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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-07-25 · 30 (25.7.1902) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
30 (25.7.1902)
Date
1902-07-25
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 30 Dr. Bloch's Wochenschrift. Sette 501 durch welches die laue, würzhafte Frühlingsluft einströmte, niedergelassen hatten, trat ein minutenlanges Stillschweigen ein. Der Gast blickte sinnend zu Boden, während der Rabbiner mit stiller Wehmuth die traurige Veränderung betrachtete, welche vermuthlich der letzte traurige Winter an den edlen Zügen seines Freundes hervorgebracht hatte. Um so begieriger war er. die frohe Botschaft mittheilen zu können, welche dem armen Mann für lange Zeit jede Sorge benehmen werde. „Reb Jizchak!" so sprach er nach alter Gewohnheit den Sofer an, „ich habe Sie her zu mir bitten lassen, um Ihnen eine sehr angenehme Mittheilung zu machen/ Die von dem Rabbiner erwartete freudige Bewegung blieb aus. Reb Jizchak zuckte mit keiner Wimper, hob nicht einmal den Kopf auf. Halbwegs enttäuscht fuhr der Rabbiner fort: „Eine freudige Mittheilung, welche Sie betrifft, lieber Kohen!" Der Sofer blieb noch immer unbeweglich sitzen. Dem Rabbiner wurde es unheimlich zu Muthe. Ec wurde angesichts des sonderbaren Benehmens seines Gastes so verlegen, die vorbereitete Freudenbotschaft anzubringen, als wenn er eine Todesbotschaft zu verkünden hätte. Und darum hatte er den ganzen Bormittag seit dem Empfange des Briefes in so freudiger Aufregung zugebracht, wie ein Kind, das ein glänzendes Schulzeugniß den Eltern zu überreichen im Begriffe war. Er war aufgestanden und trat näyer zu seinem Gaste, dessen Schulter leicht mit der Hand berührend. „Aber blicken Sie doch auf, lieber Freund", sagte er, „Sie benehmen mir mit Ihrer unerklärlichen Gleichgiltigkeit die ganze Lust, Ihnen meine so angenehme Nachricht mitzutheilen." Kohen blickte auf und schaute den Sprechenden mit einem Blicke an, in welchem so viel Trauer und geheimes Leid ausgedrückt war, daß dem Rabbiner die Thränen in die Augen traten. „Nicht verzagt, lieber Freund! Nach dem Bösen kommt das Gute. Hören Sie mir nur zu. Wollen Sie?" „Bitte, sprechen Sie!" Der Rabbiner begann: „Den ganzen traurigen Winter lang ging mir das Geschick meiner armen Glaubensbrüder sehr zu Herzen; ich suchte zu mildern, so viel ich konnte, indem ich die Vermögenden zu Hilfeleistungen anspornte. Vielen haben wir auf diese Weise über die traurige Zeit hinübergeholfen. Sie, lieber K o h e n, waren einer Derjenigen, für die sich absolut nichts thun ließ, da Sie doch gar nichts angenommen hätten." Unwillig schüttelte Kohen sein früh ergrautes Haupt. „Sicherlich nicht", sagte er bestimmt. „Also", fuhr der Rabbi fort, „Sie sehen, daß ich mit meiner Annahme recht hatte. Wie weh war mir dabei, da ich wußte, daß Sie Kummer hatten, ja daß Sie Roth leiden. Es blieb mir nicht verborgen, daß Sie Ihre angelegten Ersparnisse angegriffen haben, daß Sie alles Ueberflüssige zu Geld machten. Leugnen Sie nicht, ich weiß es bestimmt", sagte der Rabbiner in fast zornigem Tone, als Kohen eine Einwendung zu machen versuchte, „sogar Ihre silberne Merorah, ein Erbstück von Ihrem in Gott ruhenden Vater, mußte der Ungunst der Zeiten zum Opfer fallen. Ich weiß es aus sicherer Quelle, Sie haben an dem letzten Chanukafeste ganz gewöhnliche Wachskerzchen zum Anzünden verwendet. Mir blutete das Herz, besonders da ich bei Ihrer Schroffheit in dieser Beziehung so gar nichts zur Linderung Ihrer Lage thun konnte. Wie groß also war heute meine freudige Ueberraschung, als mir durch Vermittlung der Wiener Länderbank eine ansehnliche Geldsumme überwiesen wurde mit dem Aufträge, dafür von dem heimischen Sofer Jsak Kohen eine Sefer Thora schreiben zu lassen. Ein reicher Jude aus Amerika wünscht diese für die in seinem Hause eingerichtete Synagoge zu besitzen. Bis sie fertig wird, wird man mir anzeigen, wohin sie zu senden ist. Wie glücklich fühle ich mich, daß Sie, lieber Kohen, auf lange Zeit eine lohnende Beschäftigung finden werden und das Dorfgeyen, welches so gar nicht zu Ihrem Charakter, Ihren Kenntnissen und Ihrem Morenutitel paßt, aufgeben können. Also, wann wollen Sie mit Ihrer Arbeit beginnen? Ich bin ermächtigt, Ihnen jede erwünschte Summe zum Ankauf von Pergament und sonstigen