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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-07-25 · 30 (25.7.1902) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
30 (25.7.1902)
Date
1902-07-25
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Sette 494 Dr. Bloches Wochenschrift. Nr. 30 Ich kann die Einwanderungsfrage vor dieser Commission nicht als verhältnißmäßig unbedeutend anseben, als eine bloße Raumfrage oder als drohende llebervölkerung des Ostends. Was ich hiervon weiß, beschränkt sich auf die vor der Commission niedergelegten Aussagen, die weiter nichts beweisen, als daß hier, wie überall, wo unser Volk bedrückt wird, dieselben Kräfte thätig sind, die ich „die Macht des gemeinen Geschäftsneids, ererbten Vorurtheils und angeblicher Selbstvertheidigung" genannt habe. Wie immer man ihn verkleiden mag, der Ruf nach Einschränkung der Einwanderung ist hier aus der Anwesenheit einer größeren Anzahl von Juden entstanden und aus dem Wunsch, daß ihre Zahl nicht größer werde. Entgegen manchen Zeugen, die hier ausgesagt haben, bin ich nicht der Meinung, daß materielle Vortheile die Juden hieher ziehen. Es sind mehr die moralischen Vortheile, der Wunsch nach einem menschenwürdigen Dasein, nach leiblicher und geistiger Freiheit, die ihnen zur Zeit im Osten versagt ist. Es steht mir nicht an, zu sagen, ob die Einwanderung für England wünschenswerth ist oder nicht, es scheint mir als parteiischem Zeugen sogar, als wären die Fremden gerade wegen ihrer guten Eigenschaften, wie Nüchternheit, Sparsamkeit und Fleiß, ebenso unwillkommen, als wenn sie lasterhafte Gewöhnungen mitbrächten. Im Osten Europas wird die Lage der Juden von Tag zu Tag schlechter. Ich brauche nur an Rumänien zu erinnern, wo die Juden, oft nachdem sie jahrelang als Soldaten gedient, als „Fremde" aus ihrem Geburtsland ausgetrieben werden. Diese Thatsache wird noch tragischer durch den Umstand, daß die Juden mehr als andere Völker an ihrer Heimat hängen. Im Mittelhochdeutschen bedeutet das Wort „Elend" nicht nur den heutigen Begriff dieses Wortes, sondern auch „Verbannung". Für die Juden sind diese beiden Begriffe immer synonym gewesen. Unter diesen traurigen Verhältnissen muß die Zahl der Einwanderer in dieses Land natürlich zunehmen, und ich glaube, selbst Mr. Arnold White wird den flüchtigen Opfern der Verfolgungen den Eingang nicht verschließen. Wenn diese Anschauung festgehalten wird — und es wäre undenkbar, daß England anders handelt, — so bleibt der Zugang für unser Volk aus dem Osten offen. Daß hier in England bereits Unzuträglichkeiten bestehen, beweist das Tagen dieser Commiffion, und nur eine große Maßregel wird diese große Frage - regeln können, deren Lösung jedenfalls für die Juden selbst von größerer Bedeutung ist, als für die Leute, unter denen sie leben. Man hat zur Hebung des Uebels hier vorgeschlagen, die Juden zum Verlassen des zu dicht bevölkerten Ostends und zur Ansiedlung an anderen Orten Englands zu bestimmen. Das scheint mir ein sehr kurzsichtiges Heilmittel. Ich theile die Ansicht des Herrn Grünberg, der in einem Artikel des „Jüdischen Jahrbuchs" von diesem Vorschlag sagt, daß der Uebelstand, der heute nur an einem Orte zu Tage tritt, nach der Durchführung dieses Planes an verschiedenen Orten sich zeigen würde. Vor allen Dingen aber muß ich der unausgesprochenen Voraussetzung widersprechen, daß in jedem District nur eine bestimmte Anzahl von Juden sollte wohnen dürfen. Ich finde es ungeheuerlich, daß Juden selbst über die Mittel Nachdenken, ihre eigenen Brüder von gewissen Districten auszuschließen; sie verfolgen im Princip dieselbe Politik wie die Anhänger des Einwanderungsverbotes. Mich überrascht die Verzweiflung nicht, die die jüdische Gemeinschaft in England beim Anschneiden dieser Frage befallen hat. Ich selbst und verschiedene Anhänger unseres Gedankens in England haben in wiederholten Reden die englischen Juden auf den Stand der Dinge vergeblich