Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-07-25 · 30 (25.7.1902) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
30 (25.7.1902)
Date
1902-07-25
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3021439-3021470--11947-3036513
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 496 Dr Vloch's Wochvnschrifk. Nr. 30 sam und eindringlich, wie tief einschneidend und festsitzend die Wirkung sich erweist, die mit der antisemitischen Ansichtskarte erzielt zu werden vermag und auch thatsächlich erreicht wird. Jnsbesonders gelingt dies im ausreichendsten Maße in einem internationalen Curorte von der Bedeutung Karlsbads, in welchem Besucher nicht nur aus den weitesten Gauen Oesterreich- Ungarns, sondern auch der ganzen Welt zusammenströmen, deren Hauptbeschäftigung darin besteht, sich ein Amüsement zu schaffen, dieses Amüsement wird aber auch den Antisemiten in Frack und Blouse, wie sie sich in Karlsbad zusammenfinden, voll und ganz geboten durch die antisemitische Ansichtskartensammlung, die in allen Schaukästen der vielen Hunderte von Geschäften als Lockvögel für die verständnißinnigen Paffanten ausgestellt erscheint. Wer es nicht sehen will, der kann es hören, welche Glossen diese Paffanten zum Ausdruck bringen, welches Gaudium sie empfinden. Man weiß ja, wie sehr empfänglich die Menschenseele oder richtiger gesagt die Bestie im Menschen für Spott und Hohn, für blindwüthigen Geifer und lächerliche Persiflage ist, insbesonders dann, wenn sie dem viel angefeindeten, argverlästerten Judenstamme gelten. Man muß sich nur füglich verwundern, daß eine derartige Verhöhnung und Verspottung, die in ihrer Wirkung auch einer Anfeindung und Verhetzung gleichkommt, von den maßgebenden Factoren geduldet wird. Abgesehen davon, daß die Juden nahezu zur Hälfte zu den Besuchern Karlsbads zählen, gebietet es schon der Tact und die Manier, der Anstand und die Sitte, einen groben Unfug, wie der geschilderte, nicht zu dulden. Dies liegt vor Allem im Interesse des eine internationale Bedeutung besitzenden Curortes Karlsbad. Es bedarf wohl nur eines Appells an die zur Wahrung der jüdischen Interessen Karlsbads berufenen Organe: Cultusv o r st a n d und R a b b i n a t, unverweilt und ungesäumt das Erforderliche zu veranlaffen, den geschilderten llebelstand zur Abstellung zu bringen. Man scheint keine Ahnung zu besitzen, wie tief einschneidend sich die Folgen gestalten, die der Cultus der antisemitischen Ansichtskarte bewirkt, denn besäße man diese Ahnung, würde eine Remedur wohl schon viel früher erfolgt sein. Man darf sich freilich mit einer oberflächlichen Intervention nicht begnügen, die Erfahrung lehrt, daß wohlmotivirte, an richtigem Ort, an zustehender Stelle eingebrachte dringliche Vorstellungen noch immer zum Erfolg geführt haben. Eduard Beer. Ein „Zeuge" aus dem Proeeß H i l s n e r. Als Olmütz wird gemeldet: Vincenz Z e l i n g e r aus Polna, dessen Geisteszustand bereits längere Zeit in der Sternberger Irrenanstalt untersucht worden war, wurde auf Grund des abgegebenen ausführlichen Gutachtens für unzurechnungsfähig erklärt. Nachdem Zelinger jedoch noch in der Strafanstalt vier Strafen wegen Majestätsbeleidigung abzubützen hat, wurde beim hiesigen Kreisgerichte die Wiederaufnahme jener Proceffe eingeleitet, respective Schritte zur eventuellen Caffirung der obgenannten Strafen unternommen. Die diesbezügliche Entscheidung wird seitens der Brünner Oberstaatsanwaltschaft in den nächsten Tagen erfolgen. Sophie v. Gutmann. Etwas über 60 Jahre alt ist in ihrer Villa in Baden nach langem qualvollen Leiden Frau Sophie von Gutmann, die Gemahlin des Großindustriellen David Ritter von Gutmann, Präsidenten der Israelitischen Allianz und der Baron Hirsch-Stiftung, dahingeschieden. Seit dem Tode ihres vor nicht ganz zwei Jahren verstorbenen einzigen Sohnes Dr. Ludwig v. Gutmann war sie, die zärtlichste Mutter und an ihrem Sohne in unendlicher Liebe hängend, eine gebrochene Frau. Die wegen ihrer Seelengüte und Mildthätigkeit in weiten Kreisen bekannte Dame ward seither nicht mehr in der Oeffentlichkeit gesehen, mit der sie einst in besseren Tagen, hervorragend mitbetheiligt bei allen Wohlthätigkeits-Veranstaltungen, in der lebhaftesten Fühlung gewesen. Doch ihr sich vor der Oeffentlichkeit abspielendes Walten als Wohlthäterin war nur ein kleiner Theil des Guten, das sie mit Freigebigkeit und Zartgefühl nach allen Seiten hin ausstreute. Noch viel mehr hat sie im Stillen gethan. Insbesondere werden die verwaisten Mädchen des von den Brüdern Wilhelm und David v. Gutmann gegründeten Waisenhauses in Döbling der Verstorbenen eingedenk sein, die ihnen nicht blos reichlich spendete, sondern persönlich die Verwaltung