nöthigen Dingen, sowie als Vorschuß für Sie auszufolgen." „Ehrwürden, verzeihen Sie mir, aber ich kann diesen ehrenvollen Auftrag nicht annehmen, ich könnte ihn nicht zur Zufriedenheit ausführen. Bitte, wählen Sie einen Würdigeren dazu." s- Erstaunt, ja im höchsten Grade von dem eben Gehörten^ betroffen, trat der Rabbiner zwei Schritte zurück. „Höre ich recht? Sie weisen ein solches Anerbieten zurück?" „Ich muß! Ich bin zu alt dazu, um ein solches Werk noch ausführen zu können." „Dies ist. Sie entschuldigen meine harte Ausdrucksweise, dies ist einfach unwahr. Dies ist nicht der richtige Grund; mit Ihnen geht Etwas vor, Kohen, das Sie verheimlichen. Niemand und auch ich selber nicht, hat das Recht, in Ihr Geheimniß einzudringen. Es bleibt Ihrem eigenen Ermessen Vorbehalten, ob und wie weit Sie jemand davon Mittheilung machen wollen. Auf Grund der wahren Freundschaft, welche ich immer für Sie hegte, erwarte ich aber, daß Sie mir freiwillig den Grund, wenn auch nicht Ihres Kummers, so doch Ihrer Weigerung nennen werden. Der Sofer hatte während der letzten Minute sein Antlitz mit den Händen verdeckt und weinte bitterlich, so daß die großen Tropfen zwischen den Fingern durchsickerten. Der Rabbi ließ ihm eine Weile gewähren. Dann sprach er: „So ist es recht. Erleichtern Sie durch Thränen Ihr beschwertes Herz. Wirksamer noch als Thränen aber sind Worte. Auch diese wälzen den Stein vom Herzen hinweg, der schwer darauf lastet. Sprechen Sie sich aus, nicht zu dem Seelsorger Ihrer Gemeinde, sondern zu dem treuen, um Ihr Wohl besorgten Jugendfreunde. Warum lehnen Sie meinen Antrag ab?" „Meine Hand ist nicht würdig, den erhabenen unaussprechlichen Namen Gottes niederzuschreiben. Aus diesem Grunde eben habe ich schon im Herbste mein Gewerbe niedergelegt und bin Dorfgeher geworden." „Und Sie sind dabei gänzlich verarmt." „Das ist etwas Anderes, etwas ganz Anderes," fiel ihm der Sofer rasch ins Wort. „In Ihrer Gewissenhaftigkeit nehmen Sie vielleicht die Sache zu schwer an," meinte tröstend der Rabbiner. „Nein, mein Rabbi!" sprach, sich von seinem Sitze erhebend, der Sofer, „diese meine Hand, von der Sie wollen, daß fie Gottes Wort niederschreiben solle, diese meine Hand hat sich zum falschen Schwur erhoben, sie soll nie mehr die heiligen Gebote, die sie verletzt hat, niederschreiben." Der Rabbiner schwieg tief erschüttert. Auf diese Selbstanklage hatte er keine Antwort bereit. Der Sofer fuhr fort: „Ich habe damals den Eid geleistet, fast gezwungen, jedoch in der festen Absicht, ihn einst bis es an der Zeit sein würde, zu halten. Zeit und Verhältnisse aber haben mich anderen Sinnes werden lassen. So habe ich dann meinen Schwur gebrochen. Die Sefer Thora, welche ich kurz vor meinem Eidbruche geschrieben habe, ist selber als Kläger gegen mich aufgetreten und hatte dadurch mein schlafendes Gewissen wachgerüttelt. Sie fiel zu Boden, gerade als ich der Verkünder des göttlichen Wortes war. Seit diesem Augenblicke hatte ich keine ruhige Stunde mehr. Unstät und flüchtig wie Kain irre ich herum, bis mich einst der Tod von meinen Gewiffensqualen erlösen wird, um mich dann dem göttlichen Strafgerichte zu überliefern." „Unglücklicher, was haben Sie gethan? Erzählen Sie, vielleicht gibt es ein Mittel, das gethane Unrecht einigermaßen wieder gut zu machen. (Fortsetzung folgt.) Literatur. Keue Kücher. Die Juden in Babylonien, 200—500, I. Theil, von Dr. S.. Funk, Boskowitz. Kol Nidre, krititisch revidirt und gesetzt für eine Singstimme mit Clavierbegleitung; Kol Nidre für eine Solostimme mit gemischtem Chor, Partitur Mk. 3.—; Solostimme Mk. 1.50; Chorstimmen Mk. 1.—; von Hans Koestler, ord. Professor a. d. kgl. Musikakademie in Budapest. Süddeutscher M u s i k v e r l a g, G. m. b. H. in S t r a ß b u r g i. E. „Ritualmord und Eid." Der offene Brief des Rabbiners Dr. Wilhelm Münz in Gleiwitz über Ritualmord und Eid ist nun in vierter vermehrter Auflage erschienen. Dem eigentlichen Briese geht ein ernstes Stimmungsbild voran, das der Verfasser zu dieser Auflage neu hinzugefügt hat. Neu hinzugekommen ist ferner eine sehr bemerkenswerthe Auseinanderssetzung über die jüdischen Secten. Zu beziehen durch N e u m an n's MStadtbuchdruckerei in G l e i w i tz, sowie durch jede Buchhandlung. APreis eines Exemplares 10 Pfennig.

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