Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 31 (1.8.1902)
- Date
- 1902-08-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette 510 Dr. Bloch's Wochsnschrifk. Nr. 31 Protestanten national verschieden? Die Staatsbürger mosaischer Confessio» gehören also gerade so gut zur deutschen Nation, wie die übrigen Bekenntnisse, eben weil sie Bürger des Reiches sind, für dessen Einrichtung auch jüdisch es Blutgeflossen ist/ (S.25 ff.) Wir muffen uns an dieser Stelle versagen, auf die weitere Beweisführung und die Resultate des auf jeder Seite interessanten Schriftchens einzugehen. Wir schließen mit den Worten Kirchhoff's: „In dem Wollen brüderlichen Zusammenhaltens wurzelt jede echte Nation, in der Sicherung der Durchführbarkeit dieses Willens schafft sie sich ihre Zukunft/ II. Die Frage „was ist national/ findet eine klare Beantwortung in der Apostelgeschichte Capitel 22. Als der Apostel Paulus nach Jerusalem gekommen und mit vier Griechen in den Tempel gegangen war, wurde er, da seine Anwesenheit im Tempel bald bekannt wurde, von der Menge mit Gewalt aus demselben geführt und wäre von der Menge gelyncht worden, wenn der römische Hauptmann mit seinen Kriegsknechten ihn nicht gegen das Volk geschützt hätte. Als der Hauptmann gehört hatte, daß Paulus beschuldigt wurde, gegen das jüdische Volk, das jüdische Gesetz und den jüdischen Staat agitirt zu haben, erbat sich Paulus zu seiner Vertheidigung das Wort und sprach, er wäre ein Jude, aus Tarsus in Cicilien geboren, habe zu den Füßen des Rabbi Gamaliel gesessen und berichtete über seine Bekehrung zum Christenthum. — Die Juden ließen ihn seine Rede nicht beendigen, sondern forderten seinen Tod. Der Hauptmann ließ Paulus in das Lager führen uud sagte, daß man ihn stäupen sollte, um so die Wahrheit der Beschuldigungen zu erfahren. Dagegen protestirte Paulus; denn man könne einen römischen Bürger nicht ohne Urtheil und Recht geißeln lassen. Nun machte der Hauptmann dem Oberhauptmann Mittheilung von dem Vorfälle und erbat sich von diesem Verhaltungsmaßregeln. Der Oberhauptmann begab sich selbst zu Paulus und fragte ihn, ob er römisch wäre. Als Paulus dies bejahte, sagte der Oberhauptmann, er wäre auch Römer, er hätte das römische Bürgerrecht mit großer Summe zu Wege gebracht. Da sprach Paulus: „Ich aber bin als Römer geboren*. Die Nationalität hängt demnach hauptsächlich von dem Geburtsorte ab. Sanitätsrath Dr. R. Correspondenzen. Sophie von Gutwann. Geboren am 10. December 1838 in VLg-Ujhely. Gestorben am 21. Juli 1902 in Baden bei Wien. Von der heiligen Bundeslade erzählen unsere Weisen, daß in derselben, sowohl die ganzen, als auch die gebrochenen Tafeln auibewahrt wurden; denn auch die letzteren bildeten eine heilige Erinnerung an die Verzweiflung, die den großen Gesetzgeber ergriff, als er die Hoffnung seines Lebens verloren glaubte, als ihn die Enttäuschung seines großen Lebenszweckes mit aller Bitterkeit erfaßt hatte. Bon diesen gebrochenen Tafeln Wird aber auch erzählt, daß es wohl nur Trümmer waren, die in der heiligen Lade ruhten, daß aber die auf denselben von Gott eingegrabenen Buchstaben nicht in Trümmer gegangen waren, sondern im großen Weltenraume schwebend sich erhalten haben, fortleuchtend dem Judenthume mit ihrem geistigen Gehalte. Auch in der heiligen Lade, in welche die letzten irdischen Reste der nun verewigten Frau Sophie von Gutmann gelegt wurden, um in die stille Gruft für unberechenbare Zeiten gelegt zu werden, waren es gebrochene Tafeln, solche des gebrochenen Herzens, die neben den ganzen, unversehrten edler, frommer, gottergebener Thätigkeit sich befunden haben. Denn an gebrochenem Herzen, ob des Verlustes ihres einzigen großen Sohnes, des vor fast zwei Jahren aus den Reihen der Lebenden geschiedenen Dr. Ludwig Ritter von Gutmann, aus Verzweiflung ob dieses schweren Schicksalsschlages, hatte sie ihren Lebensodem vorzeitig ausgehaucht. Alles, was im Leben einen Menschen sonst zu trösten vermag, hatte sie umgeben, die unvergleichliche Liebe und Sorgfalt eines treuen Gatten, die kindliche Zärtlichkeit von ergebenen Töchtern und Schwiegersöhnen, die