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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-07-18 · 29 (18.7.1902) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
29 (18.7.1902)
Date
1902-07-18
Page
– (sequence 14)
Language
German
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MWWWW m Sette 486 Dr. Llvch's Wochenschrift Nr. 29 Furcht erschien. Aus der auf der Galerie befindlichen Frauenabtheilung drangen Jammertöne, gemischt mit Weinen und Schluchzen, herab. Biele Männer hüllten ihr Gesicht ganz mit dem Tales ein, um ihre verquellenden Thränen zu verbergen. Selbst Kinder, welche sich keinen Begriff von der entstandenen Situation machen konnten, blickten verschüchtert und scheu umher, als ahnten sie das Traurige, das hier vorgefallen ist. Nie noch hatten die Töne des Schofar so schauerlich geklungen, wie an diesem Roschhaschunu. Die Worte des Propheten schienen auf diesen Tag und diese Gemeinde gemünzt zu sein: „Wenn die Posaune erschallet, wird das Volk nicht erbeben?* Wie die Posaune des Weltgerichtes hat der Schosarschall auf die ganze Gemeinde gewirkt, strafend, zur Reue und Buße gemahnend. Wie gebrochen wankte der Maftirsager zu seinem am untersten Ende des Bethauses befindlichen Sitz zurück, während der Rabbiner die Kanzel bestieg, um das Neujahrsfest wie alljährlich zu begrüßen und seiner Bedeutung gemäß zu feiern. Seine wohleinstudirte Festrede war aber heute nicht mehr am Platze. Die entstandene Situation zu klären, um die ängstliche Sorge von den Herzen seiner Zuhörer zu verscheuchen, mußte er andere Worte wählen, als er sie für seine heutige Predigt vorbereitet hatte. Er begann aus dem Stegreife ungefähr folgendermaßen zu sprechen: Meine Brüder und Schwestern! Laßt Euch die Festesfreude nicht stören durch das Ereigniß, welches eingetreten ist, laßt Euer Gemüth nicht ganz von Bangigkeit umgarnen! Ja, es ist wahr! Unsere Krone ist jetzt vor unseren Augen in den Staub gesunken, aber nur die äußere Hülle dieses eigentlichen Juvels. Das eigentliche Kleinod, das Wort Gottes, welches es enthält, das kann nicht erniedrigt werden, das kann nicht gedemüthigt zu Boden sinken, das lebt aufrecht in unserem Herzen fort. Damit es aber ewig in unserer Mitte fortlebt und uns überdauere, wenn wir nicht mehr sind, so ist es nothwendig, daß es auch in dem Herzen unserer Kinder festen Fuß finde. Um das zu erreichen, muß eine Stätte geschaffen werden, wo unseren Kindern das Wort Gottes unablässig gelehrt werde. Der Gründung einer solchen Stätte, einer Talmud-Thoraschule, wie sie schon lange angestrebt wird, ist bis jetzt der Mangel der nöthigen Geldmittel entgegengestanden. Jetzt soll es anders werden. Wenn der Unfall, der jetzt hier sich zugetragen hatte, zu ein^r anderen Jahreszeit geschehen wäre, so hätte ich für einen Ta g der nächsten Woche einen allgemeinen Fasttag festgesetzt. Da aber der große Fasttag, der allgemeine Versöhnungstag bevorsteht, ist dies nicht gut thunlich. Deswegen schlage ich vor, daß jedes Mitglied unserer Gemeinde, männliche und weibliche, Erwachsene sowohl wie Kinder, hier Anwesende wie Abwesende eine Summe im Betrage eines halben Schekel Silber als Pidjan Nefesch, zu Händen des Gemeindevorstandes erlegen solle. Der Reiche soll nicht mehr, der Arme nicht weniger geben. Beim Baue des Heiligthums ist der Ertrag des halben Schekel dazu verwendet worden, um die silbernen Füße desselben als Stütze des Ganzen zu beschaffen. Auch uns soll der Erlag eines halben Schekels per Person dazu behilflich sein, die Grundvesten unserer Religionsgenoffenschaft herzustellen, die Säulen, worauf unsere Zukunft ruht, das Wissen und die Religiosität unserer Kinder nämlich. Meine Andächtigen, fuhr der Redner mit immer steigender Begeisterung fort, unser Herz zagt und bebet vor Angst, welche unseligen Folgen dieser am heutigen Neujahrsfeste entstandene Unfall nach sich ziehen werde. Es ist heute nicht an der Zeit, Euch einen gelehrten Vortrag über Ursache und Wirkung im Allgemeinen zu halten; ich bin nicht vorbereitet dazu, und Ihr hättet auch nicht die Gemüthsruhe, um meinen Auseinandersetzungen zu folgen. Deswegen kann ich nur zu Euerer Beruhigung Eines sagen: Das heutige Mussafgebet gibt Euch mit kurzen Worten die Mittel an die Hand, wie allen bösen Folgen vorzubeugen ist. Es sagt: Reue und Buße, inniges Gebet, sowie Wohlthätigkeit wenden das böse Verhängniß vom Menschen ab. An Euch liegt es also, dahin zu wirken. Thut Buße mit zerknirschtem Herzen, wendet Euch in inbrünstigem Gebete zu unserem gnadenreichen Gotte und bringet Opfer dar, für das gute Werk, welches wir mit Hilfe des halben Schekel ins Leben rufen wollen. Wenn jemanden von uns eine Sünde drückt, von der er annimmt, daß sie mit Schuld trägt an den traurigen Ereignissen des heutigen Tages — und wo lebte der Mensch, der immer nur Gutes