Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 30 (25.7.1902)
- Date
- 1902-07-25
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 492 Dr Bloches Wochvnfchrifk. Nr. 30 Der angebliche Brief eines Osficiers, der als Bataillons- Adjutant und als Lehrer der Einjährig-Freiwilligen-Abtheilung fungirt haben soll, stellt sich übrigens aus den ersten Blick schon als eine offenkundige Fälschung dar. Wie sollte ein österreichischer Ofstcier so ehrlos sein, das Andenken des verewigten Kronprinzen zu verunglimpfen, wie sollte ein österreichischer Öfficier so ehrlos sein, von sich selbst zu sagen, er habe den Wunsch, nicht nach Gerechtigkeit zu Prüfen, sondern Candidaten ohne Rücksicht auf ihr Wiffen und Können durchfallen zu lassen, als „ein Fressen" für sich betrachtet. Der angebliche Öfficier erzählt auch dem „Deutschen Bolksblatt," er habe alle Hebel in Bewegung gesetzt, um diesem Wunsche zu entsprechen, aber es sei ihm dies leider nicht ganz gelungen. Er beschuldigt sich also selbst unlauterer Umtriebe, um das Prüfungsresultat zu fälschen, einer empörenden Ungerechtigkeit, eines Mißbrauches seiner Stellung als Lehrer zur Befriedigung persönlicher Gehässigkeiten. Ein Individuum, das so handeln würde, sei es aus lakaienhafter Liebedienerei oder seiner antisemitischen Gesinnung wegen, würde vom Officiersehrenrath mit Schimpf und Schande aus der Armee ausgestoßen werden! Begreift man nunmehr, welche ungeheuere Felonie das „Deutsche Volksblatt" begangen hat und daß dieser, wie wir ohneweiters behaupten, vollständig erdichtete Brief eines angeblichen Osficiers, nicht allein eine das Gefühl jedes Oesterreichers verletzende Beleidigung des verewigten Kronprinzen, sondern auch eine nichtswürdige Schmähung des Officierscorps involvirt? Die Thatsache, daß der Brief erdichtet ist, ließe sich übrigens nicht schwer feststellen, denn der Kreis der Personen, denen zugemuthet wird, daß eine von ihnen denselben geschrieben haben könnte, ist ein ziemlich eng begrenzter. Der angebliche Briefschreiber sagt, daß er im Jahre 1889 Oberlieutenant in einem Infanterieregimente gewesen, das in der Franz Josefskaserne lag. Das Regiment ist also leicht zu eruiren, und die Untersuchung kann sich nur auf sehr wenige Oberlieutenants beziehen, die damals Bataillonsadjutanten und Lehrer in der Einjährig-Freiwilligen-Abtheilung gewesen sind. Innerhalb weniger Tage müßte sich also entweder die Identität des Briefschreibers oder, und nur das kann unserer Ueberzeugung nach herauskommen, die Thatsache Herausstellen, daß keiner der in Betracht kommenden Officiere einen solchen Brief an das Berganiblatt geschrieben hat. Eine solche Untersuchung wird weder viel Zeit noch Mühe verursachen, und sie wird voraussichtlich gepflogen werden. Die Ehre des österreichischen Officierscorps kann es nicht zulaffen, daß ein Mitglied desselben erklärt, es sei von maßgebendster Stelle der Wunsch ausgesprochen worden, bei der Prüfung nicht nach dem Wiffen der Schüler, sondern nach ihrer Religion zu entscheiden, und daß ein Öfficier öffentlich erklärt, er habe alle Hebel in Bewegung gesetzt, um einen solchen Mißbrauch seiner Amtsgewalt durchzusühren, allein es sei ihm leider nicht ganz gelungen. Nicht blos das Datum und die Zeitfolge der Ereignisse im Jahre 1889, sondern die ganze Mache des Briefes zeigt alle Merkmale echt Verganischer Fälschung und Lumperei. Die Gesellen vom „Deutschen Volksblatt" freilich finden es ganz plausibel und wünschenswerth, daß k. k. österreichische Officiere, wenn es sich um die Unterdrückung vorl Juden handelt, an das Recht und an die Ehre vergessen. Das gegebene Beispiel soll die nützliche Anregung geben, es ebenso zu machen, und je höher stehend und vornehmer die Persönlichkeiten sind, die von den antisemitischen Buschkleppern in das schmutzige Bereich ihrer eigenen Moral herabgezogen werden, desto größer die Wirkung auf sein Publicum, die das Antisemitenblatt sich von der begangenen Infamie verspricht. Angesichts der wahrlich nicht von irgend einem Commandanten oder Öfficier, sondern nur vom „Deutschen Volksblatt" gehegten Meinung, man müsse bei Prüfungen „alle Juden durchfallen lassen", verstehen wir auch die Haltung des Berganiblattes in einer Prüfungsaffaire, die in den letzten Tagen großes Aussehen machte und der wir im Nachstehenden wenige Worte widmen wollen. * * * Am Erzherzog Rainer-Gymnasium in der Sperlgasse sind von 36 Abiturienten 12 bei der Maturitätsprüfung durchgefallen. Dieses überaus ungünstige Ergebniß, in eklatantem Widerspruche stehend mit den Prüfungsresultaten früherer Jahre an der genannten, eines