Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 31 (1.8.1902)
- Date
- 1902-08-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ur. 31 Dr. Bloch’s Iahr-an- XIX Centrslorgsn für die gessmmten Interessen des Iudenthums. K. k. Pofisparcaffen-Aml Clearing-Verkehr Nr. 810.976. LeL actton und ZUdmimstratioi» Wien IX/1» Berggaffr Nr. 39. Ttlephon Nr. 14.847. *= Mir«. 1. August 1902. Erscheint jeden Freitag. ■ ->— ■» - Brief-Adresse: Wien. IX/1, Berggaffe 39. Telenramm-Adresse: Blocli's Wochenschrift. Wien. Leruguxrei» fltr Srstrrrrtch Halbjährig 8 Lronen. Einzelexemplare 50 Heller. Für'» Hoalonb: Halbjährig 10 Arone». Ganzjährig 20 . Anzeigen: Die4mal gespaltene Petitzeile 24 Heller. Inhalt: Leitartikel: Die Culturarbeit der Alliance Israelis Universelle. — Die Anglo-Jewish-Association. — Innere Wandlungen. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Glossen zur Tagesgeschichte. Von der zionistischen Bewegung. Was ist national? — Correspondenzen: Sophie von Gntmann. Wien, Floridsdorf, Budapest, Margitta, Frankfurt a. M, Berlin, Antwerpen, Nom, Paris, Zur Ermordung des Dr. Ordenstein. Markus Antokolsky und der Zar. — Vermischtes: Kranzablösungsspenden zu Gunsten der „Chewra-Kadischa" in Wien. Wien, Krems a. d. D., Innsbruck, Saaz. — Feuilleton: Der Chanukaleuchter. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Die Cultnraebeit der Allianee AsraeUle Universelle. Von Rabbiner Dr. Frank, Mitglied des Centralcomitßs. Unter vorstehendem Titel präsentirt sich eine anspruchslose Schrift des gelehrten Rabbiners Dr. Frank in Köln über die Thätigkeit der Pariser Alliance Jsraälite. Die mitgetheilten schlichten Ziffern sprechen eine beredte Sprache. Der Alliance Hauptaufgabe ist, Culturarbeit zu leisten, Bildung und Gesittung unter unseren Brüdern im Orient zu verbreiten, auf Gründung und Unterstützung von jüdischen Schulen richtet sie ihr Hauptaugenmerk. Im Jahre 1874 zählte malt 17 Allianceschulen, im Jahre 1884 hob sich ihre Zahl auf 42, im Jahre 1894 auf 59 mit einem wirklichen Schulbesuch von 12.000 Schülern; im Jahre 1900 auf 95 mit 24.000 Schülern, endlich im Jahre 1902 auf 109 mit 29.000 Kindern. Frei von irgend einem krankhaften Chauvinismus und nationaler Engherzigkeit, trachtet die Leitung der Alliance, ihre Schulen überall den Bedürfnisien des Landes und seiner jüdischen Bewohner anzupassen. Als vor vier Jahren die bulgarische Regierung in ihren Schulen einen regelrechten Lehrplan einführte, nahm das Centralcomitö der Alliance die neuen Reglements an, führte auch das Bulgarische statt des Französischen als Unterrichtssprache ein und räumte dem Hebräischen und dem Religionsunterricht eine wichtige Stelle ein. In der Türkei wird die türkische Sprache an allen Orten, wo nran gute Lehrer des Türkischen findet, gelehrt. Die englische Sprache wird natürlich in allen Schulen Egyptens gelehrt; ebenso in Bagdad, Smyrna, Saloniki, Tanger, Jerusalem und Damaskus. Das Deutsche wird gelehrt zu Saloniki, zu Adrianopel und den vier bedeutendsten Schulen Constantinopels, ohne die Schule Goldschmidt mitzuzählen, wo der gesammte Unterricht in deutscher Sprache ertheilt wird, ferner in R u st s ch u k und Jerusalem. Das Italienisch e wird zu Saloniki, Tripolis und Tunis