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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-07-18 · 29 (18.7.1902) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
29 (18.7.1902)
Date
1902-07-18
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 482 Dr. Bloch's Wochsnschrifk. Nr. 29 N o r d a u über die Berliner Rabbiner gesagt, ist direct verletzend gewesen. Dies hat mich selbst einen gewissen Kampf gekostet, hierherzukommen. Was ich dem Zionismus zum Vorwurf mache, ist nicht das, was der Redner gesagt. Wenn alle Zionisten so denken würden, gebe es keine Gegnerschaft. Der Zionismus hat den Fehler gemacht, Religion als Privatsache hinzustellen; wenn sie die Religion als solche hinstellen, so können sie nicht verlangen, daß sich die Rabbiner für den Zionismus begeistern und erwärmen. Wir waren längst Zionisten, bevor Herzl seinen Judenstaat geschrieben. Wenn sie den Rabbinern erklären, daß sie die Religion als Wesentliches in den Vordergrund stellen, dann werden die Rabbiner mit Ihnen arbeiten. Herr Lieben: „Wir Zionisten haben Fehler gemacht, die Rabbiner aber auch. Die Rabbiner hätten die Schmähungen einstecken sollen, statt eine Erklärung zu erlaffen." Herr G o i t e i n dankt Dr. Bär für sein Erscheinen. Herzl's Judenstaat sei die Meinung eines Einzelnen. Wenn der Zionismus auch nicht die Literaturvereine geschaffen, so doch das jüdische Selbstbewußtsein. Keiner unserer Führer sagt etwas gegen Religion. Bernowitz wendet sich gegen die Erklärung der Rabbiner, wird jedoch von dem Vorsitzenden unterbrochen, da den Rabbinern versprochen wurde, daß deren Erklärung nicht zur Sprache kommen soll. Dr. Bär: Wenn sie die Aussprüche Herzl's und Nordau's, Ihrer Führer, nicht ernst nehmen und denselben nicht glauben, dann können Sie das Gegentheil auch nicht von ihren Gegnern verlangen. Wir, die Rabbiner, haben die Beleidigung eingesteckt, doch können Sie nicht verlangen, daß wir in Ihre Versammlungen kommen. Steinberg: Bevor der Zionismus hier Wurzel gefaßt, haben sich die Leute geschämt, im Cafe eine jüdische Zeitung in die Hand zu nehmen. Rabbiner Dr. Bär: Soweit meine Erfahrungen reichen, haben wir schon vor 25 Jahren in den Berliner Cafes jüdische Zeitungen gelesen. Daß sich die Rabbiner nicht ohneweiters in den Dienst des Zionismus gestellt haben, liegt auch viel daran, weil sie an verantwortlicher Stelle stehen. Rabbiner Dr. Goitein: Es wäre nicht nöthig gewesen, daß die Rabbiner eine Erklärung gegen den Zionismus erließen. Doch konnte ich auf dieser Versammlung nicht zu Worte kommen, heute ist es anders; Rabbiner Dr. Eschelbacher -Berlin sprach heute mit Begeisterung von den jüdischen Studentenvereinen auf dem Rabbinercongreß und ich stimme Dr. Rülf zu, daß anzunehmen ist, daß in Zukunft alle Rabbiner zu unseren Versammlungen kommen werden; ich, als Zionist, stimme auch Herrn Dr. Bär zu, daß Religion nicht Privatsache sein darf. Die Zionisten müffen hierin auch zu uns kommen und diesen Rath möchte ich den Führern ertheilen. Schlußwort des Herrn Rabbiner Dr. Rülf: Ich habe zu dem Anfangs Gesagten, daß meine Collegen im Herzen gute Zionisten sind, nichts hinzuzufügen. Die Ausführungen Bär's und Goitein's haben gezeigt, daß wir alle gute Zionisten sind. Der Leiter der Versammlung, Herr So n d heim er, schließt nach 12 Uhr Nachts die Versammlung, die ruhig und sachlich verlaufen ist. Washington. Eine Delegation New-Aorker Congreß-Repräsentanten, bestehend aus den Herren Ryan, Sulzer, Goldfogle und Wilson, stattete am 2. Juli heute in Begleitung des Herrn Simon Wolf von hier dem Präsidenten einen Besuch ab, um gegen die Bedrückungen zu protestiren, welche man in Rußland amerikanischen Bürgern jüdischer Religion gegenüber in Anwendung bringt. Die Delegation ersuchte den Präsidenten, dahin zu wirken, daß die Regierung des Czaren den aus Amerika kommenden Juden das Betreten Rußlands gestattet. Präsident Roosevelt versprach den Herren, mit Staatssecretär Hay bezüglich dieser Frage Rücksprache zu nehmen. Das Staats-Departement hat sich verschiedentlich mit der ruffischen Regierung in Verbindung gesetzt, um eine Modificirung der überaus strengen Ausschließungsgesetze für aus Amerika kommende Juden zu erlangen, doch waren alle bisherigen Anstrengungen vergeblich. Das Staats-Departement ist fest entschloffen, in seinen Bemühungen, eine Abhilfe zu erzielen, nicht nachzulaffen. Zur jüdischen Einwanderung