Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 31 (1.8.1902)
- Date
- 1902-08-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 31 Sette 509 Dr. Bloch's Wochensilrrift. nach vielen Millionen betragenden Entgang? Nun, selbstverständlich — was haben wir denn da lange zu suchen? Wir wisseu's doch ohnehin! Die Juden. Sie haben das Getreide „herunterlicitirt" und daher die christliche Bevölkerung um eine genau auszurechnende Anzahl von Millionen betrogen. Und doch ließe sich dem so leicht Vorbeugen. Die für das Volkswohl so lebhaft besorgten Christlich-Socialen, allen voran der reiche Alois Liechtenstein, brauchten nichts Anderes zu thun, als recht viel Getreide zu den früheren Preisen zu kaufen. Sie mögen, wie es im Börsenjargon heißt, „Geld legen". Die Landwirthe werden gewiß ihnen lieber theuerer verkaufen, als zu einem billigeren Preise den „Juden", und da der niedrige Preis ungerechtfertigt ist und nur durch künstliches Herunterlicitiren entstanden ist, so ist ja das Kaufen des Getreides vollständig gefahrlos und verspricht sicheren Gewinn. Das Gesetz von Angebot und Nachfrage — das ist jüdische Mache, und schon um des lieben Friedens willen hätten die Inden alles Getreide zu jenem Preise kaufen sollen, der ihnen vielleicht die V'rzeihung Bergani's erringen könnte. Das thun aber die „Hebräer" nicht. Dann geschieht ihnen auch recht, wenn man sie verantwortlich macht für den Rückgang der Getreidepreise. I § e g r i m, Bon der zionistischen Bewegung. Dr. Theodor H e r z l ist am 24. Juli in Begleitung des Präsidenten der zionistischen Colonialbank, Herrn D. Wolfsohn aus Köln, nach Constantinopel abgereist. Aus Budapest wird von den Zionisten gemeldet, daß der Reichstags-Abgeordnete Dr. Soma V i s o n t a i die Präsidentschaft des Budapester Zionisten-Vereines übernommen bat. Nach der Mittheilung der Budapester „Allgem. Jüdischen Z'itung" vom 25. Juli hat aber der genannte Abgeordnete die ihm angebotene Präsidentschaft des Zionistenvereines nicht angenommen, er soll überhaupt noch bei keiner Sitzung eines solchen Vereines anwesend gewesen sein. Ueber „Dr. H erzl und die englische Einwanderunqscommission" schreibt die Berliner „Israelitische ' ochenschrift" Wir haben in der vorigen Nummer dieses Blattes die schriftlichen und mündlichen Aussagen ausführlich wiedergegeben, die Herr Dr. Herzl vor der englischen Einwanderungscommission zu machen sich gedrängt hat. Wir haben vergeblich zu erforschen gesucht, was Herrn Dr. Herzl bestimmt haben mag, die Auskünfte zu geben, die Niemand von ihm verlangt hat und die von schädlicher Wirkung unbedingt sein müssen. Herr Dr. Herzl hat den engliswen Freunden einer Einwanderungsbeschränkung außerordentlichen Vorschub geleistet. Zum erstenmale liegt hier eine positive Wirksamkeit des Zionistenführers vor. Was in aller Welt kann ihn bewogen haben, zu jener Commission zu gehen, die ihn nicht gerufen hatte, um dort zu sagen, daß er eine Aufhebung der englischen Gastfreiheit den östlichen Juden gegenüber würde begreifen können, daß die jüdische Wohlthätigkeit bankerott gemacht habe und dergleichen mehr? Dabei waren die Herzl'schen Angaben von so kläglicher Verschwommenheit, daß sogar die antisemitisch angehauchten Mitglieder der englischen Einwanderungscommission erklärten, sie könnten nur das für beachtenswerth halten, was Dr. Herzl von jüdischen Dingen außerhalb Englands sage, denn die englischen Verhältnisse kenne er nicht. Das Vertrauen zu den Worten des Dr. Herzl fängt bezeichnender Weise da an, wo die Möglichkeit der Controle durch eigene Wahrnehmungen aufhört! Nach Dr. Herzl gibt es nichts außer „seinem" Zionismus; was aber dieser Zionismus ist und was er kann, das sagt Dr. Herzl nicht. Er lehnt es ab. von der Haltung der Pforte gegenüber der jüdischen Besiedelung Palästinas zu reden. Das ist sehr vorsichtig, das schließt die Controle aus. Aber sicher ist, daß Dr. Herzl nicht schweigen würde, wenn er etwas zu sagen hätte, das erfreulich wäre oder auch als erfreulich sich nur deuten ließe. Herr Dr. Herzl liebt negative Ausdrücke, wenn er vom Zionismus spricht. Er würde, sagt er, heute etwas anderes und in anderer Art schreiben, als er in seiner Broschüre vom „Judenstaat" gethcm. Er findet es unrichtig, daß die aus Rumänien und anderwärts vertriebenen Juden nach England und Amerika gingen, denn dorthin brächten sie den Antisemitismus. Er will die Vertriebenen in einer „öffentlich rechtlich gesicherten Heimstätte", in Palästina, untergebracht wissen. Doch was der Sultan dazu sagt, das verräth Herr Dr. Herzl nicht, und weshalb das „öffentlich-rechtlich gesicherte Weltghetto" andere Wirkungen haben soll, das ist gleichfalls Dr. Herzl's Geheimniß. Sicher ist nur das Eine: daß Herr Dr. Herzl die Millionen des Baron Hirsch und die der jüdischen Wohlthätigkeit überhaupt in den Dienst des Zionismus gestellt sehen möchte. Davon verspricht er sich alles Heil für die Juden. — Er verspricht sich eben. . Im Uebrigen