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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-08-01 · 31 (1.8.1902) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
31 (1.8.1902)
Date
1902-08-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Sette 508 L-r. 2KLoch's Wochen schrie Nr. 31 Jüdischen losgetrennt ist, beim Bier aber Treue und ewige Zu-« gehörigkett zum angestammten Glauben schwört?! Ich spreche« nicht von der V e b e n s w e i s e, da ich erstens nicht heuchelnD will, dann aber es auch nicht als mein Amt betrachte, für reli-I giöse Lebensweise einzulreten. Dies ist Sache unserer RabbinerH Aber es muß gesagt werden: Jude sein heißt, das JudenlhumE kennen; anders war es nie und kann es nie sein. Um einen geschichtlichen Jrrthum bewegen sie sich ein volles | Jahrhundert und kommen niemals aus den» Kreise heraus. DasS Judenthum muß gelebt und gekannt sein. Mit dem Katechismus, mit der biblischen Geschichte, mit den paar Bibelversen erzieht Ihr nicht das künftige Geschlecht stark und im Kampfe ausharrend. Das Judenthum, das auf solchen schwachen Füßen steht, reißt jeder Lusthauch um, und wir haben leider keinen Lusthauch, sondern einen heftigen Sturm zu gewärtigen. Aber trotzdem man das Ergebniß der früheren, sogenannten religiösen Erziehung klar vor Augen sieht, wird der alte Schlendrian fortgesetzt, höchstens nur, daß in die alten geflickten Schläuche neuer Wem gethan wird. Aber auch der neue Wein ist so wenig rationell bereitet, daß er bald essigsauer wird. Es wurde in Berlin eine zeitlang dem Princip gehuldigt, der hebräische Sprachunterricht könne nicht in der Religionsschule gepflegt werden, da die Zeit dazu zu kurz sei. So vergingen Jahre. Es wuchs unterdessen ein Geschlecht auf, das auch nicht mehr beten konnte. Man erschrack vor dieser ungeheueren Verwüstung, die da entstanden ist, und man führte die hebräische Sprache wieder ein. Das wäre sehr erfreulich, wenn inan für den Unterricht eine neue bewährte Methode gewählt hätte. Man kann vernünftiger Weise nicht da anfangen, wo man vor fünfzig Jahren aufgehört hat. Es wird bei der gegenwärtigen Methode nur erzielt, daß die Jugend hebräisch lesen und einige Gebete auch mechanisch übersetzen lernt. In wenigen Jahren ist Alles vergessen, und es fragt sich noch sehr, ob das Ganze der daraus verwendeten Mühe werth war. Und wenn es auch bliebe, muß man sich doch sagen, daß mit der Fähigkeit, die Gebete zu lesen, noch wenig errungen ist. Doch ich bin auf das Gebiet der Unterrichtsfragen gelangt, die ich im nächsten Artikel gründlicher und ausführlicher behandeln will. Dr. S. B e r n f e l d. Vom Jahrmarkt ses Lebens. Glossen zur Tagcsgcschichte. (Das Mauscholeum. — Gleichberechtigung auf dem Secirtisch. — Vergani's „Spiegel der Literatur". — Die Ernte und der Antisemitismus.) Herr Gregorig ist stolz darauf, daß er die Wiener Universität schon einmal ein „Mauscholeum" genannt habe, und unter Hinweis darauf, daß er dies gethan, wiederholte er selbstbewußt diesen, sein Urtheil über die Wiener Hochschule präcisirenden Ausdruck. In der (Schaffung geflügelter Worte erinnert uns der Neubauer Bolkstribun an Bismarck. Seine Ansichten über Wissenschaft und Bildung deck:» sich mit jenen der Landtagsmazorität, und Herr Gregorig fand deshalb lebhaften Beifall, als er in der Landtagsdebatte über die Errichtung einer Säuglingsklinik sagte: „Man werde sehen, wie die Juden an den christlichen Frauenzimmern, die in der Landes-Fmdelanstalt uutergebracht sind, herumhantiren. Wir haben noch nicht gehört, daß eine jüdische Leiche secirt wurde. Die Juden martern an den Körpern unserer Angehörigen herum, und das ist auch im vorliegenden Falle zu befürchten". Es gibt so viele Dinge auf der WAt, von denen Herr Gregorig noch nichts gehört hat, daß es uns nicht Wunder nehmen darf, wenn ihm die Thalsache, daß auch jüdische Leichen secirt werden, bisher unbekannt geblieben ist. Herr Gregorig mag darüber beruhigt sein: Auf dem Secirtrsche genießen wir Juden die vollständige confessronelle Gleichberechngung. Nur als Lebendige haben wir uns zu beklagen; im Leben oürfen uns die dümmsten und rohesten Individuen, die aus dem tiefsten geistigen und sittlichen Niveau stehen, als minderwerthlg hinstellen, sie dürfen uns verhöhnen und beschimpfen, ohne daß sie hrefür gezüchtigt werden. Der Secirtisch ist allen Staatsbürgern ohne Unterschied der Confession zugänglich, nicht aber die öffentlichen Aemter. Deshalb will Herr Gregorig auch von der Säuglingsklinik die Mischen Aerzte ausgeschlossen wissen, und der Berichterstatter Herr Spitaler erklärte ausdrücklich, er habe gegen diesen Antrag des Neubauer