Betreuung einer engelgleichen Schwiegertochter, die zahlreiche Schaar von hoffnungsvollen Enkelkindern, die hervorragende Stellung, die alle ihre Angehörigen auszeichnete, der große Besitz, der ihr die Erfüllung aller ihrer Wünsche leicht machte, die hohen Ehren, die allseitige Anerkennung und Verehrung, die ihr bis in die höchsten Gesellschaftsschichten hinauf zutheil wurden, nichts von alldem, was sonst jedes Menschenherz erfreut, konnte ihr Beruhigung bieten, ihre Herzenstafeln blieben gebrochen, zerschmettert, sie sah sich um die schönste, glänzendste Hoffnung ihres Lebens betrogen, und bei all ihrer scheinbaren Ergebung in den Willen Gottes konnte sie ihre Verzweiflung nicht mehr meistern, sie hat ihr Schicksal als abgeschlossen betrachtet und konnte nur mehr Ruhe finden in der Bahre, die ihrem gebrochenen Mutterherzen zur heiligen Lade wurde, in der ihre Trümmer zur letzten Ruhe gebracht wurden. Wie sie als bis auf den Tod verwundete Mutter fühlte, wie sie aber zugleich gottergeben dachte, und wie sie sich die Zukunft ihrer verwaisten Enkelkinder in religiösem, echt jüdischem Geiste erträumte, hierüber hat sie in einem Briefe an den Schreiber dieser Zeilen sich ausgesprochen, der ein Document ihrer heiligen Gesinnung bildet, in elegischen Tönen des Schmerzes geschrieben, wie sie die klagende Stimme des um den Sturz Jerusalems trauernden Propheten kennzeichnet. Möge dieser Brief hier zu ewigem Gedenken als Liääuseli haschem für das Judenthum, als Zeugniß der erhabenen, religiösen Gesinnung einer jüdischen Mutter seine Stelle finden. Gewisse Worte hat sie markant unterstrichen, die hier durch erweiterte Lettern gekennzeichnet werden mögen. „Baden im October 1900. Euer Ehrwürden! Hochgeehrter Herr Rabbiner! Die so herbe, entsetzliche, schmerzliche Schickung Gottes, der in Seinem unerforschlichen Rathschlusse unfern einzig heißgeliebten Sohn zu sich in den Himmel berufen hat, hat meinen theuern geliebten Gatten und mich sehr hart und bitter getroffen und ist diese an uns hereingebrochene Prüfung des Allmächtigen eine gewaltige, Herz und Seele zerschmetternde! W i r ohnmächtigen, schwachen, gebrechlichen Menschenkinder müssen uns in Gottesfurcht und im Vertrauen auf ein höheres Wesen, welches die G e s ch i ck e der Menschen lenkt, o h n e zu murren, mit Resignation in Seinen Willen fügen!!* Ich richte an Euer Ehrwürden die innige Bitte, für meinen unvergeßlichen theueren Sohn Ludwig, Gott habe ihn selig, Gebete emporzusenden, daß E r, der Allmächtige, die Hinterbliebenen, die theuere geliebte Witwe, meine bedauernswerthe, arme, unglückliche Tochter, unsere so hoffnungsvollen theueren Enkelchen und meinen so ausgezeichneten frommen und braven geliebten Mann, vereint mit mir, beschützen und beschirmen und vor jedem ferneren Unglücke bewahren möge, damit wir die an uns herangetretene heilige Pflicht, unseren theueren süßen geliebten Enkelchen unsere vollste Sorgfalt und Theilnahme an deren Erziehung so gewissenhaft erfüllen können, wie es unser Herz und unser innigster Wunsch fordert, damit die Sprößlinge meines so hervorragenden Sohnes an Gottesfurcht und an Religiosität und in allen Eigenschaften zum Ruhme Gottes und zur Freude der Menschen heranwachsen und gedeihen mögen! Nun gestatten Sie, mein hochgeehrter Herr Rabbiner (hier folgt eine Mittheilung Privater Natur) — mit dem Ausdrucke ausgezeichneter Hochachtung und Verehrung Euer Ehrwürden ganz ergebene Sophie vonGutmann/ Um die hohe Bedeutung dieses Briefes zu ermessen, muß man sich die Schreiberin desselben vorstellen, ihre hochangesehene Stellung, die außerordentlichen Verhältnisse, unter denen sie lebte und von denen sie umgeben war. Auf der Höhe der Zeit stehend, vom Glück hoch emporgetragen, in den höchsten gesellschaftlichen Kreisen verkehrend, war sie gleichsam den gewöhnlichen bürgerlichen Verhältnissen entrückt, und ist an ihr Denken und Fühlen ein besonderer Maßstab anzulegen. In der Residenz, wo sie durch ihre Stellung angewiesen war, Großes zu leisten, auf dem Gebiete der Wohlthätigkeit, in der Bildung eines hohen gesellschaftlichen Mittelpunktes, um-