aufmerksam gemacht und gewarnt, aber daß die Rathlosigkeit so groß ist, um die hiesigen Juden zu dem Vorschlag der Vertheilung der Eingewanderten in andere Districte zu bringen — das wundert mich doch. Dieser Vorschlag zeugt von demselben veralteten Geist, der die ganze jüdische Wohlthätigkeit kennzeichnet. Die jüdische Wohlthätigkeit laust immer noch in denselben Geleisen, die im Mittelalter breit scheinen konnten, die aber den veränderten Zuständen durchaus nicht gewachsen sind. In alten Zeiten waren die Veranstaltungen zur Unterstützung von durchreisenden, vertriebenen und durch die Vertreibung arm gewordenen Juden sehr gut eingerichtet, und die Gaben wurden um so williger gereicht, als der Schenkende von Heute sehr wohl wußte, daß vielleicht morgen er selbst schon der Bettler sein würde. Die wandernden Juden gingen dazumal von einem Ort zum andern, und ihre Unterstützung war nur für einen kurzen Weg, oft nur für eine Tagereise berechnet. Heute haben die Verkehrsmittel das Wohlthätigkeitssystem überholt, und die Londoner Wohlthätigkeit ist beispielsweise dafür verantwortlich, daß Juden aus Rußland nach Amerika auswandern wollen. Das alte System ist so unbrauchbar geworden, daß es nicht mehr dazu dient, den Armen zu helfen, und das Geld, das zur Unterstützung der Bedürftigen bestimmt gewesen, dazu benutzt wird, die armen Flüchtlinge wieder in ihre Heimat zurückzuschicken. So ist es vielen rumänischen Juden ergangen, die hieher gekommen waren und die sofort wieder in ihr Heimatland zurückgeschickt wurden, das sie als „Fremde" behandelt. Das nenne ich den Bankerott der jüdischen Wohlthätigkeit. Ihre Aufgabe wäre gewesen, die Juden aus schlechten in bessere Verhältnisse zu bringen, statt deffen hat sie sie aus besseren in schlechte gebracht. Ein weiterer Vorschlag zur Lösung der Judenfrage ist' die Assimilation. Man meint damit voraussichtlich nicht ein sclavisches Nachäffen der Sitten Anderer, sondern ein durch Mischehen erleichtertes allmäliges Aufgehen unseres Stammes in den breiten Strom der Völker, unter denen wir leben. Aber selbst wenn die Juden damit einverstanden wären — eine sehr gewagte Voraussetzung! — würden dann dieselben Leute, denen wir jetzt als Nachbarn schon unbequem sind, uns als Familienmitglieder wünschen? Und wenn sie erst so weit sind, unsere guten Eigenschaften anzuerkennen und ihre Vorurtheile aufzugeben — dann wären Assimilation und Mischehen überflüssig. Es bleibt also nur die Lösung, die ich in meiner Schrift „Der Judenstaat" angeregt habe. Natürlich würde ich heute nicht mehr dasselbe und nicht mehr in derselben Gestalt schreiben. Damals hatte noch kein Kongreß von Juden stattgefunden, seitdem haben wir fünf solcher Kongresse gehabt. Damals wußte ich noch nicht so viel wie jetzt aus direkten Mittheilungen von Juden, und damals schrieb ich ohne jede officielle Vollmacht. Aber das Hauptprincip ist geblieben: Die Lösung der Judenfrage besteht in der Anerkennung der Juden als Volk und in der Auffindung einer gesetzlich anerkannten Heimstätte. in die Juden aus jenen Ländern auswandern können, in denen sie bedrückt werden, denn dort würden sie eben in ihrer Eigenschaft als Juden als Bürger ausgenommen werden und nicht als Fremde. Das würde den Auswandererstrom von hier und von Amerika, wo er schon eine Last zu werden anfängt, ablenken und einem Land zuführen, dessen eigenes Interesse durch Unterbringung möglichst vieler Einwanderer gefördert würde. Wenn den Juden ihre rechtliche Stellung als Volk eingeräumt würde, so würden sie nach meiner Ueberzeugung eine ausgezeichnete jüdische Cultur entwickeln — nationale Charaktereigenschaften und nationale Bestrebungen —, daß sie einen bedeutenden Fortschritt der Menschheit fördern würde. Ich gebe zu, daß diese Seite der Angelegenheit den Aufgaben der Commission fern liegt; aber ich bin fest überzeugt, daß nichts die Lösung des der Commission vorliegenden Problems besser herbeiführen kann, als die