der Anstalt überwachte und für die Wünsche und Bedürfnisse der Pfleglinge sorgte. Ebenso war sie der Poliklinik eine stets hilfsbereite Gönnerin. An den Wohlthätigkeits-Beranstaltungen der Fürstin Metternich hat sie oft und wirksam mitgearbeitet, und zwar nicht blos durch Erfüllung repräsentativer Pflichten, sondern durch reiche Spenden für die Armen, Siechen, Blinden und Taubstummen. Sie hat auch in reichem Maße das Weiße Kreuz gefördert, war sozusagen an der Wiege dieser edlen Schöpfung gestanden. Neben den Armen von Wien haben auch diejenigen von Baden, wo ihr Sommersitz war, und von Tobitfchau in Mähren, wo sie als Gutsherrin waltete, Ursache, um die Verstorbene zu trauern. Ihr schönes Haus in der Heugaffe war in früheren Jahren der Sitz einer reichbewegten Geselligkeit gewesen, und ausgezeichnete Männer und Frauen unserer Stadt waren in ihren Salons anzutreffen, die von Meistern wie Zumbusch, Angeli, Temple und Veith künstlerisch ausgestattet waren. Nun ist stumme Trauer in dieses Haus eingezogen, und die allgemeine Theilnahme wendet sich dem schwergebeugten Manne zu, der rasch nach einander den Sohn und die Gattin verloren. Frau Sophie v. Gutmann war eine geborene L a tz k o. Sie hinterläßt drei Töchter, von denen aber keine ihren Wohnsitz in Wien hat. Es sind dies Madame C o n st a n t in Paris, Baronin Irma Mayer-Ketschendorf in Coburg und Gräfin Helene di C a r r o b i o, die Gemahlin des italienischen Botschaftssecretärs in London. Ueberaus zahlreiche Freunde der Familie hatten sich eingefunden, um der Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen. Man sah Vertreter aller Berufsstände. Viele Freunde, die fern von Wien in den sommerlichen Erholungsorten weilen, hatten dem Gatten der Verstorbenen telegraphisch ihr Beileid ausgedrückt, Condolenzen hatten gesendet: Ministerpräsident v. Koerber, der Landespräsident von Schlesien Graf L a r i s ch, Fürstin Metternich-Sandor, Fürst Starhemberg, Graf Felix Thun, die Sectionschefs Baron D o c z i und v. Herz, der Reichsrathsabgeordnete Dr. H a a s e, Ferdinand v. Saar und viele Andere. Im Trauerhause waren erschienen: Sectionschef Exn e r, Generaldirector Hofrath I e i t t e l e s, der Präsident der Staatseisenbahngesellschaft Ritter v. Taussig, Generaldirector Palmer, die Direktoren Dr. Hammerschlag, Bunzl und Kur an da, die Hofräthe Professor Ritter v. S ch r ö t t e r und Dr. Marcell F r y d m a n n, der Präsident des Journalisten- und Schriftsteller-Vereins ,Concordia" Edgar v. Spiegel, der Chef-Redacteur der „Neuen Freien Presse" Dr. Eduard Bacher, die Banquiers v. Ephrussi, Dr. Thors ch, Morawitz, Paul Schiff, die Großindustriellen Dr. Heinrich und Dr. August Miller v. Aichholz, Commercialrath Gotthard v. C a p e l l e n, die Regierungsräthe Küttig und v. W i n t e r n i tz, die Professoren B ü ch l e r, M o n t i und v. R e u ß, Central-Director S ch u st e r, der Präsident der israelitischen Cultus gemeinde, kaiserlicher Rath Heinrich K l i n g e r, Ober-Baurath Taussig, Landesfchulrath Dr. G. K o h n, Bezirksschulrath Dr. Marcus Spitzer, Banquier Reitzes, Geitler v. Armingen, Dr. Wahrmann, Dr. Arthur Kuranda, Hofräthin Pfeiffer, die Orlsschulräthe H e i t und Fuchs, Professor S u l z e r, Cultusvorsteher Emil Horner, die Architekten Fleischer und Zifferer, Dr. Gelbhaus, Dr. Bach, Dr. Taglicht, Dr. Reich, Obereantor Guttmann, Professor Kan itz. Gustav und Theodor Redlich, Commercialrath S t ias ny, Hermann v. Goldschmidt, Ernst Bos chan, Maler Beith, Medailleur Scharf, Schauspieler B l a s e l, die Schriftstellerinnen Helene und Dr. Elise Richter, einige Mitglieder des Central- Ausschusses mit dem Secretär der Gesellschaft vom Weißen Kreuz Herrn Ratzky. Ferner hatten sich Deputationen der Institute und Vereine eingefunden, deren hilfreiche Gönnerin die Verstorbene gewesen. Vor Allen fielen die Zöglinge des israelitischen Waisenhauses in Döbling auf, die unter der Führung der Leiterin der Anstalt, Frau Strakosch, gekommen waren. Weiters waren vertreten die Poliklinik, die Baron Hirsch-Stiftung, die Cultusgemeinde, die Israelitische Allianz, der Frauenverein „Providentia" und mehrere andere humanitäre Institute. Die Stadt L e i p n i k in Mähren, deren Sohn und Ehrenbürger der Gatte der Dahingeschiedenen, Herr David v. G u t m a n n, ist, hatte eine sechsgliedrige Deputation entsendet, an deren Spitze sich die beiden Bürgermeister Kain und Ritter befanden. Ferner war eine Deputation der israelitischen Cultusgemeinde von Baden mit dem Rabbiner Dr. Reich und dem Vorsteher M. Leitner an der Spitze erschienen. Dann waren Abordnungen aus T o b i t s ch a u, wo Herr v. Gutmann be-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.