ausgezeichneten Rufes sich erfreuenden Lehranstalt, ist allgemein ausgefallen. Es wurde berichtet, daß der Herr Schulinspector Stanzer, der heuer zum erstenmale am Sperlgymnasium als Prüfer fungirte, überaus strenge seines Amtes waltete und den jungen Leuten nicht Zeit gab, über die ihnen gestellten Fragen nachzudenken. Sobald ein Schüler nicht augenblicklich die Antwort gab, die er einige Secunden später vielleicht richtig hätte ertheilen können, war der betreffende Student durchgefallen. Auf einem der Durchgesallenen machte dies eine so erschütternde Wirkung, daß er ohnmächtig niederfiel, von der Freiwilligen Rettungsgesellschaft nach Hause gebracht werden mußte und erst nach 23 Stunden aus seiner tiefen Bewußtlosigkeit erwachte. Gerade dieser Schüler war bei den Professoren der Anstalt als fleißiger und tüchtiger Student bekannt und beliebt. In der Presse wurde diese Angelegenheit besprochen und daran die Folgerung geknüpft, daß die Maturitätsprüfung für die Studirenden, die acht Gymnasialclassen mit Erfolg absolvirt haben, eine unnütze Quälerei bedeute und abzuschaffen sei. Den Professoren, die einen Schüler acht Jahre hindurch führen und unterrichten, könne man auch ruhig das Urtheil überlassen, ob er reif für tie Hochschule sei oder nicht. Nun meldet sich plötzlich das Vergani-Blatt als Vertheidiger des Herrn Inspektors Stanzer und behandelt den Faw als antisemitische Parteisache. Die Judenblätter, sagt das antisemitische Organ, hätten sich der Sache bemächtigt, weil die durchgefallenen Studenten Juden sind. Auch jener Student, der „sich lautlos Zusammenstürzen ließ". Zunächst sei festgestellt, daß über die sensationellen Vorgänge am Sperlgymnasium zu allererst nicht von einem „Judenblatt", sondern von der „Ostdeutschen Rundschau" des Herrn K. H. Wolf berichtet wurde, jenem Blättchen, das in ordinärer Judenhetze ein Concurrent des „Deutschen Bolksblatt" ist. In keinem einzigen Blatte war etwas erwähnt davon, ob die durchgefallenen Schüler Juden oder Christen sind, und mil keinem Worte wurde auch nur im Entferntesten die Möglichkeit angedeutet, als ob Herr Jnspector Stanzer, dessen Prüsungsmethode und dessen Strenge die Zustimmung der Professoren nicht gefunden hat, gerade die jüdischen Schüler strenger behandelt hätte, als die christlichen. Erst das „Deutsche Bolksblatt" wußte auch hier wie in jeder Sache den Judenpunkt herauszufinden. Das gehört zum System. Die Tvuareks, die den Antisemiten Mores ermordet und beraubt haben, waren hiezu von Juden begangen worden, und wenn in Budapest Verbrechen an Kindern begangen werden, so geschieht das in „Jud apest"undbeiden „Judäo- Magyaren". Am Sperlgymnasium haben seit dessen Bestände viele Hunderte jüdischer Schüler ihre Studien erfolgreich beendet. Niemals hatte die „Judenpresse" Anlaß, über dieses Gymnasium zu schreiben, bis zu diesem Jahre, zn welchem Herr Inspektor Stanzer eine so außerordentliche Strenge bekundete. Wir haben darüber nur zu bemerken, daß Herr Jnspector Stanzer dagegen, daß das „Deutsche Volksblatt" ihn in Schutz nimmt, mit aller Entschiedenheit prvtestiren sollte. In diesem Blatte wird es ja beifällig empfohlen, jüdische Einjährig-Freiwillige, ohne Rücksicht auf ihre Fähigkeit und ihre Kenntnisse, alle durchfallen zu lassen. Warum nicht auch die jüdischen Abiturienten? Das Eine ist genau so correct und so ehrenhaft, wie das Andere. Wenn ich der Jnspector Stanger wäre, ich würde es mit aller Entschiedenheit ablehnen, vom „Deutschen Bolksblatt" vertheidigt zu werden, weil ihn dies in den entehrenden Verdacht der Gesinnungsgleichheit mit dem „Deutschen Volksblatt" bringen könnte. Der verdächtige Eifer des Berganiblattes macht einen sehr unangenehmen Eindruck und ist ein neuerlicher Beweis dafür, wie das antisemitische Treiben das ganze sociale Leben vergiftet und mit häßlichem Verdacht erfüllt. Anderswo würde man ruhig und sachlich erwägen, ob nicht der Prüfer wirklich zu strenge war, oder ob es nicht endlich die höchste Zeit wäre, die Maturitätsprüfung abzuschaffen. Bei uns zu Lande stehen die Dinge ganz anders. Christ oder Jude? so steht die Frage, und je nach der Antwort soll die Entscheidung fallen — nach dem Wunsche der Antisemiten nämlich. Die Fabrikation der Zuschrift eines angeblichen Officiers, der mit Begeisterung daran gegangen sein soll, die Einjahrig-Freiwilligen wissentlich ungerecht zu classificiren und die Verhöhnung eines unglücklichen Studenten, der bei der Matura bewußtlos niederstürzt, das sind zusammenhängende und lehrreiche Erscheinungen in der Welt der antisemitischen Cultur und der antisemitischen Moral. 18 e g r i m.