großartiger Bedeutung bleibt. Um die Verewigte vollauf würdigen zu können, muß man nur Gelegenheit gehabt haben, das Milieu kennen zu lernen, welches sie sich in ihrem Hause geschaffen hat. Das ist ja jene Sphäre, deren Bildung sich die Frau des Hauses schafft. Wie sie sich diese ausgestaltet hatte, dies zeigte sich in der Art und Weise, wie die Trauerwoche nach ihrem Tode im Hause Gutmann gehalten wurde. Ein alter, traditionell jüdischer Geist wehte da in den fürstlichen Räumlichkeiten, man glaubte sich in das Heiligthum eines Patriarchen versetzt. Wir treten des Morgens zur Zeit des Frühgebetes aus dem Vorraum in den Salon; da sitzt in der Nähe der halbgeöffneten Thüre — um dem vorgetragenen Gebete besser lauschen zu können — die jugendliche Witwe, Frau Mathilde von Gutmann, geborene Baronin v. Günzburg, mit dem Gebetbuche in der Hand, in Andacht vertieft, neben ihr von beiden Seiten, gleichfalls mit ihren Betbüchern versehen, ihre beiden ältesten Töchterchen, im Kindesalter stehend und schon früh beim Gebete. Wir treten in den großen Betraum, wo nebst den Verwandten des Hauses eine Zahl armer Glaubensgenossen sich zusammenfindet, neben der kleinen Bundeslade die hochragende, ehrwürdige Gestalt des Herrn David Ritter v. Gutmann, mit dem Betmantel bekleidet, die Gebete persönlich vortragend, mit der Präcision und Geläufigkeit eines jüdischen Gelehrten. Beim Lesen aus der Thora wird gefragt, ob nicht ein Kohen zum Vorrufen vor dieselbe sich in der kleinen Versammlung befinde; da erhebt sich die elegante Gestalt des Schwiegersohnes der Verewigten, Herr Graf Carrobio, italienischer Botschaftssecretär in London, und meldet sich als solcher, um den vorgeschriebenen Segen vor der Thora zu sprechen. Das Gebet ist abgeschlossen, da beeilen sich die Enkelknaben, Wilhelm und Hans v. G u t m a n n, dem Großvater den Betmantel und die Gebetriemen abzunehmen und wetteifern im Zusammenlegen derselben, wie es die jungen Bachurim als Ehrenbezeugung vor ihrem Rabbi zu machen pflegen. Wir verlassen den Betraum, da haben sich schon inzwischen auch die Töchter im Nebenraume eingefunden, Frau Baronin Mayer-Kestendorf, Madame C o n st a n t und Frau Gräfin Carrobio, in stiller Andacht versunken. Mit heiligen Empfindungen verlassen wir das aristokratische Haus, voll jüdischen Geistes, die Verewigte segnend, die es verstanden hat, ihre Familie auf solch pietätvoller jüdischer Grundlage zu erhalten, eine starke Feste für die zukünftige Generation und eine sichere Zuversicht für die kommenden Geschlechter, denen sie voraussichtlich einst eine Stütze des Judenthums bilden wird. Wir sagen uns, die gebrochenen Herzenstafeln der verewigten Frau Sophie v. Gutmann ruhen wohl in der heiligen Lade, die in die Familiengruft versenkt wurde, jedoch die Buchstaben des jüdischen Gesetzes, die im Leben in diesen Herzenstafeln eingegraben waren, die leuchten fort, unvergänglich, sie schweben im ewigen Weltenraume, voranleuchtend der edlen Familie, voranleuchtend dem Judenthume, und wenn einst, selbst in den spätesten Zeiten, die glänzenden Frauengestalten als Beispiel angeführt werden, so wird unter den besten derselben der Name der Frau Sophie v. G u t m a n n genannt sein — ihr Andenken wird gesegnet bleiben! Baden, im Juli 1902. Rabbiner W. Reich. * * * Aus dem Nachrufe Sr. Ehrwürden Dr. A. Schmied!. Gerade aus dem dieswochigen Schriftabschnitte ersehen wir es wieder, wie sehr unsere heilige Thora die hochsinnigen, für alles Gute und Edle begeisterten Frauen hochgeehrt und deren Andenken verewigt hatte. Als nämlich Moses, so wird da mitgetheilt, am Ende seiner Laufbahn noch einmal eine Zählung seines Volkes vornahm, da ergab sich, daß von all den Männern, die mit ihm ausgezogen waren, auch nicht ein Mann mehr