Ableitung des vom Osten Europas immer stärker heranfluthenden Auswandererstroms. Die Juden im Osten Europas können dort nicht bleiben - wohin sollen sie sich wenden? Wenn sie hier nicht gewünscht werden, so muß ein anderer Platz gesucht werden, wo ihre Einwanderung nicht dieselben Mißstände hervorruft, wie hier. Diese Schwierigkeiten werden nicht vorhanden sein, wenn eine Heimstätte gefunden wird, die gesetzlich als jüdisch anerkannt wird/ Ich stelle der Commission anheim, ob sie nun die Lösung dieses Problems direct beeinflussen kann oder nicht, diese Angelegenheit in Betracht zu ziehen und ihre werthvolle Meinung darüber auszusprechen. Ich erkläre unumwunden, daß, soweit Juden in Betracht kommen, diese Lösung durchführbar und erreichbar ist, daß sie vor allem Anderen willkommen geheißen und der ernsten Mitwirkung aller jener sicher sein wird, deren hoffnungsloses Elend die Unzuträglichkeiten verursacht, mit denen Sie und sie selbst belästigt werden." Nachdem die Vorlesung dieser Ausarbeitung beendet war, richtete das Commisftonsmitglied Mr. Normann einige Fragen an Dr. Herzl. Er betonte zunächst, daß das Einwanderungsproblem von der Commission nicht als eine jüdische, sondern nur als eine volkswirthschaftliche Frage betrachtet wird, und fragte dann, ob Dr. Herzl die Einwanderung als günstig oder ungünstig für England erachte. Dieser antwortete, wenn er Engländer wäre, würde er die Einwanderung von fleißigen, nüchternen und sparsamen Leuten nicht für unerwünscht halten. Auf die Frage, ob die großen jüdischen Wohlfahrtseinrichtung.n Londons eine Anziehungskraft für die Ausländer bedeuten, meinte Dr. Herzl, das wäre wohl möglich. Er habe vom humanen Standpunkt aus die größte Anerkennung für die jüdische Wohlthätigkeit, vom politischen Standpunkt aber würde er für richtiger halten, wenn die reichen Juden ihr Geld für einen allgemeinen Wohlfahrtszweck hergeben. Als eine Folge der weiteren uneingeschränkten Einwanderung nach England befürchte er den Ausbruch von judenfeindlichen Gefühlen, die bisher in diesem Lande unbekannt gewesen. Die Vertheilung der Juden auf verschiedene Bezirke scheine ihm eine russische oder reaktionäre Maßregel, die schon deshalb nicht durchführbar sei, weil der auf den Rath eines Anderen in einen anderen Wohnort Verziehende annehmen wird, jener Andere habe jetzt für seinen Unterhalt zu sorgen. Die Juden haben eine natürliche Neigung zur Assimilirung; aber die Geschichte der Juden beweist, daß, sobald sie in einem Land sich assimilirt und alle Freiheiten erlangt haben, der Antisemitismus auftritt und ihre Verfolgung veranlaßt. So war es z. B. im fünfzehnten Jahrhundert in Spanien. Noch einmal darüber befragt, ob nach fet ter Meinung eine verstärkte Einwanderung von Juden eine Last und Störung für das Land bedeuten würde, sagt Dr. Herzl, daß dies nicht allein bei jüdischen Einwanderern der Fall ist. In den Jahren 1892—^8 sind in Frankreich ernste Unruhen vorgekommen, weil der große Zufluß von italienischen Arbeitern auf die Löhne drückte. „Sie sind der Ansicht", fragte Mr. Normann weiter, „daß die Commission, da sie überhaupt zusammengetreten ist, etwas thun muß und die so begonnene Abwehr auch fortsetzen muß?" „Die Abwehr oder die Abhilfe. Die beste Hilfe und die wirksamste Abwehr wäre eine großherzige Maßregel, die ich Ihnen zur Begutachtung vorlegen möchte. Es ist sehr zu loben, daß die Commission sich bemüht, eine Lösung für die Schwierigkeit zu finden, während man in Amerika einfach die Thüren zumacht." Major Gordon übernimmt jetzt die Befragung des Zeugen und macht ihn darauf aufmerksam, daß nach den Mittheilungen des Herrn N. L. Joseph, Vorsitzenden des anglo-russischen Hilfsvereins, die wenigsten bei diesem Verein Hilfe suchenden Russen Zugaben, daß sie in ihrer Heimat „verfolgt" werden. Dr. Herzl antwortet, es habe in Rußland gewisse Perioden von Judenverfolgung gegeben; der be-

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