meint er, müsse man ein „Ideal" haben, um Colonisation zu treiben. Das Geld allein'thue es nicht. Das „Joea!" habe er, die Millionen sollten billigerweise die Anderen liefern. Wir zweifeln nickt an Dr. Herzl's Idealismus, auch nicht an dem seiner Anhänger. Im Gegensatz zu ihm aber sind wir der Meinung, daß man eher noch als ein „Ideal" eine „Idee" haben müsse von dem, was man beginnen will Begeisterung ohne Nüchternheit ist herzlich wenig werth. Man braucht nicht trunken zu sein, wenn man begeistert ist, wie auch nicht jeder Trunkene begeistert ist; man kann bei aller Begeisterung klaren Verstand behalten. Besonders bei dem Führer einer Bewegung ist das nöthig; denn die Nachläufer werden nur in den seltensten Fällen in der Lage sein, den erforderlichen Bedarf an Nüchternheit und Verstand aus eigenen Mitteln zu decken. Was ist national? In einem Vortrag, „Was ist national", den Professor Dr. Alfred Kirchhofs in Halle gehalten hat und der bei Gebauer u. Schwetschke daselbst erschienen ist, wird ausgeführt: Auch in Preußen hat der nationale Gedanke die hervorragendsten Elemente zu einem großen Ganzen zusammengeschweißt. „Die französischen Namen mancher Staatsbürger erinnern uns an ihre Abstammung von den Refugiös, denen der Große Kurfürst ein gastliches Asyl an bot. Aber es wäre nicht nur lächerlich, sondern geradezu infam. Männer nicht als zu unserer Nation gehörig betrachten zu wollen, die trotz ihres französischen Namens mit dem Schwert des Officiers und dem Geist des Gelehrten unserem nationalen Aufschwung gedient haben. Sie sind zwar dem Blute nach Franzosen, oft noch waschechte Franzosen, aber der Nation nach Deutsche, denn fit sind in ihrer Sprache, ihrer Seele, ihrem Denken und Fühlen, ihren geistigen Interessen deutsch. Wird man noch den Muth haben, dieser Thatsache gegenüber von der Blutsverwandtschaft und Familientradition als nothwendiger Grundlage zur Bildung der Nation zu reden?" (S. 23.) Der Autor ist sich wohl bewußt, daß die von ihm vorgetragene Theorie von den Antisemiten bekämpft werden wird. „Erziehung oder persönliche Abneigung sind für viele Deutsche maßgebend gewesen, um in den unter uns lebenden Israeliten Angehörige einer fremden Nation zu erblicken und diesen die Gleichberechtigung mit den übrigen Bürgern des Staates abzusprechen. Von persönlicher Zu- oder Abneigung, von Philo- oder Antisemitismus kann für uns keine Rede sein, wir haben nur die Richtigkeit unseres Theorems auch für diesen Fall nachzuweisen. Gerade die Geschichte des jüdischen Volkes ist ein Beweis für die Wahrheit unseres Nationalbegriffes. Nur so lange haben die Juden eine Nation gebildet, als sie feste Staatsgrenzen kannten, nur so lange ist der nationale jüdische Gedanke in Kraft gewesen. Für diese Nation haben die Makkabäer den Kampf der Verzweiflung geführt, für sie hat es nie an aufopferndem Heldenmuth gefehlt. Aber mit dem Verlust des Besitzes eines bestimmten, natürlich abgegrenzten Nationalstaates sank auch die jüdische Nation selbst in Trümmer. Mit den Mauern Jerusalems fiel auch der nationale Gedanke in Schutt und Staub. Das fühlten die Juden selbst. Sie wußten sich an Jerusalem und das gelobte Lind gebunden, wenn sie eine Nation bleiben wollten. Darum machten sie den politischen Mittelpunkt des Landes zum Brennpunkt des Cultus, um auch den weitzerstreuten Angehörigen einen Sammelpunkt zu bieten und sie so der Nation zu erhalten. Als die egyptischen Juden in der Ptolemäerzeit ihren eigenen Tempel errichteten, s tzten sie sich in einen bewußten Gegensatz zur eigentlichen jüdischen Nation. Die jüdischen Patrioten haben es stets gefühlt, daß der Verlust des Staates gleichbedeutend mit dem Untergange der Nation sei; darum flammten die leidenschaftlichen Versuche immer wieder auf, die heilige Stadt und das gelobte Land wiederzugewinnen bis sie mit dem Falle des Bar Chochba einen endgiltigen Abschluß fanden. Seit dieser Zeit hat die Nation keinen engen Zusammenhang mehr. Sie zerfällt und vertheilt sich unter die Nationen Europas und Nordafrikas, nur die Sprache desCultus ist ein geistigesBand neben dem Cultus selbst, das ihnen noch eine geistige Zusammengehörigkeit gewährt. Die bürgerliche Bedrückung, die Verachtung seitens der christlichen und mohammedanischen Völker, die gemeinsam getragene Noth und Verfolgung, die Absperrung in den Ghettos sind dann Mittel gewesen, welche eine unbeabsichtigte Wirkung gehabt haben, sie haben dem Juden immer wieder zum Bewußtsein gebracht, daß er ein Jude ist, bis er sich selbst eine gewisse Ausnahmestellung im bürgerlichen Leben vindicirte. Wir find überzeugt, daß eine bürgerliche Gleichstellung von vornherein sie auch im politischen Leben den Nationen viel schneller affimilirt hätte, als es geschehen ist. Auch die Katholiken Deutschlands haben ihre besondere Cultussprache, das Lateinische, ihre besonderen Cultushandlungen, die nicht immer mit derjenigen der Mehrzahl der Nation übereinstimmen; sind sie deshalb von den