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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-07-25 · 30 (25.7.1902) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
30 (25.7.1902)
Date
1902-07-25
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 30 Dr. Bloches Wochsnschrifk. Seite 493 Me englische Ginwnndernngscommisfion. In der vergangenen Woche hat der Zionistenführer Doctor Theodor Herzl aus Wien vor der Einwanderungscommission seine Ausführungen gemacht, die wir weiter unten wiedergeben. Vorher sind noch aus früheren Sitzungen die Angaben verschiedener Zeugen nachzutragen. Der schon vorher einmal befragte Arzt der Sanitätspolizei, Dr. Shirley Murphy, war noch einmal vorgeladen worden, um seine Meinung über den allaemeinen Gesundheitszustand der Einwanderer und über die Möglichkeit darzulegen, die Einschleppung ansteckender Krankheiten zu verhindern. Doctor Sh. Murphy sagte, daß er die Zurückweisung von Ausländern nur befürworten könne, wenn diese an Cholera oder Bubonenpest erkrankt sind; alle anderen Krankheiten, auch die sehr ansteckende sogenannte egyptische Augenkrankheit, würde er bei den Fremden genau so behandeln, wie bei Inländern, er würde die Kranken in die entsprechenden Krankenhäuser bringen und dort pflegen und heilen lassen. Sie wegen ihrer Krankheit in die Heimat zurückzubefördern, ginge nicht an. Seiner Erfahrung nach haben die Fremden noch niemals eine Epidemie ins Land gebracht, selbst der in Rußland immer herrschende Typhus ist von den russischen Einwanderern niemals eingeschleppt worden. Die Ueberfüllung der Wohnhäuser ist in dem von den italienischen Einwanderern bewohnten Stadttheil Soffron Hill ebenso stark wie im Ostend, und auch hier ist merkwürdigerweise die Sterblichkeitsziffer niedriger als in den englischen Arbeitervierteln, Als Mittel gegen die Ueberfüllung des Ostends und zur besseren Controle der durchreisenden Auswanderer schlägt Dr. Sh. Murphy vor, daß die Ankömmlinge, die an keine bestimmte Wohnung in London adressirt sind, von der Behörde in eigens dafür hergerichteten Asylen untergebracht werden müßten. Die Kosten müßten von den Fremden getragen werden, eventuell von den die Schiffskarten verkaufenden Agenten eingezogen und von diesen gleich mit dem Ueberfahrtspreis erhoben werden. Die Möglichkeit einer solchen Controlirung der Einwanderer ist zur Zeit der Choleraepidemie in Hamburg erwiesen worden; damals wurde auf jedem in englischen Häfen landenden Hamburger Schiff eine scharfe Controle ausgeübt und hat sich glänzend bewährt. Der Vorsitzende Lord James resumirte zum Schluß die sehr ausführlichen Darlegungen des Sanitätsarztes in folgenden Worten: „Wenn ich Ihre Aussage richtig verstanden habe, so finden Sie in der Einwanderung — ausgenommen die drohende Uebervölkerung des Districts Stepney — keinerlei Nachtheil für unser Land?" „So ist es, my Lord." „Und wenn bei Ankunft eines Schiffes die Sanitätsbehörde das Vorhandensein von Krankheiten feststellt, würden Sie die Erkrankten, mit alleiniger Ausnahme von Pest- oder Cholerakranken, in ein Krankenhaus schicken, ganz wie bei eingeborenen englischen Unterthanen?" .Ja wohl!" Der nächste Zeuge ist der dreiundsiebzigjährige Polizeibeamte Mr. Wallmer, der seit 40 Jahren im Ostend lebt. Er bekundet, daß die Einwanderer in den letzten Jahren die heimische Bevölkerung aus dem Ostend verdrängt haben, daß die Steigerung der Miethen zur Ueberfüllung der Häuser führe, weil die Miether aus eigenem Verdienst die hohen Miethen nicht zahlen könnten und deshalb Aftermiether ins Haus nehmen müßten. Antisemitismus läge ihm und allen Gegnern der Einwanderung vollständig fern. Dasselbe betont der nächste Zeuge, ein Häuser- und Versicherungsagent G. A. Dix. Auch er lebt seit Jahren im Ostend und hat den theilweisen Wechsel in der Bevölkerung dieses Stadttheils mitgemacht. Er ist gegen die nothwendige Vermehrung der Polizei-Jnspectoren zur Verhinderung der Ueberfüllung der Wohnungen, denn die Kosten dafür würden die ohnehin schon hohen Steuern noch weiter erhöhen. Vor 5—6 Jahren habe er in Coopers Hall im Ostend einer Versammlung von Einwanderern beigewohnt, in der sehr energisch der Socialismus gepredigt wurde. Lord Rothschild macht den Redner darauf aufmerksam, daß das erwähnte Local schon vor 8 Jahren geschlossen worden ist; vorher sind dort allerdings Zusammenkünfte von Socialisten abgehalten worden, aber die jetzigen Erhebungen haben mit dem heutigen Zustand der Dinge zu thun, nicht mit dem von vor zehn Jahren. Auch in anderen Aussagen werden dem Zeugen Ungenauigkeiten und Unrichtigkeiten nachgewiesen. Der Armen- und Jmpfarzt Dr.kRygate sagt aus, daß die fremden Ankömmlinge gewöhnlich in ziemlich schmutzigem Zustande sind, auch ihre Wohnungen sind im Anfang unsauber und unordentlich, aber in ein bis zwei Jahren, vielfach auch früher, gewöhnen sie sich an Ordnung und Reinlichkeit und halten ihre Wohnungen ebenso nett, wie die Inländer. Krankheiten haben die