thäte, ohne je zu sündigen? dieser trete also im Geheimen zu der in der Vorhalle unserer Synagoge angebrachten Matan besseser-Büchse und lasse als Lösegeld je nach seinen Bermögensverhältniffen und der Größe seiner Verschuldung einen kleineren oder größeren Betrag hinein. Diese Gelder mitsammt dem Ertrag des halben Schekel sollen den Grundstock zu unserer Talmud-Thoraschule bilden und uns mit unserem Gewissen und unserem Gotte versöhnen. Ein lautes Beifallsgemurmel belohnte den Redner dafür, daß er mit seinen kräftigen Worten die Beruhigung der Gemeinde bewirkt habe. Kaum war das Neujahrsfest vorüber, als jeder Familienvater die Häupter seiner Lieben abzählte, um für jedes den Obolus in Gestalt eines halben Schekel, in gangbare Münze umgerechnet, zu entrichten. Aber auch viele, wenn nicht gar alle, schlichen ungesehen zur Maten besseser-Büchse, um ein Sühnegeld dort niederzulegen. Dies thaten nicht nur die Familienoberhäupter allün, sondern auch ihre Frauen, Söhne, Töchter, Jeder fühlte sich von irgend einer oder mehreren Sünden bedrückt, für die sie ein Sühnegeld entrichten sollten. Ja, selbst Kinder trugen mit Stolz die von ihren Eltern zu diesem Zwecke erbettelten Kupfermünzen herbei, um in der allgemeinen Begeisterung nicht zurückzustehen, und rühmten sich untereinander der Sündenzahl, die sie begangen hatten. So waren acht der Bußetage verstrichen. Am Erew Jom Kipur, nach dem ausnahmsweise schon um 1 Uhr Nachmittags verrichteten Minchagebete, als die Gemeinde das Bethaus verlassen hatte, waren daselbst drei Männer zurückgeblieben. Es war der Rabbiner, der Cultusgemeindevorsteher und der Synagogenvorsteher, welche sich anschickten, die bis zum Rande gefüllte Büchse zu öffnen und den Inhalt zu cvnstatiren. Neben unansehnlichen Kupfer- und Silberscheidemünzen befanden sich viele größere Silberstücke darin, auch blinkten einige Ducaten und selternere Goldmünzen hervor. Aber was war das? Sorgfältig zusammengelegt lag auch eine größere Banknote in der Büchse, welche sich bei näherer Besichtigung als eine Tausendgulden-Banknote erwies. Nachdem die beiden Vorsteher ihre Verwunderung über diese unerhört große Geldspende ausgesprochen hatten, sagte der eine von ihnen, sich voll Befriedigung die Hände reibend: Nun ist die Ausführung unseres Unternehmens gesichert; dieser Tausender hilft dazu. Bedächtig das Haupt schüttelnd, meinte der Andere: Diese große Summe stammt offenbar von einem großen Sünder her. Es ist jetzt die Frage, ob wir ein solches Sündengeld annehmen und zu dem heiligen Zwecke, den wir beabsichtigen, verwenden dürfen. Es gibt Fälle, wo das verboten ist. Was glauben Sie, Herr Rabbiner? Dieser war bei Ansichtigwerden der Banknote erblaßt und ganz bestürzt geworden. Mit bewegter Stimme sprach er: Ein größerer Sünder, als dieser unbekannte Spender bin ich selbst. Ich habe die Warnung unserer Weisen außer Acht gelassen : Seid vorsichtig in Euerem Vortrag, Ihr Lehrer, auf daß Ihr nicht an einen Ört kömmt, wo trübes Wasser ist; Euere Schüler könnten Euch Nachfolgen, davon trinken und daran sterben. Ich habe, wenn auch in der besten Absicht, einen oder viele Menschen glauben gemacht, daß sie durch Entrichtung eines Geldopfers von ihrer Sünde befreit werden, ohne durch Reue und Gebet ihre Entfündigung herbeizuführen. Ich war nicht vorsichtig genug in meiner Erklärung, und so habe ich wider Wlllen wie ein Ablaßkrämer gehandelt. Zu meiner Rechtfertigung vor Ihnen, meine Herren, diene der Umstand, daß ich der Eingebung des Augenblickes gefolgt bin, ohne mir Zeit zum Nachdenken zu gönnen, ohne auch mit Ihnen, den Vertretern der Gemeinde, für die ich diese Verfügung getroffen habe, Rücksprache genommen zu haben, wie es in der Ordnung gewesen wäre. Jetzt fühle ich, daß ich unbedacht gehandelt habe und durch ungenügende Erklärung eine falsche Ansicht über die Art und Weise des Sühnegeldes entstehen ließ. An mir ist es jetzt, meine Fehler zu bereuen und so weit es thunlich ist, zu verbessern. Tags darauf, am Versöhnungstage, berührte der Rabbiner in seiner Predigt wieder die Stelle, welche er am Neujahrstage als Text angewendet hatte und betonte, daß die Mildthätigkeit bei der Sühne erst in dritter Reihe stehe, daß diese dann erst Erfolg haben kann, wenn ihre wirkliche Buße, d. i. Bereuen der begangenen Sünden vom festen Vorsatze begleitet, sie nie mehr wieder zu begehen, sowie inniges Gebet um Vergebung vorangehet. Während der Prediger mit bewegter Stimme diese Belehrung ertheilte, durcheilten die Blicke der Vorsteher die vorderen Reihen der Sitze, welche von den reichsten Gemeindemitgliedern eingenommen waren, um die Wirkung der Predigt auf Letztere zu beobachten. Die Herren Vorsteher nahmen an, daß nur einer von diesen der Spender der Tausendguldenbanknote sein könne,

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