Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 31 (1.8.1902)
- Date
- 1902-08-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 31 Dr. Bloch's Wochrnfchrifk. Seite 507 zu erleichtern. Unsere Elementarschulen lehren den Juden ihre russische Muttersprache, unsere Handwerkerschulen bilden tüchtige Handwerker, die in Ausübung ihres Berufes auch außerhalb des Ansiedlungsgebietes leben dürfen, unsere landwirthschaftlichen Schulen erziehen Landwirthe und Handelsgärtner, unsere Darlehenscassen bewahren viele ehrliche Männer vor Wucherern und Ausbeutern, und mit diesen Leistungen heben wir den allgemeinen Stand der russischen Juden und erleichtern ihre schließliche Emancipation. Für Rumänien haben wir bisher die Intervention unserer Regierung noch nicht erlangen können und müssen uns darauf beschränken, das Auswärtige Amt über alle dortigen Vorkommnisse auf dem Lausenden zu erhalten. Die Auswanderung der rumänischen Juden ist nicht leicht zu organisiren, weil man nicht anderwärts durch Zuführung ungeeigneter Kräfte neue Uebelstände schaffen darf. In Canada z. B. ist die Einwanderung tüchtiger Landarbeiter sehr erwünscht. Wenn aber statt dieser eine Menge Leute ankommen, die zur Landarbeit untauglich find, so wird von Seiten der Behörden das Vorhandensein brauchbarer Arbeitskräfte bezweifelt. Ebenso vorsichtig muß man in Amerika sein, wo allein in New-Dork mehr Juden wohnen als in ganz Rumänien. Jedenfalls hat die Jewish-Colonisation- Association überall nach besten Kräften geholfen, hat auch eine größere Anzahl von Rumänien nach Australien und nach den argentinischen Colonien dirigirt. Wenn Dr. H e r z l neulich vor der Einwanderungs-Commission erklärt hat, die argentinischen Colonien seien ein Mißerfolg, so muß ich hier öffentlich und nachdrücklich die Wahrheit jener Behauptung bestreiten. Unsere Hirsch-Colonien sind noch kein großer Erfolg, aber sie sind auch kein Fehlschlag. Sie sind auf dem besten Weg zum Gelingen, und einige von ihnen haben dieses Ziel schon erreicht. Wenn Dr. Herzl es vielleicht vorzieht, von einem zionistischen Gesinnungsgenossen eines Besseren belehrt zu werden, so möchte ich ihn auf eine Rede des Oberst Goldsmid aufmerksam machen, der kürzlich aus Südamerika zurückgekehrt ist. Er theilt darin mit, daß der Gouverneur der Provinz Santa Fö ihm gesagt habe, die Hirsch- Colonie Moisesville sei dig Mustercolonie für die ganze Provinz. Der Vorsitzende schließt mit der Bitte, daß die in Wohlstand und Freiheit lebenden Juden für ihre weniger glücklichen Brüder einen jährlichen Beitrag an die Anglo-Jewish-Association geben und diese damit in die Möglichkeit bringen, mehr als bisher zu helfen und zu erleichtern. Darauf nimmt Herr F. D. M a c o t t a das Wort und weist nach einigen allgemeinen Betrachtungen auf die Nothwendigkeit hin, in den Schulen des Orients das Stadium des Hebräischen als classische und literarische Sprache möglichst zu pflegen. Herr S. Alexander bittet die Versammlung, sich in Bezug auf Rumänien nicht auf persönliche Hilfe zu beschränken, sondern Versammlungen einzuberusen und dort Männer von anerkanntem Werth über diese Frage reden zu lassen, Männer, deren Wort nicht u,«gehört verhallen würde. Nach einer weiteren Debatte, an der verschiedene Mitglieder sich betheiligten, wird der Jahresbericht genehmigt, der Chiefrabbi spricht den Dank der Versammlung an den Vorsitzenden aus. und Herr Max Langermann bringt die Stiftung eines Zweigvereines der Anglo-Jewish-Association in Johannesburg in Anregung. In Transvaal leben 16.000—20.000 russische Juden, die für ihre Kinder den Segen eines regulären Schulunterrichts nach englischem Muster erstreben. — Die Jahresversammlung wird geschlossen und gleich danach die übliche Monatsversammlung abgehalten, in der nur unwichtige Vorkommnisse und Abrechnungen zur Verhandlung kommen. („Jsr. W.") Innere Wandtnng. Ein guter Freund, der sich mit den jüdischen Literaturvereinen in Deutschland befaßt, erzählte mir vor Jahren folgende köstliche Anekdote. Er war nach einer preußischen Provinzialgemeinde gekommen, um dort einen Verein für jüdische Geschichte und Literatur ins Leben zu rufen. Die „tonangebenden" Persönlichkeiten der Gemeinde meinten aber, dies wäre jetzt nicht mehr nöthig — da ja der Antisemitismus im Schwinden begriffen sei. Diese Ansicht, daß der Judenhaß in Deutschland aufhöre, theilten übrigens vor etwa drei oder vier Jahren auch manche gebildete Menschen. Es war damals äußerlich etwas stiller geworden; Ahlwardt war mit seinen Radauversammlungen aus der Mode gekommen, und in den belebten Straßen sah man nicht mehr die Händler mit unfläthigen Schriften gegen die Juden. Auch durften nicht an die Paffanten die berüchtigten Rundreisekarten nach Jerusalem vertheilt