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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-07-18 · 29 (18.7.1902) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
29 (18.7.1902)
Date
1902-07-18
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nl 29 Dr. Blvch's Wochsnfchrifk. Seite 485 s ä m m t l i ch e Handlungen in der Stadt geschlossen und auch die christlichen Einwohner genöthigt waren, iyre Einkäufe für Samstag und Sonntag schon Freitag zu besorgen. Die Staats-- und Communalbeamten feierten den Sabbath durch Ruhe, Ausflüge, Jagden, weil an diesem Tage keine Parteien erschienen. Außer den Beamten gab es an Christen nur noch einige Schullehrer, Schuster, Maurer, Schmiede und Kaminfegers Der katholische und ruthenische Pfarrer sollen ebenfalls keine Inden gewesen sein. Im Ganzen war das Berhältniß wie Eins zu Elf. Die jüdische Bevölkerung erhielt einen fortwährenden Zufluß aus dem benachbarten Rußland, wo unter Nckolaus I. Juoenknaben zur Erziehung für den Militärdienst ausgehoben wurden, deren Eltern daher zahlreich nach Brody flüchteten und sich dort bleibend niederließen, ohne molestirt zu werden. Der berühmte französische Schriftsteller Balzac passirte einst, auf seiner Hochzeitsreise nach Rußland, Brody und blieb da, um das Consularvisa einzuholen und Pferde zu miethen; es war an einem Versöhnungstag. Balzac war entsetzt. Die Straßen verödet, kein Mensch zu sehen; die Thüren und Fenstertäsen geschlossen; kein Laden, kein Wirthshaus, keine Schänke geöffnet; die Stadt wie ausgestorben! Als er im russischen Consulat den Grund dieser Todtenstille erfuhr und daß er überhaupt vor dem nächsten Tage weder Pferde noch Fuhrleute bekommen könne, ging er in jenen Stadttheil, wo die großen Synagogen stehen und war nicht wenig frappirt beim Anblick der vielen Tausende, die sich da drängten, schrieen, klatschten, stampften und gleichsam Sturm liefen, um die himmlischen Richter zur Milde zu stimmen. Zn dieser Zeit und später noch war Brody das Jerusalem der Polnischen Juden, das Asyl der russischen Flüchtlinge; nun ist ein neues, ein größeres, bequemer angelegtes, zukunstskräftigeres Neu-Jerusalem entstanden, in dem neunzigtausend Flüchtlinge aus Rußland und Rumänien unangefochten unter der Fahne der Freiheit und Humanität leben, arbeiten und ein menschenwürdiges Dasein führen: Whitechapel im Bereiche der gewaltigsten Hauptstadt der Erde. Im Osten Londons liegt das freiwillig errichtete Ghetto, ohne Umfassungsmauern und eiserne Thore, an denen der Haß und Intoleranz Wache stehen. Es ist eigentlich kein Ghetto, sondern eine an die City anlehnende Judenstadt; im Leben wie im Tode, eine gesonderte Scholle, eine eigene Stätte. Dies Whitechapel fügt sich den Bedürfnissen, es wächst in die Weite, in die Breite, in die Höhe, je nach der Zahl der einwandernden Juden; es wächst mit der Niedertracht der leitenden Staatsmänner Rumäniens! Es gab eine Zeit, wo blos Zehntausend dort wohnten, jetzt yat sich die Zahl verneunfacht. „Die Räume wachsen, es dehnch sich das Haus" und darin walten fleißige Hände, die Nähmaschine surrt, die Drechslerbank schnurrt; Ellern und Kinder arbeiten emsig an dem Webstuhl des Lebens um das Brot, das ihnen die alte, morsche Heimat versagte, freilich schwer in einem Lande, wo die gewaltige Dampfmaschine die menschliche Leistungskraft erdrückt und die bescheidensten Bedürfnisse einen großen Aufwand an Arbeit erheischen. Aber die Leute darin haben das Bewußtsein persönlicher Sicherheit und Unantastbarkeit, und wenn die Ruhestunde schlägt und die müden Handwerker hinausströmen in die endlosen Straßen, in welche die Strahlen der scheidenden Sonne dringen, da begegnen sie lauter Relrgions-, Heimats- und Leidensgenossen, hören und sprechen ihren jüdisch-deutschen Jargon, wühlen in der Erinnerung gemeinsam verlebter Tage und erlittener Undill. An den Handlungen und Werkstätten prangen hebräische Schilder; fliegende Zeitungsjungen verkaufen Zeitungen in hebräischer Quadratschrist; die Theater kündigen im jüdischen Jargon geschriebene, der jüdischen Geschichte oder dem vaterländischen Leben entlehnte Stücke an; die ältern Männer besprechen Cultusangelegenheit, die Berufung eines Borbeters aus Jassy oder eines Schächters aus Berdyczew, die jüngeren Leute erregen sich über die Nachrichten aus der früheren Heimat, wo zurückgebliebene Freunde noch Noth und Qual und Verfolgung erdulden, ohne daß ihnen noch die Pforten des finsteren Gefängnisses geöffnet werden könnten. Im grünen Square spielen Kinder, sie singen bereits das god save the