Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 29 (18.7.1902)
- Date
- 1902-07-18
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 29 Dr. Bloch's Wochrnschrifk. Sette 481 Hoffnung, daß auch der Rabbinerverband durch fleißige Mitarbeit an dem großen Friedenswerk ein socialer Factor im Judenthum und im Vaterland werden möge. (Beifall.) In der Discuffion führte Doctor Plaut- Frankfurt Fälle aus feiner Praxis an, in denen es ihm gelungen fei, gefallene Mädchen auf den Weg der Besserung zurückzubringen. Der Frankfurter Verein für weibliche Fürsorge habe darin auch ganz gute Erfahrungen gemacht. Gegen 8 Uhr Abends wurden die Verhandlungen auf Dienstag vertagt. Frankfurt a. M. Am 7. Juli Nachmittags erfolgte die Eröffnung der Ausstellung hebräischer Druckwerke in der Stadtbibliothek in Gegenwart der Mitglieder des deutschen Rabbinerverbands. Director Ebrard hob in seiner Begrüßung hervor, daß sich die hebräische Abtheilung der Bibliothek dank dem einmüthigen Zusammengehen der Stadt mit einigen opferwilligen und patriotischen Bürgern in einem Decennium zu namhafter Bedeutung entwickelt habe. Dr. H o r o v i tz dankte im Namen des Verbandes und sprach besonders seine Freude darüber aus, daß hier einmal ein städtisches Amt auch d >: r Rabbiner gedacht habe. Es zeige sich wieder, daß die wahre Wissenschaft versöhnend und mildernd die Confessionen vereine. Bibliothekar Dr. F r e i m a n n gab auf dem Rundgang zu den einzelnen Stücken Erläuterungen. Die Verhandlungen wurden heute Vormittag im Saal der Loge Karl wieder eröffnet. Zunächst theilte der Vorsitzende Dr. Horovitz mit, er werde den Antrag stellen, daß ein Vertreter des Rabbinerverbandes an dem Frankfurter Congreß zur Bekämpfung des Mädchenhandels theilnehmen möge. Dann sprach Dr. E s ch e l b a ch e r-Berlin über das Thema: „Was ist für die religiös-sittliche Erziehung der schulentlassenen Jugend zu thun?" Am Schluß seiner Ausführungen schlug der Referent folgende These vor: „Zur Erhaltung des religiösen Sinnes der Jugend und zur Förderung des jüdischen Wissens empfiehlt der Rabbinerverband die Gründung von Jünglings- und Mädchenvereinigungen. die nach dem Vorbild der bereits in Berlin, Frankfurt, Stuttgart, München und an anderen Orten bestehenden Vereine eine edle Geselligkeit und einen freundlichen Verkehr der Mitglieder untereinander pflegen, ihnen in der Fremde eine Heimat bieten, durch Unterricht und Vorlesungen über Gegenstände jüdischer Literatur und Geschichte ihr jüdisches Wissen mehren und die Liebe zur angestammten Religion stärken." In dem Vortrag Dr. Eschelbacher's, der u. A. den Frankfurter Verein Montefiore — derselbe zählt 700 Mitglieder — rühmend hervorhob, wurde auch der jüdischen S t u d e n t e n - V e rbindüngen gedacht und dabei erwähnt, daß sie im Ganzen auf zionistischer Grundlage stehen. Der Streifzug in das zionistische Gebiet — der Referent betonte übrigens schließlich, er selbst sei nicht Zionist — gab Einigen, auch dem Vorsitzenden, Veranlassung zu dem Vorschlag, in keine Discuffion über den Vortrag einzutreten, sondern lediglich zu der These, aber nur zu dieser, die Zustimmung der Versammlung zu erklären. Der Vorsitzende, der die Verhandlungen als geschickter Diplomat leitete und die nähere Erörterung über jede allzu zwiespältige Frage ängstlich zu vermeiden suchte, meinte, der Referent habe zwar nicht die Absicht gehabt, den Zionismus in die Debatte zu werfen, aber die Gelegenheit habe ihn dazu verlockt. Fast eine halbe Stunde dauerte die Aussprache über die Frage: Discuffion oder