existirte (4. B. M. 26, 64), sondern nur den F r a u e n jener Zeit war der Einzug in das von Gott verheißene, gepriesene Land gegönnt. Und zwar zum Lohne dasür — so besagt einer der Schrifterklärer — daß das Stiftzelt, welches der Fleiß der Männer errichtet hatte, erst durch den Edelsinn und Opfermuth der Frauen geschmückt und dadurch zum wahren Heiligthume verherrlicht worden war. Und so hatte ja auch die edle, hochfinnige Frau, deren Bahre wir hier trauernd umstehen, das hochangefehene, weithin berühmte Haus — welches der energisch schaffende Geist des verehrten Gatten gegründet und in der Ehrung der Mitwelt so hoch gehoben — durch ihre hohen Frauentugenden geschmückt, ja durch ihre unerschöpfliche Mildthätigkeit, ihren reichgebildeten Geist und nicht minder durch ihre tiefe, warme Gottinnigkeit das Haus zum häuslichen Heiligthume verherrlicht, und deshalb sie von ihrem Gatten und ihren Kindern so innig geliebt und so hochgehalten wurde. Welch' seltene Erscheinung ist es in unseren Tagen, daß geistreiche, hochgebildete und zugleich vom Glücke hochgetragene Frauen die pietätvollen Eindrücke, die sie vom frommen Elternhaufe in sich ausgenommen, auch in's eheliche Haus hinüberverpflanzen, wie dies hier, bei dieser hochgeehrten Frau in so rührender Weise der Fall war. Doch ihre hohen Frauentugenden blieben nicht auf das Familienhaus allein beschränkt, sondern auch bei allen den Schöpfungen werkthätiger Menschenliebe, die der hochherzige Sinn des verehrten Gatten im Vereine mit dem unvergeßlichen edlen Bruder gegründet, wirkte die hochfinnige Frau fördernd und thatkräftig mit. So namentlich bei dem mit wahrhaft großartiger Munificenz ausgestatteten Mädchen-Waisenhause. Mit welch' rastloser Hingebung und Aufopferung stand sie dieser edlen Schöpfung zur Seite! Mit einer wahrhaft mütterlichen Fürsorge trug sie jedes einzelne dieser Pfleglinge an ihrem Herzen, so daß diese armen, verwaisten Kinder in der so frühzeitig von Gott abberufenen edlen Frau ihre mütterliche Schützerin und Wohlthäterin beweinen. Von der biblischen Namensschwester der Verewigten, von unserer Stammmutter Sarah erzählt das heilige Bibelbuch, daß die drei Sendboten, in das gastliche Zelt des Patriarchen eingekehrt, an diesen die Frage richteten: Wo ist denn Sarah. Deine Frau? und erhielten hierauf die Antwort: bmsn ran! — d. h.: Schaut Euch um in meinem Zelte, all das Gute und Edle, das diese trauliche Heimstätte schmückt und verherrlicht, erkennet hierin den edlen Geist und Sinn der hier waltenden treuen Gefährtin meines Lebens. — Und welch' ewiger Lohn wurde unserer edlen Stammmutter, nach einer midraschifchen Mittheilung, .von Gott gewährt! Bei einer seiner Wanderungen kam der Patriach zu einer von wunderbarem Lichtglanz erfüllten Höhle. Neugierig trat er ein, und siehe! in der Mitte derselben standen zwei Särge, zu Häupten jedes derselben ein hellstrahlendes, niemals verlöschendes Licht. Es waren die zwei Särge von Adam und seiner Gattin Eva. Und als einige Zeit nachher der Tod unserer frommen Stammmutter das Auge zudrückte, da kaufte Abraham — der die edle, treue Gefährtin, nach dem Ausdrucke der Bibel, nicht nur betrauerte, sondern auch noch weit über die Trauerzeit hinaus zu beweinen nicht aufhörte — die lichtstrahlende Höhle zum Erbbegräbnisse an, wo neben den beiden Särgen auch die Bahre der frommen, edelmüthigen Patriarchin beigesetzt wurde. Und siehe da! Auch das Erbbegräbniß oder die Familiengruft, in welche wir nun diesen trauerbedeckten Sarg betten werden — sie birgt bereits zwei Särge in ihren Tiefen. In einem derselben ruht ein liebliches Enkelkind, der andere umschließt die sterblichen Reste des einzigen, unvergeßlichen, so frühzeitig

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