Abgeordneten nichts einzuwenden. Anschließend hieran seien noch aus mden letzten Landtagsdebatten die Erklärung des Abgeordneten ^>Hofer verzeichnet, daß an den schlechten Verhältnissen der ^Landwirthschaft nur die Juden schuld sind, ebenso an der schlechten k Lage der Dienstboten, und die Erklärung des Herrn Bauchinger, 8?daß die achtjährige Schulpflicht und die jüdische Literatur die }, Kinder auf dem Lande zur Arbeit unfähig mache. Diese Stich- | proben genügen, um sich ein Urtheil zu bilden über die social- * politische Einsicht und die Weisheit jener Sorte von Gefitzgebern, welche Dank der antisemitischen Bewegung in Nieder- ' österreich sechs Jahre hindurch verwalten durften. * * * Herr Vergani, der auf dem Gebiete der Zeitungsausschnitte bekanntlich eine große Fingerfertigkeit besitzt, bringt jetzt in feinem Blatt von Zeit zu Zeit eine Rubrik, die lediglich Ausschnitte aus Werken der Llteraiur enthält und Aufklärungen über — Moral ertheilen will. Man erschrecke nicht! Vergani will nicht Enthüllungen über seine Mm al machen — dazu ist der Mann zu vorsichtig — auch will er keine Aufklärungen über allgemein menschliche Moral geben — dazu fehlt den Mann auf diesem Felde die nöthige Sachkenntniß — er beschränkt sich blos darauf, Enthüllungen über die Moral der Juden zu machen. Vergani durchstöbert, da er ja um die Reinlichkeit seiner Finger wenig besorgt ist, die verstaubtesteu, mooerigsten Schmöcker, und wenn er eine Beschimpfung der Juden entdeckt, greift er zu seiner bewährten Scheere, schneidet die Beschmutzung heraus und druckt sie in seinem Blatte ab. Auf diese Weise stellt er eine Rubrik her, die den Titel „Das Judenthum im Spiegel der Literatur" führt. Der Zweck der Rubrik wird von Vergani folgendermaßen gekennzeichner: „Da die Judenpresse fortgesetzt mit der Lüge arbeiter, datz die gesammte Intelligenz aller Völker zu allen Zeiten den Antisemitismus verurtheilt habe, veröffentlichen wir" rc. In dem Bestreben, antisemitische Kronzeugen in der Liter atur ausfindig zu machen, hat Vergani im Abendblatt seines Organes vom 29. Juli einen Streich voUführt, der empörend genannt werden müßte, wenn er nicht von einer unglaublichen Blödheit durchweht wäre. Vergani bringt es nämlich zustande, unter den Antisemiten des Alterthums auch den — Propheten Jesaias namhaft zu machen. Vergani hat wohl die Gesinnung des Jesaias in der Eue für eine Obligation angesehen, daß er sie in so gefälschtem Lichte dargeftellt hat! Wir haben schon viele Frechheiten und Narrenpossen in dem Blatte des Herrn Vergani gelesen, aber das Unterfangen, den Propheten Jesaias zu einem Gesinnungs¬ und Moralgenvffen der Herren Vergani, Schneider, Gregorig rc. zu stempeln, faua sich nur den höchsten Frechheiten in den letzten Jahrgängen des Verganiblattes messen. Der Prophet Jesaias hat Mancherlei prophezeit, aber daß er einmal ein College des Herrn Vergani genannt werden könnte, das hätte selbst der weitsichtigste Prophet nicht zu ahnen vermocht. Wenn Herr Vergani auf diese Weise fortfährt, den Antisemitismus in biblischer Zeit nachzuweisen, dann können wir noch die sensationellsten Entdeckungen mit der Zeit im „Deutschen Volksblatt" lesen: ec wird z. B. noch herausfinden, daß eine gewisse Mirjam Mitglied eines christlich-socialen Frauenbundes gewesen sei, ooer daß der bekannte sprechende Esel Bileams, von dem die Bibel berichtet, „Hoch Lueger!" gerufen habe, und daß die Arche Noah's, in der bekanntlich eine Menge Vieh war, eigentlich ein antisemitisches Wahllocal gewesen sei u. s. s. Man darf den ferneren Enthüllungen der Rubrik „Das Judenthum im Spiegel der Literatur" mit heiterem Interesse entgegensehen. * * * Die Ernte in Oesterreich-Ungarn ist glänzend ausgefallen und übersteigt alle seit einigen Wochen gehegten Erwartungen. Nun wird man vielleicht schon die Erfahrung gemacht haben, daß, wenn viel überschüssiges Getreide vorhanden ist, der Preis billiger wird; in Jahren einer allgemeinen Mißernte ist es theuerer. Heuer haben alle Getreide provucirenden Länder reichliche Ernten, und als darüber kein Zweifel mehr bestand, ist das Getreide billiger geworden. Wie läßt sich das im Sinne der Judenhctze verwerthen? Sehr einfach. Vor mehreren Wochen kostete der Weizen soundsoviel, jetzt kostet er dagegen viel weniger. Das macht bei soundsoviel Millionen Metercentner soundsoviele Millionen Gulden. Hätten die Landwirthe das überschüssige Getreide zu den früheren hohen Preisen verkaufen können, so hätten sie selbstverständlich einen viel größeren Erlös als bei den jetzigen Preisen erzielt. Wen trifft die Schuld an diesem

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