keine Discuffion und lediglich Annahme der These? Der Gang der Verhandlungen wurde tmmer lebhafter. Das Bureau constatirte einstimmige Annahme des Vorschlages: „Keine Discuffion". Da sich aber heftiger Widerspruch gegen diese Schätzung erhob, nahm man eine Zählung vor. Das Resultat war Elimimrung des zionistischen Moments mit 36 gegen 22 Stimmen. Zugleich ist die These damit angenommen. Daran schloß sich das Referat des Provinzialrabbiners Doctor Munk-Marburg über den Entwurf der Satzungen für die Pensions- und Relicten-Casse, dessen wörtliche Wiedergabe in nächster Nummer dieses Blattes erfolge l wird. Der Korreferent, Herr Rabbiner Dr. V o g e l st e i n-Stettin, bittet, über die wichtigsten Fragen discutiren zu wollen und eine Commission zu ernennen, welche nach den hier gewonnenen Anregungen die Statuten festlegt. Dr. M a y b a u m dankt den Referenten für die Sachlichkeit, mit welcher sie den Entwurf würdigten, und fügt zur Ergänzung hinzu, daß die Pensions- und die Relicten-Casse wohl getrennt verwaltet werden würden, daß aber jedes Mitglied beiden Cassen angehören müsse. Dr. Lew Y-Alzei dankt dem Begründer der Caffe Dr. Maybaum für seine selbstlosen Bemühungen und empfiehlt, daß seitens des Centralausschusses des Verbandes die Gemeindevorstände zu Sammlungen unter ihren Mitgliedern aufgefordert werden mögen. Dr. K o p f st e i n-Beuthen wünscht eine Umänderung der Quotenbeträge in der Weise, daß die Sätze für die Relikten höher, diejenigen für die Pensionirung niedriger normirt werden. Dr. Rülf-Bonn bittet, die Statuten zu nochmaliger Berathung an eine Commission von zwanzig Mitgliedern zu verweisen. Der vorgerückten Zeit wegen mußte sich Dr. Präge r-Cassel, der ein Referat über die Seelsorge der Strafgefangenen übernommen hatte, nach kurzer Darlegung des Nothstandes auf den Antrag beschränken, für eine geeignete Erbauungsliteratur Sorge zu tragen. In die zur Ausführung dieses einstimmig angenommenen Antrages gewählte Commission wurden Dr. B e e r m a n n-Jnsterburg, Doctor Eschelbache r-Berlin, Dr. L ö b-Emden und Dr. Präge r-Cassel delegirt. Dr. Beermann regt an, das Recht der Theilnahme der jüdischen Anstalts-Geistlichen an den Conferenzen der Gefängniß-Oberbcamten zu erwirken, wie dies in Insterburg bereits erfolgreich geschehen sei. Der von dem Vorsitzenden des Verbandes ostpreußischer Synagogengemeinden, Herrn Stadtrath E i ch e l b a u m-Jnsterburg» telegraphisch eingebrachte Antrag, betreffend die rituelle Beköstigung der jüdischen Strafgefangenen, konnte, weil nicht rechtzeitig angemeldet, satzungsgemäß nicht discutirt werden. Hierauf begründete Dr. Cohn eine Reihe von ihm beantragter Abänderungsvorschläge zu den Verbandst atz ungen, von denen die zu den §§ 3—6 einer aus den Herren Dr. C o h n- Kattowitz, Dr. B a e ck-Lissa, Dr. K a a tz-Zabrze und Dr. Loewent h a l-Tarnowitz zusammengesetzten Commission überwiesen, die zu den übrigen Paragraphen angenommen wurden. Nach der sodann vorgenommenen Wahl des Centralausschusses setzt sich derselbe fortan zusammen aus den Herren Doctor M a y b a u m-Berlin, Dr. H o r o v i tz-Frankfurt a. M.. Doctor K u t t m a n n-Breslau, Dr. Werner-München, Dr. Prager- Cassel, Dr. Grone man n-Hannover, Tr. M u n k-Marburg, Doctor V o g e l st e i n-Stettin, Dr. Plan t-Frankfurt a. M.. Dr. C o h n- Jchenhausen, Dr. F r a n k-Küln, Dr. W i n t e r-Dresden, Doctor K o p f st e i n-Beuthen, Dr. Rah m e r-Magdeburg, Dr. K o h n- Ansbach, Dr. R ü l f-Braunschweig, B l o ch-Jarotschin, Doctor S i l b e r st e i n-Wiesbaden, Dr. D