king; diese russischen und rumänischen Ableger gedeihen auf englischem Boden trefflich, werden einmal tüchtige Briten mosaischen Glaubens sein, für den ihre Eltern das Martyrium erlitten. Die Frauen tragen emsig zu den Bedürfnissen des Lebens bei. Es fehlt ihnen nicht, wie ehemals in Rumänien, an Arbeit; die Nähmaschinen rasten nicht; jede Stunde wird in Pennys umgesetzt, bis die Fceitagdämmerung Stillstand gebietet und die Sabbalhruhe weihevoll das weite Judengebiet von Whitechapel umhüllt. Statt der trüben Arbeitslämpchen blitzen die Sabbathlichter auf; die Werkstätten und Läden werden geschlossen, die Straßen leeren, die Bethäuser füllen sich — man glaubt in Brody oder in Berdyczew zu sein. Die Knaben gehen an der Hand des Vaters in die Synagoge, die Mädchen helfen der Mutter das Heim schmücken und die Tafel bereiten, wo auf schneeigen Leinen die Kerzen flammen; neben der gefüllten Flasche die kleinen silbernelk Becherlein stehen, der würzige Fisch duftet und die verhüllten, kunstvoll geflochtenen Stritzel des Segens des rückkehrenden Hausvaters harren. Hier lauert kein russischer oder rumänischer Quartaleik hinter dem Fenster, um die Sabbathweihe zu stören. Hier tritt nicht das Gespenst der Vertreibung in den Frieden der Familie, das Heute wird hier nicht getrübt durch das Morgen — die gewaltige Colonie bei London; dies große, all die Weltstadt angegliederte Neu-Jerusalem, das von einer Armee von Neunzigtausend Juden erobert und erweitert wurde, hat sechs Tage fleißig gearbeitet und ruhet nun den siebenten — am Samstag! Baden bei Wien. Leo Herzberg-Fränkel. Der Charmkalerrchter. Von Babette Fried in Prag. I. Während draußen vor der Eingangsthüre der neuerbauten, Tempel genannten, Synagoge der jüngere Theil der Cultusgemeinde in malerischen Gruppen umherstand und die Vorlesung aus der Thora, das „Leieren", als willkommene Pause benützte, um während derselben ein wenig frische Luft zu schöpfen und die vom langen Sitzen in den engen Bänken steif gewordenen Glieder zu dehnen und zu recken und wieder geschmeidig zu machen, saß drinnen der weitaus größere Theil und hörte andächtig der rührenden Geschichte der Vertreibung Hagars und ihres Sohnes zu. Draußen scherzten, lachten und unterhielten sich die Andachtsmüden noch immer, als schon der würdige Morenu Raw Jrzchak ben Reuben Hakohen zur Thora gerufen wurde, um Maftir zu sagen. Jsak Kohen war der Sofer der Gemeinde, und die Gesetzrolle, aus der ihm eben der Opferdienst für dieses Fest vorgelesen wurde, war von seiner Hand geschrieben. Daher mochte wohl die ungewöhnliche innere Bewegung stammen, welche ihn fast unfähig machte, wie sonst mit weithin schallender Stimme vorzutragen. Kohen war einer der Gelehrtesten der Gemeindeangehörigen, weswegen man immer eine Art von Ehrenamt für ihn Vorbehalten hatte, wie z. B. das Maftirsagen. Würdevoll wie ein Patriarch stand er vor dem Schulchan, woraus das Buch Samuel aufgeschlagen lag, dessen erstes Capitel er mit jenem Berftändniß recitirte, wie es nur ein Kenner der heiligen Sprache, wie der Sofer es war, kannte, und mit einer Innigkeit zum Vortrag brachte, welche ein beredtes Zeugniß von der wahren Frömmigkeit und besonderen Gemüthstiefe des Maftirsagens ablegte. Ergraute Männer, welche in dem harten Lebenskämpfe, den sie zu bestehen haben, fest und ungebeugt dastehen, konnten sich bei den Worten der Thränen nicht enthalten, welche ihnen mit weicher Stimme entgegentönen: „Gott ist's, der tödtet und belebt, der in die Gruft uns senkt und wieder hinaufführt. Er erhebt den Armen aus dem Staube, den Dürftigen aus seiner Erniederung" — und so las der Sofer weiter unter lautloser Stille, welche in der Synagoge herrschte. Mit vor Schluchzen fast unverständlicher Stimme sprach er noch die Worte: „Frevler müssen in finsterer Nacht verkümmern" — da geschah etwas bisher Unerhörtes, etwas Entsetzliches. Die Thorarolle, aus welcher zuletzt vorgelesen wurde, war ins Rutschen gerathen, und von ihrem Postament herab mit einem lauten Schall zur Erde gefallen. Ein lähmender Schrecken hatte sich aller Anwesenden bemächtigt. Die draußen Stehenden stürmten erschrocken hinein, einen Weheruf ausstoßend. Der nächst dem Podium sitzende Rabbiner, Doctor Ehrenfels, war der erste, der sich faßte, hinzusprang, um das umgesallene Buch der Bücher aufzuheben, indem er es mit Küsien und Thränen bedeckte. Der erste lähmende Schrecken hatte sich in allgemeine Trauer verwandelt, eine Trauer, welche umso tiefer war, als sie nicht frei von abergläubischer

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