Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 30 (25.7.1902)
- Date
- 1902-07-25
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 30 Dr. Blvch's Wochvnschrift. Seite 495 drückte russische Jude wäre so an seinen unglücklichen Zustand gewöhnt und wisse so wenig von Freiheit, daß er davon keine genaue Vorstellung habe. Er selbst sei nie in den von Juden bewohnten russischen Provinzen gewesen, habe aber von glaubwürdigen Zeugen und in zahlreichen Briefen aus diesem District die erforderlichen Angaben bekommen. Nicht nur die Anwesenheit von Angehörigen in England zöge eine größere Zahl von Auswanderern hierher, sondern auch die Berichte in den jetzt überall gelesenen Zeitungen, in denen von dem besseren Lebensstand der englischen Bevölkerung erzählt wird. Die von der Londoner jüdischen Gemeinde veranlaßte Znrückschickung von jüdischen Einwanderern ist nicht durch bloße Grausamkeit veranlaßt worden, sondern weil sie auf so große Anforderungen nicht vorbereitet gewesen. Man hat eben nicht geglaubt, was uns schon 1897 auf dem ersten Baseler Kongreß glaubwürdig erschienen. Damals haben wir aus Rumänien 5258 Bittschriften mit 37.043 Unterschriften bekommen. Erst 1900 begann die Auswanderung, drei Jahre früher war der Hilferuf gekommen; aber da bte Wohlfahrtskörperschaften der jüdischen Gemeinden ihn nicht ernst genommen hatten, waren sie nicht vorbereitet und waren erschreckt. „Glauben Sie, daß hier judenfeindliche Stimmung herrscht?", fragte Major Gordon. „Nach den von der Commission gemachten Angaben habe ich es angenommen." „Würden Sie es „Verfolgung" nennen, wenn wir die Zahl der Einwanderer einschränken wollten?" „Es kommt darauf an, welchen Weg Sie dafür einschlagen. Sie selbst, Herr Major Gordon, haben einmal gesagt, daß es schwierig wäre, dies auf humaner Grundlage zu thun." — „Sie selbst haben erzählt, daß die hiesige jüdische Gemeinde Einwanderer zurückgeschickt und sie aus besseren in schlechte Verhältnisse gebracht hat." „Sie können doch nicht behaupten, daß die jüdische Gemeinde in antisemitischer Weise vorgegangen ist?" „Man kann Mitgliedern seiner eigenen Familie unangenehme Dinge anthun", antwortete Dr. Herzl, „die von Fremden eine große Beleidigung wären." Major Gordon führte dann aus, daß die Enquete der Commission erst begonnen und zufällig mit dem Ostend begonnen habe, in dem die meisten Juden wohnen; später würde sie zu den anderen Einwanderern gelangen. „Die Engländer hätten schließlich auch die Pflicht, die Rechte ihrer eigenen Arbeiterbevölkerung zu vertreten, nicht nur die von aus dem Ausland Vertriebenen. Wenn z. B. eine große Anzahl von Chinesen herkäme und die Arbeitslöhne drückte, würde nicht von allen'Seiten das Verlangen uach einer Einschränkung dieser Einwanderung laut werden?" Dr. Herzl antwortete, es wäre die Schuld und nun auch die Strafe der jüdischen Gemeinde für ihre Zurückweisung einer Anzahl von Einwanderern, daß die Frage gestellt wird, „wenn die jüdische Gemeinde so handelt, was sollen dann wir thun!" Zur Erklärung der in seiner Broschüre gebrauchten Wendung von der „schwarzen Wolke, die sich über dem Osten sammelt", daß die Sachlage jetzt schlimmer sei, als zur Zeit, da er das Buch geschrieben, führte er aus: In Galizien leben 700.000 Juden in tiefstem Elend und die Wokmungsverhältnisse dort sind viel schlimmer als im schlimmsten Theil des Ostends. Oft wohnen vier Familien