Fremden seines Wissens nicht ein geschleppt, sie befinden sich im Durchschnitt in ziemlich gutem Nährzustand. Der Ueberfüllung der Häuser müßte durch Anstellung weiterer Jnspectoren — je einer für 1000 Wohnhäuser — und durch energische Anwendung der vorhandenen Gesetze und Polizeivorschriften gesteuert werden. Ueber den Zustand der avkommenden Einwanderer sagt auch der im Londoner Hafen angestellte Jnsvectionsarzt Doctor Williams aus, daß die Leute zwar mager und überarbeitet, auch traurig und bedrückt, aber selten krank und leidend sind. Die bei der Jnspection der in London landenden Schiffe als krank befundenen Passagiere werden sofort einem Krankenhaus überwiesen. Die Schiffscapitüne versuchen oft, Krankheitsfälle zu verbergen. Ein aus Smyrna angekommener Capitän z. B. sagte: „Alles wohl an Bord, nur er selbst und ein Passagier wären etwas erkältet gewesen". Dieser Capitän und der Passagier wären aber noch pockenkrank gewesen, hätten in ein Hospital gebracht und das ganze Schiff desinficirt werden müssen. Wenn „Erkältungen" bei Schiffspaffagieren zugestanden werden, müßte man immer mißtrauisch sein und fände gemeinhin ernstliche Erkrankungen vor. Dr. Williams meint, alle Passagiere müßten am Ausgangshafen vor Besteigung der Schiffe ärztlich untersucht und Pocken- und ähnliche Kranke vor ihrer Abreise im Krankenhaus untergebracht werden. Außerdem müßten die zuständigen Hafenbehörden jedes Landes darauf sehen, daß die für Auswanderer bestimmten Schiffe geriügenden Raum und anständige, saubere Einrichtungen für ihre Passagiere bieten. Zu der Sitzung, in der Dr. Th. Herzl der Commission seine Meinung über die Einwanderung vorzutragen beabsichtigte, hatten sich zahlreiche Zuhörer besonders aus dem Ostend eingefunden und mit Ausnahme des Mr. Lyttleton waren alle Commissionsmitglieder anwesend. Dr. Herzl hat ein in englischer Sprache abgefaßtes Promemoria eingereicht, das nach Eröffnung der Sitzung von Major Gordon verlesen wurde. Major Gordon, der vorzüglich deutsch versteht und spricht, hat während des der Verlesung folgenden sogenannten Kreuzverhörs wiederholt Herrn Dr. Herzl, der sich wegen seines mangelhaften Englisch entschuldigte, mit fehlenden Ausdrücken ausgeholfen oder ihm einzelne Fragen genauer erklärt. Aus Dr. Herzl's Memorandum geben wir den weserltlichsten Inhalt in Folgendem: „Ich bin österreichischer Unterthan, habe vor sieben Jahren in Paris gelebt, mich dort mit der Lage der Juden in Europa beschäftigt und davon einen so gewaltigen Eindruck bekommen, daß ich ein Buch schrieb unter dem Titel „Ter jüdische Staat". Es war damals weder meine Absicht, dieses Buch zu veröffentlichen, noch irgendwie in eine politische Bewegung einzutreten. Der erste Zionistencongreß hat 1897 in Basel stattgefunden und ich bin damals wie auf jedeni späteren Eongreß zum Vorsitzenden gewählt worden. Meine Stelle als Haupt der Zionistenbewegung bringt mich in nahe Berührung mit Inden ans aller Herren Länder und ich bin folglich mit allen Angelegenheiten vertraut, die das Judenthum im Allgemeinen und an einzelnen Plätzen betreffen. Zu meinem Bedauern muß ich sagen, daß es mit dem Judenthum heute schlechter bestellt ist, als da ich vor sieben Jahren meine Broschüre herausgab. Um nur das Eine anzuführen: Damals war in England noch nicht die thatsächliche oder vermeintliche Nothwendigkeit vorhanden, eine Einwandernngscommission einzusitzen. Ohne Ueberhebung darf ich sagen, daß ich bei der Veröffentlichung meines „Judenstaat" die heutige Jndennoth in England vorausgesehen habe, denn in diesem Buche heißt es: „Die Judenfrage besteht überall da, wo Inden in bemerklicher Zahl leben. Wo sie noch nicht besteht, wird sie von den einwandernden Inden im Laufe der Zeit hingetragen. Wir wenden uns natürlich nach solchen Ländern, wo wir nicht verfolgt werden, und dort bringt unsere Anwesenheit die Verfolgung mit sich. Dies ist in jedem Lande der Fall. und wird selbst in den civilisirtesten Ländern so bleiben — Frankreich nicht ausgenommen, — bis die Judenfrage eine Lösung auf politischer Grundlage erfährt. Die unglücklichen Juden tragen jetzt den Antisemitismus nach England; in Amerika haben sie ihn bereits eingeführt." . Die Thatsache, daß zum ersten Mal seit Cromwell's Zeiten eine größere Anzahl von Inden hier lebt, ist der wahre Grund für die Zusammenberufung dieser Commission, deren Zusammentreten allein schon eine nicht unbedeutende Schwierigkeit geschaffen hat. Empfiehlt die Commisslon eine Einschränkung der Einwanderung und wird diese vom Parlament gesetzlich gutgeheißen, so bricht England mit dem großherzigen Princip, den Bedrückten eine Freistatt zu bieten, während thatsächlich die Bemühungen zum Fernhalten der Einwanderer nur geringen Erfolg haben könne!'.. Werden einschränkende Gesetze der Commission nicht empfohlen, so wird dies em Beweggrund mebr für die Ausländer sein, England zum Ziel ihrer Answanderi'ng zu machen.

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