Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 31 (1.8.1902)
- Date
- 1902-08-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3021439-3021471--11958-3036525- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Tunis 1× ep/1048155
OCR text
Seite 506 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 31 bezahlen", und Joest erzählt, daß die betreffende deutsche Schule sich der besonderen Gunst des deutschen Botschafters und dessen Gemahlin erfreut. „Diese bereiten in dem herrlichen Garten der deutschen Botschaft den armen Kindern jährlich ein Fest, auf welches dieselben sich das ganze Jahr hindurch freuen." Ebenfalls 3000 Seelen zählt die israelitische Gemeinde in Brussa, die sich seit 1885 einer Allianceschule erfreut, „deren günstiger Einfluß auf die Moral, das Familienleben, die Erwerbsthätigkeit und auch auf das Aeußere der Heranwachsenden Jugend heute von Europäern, Türken und Juden rückhaltlos anerkannt wird". (W. Joest) „Wir nennen die Juden zuletzt, weil gerade sie es waren, die den Bestrebungen der Alliance Anfangs Mißtrauen, ja bösen Willen entgegenbrachten." Heute sind auch sie, denen die zähe Energie der marokkanischen Juden zu fehlen scheint, damit zufrieden, daß ihre fürchterliche Armuth und Unwissenheit durch einen Lichtstrahl der Humanität erleuchtet wird. Der Reisende besuchte auch die Allianceschule in Smyrna, die unter Leitung des in Tetuan geborenen Herrn Pariente steht. In der Selekta lasen, sprachen und schrieben die jungen Leute im Alter von 15 bis 18 Jahren außer ihrer jüdisch-spanischen Muttersprache reines Castilianisch, Französisch, Hebräisch, Griechisch und Türkisch. Der mit einem Empfehlungsbrief von Herrn Dr. Frank-Köln eingeführte, aber durchaus unparteiische scharfe Beobachter hätte sein günstiges Urtheil über die Allianceschulen, das auch von anderen Europäern dort getheilt wird, noch erweitern können, wenn er auch das die Schule ergänzende Lehrlingswerk der Alliance ins Auge gefaßt hätte, dem wir jetzt nach den neuesten Berichten des Centralcomitös unsere Aufmerksamkeit zuwenden wollen. Fast an allen Orlen, wo eine Schule besteht, hat die Alliance das Handwerk der verschiedenen Gewerbe für die Knaben und Mädchen organisirt. Die orientalischen Israeliten betrieben seit Jahrhunderten handwerkliche Gewerbe, aber ihre Wahl erstreckte sich fast ausschließlich auf die leichten Gewerbe, wie Schneider, Schuster, Blechschläger, Friseure u. s. w. Die Alliance hat diese leichten Handwerke abgeschafft; ihre Zöglinge lernen nur lohnende Handwerke, welche auch die Muskelkraft der Lehrlinge entfalten, wie Schreiner, Wagner, Schloffer, Schmied, Ofensetzer, Maurer u. s. w. In einigen Städten, wie in Adrianopel, Sofia, Smyrna, Tunis und Damaskus, hat das Lehrlingswerk sehr befriedigende Resultate geliefert, in anderen sind die Ergebniffe weniger gut, weil dort die Bewohner infolge ihrer Armuth nur sehr bescheidene Vedürfniffe haben. In kleineren Städten müssen manchmal die geschicktesten Meister lange feiern. — Der Sittenzustand im Orient gestattete nicht, für die jungen Mädchen dieselbe Methode der Unterbringung (bei Handwerksmeistern) wie für die Knaben anzuwenden. Man mußte im Schullocal oder in der Nähe selbst Lehrlingswerke für Mädchen einrichten. Die Beschäftigungen, welche gelehrt werden, sind: Schneiderei, Confection und Weißnäherei. Andererseits hat das Centralcomitö eine Zahl junger jüdischer, aus der Türkei stammender Mädchen nach Ungarn geschickt, um dort die mechanische Fabrication von Strümpfen, Cravatten und Corsetten zu lernen. Andere hat es nach Venedig gebracht, um dort die specielle Stickerei und das Spitzenmachen zu erlernen. Hiedurch werden neue Beschäftigungszweige in die arme jüdische Bevölkerung der Türkei eingeführt. Der Director der Gewerbeschule von Jerusalem hat seinerseits in dieser Stadt eine große Werkstätte für die Spitzenfabrication errichtet; zwei in Belgien zu diesem Zweck ausgebildete Arbeiterinnen sind beauftragt, das neue Gewerbe zu lehren, welches eine ziemlich große Anzahl von Frauen und Mädchen beschäftigen wird. Die Alliance hat ferner in Jerusalem Werkstätten der Schreinerei, der Maschinenschmiede, der Kesselschmiede, der Bildhauerkunst und der Kunstschreinerei. Die jungen Lehrlinge kommen zum Theil aus den Orientstädten, besonders aus denjenigen, denen ein guter Meister fehlt, oder wo sie bei christlichen und muselmännischen vorurtheilsvollen Meistern ihr Handwerk nicht gründlich in ihrer Stadt lernen können. Gcoßmüthige Wohlthäter aus London und Paris und die lewisü Colonisation Association tragen zur Unterhaltung dieser Musteranstalt bei. — Die von der Alliance für die zahlreichen Lehrer der Allianceschulen zum gegenseitigen Gedankenaustausch geschaffene „Pädagogische Revue" (Üevue des Ecoles; man abonnirt bei dem Secretariat der Alliance) hat wiederholt