in einem einzigen kleinen Zimmer. „Glauben Sie, daß wir hier in England augenblicklich eine „Judenfrage" haben?", fragte Major Gordon weiter. „Die Schwierigkeit muß vorhanden sein, da ihre Discutirung nöthig geworden ist." „Was sind Ihre Ansichten über jüdischen Nationalismus?" „Ich werde Ihnen meine Definition über eine „Nation" geben, und Sie mögen dann das Adjectiv „jüdisch" zufügen. Eine Nation ist nach meinem Dafürhalten eine historische Gruppe von Menschen von intellektueller und ersichtlicher Zusammengehörigkeit, die von einem gemeinsamen Feind zusammengehalten wird." Auf Befragen des Major Gordon erklärte Dr. Herzl, daß dieser gemeinsame Feind der Antisemitismus sei. Eine Judenfrage entsteht überall, wo viele Juden leben, ähnlich der Jrenfrage und der Czechenfrage. Die Vertheilung und Decentralisirung ist ein Ausschluß im Kleinen, der bald einen Ausschluß im Großen zur Folge haben wird. Die jüdische Armencommission in London hat sich als unfähig erwiesen, der Noth abzuhelfen. Die Bemübungen des Baron Hirsch haben sich ebenfalls als fruchtlos erwiesen. Er hat nur Schulen und landwirthschaftliche Niederlassungen begründet aber die allgemeine Noth nicht beseitigt. Das dafür ausgegebene Geld ist weggeworfen, es war nur ein Tropfen im Weltmeer. „Weil das Geld nur zur Uebersiedelung der Juden nach Argentinien und zum Theil nach Palästina ausgegeben worden und nicht für die Zionistenbewegung?", fragte Major Gordon unter großer Heiterkeit. „O nein", antwortete Dr. Herzl. „Das Unternehmen hat fehlgeschlagen, weil kein großer Gedanke, keine Flagge dabei war; mit Geld allein ist so etwas nicht zu machen." „Glauben Sie, daß durch Baron Hirsch die Zahl der Schnorrer zugenommen hat?". „Ich glaube wohl; die Leute wissen, daß viel Geld da ist." „Und da laufen sie hin und wollen was haben?", fragte Major Gordon. „Das glaube, ich, und das ist nur natürlich und durchaus nicht blos jüdisch." (Heiterkeit.) Die weitere Frage, ob noch nicht der Versuch gemacht worden ist, auf die russische Regierung zu Gunsten der Juden einzuwirken, und ob nicht durch Mithilfe der jüdischen Finanzleute eine Art Druck auf Rußland ausgeübt werden könnte, zieht Dr. Herzl vor, nicht zu beantworten, um nicht eventuell seinen Brüdern in Rußland zu schaden. In der Nachmittagssitzung gab Dr. Herzl auf die Anfragen der Commissionsmitglieder Mr. Vallance und Sir K. Digbh die Erklärung, daß der von ihm vorgeschlagene Judenstaat alle Leute anziehen sollte, die jetzt nach England und Amerika gehen, wenn sie ihre Heimat verlassen wollen, und wiederholt seine Meinung über Vertheilung der gewisse Stadttheile überfluthenden Einwanderermassen und über die Zurücksendung einzelner Rumänen durch die Londoner jüdische Gemeinde. Nach einer Zwischenfrage von Lord Rothschild, die Herrn Herzl zu der Feststellung veranlaßt, daß die Juden, auch die Zionisten, überall die besten Patrioten sind, ersucht der Vorsitzende Lord James Herrn Dr. Herzl um eine Definition des Wortes „Zionismus". Dr. Herzl antwortet: „Das auf dem Baseler Congreß formulirte Programm stellt die Bestrebungen des Zionismus fest, die darin bestehen, eine öffentlich-rechtliche Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina zu schaffen" Das ist unser Endziel. Aber außerdem halten wir Zionisten es für unsere Hauptaufgabe, das. harte Schicksal der bedrückten Juden durch angemessene Mittel zu lindern." „Sie