gelehrt. Das Spanische wird in den meisten Schulen Marokkos gelehrt, da die hier entlassenen Schüler diese Sprache in Südamerika brauchen, wohin sie sich meistens begeben. Man kann behaupten, daß in keiner Elementarschule des Abendlandes in der jüdischen Geschichte mit so viel Sorgfalt und in solcher Ausdehnung wie in den Allianceschulen unterrichtet wird. Auch bei uns sollten die folgenden Worte beherzigt werden, welche das Centralcomit« bezüglich der jüdischen Geschichte an seine Schuldirectoren gerichtet hat: „Vielleicht nie war es für die Juden nöthiger, ihre Vergangenheit zu kennen als in der Gegenwart, das lange und schmerzliche Martyrium ihrer Väter, ihre Zulassung nach unermeßlichen Schwierigkeiten und die Wiederholung oft blutiger Gewaltthätigkeiten; all dieses soll die Jugend wissen. Wie belehrend, stärkend und anziehend ist diese Geschichte! Ihr wisset auch, welches Interesse die Kinder ihr entgegenbringen. Wie die Geschichte zeigt, daß man immer dieselben Vorurtheile genährt, so lehrt sie auch, daß am Ende die menschliche Vernunft siegt über den Haß und den Aberglauben.... Wohlan, es scheint uns, daß es möglich wäre, die jüdische Geschichte vom 10. Jahrhundert an als den Ausgangspunkt des geschichtlichen Unterrichts überhaupt zu betrachten und den Kindern bei Gelegenheit des oder jenes für die Juden interessanten Ereignisses geschichtliche Belehrungen über das Land, wo dieses Ereigniß sich zugetragen hat, mitzutheilen." Als ein Erfahrungssatz der Geschichte wird hervorgehoben, „daß die Juden überall und zu jeder Zeit sich anstrengen müssen, den Erinnerungen ihrer ruhmreichen Vergangenheit treu und ihrem Glauben anhänglich zu bleiben, ihre Mitbürger an Gesetzlichkeit, Muth, Rechtschaffenheit und Vaterlandsliebe zu übertcessen." Es ist interessant zu sehen, wie sich gerade die erste vor 40 Jahren begründete Allianceschule zu Tetuan entwickelt hat. Ein 1888 von Professor Dr. W. Joest, einem Christen, erstatteter Bericht erzählt, daß in Tetuan auch vielfach Christen, zumal Spanier, ihre Kinder die Schule der Alliance besuchen lassen. Das jüdische Mädchen in Marokko wurde vor Errichtung der ersten Mädchenschule durch die Alliance bisher geradeso oder vielmehr ebensowenig erzogen, wie die Mohammedanerin. Es lernte einfach gar nichts, höchstens etwas hebräisch (bzw. etwas arabisch) lesen, kaum verstehen; es wuchs in Armuth und Unwissenheit auf, wurde mit 12 Jahren an einen ihr ganz fremden Menschen verheiratet und vegetirte dann, mehr Sclavin wie Gattin ihres Mannes, in der Geistesnacht der Mellah weiter bis zu ihrem Tode. „Durch die Allianceschulen werden — nach Professor Joest — die marokkanischen Jüdinnen befähigt, ihrem Gatten eine wirkliche Lebensgefährtin und ihren Kindern dereinst nicht nur Mutter, sondern auch Erzieherin zu sein." Der genannte Forschungsreisende sagt über die zwölf Schulen, welche die Alliance in Constantinopel erhält und unter denen sich eine für beide Geschlechter bestimmte deutsche Schule in G a l a t a befindet: „Die sogenannte deutsche Judengemeinde in Constantinopel mag heute 3000 Seelen zählen, die größtentheils so arm sind, daß kaum zehn Percent der Besucher der deutschen Schule im Stande find, ein wenn auch noch so geringes Schulgeld zu