werden. Kurz, es schien etwas ruhiger zu werden, und das genügte gewissen Leuten, um wiederum hoffnungsvoll in die Zukunft zu blicken. Natürlich wurde das bischen Judenthum, das in den sorgenvollen Tagen gepflegt worden war, rasch auf den Boden getragen, und man fing auf's Neue an, sich vor den christlichen Dienstboten mildem Judenthum zu schämen. Ach, wie wurde man dann bitter und grausam enttäuscht! Es kamen die bekannten Debatten im preußischen Landtage wegen der Vergebung der Notariate an jüdische Rechtsanwälte, und diesmal billigten Nationalliberale und Centrum ausdrücklich das Vorgehen der preußischen Justizverwaltung. Bald darauf kam auch in Baiern ein Blitz vom heitern Himmel — die Besetzung von Richterämtern durch Juden erfuhr eine gesetzliche Beschränkung. Wie es damit in Hissen und in Sachsen bestellt ist, dürfte als genügend bekannt vorausgesetzt werden. Dazu kam in den letzten Tagen das Auftreten Pückler's! Da waren die Versammlungen unter dem Regime Ahlwardt eine Kleinigkeit dagegen. Noch niemals seit dem Aufhören des Mittelalters ist so offen und so blutrünstig gegen die Juden gesprochen worden, wie seit dem Auftreten Pückler's. Man sage nicht, das sei nicht so schlimm, und schließlich hätte die Polizei doch noch auch ein Wort dreinzureden. Gewiß, todtschlagen werden sie die Juden nicht, aber die Reden Pückler's werden von einer tausendköpfigen Menge förmlich verschlungen, seine Brandschriften, die an allen Straßenecken vertheilt werden, gierig aufgefangen. Und daß man Solches überhaupt gegen die Juden thun darf, ist traurig genug. Und nun hat man angefangen, die jüdischen Bücher von dem Boden, wo sie so lange verstaubt dalagen, wieder herunter zu holen. Unter allem Traurigen, das wir bisher erlebt haben, ist dies wohl das Traurigste. Ein Volk soll sich so gänzlich vergessen, wenn man ihm ein freundliches Gesicht zeigt, und erst dann sich dessen erinnern, daß es doch auch seinen eigenen Werth hat, wenn man ihm überall die Thüre vor der Nase zuschlägt. Dem sei aber, wie ihm wolle — Klagelieder haben wir schon übergenug angestimmt — die Tbatsache steht einmal fest, daß in Berlin ziemlich starkes Interesse für jüdische Angelegenheiten vorhanden ist. Dieses Interesse ist viel stärker und verbreiteter, als man für gewöhnlich annimmt. Es ist nur schlimm, daß es sich nicht bethätigen kann, da es nichts Greifbares findet. So herrlich hat das frühere Geschlecht, das Zeitalter der Assimilation und der Selbstknechtung für uns vorgesorgt. Ein halbes Jahrhundert der vermeintlichen Gleichberechtigung hat genügt, das Judenthum für Jahrhunderte zu verwüsten. Es ist ein Jammer! Ellen Key sagt in einer ihrer Schriften, daß man mitunter mit derselben Muthlosigkeit dasteht, wenn es sich handelt, gegen tief eingewurzelte Fehler zu kämpfen, wie wenn man vor die Aufgabe gestellt würde, mit einem Federmesser einen Urwald zu lichten. Wahrlich, welch ein Dickicht von Borurtheilen! Es hält schwer, bis man den Leuten, die das Heft in den Händen haben, beibringt, daß etwas geschehen muß. Wollen sie aber schon ihre Hand an die Arbeit legen, so greifen sie Alles verkehrt an. Es ist in der letzten Zeit darauf hingewiesen worden, daß ein großer Theil der jüdischen studirenden Jugend in Deutschland sich in national-jüdischen Vereinen zusammengethan hat. Ich kann dem noch hinzufügen, daß ein weit größerer Theil national-jüdisch gesinnt ist, und selbst solche jüdische Studenten, die ihre national-jüdische Gesinnung nicht eingestehen wollen, bekunden ein weitgehendes Interesse für jüdische Fragen, aber damit ist auch Alles zu Ende. Die Wißbegierde kann nicht und wird nicht befriedigt. Was jüdisch-nationale Vereine betrifft, so muß ich hier vor einer großen Gefahr dringend warnen. Es wäre herrlich, wenn man unserer studirenden Jugend etwas in die Hände geben könnte, um den Hauptton auf das „jüdisch" zu legen. Aber leider ist es nicht der Fall. Ich fürchte sehr, die ganze jüdisch-nationale Bewegung geht im Biertrinken und im Tabakdunst — und in der Phrase auf. Namentlich in der Phrase, die viel alkoholhaltiger und giftiger ist, als Bier und Tabak zusammen! Ich bin oft zu Kneipabenden unserer Studenten gegangen. Wer mich kennt, weiß, daß ich nicht zu jenen gehöre, die mißgünstig und mürrisch auf die Jugend sehen. Aber ich bin stets auf's Traurigste gestimmt weggegangen. Neulich machte ich einen anderen Gast darauf aufmerksam, mit welcher Begeisterung unsere jüdisch-nationalen Studenten in einem Liede schwören, dem Judenthum bis zur Stunde, wo „ihr Sterbensglöcklein" ertönt, treu zu bleiben. Natürlich ist es mit dem „Sterbensglöcklein" nicht so schlimm. Darin liegt einfach nur Gedankenlosigkeit. Aber was kann man von einer Jugend hoffen, die innerlich von allem