in England und Amerika wird geschrieben: Nachdem weder in Rumänien noch in Rußland eine Aenderung zu Gunsten der Juden eingetreten ist und auch nicht in Aussicht steht, wird die Auswanderung nach England und Amerika, d. h. in erster Reihe nach London und New-Aork, ihren Fortgang nehmen bezw. noch größer werden. Es ist nicht zu leugnen, daß man in beiden Ländern in manchen Kreisen diesem Zuwachs mit gemischten Gefühlen entgegensieht. Aber nur in manchen Kreisen; es gibt auch erleuchtete Köpfe, die über die Einwanderer hinweg an deren Söhne und Enkel denken, die, wie die Erfahrung lehrt, fast durchweg in den freien Ländern aus freien Stücken sich anglisirt bezw. amerikanisirt haben werden. Ja im „Antlook" schreibt ein Herr, und obendrein ein Geistlicher, man sollte die jüdische Einwanderung eher mit Freuden begrüßen, als sie entmuthigen. Denn die jüdischen Einwanderer sind intelligenter, enthaltsamer, sauberer und ordentlicher, als die Einwanderer aus Süditalien, die an Zahl und Zeit den jüdischen am nächsten kommen. Er begrüßt die jüdische Einwanderung als ein heilsames Gegengewicht zur katholischen. Außerdem fügt der Reverend Laitlaw hinzu, es ist für die Ehre der Christenheit überhaupt besser, daß die Hebräer sich in einem Lande befinden, wo die Religion frei ist von staatlicher Einmischung, als daß sie in Ländern bleiben, die sich christlich nennen, aber unduldsam sind. Wie schnell die Juden in Ländern wie England und Amerika sich acclimatisiren, darüber haben bereits zahlreiche Schriftsteller ihr Erstaunen ausgedrückt. Schon die Kinder der Einwanderer sind nur noch jüdischen Glaubens, im Uebrigen aber in Sprache, Sitten und Gewohnheiten in Fühlen und Denken richtige Engländer bezw. Amerikaner. Auch wirthschaftlich verstehen sie sich ungewöhnlich schnell eine Position zu schaffen, wie mittellos sie auch immer bei der Landung gewesen sein mögen. Sehr interessant und schlagend ist folgendes Beispiel: Vor etwas mehr als einem Jahre trafen zwei russische Juden in Cincinnati ein. Sie hatten keinen Pfennig und baten den jüdischen Unterstützungsverein um Beistand. Man sollte ihnen nur ermöglichen, etwas anzufangen. Man gab ihnen etwas. Sie fingen an, Schnupftabak zu fabriciren, in dem einen Jahr haben sich die Staatseinnahmen in der Schnupftabaksteuer versechsfacht, und die beiden jüdischen Einwanderer aus Rußland sind es, auf deren Conto allein diese Mehrleistung zu setzen ist. „Ja, es sind Schacherseelen, diese Juden; sie denken nur an Geld verdienen", konnte ein antisemitisch angekränkelter Bürger des Staates Ohio sagen. Aber in demselben Staate, in welchem die gedachten beiden Juden einen solchen Beweis wirthschaftlichen Könnens erbracht haben, hat ein anderer europäischer Jude, der bekannte Pianist Moritz Rosenthal gezeigt, daß er, obwohl Jude, auch auf einen sehr namhaften Geldgewinn verzichten kann. Eine Pianofabrik hatte ihm 500.000 Dollars, also über zwei Millionen Mark, angeboten, wenn er zwei Jahre eine Reclametour für ihre Instrumente durch die Bereinigten Staaten machte. Rosenthal lehnte das Angebot ab mit dem Bemerken, er sei ein Künstler, kein Preiskämpfer. Vermischtes. Kranzablösungsspenden zu Gunsten der „Chewra-Kadischa" in Wien, I., Seitenstettengaffe 4, sür arme kranke Glaubensgenoffen. Anläßlich des Ablebens des seligen Herrn Leopold Lewy Langsam: Von Frau Henriette Langsam, VII., Zieglergasse 68, K 5 —; Herrn Johann Langsam, VII., Zieglergasse 68, L 5'—; Herrn Carl Langsam, VII., Zieglergasse 68, L 10'—; Herrn Philipp Vogl, VH, Burggasse 89, L 5 —; Herrn N. Schmidt, II., Pfeffergasse 3, K 2'—. Zusammen K 27'—. Wien. (Auszeichnung.) Dem Großindustriellen Moriz Doktor in Wien wurde der Titel eines kaiserlichen Rathes verliehen. Wien. (T o d e s f a l l.) Am 7. d. M. starb im 48. Lebenjahre, fern von der Heimat und seinen Lieben, zu Melbourne in Australien Herr Max Fleischer, Vertreter der Oesterreichisch- Amerikanischen Gummifabriks-Actiengesellschaft, plötzlich an Herzschlag in dem Augenblicke, als er nach zehnmonatlicher Abwesenheit sich zur fröhlichen Heimfahrt nach Wien rüsten wollte. Der Verstorbene war einer der tüchtigsten Vertreter seines Faches und ein gründlicher Kenner unserer Exportverhältnisse. Den Tod des herzensguten, allseitig gebildeten Mannes beweinen eine Witwe und drei unmündige Kinder, die nun des Ernährers beraubt sind.

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