haben davon gesprochen", sagte Lord Rothschild, „daß der Versuch der Errichtung jüdischer Colonien in Palästina mißglückt ist. Es wird vielfach behauptet, daß dieser Fehlschlag auf das Vorgehen der türkischen Regierung zurückzuführen ist, die die Versuche der Colonisten durchkreuzt hat." Dr. Herzl wünscht augenblicklich nicht, über die türkische Re" gierung und über die Colonien in Palästina^ j5» sprechen, ist aber bereit, seine Ansichten über Zionismus dem Präsidenten privatim aus' einanderzusetzen. Lord Rothschild nimmt jetzt Gelegenheit, über die Bedrückung der Juden in Rumänien und über den Bruch des Berliner Vertrages zu sprechen. Von den 250.000 in Rumänien geborenen Juden haben nur 300 das Bürgerrecht. Nicht die Thatsache, daß ein Land gleiches Bürgerrecht für alle Unterthanen auf dem Papier hat, ist maßgebend, sondern wie diese Rechte ausgeübt werden. Der Vorsitzende Lord James faßt nun die Ausführungen des Dr. Herzl zusammen, indem er sie in zwei Theile theilt, die Ansichten über die Juden im Allgemeinen und die über die Lage der Juden in England. Erstere haben größeren Anspruch auf Beachtung als die zweiten, weil Dr. Herzl nach seiner Aussage mit den hiesigen Verhältnissen nicht durch eigene Wahrnehmung vertraut ist. Dr. Herzl gibt dies zu und schließt sich auch der Auffassung des Vorsitzenden an, daß Niemand der Commission wird verübeln dürfen, wenn sie etwa eine Einschränkung in der Zulassung von Einwanderern im Interesse des Landes für rathsam erachten sollte. Er gibt den jüdischen Unterstützungsanstalten in England den Rath, ihre Mittel zusammenzuschießen und zur rechten Zeit für ihre Brüder einen Platz ausfindig zu machen, wo diese sich niederlassen und tüchtige Arbeiter werden können. Bisher sind ähnliche Unternehmungen an dem Fehlen eines Ideals gescheitert, die große Masse des Volkes müßte an seine Zukunft glauben, sonst könnte sie nichts leisten. Lord James dankte Dr. Herzl für seine Ausführungen und dieser zog sich nach herzlicher Verabschiedung von allen Commissionsmitgliedern zurück. („Israelitische Wochenschrift".) Correspondenzen. Wien. Habent sua fata Libelli. Nicht nur Bücher, auch die Ansichtskarten haben ihre Schicksale. Die Ansichtskarte, die dazu ausersehen ist, wenn wir nahe oder weit von der Heimat weilen, den Vermittler zu machen, unseren Verwandten, Freunden und Bekannten Grüße zu senden, ihnen eine bildliche Darstellung der Schönheit und der Reize unseres jeweiligen Domicils zu geben, dieselben mit der Lage und Bauart altehrwürdiger Städte vertraut zu machen und ihnen Denkmäler der Kunst zu veranschaulichen, wird von unseren Feinden und Widersachern dazu benützt, das Judenthum und die Judenschaft durch obscöne Karikirung dem Spott und Hohn preiszugeben. Die „O e st e r r e i ch i s ch e Wochenschrift* hat in ihrer letzten Nummer neuerlich auf den groben Nufug hingewiesen, der seitens der Antisemiten in Karlsbad mit dem antisemitischen Ansichtskartensport getrieben wird. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, muß jedoch hinzugefügt werden, daß sich der Weltcurort Karlsbad das Verdienst vindiciren darf, in dieser Richtung die Priorität zu besitzen und wie nirgends anderswo die reichhaltigste Collection dieser Spottbilder in die Welt gesetzt zu haben. Man kann es den Karlsbader Antisemiten nicht bestreiten, daß sie das richtige Berständniß dafür besitzen, wie wirk-