interessante Artikel aus dem Leben und der Geschichte der Juden in Afrika und im Orient gebracht, Material, das sonst der Wiffenschaft verloren gegangen wäre. Das erst seit April 1901 bestehende Unternehmen soll fortgesetzt werden und sich auch der Organisation von Vereinen ehemaliger Schüler widmen. Der Joest'sche Aufsatz schließt mit folgenden Worten: Fassen wir zum Schluß unser Urtheil, soweit wir nach dem Besuche mehrerer Schulen der Alliance Jsraölite in Marokko und Kleinasien, sowie nach vielfachen Unterhaltungen mit dort lebenden Europäern zu einem solchen berechtigt sind, noch einmal zusammen, so müssen wir wiederholen, daß die Alliance auf ihre bisherigen Erfolge auf dem Gebiete der geistigen, moralischen und auch körperlichen Veredlung der dortigen Juden, ebenso wie auf ihre Erfolge in Betreff einer Besserung der Lage ihrer Glaubensgenossen in materieller Beziehung mit Recht stolz sein darf und daß derselben für die Uebernahme dieser hohen und edlen Culturaufgabe und für den Eifer, mit welchem sie sich der Lösung derselben hingibt, auch von jedem unbefangenen Andersgläubigen die vollste Anerkennung nicht versagt werden kann. „Gehe hin und thue ein Gleiches", Lucas 10, 37. So urtheilt ein Nichtjude, der mit scharfem Blicke Land und Leute beobachtet, über die Alliance und ihr Wirken. Die Auglo-IemiOi-Alfociation. Die Jahresversammlung der Anglo-Jewish-Association hat am vorletzten Sonntag stattgefunden. Der Vorsitzende Claude G. Montesiore verwies nach einigen Begrüßungsworten die erschienenen Mitglieder auf den Geschäftsbericht des Vereines, der die Bilanz und die verschiedenen Specialberichte über das Gedeihen der vom Verein im Orient geleiteten und unterstützten Schulen enthält. Im Allgemeinen hat die Lage der Anglo-Jewish- Association sich im Berichtsjahre nicht gebessert, denn es hat leider wiederum nur die sehr bescheidene Summe von 3000 L. St. für die Zwecke des Vereines ausgegeben werden können. Der Vorsitzende ist der Meinung, daß der neue Hilfsverein der deutschen Juden, dessen Begründung er mit Freuden begrüße, wahrscheinlich bald einen höheren Etat haben werde, als die Anglo-Jewish-Association. Die reichen Juden Englands und der englischen Colonien müßten größere Summen dafür hergeben, denn die Zwecke des Vereines, Begründung und Unterhaltung von Schulen für die Juden im Orient, wären der weitesten Unterstützung werth. Die Hebung der in Unwissenheit und Aberglauben versinkenden armen jüdischen Bevölkerung ist eine ebenso wichtige Aufgabe, wie ihre materielle Unterstützung. Vorläufig wird der größte Theil der Mittel für die Schulen im türkischen Reich ausgegeben, da einerseits der größte Theil der dortigen jüdischen Gemeinden mittellos ist und keinerlei Werth auf Unterricht und Bildung legt und andererseits die türkischen Behörden dem Errichten jüdischer Schulen von Seiten ausländischer Vereine keine Hindernisse in den Weg legen. Die einzige Schule im Orient, die von der Anglo - Jewish - Association ohne Beihilfe eines anderen Vereines erhalten wird, — die Evelina Rothschild- Mädchenschule in Jerusalem — kann aus Mangel an Mitteln die durchaus nothwendige Ausdehnung nicht erfahren. Im Berichtsjahre haben wieder 400 Anmeldungen nicht berücksichtigt werden können, auch für die zur Zeit dort untergebrachten 560 Schülerinnen langt der Raum nur sehr knapp. Redner kommt dann auf die Jewish-Colonisation-Association zu sprechen, deren Vorstandsmitglied er ist und deren Leistungen von viejen Seiten einer strengen Kritik unterzogen werden. Diese Kritiken sind sehr entgegengesetzter Ansicht. Die Mittel der Jewish-Colonisation- Association sollen bekanntlich zum größeren Theil für die russischen Juden verwendet werden. Manche wünschen nun, es solle gar nichts in Rußland ausgegeben werden, Andere: nur für Palästina, obwohl dort nur wenig russische Juden Aufnahme finden; wieder Andere wollen, daß wir nur für Argentinien oder nur für Canada arbeiten — wem soll man es recht machen? Am richtigsten bleibt es wohl, das Schicksal der in Rußland lebenden Juden zu verbessern, denn in absehbaren Zeiten werden die fünf Millionen russischer Juden auch in Rußland verbleiben, und so kann die russische Judenfrage nur auf russischem Boden gelöst werden. Natürlich kann unser Bemühen nur Stückwerk bleiben. Unsere Elementar-, Handwerker-und landwirthschaftlichen Schulen, unsere Darlehenscassen, Arbeiterwohnungen u. s. w. sind nur Linderungsmittel. Ein Federstrich, die Entfernung der Mauer, die das den Juden erlaubte Ansiedlungsgebiet von dem übrigen Rußland trennt, kurz eine Emancipation in der englischen Bedeutung würde in einem Jahre mehr für die russischen Juden als die Jewish-Colonisation-Association in einem Menschenalter thun können. Da dies nicht in unserer Hand liegt, thun wir unser Bestes, unseren unglücklichen Glaubensbrüdern das Leben