a v i d-Düsseldorf, Doctor Eschelbache r-Berlin, Dr. L ö b-Emden, Dr. R o s e n z w e i g- Berlin, Dr. R o s e n t h a l-Breslau und Dr. Appel l-Karlsruhe. Auf Antrag des Herrn Dr. G u t t m a n n-Breslau wurden die Herren Rabbiner Tr. Ungerleide r-Berlin und Braun- Schneidemühl zu Ehrenmitgliedern ernannt. Damit war die Tagesordnung erschöpft. Dr. Horovitz gab von einer Einladung der hiesigen zionistischen Ortsgruppe zu einer Discuffion über „Rabbiner und Zionismus" Kenntniß, sprach hierauf der Versammlung für die Willigkeit, mit der sie seiner Leitung gefolgt war, wärmsten Tank aus und erinnerte daran, daß Frankfurt a. M. schon vor dreihundert Jahren, im Jahre 1603, innerhalb seiner Mauern eine deutsche Rabbinerversanunlung gesehen habe, in deren ehrwürdigen Beschlüssen merkwürdiger Weise Manches zum Ausdruck gelangtewas uns auch heute auf's Tiefste bewegt. Wie wir Protest erhoben gegen den schändlichen Unfug des Mädchenhandels, so wurde damals der Bann ausgesprochen gegen die unzüchtigen Töchter in Israel, vor der Schändung des göttlichen Namens gewarnt und zur Einfachheit der Sitten gerathen! Und wie wir heute dem einzelnen Rabbiner das Recht beschränken, einem Rabbinats-Aspiranten die rabbinische Autorisation zu ertheilen, damit nicht ein Unwürdiger mit dem höchsten Titel des Judenthums sich schmücke, so war damals beschlossen worden, daß nur eine Commission von drei Rabbinern, die zugleich Schuloberhäupter sind, die Hattoroh aus stellen dürfen. Und wie in unseren Bcrathungen die Ethik die erste Stelle einnahm, so sehen wir sittliche Gedanken die jener früheren Rabbinerversammlung durchblitzen. Vom Brunnenlied kündet der nächste Sabbath. Ein Brunnen des Heils ist das Judenthum, und von ihm gilt, was an anderer Stelle der Schrift erzählt wird: Ein schwerer Stein liegt auf dem Brunnen; nur gemeinsam können die Hirten ihn wegwälzen. Wo es gilt, die Hemmnisse zu entfernen, die dem Quell der Religion sich in den Weg stellen, da müssen die Führer Israels, welcher Richtung sie auch angehören, zu gemeinsamer Arbeit im Geiste der Treue sich einen!" Nachdem sodann Dr. F r a n k-Köln den beiden Vorsitzenden unter allseitigem Beifall für die Leitung der Berathungen gedankt, wurde die anregungsreiche Generalversammlung geschloffen. Frankfurt a. Ai. (Der Zionismus und die Rabbiner.) Die Ortsgruppe der Frankfurter Zionisten veranstaltete aus Anlaß des Rabbinercongreffes eine Versammlung mit obigem Thema, wozu sie die Herren Rabbiner eingeladen hatte. Erschienen ist von zionistischer Seite Herr Dr. Rülf, der Nestor der deutschen Rabbiner, und Herr Dr. G vite in. Bon antizionistischer Seite ist Herr Dr. B ä r-Prenzlau anwesend. Um 91/, Uhr eröffnete Herr Sondheimer die Versammlung und übergibt Herrn Dr. Rülf das Referat. Dessen Ausführungen gipfelten darin, daß durch den Nationalgedanken das Judenthum gerettet wird und verwies derselbe hierbei auf die Literatur- und Studentenvereine, die der Zionismus geschaffen. Er begreift nicht die Gegnerschaft der Rabbiner Deutschlands, die doch im Herzen alle gute Zionisten sind. Nach dem sehr sachlich gehaltenen Referate begann eine sehr lebhafte Discuffion. Rabbiner Dr. Bär führte aus, daß er zu den Rabbinern gehöre, die sich nicht zum Zionismus bekennen. Die Gegnerschaft beruhe zunächst auf den Vorstellungen aus den ersten Kundgebungen des Zionismus, und wenn sich die Meinungen zu Gunsten des Zionismus geändert haben, so ist dies auf die Wandlungen, die derselbe gemacht hat, zurückzuführen. Die Ausführungen Dr. Rülf's unterschreibe er bis auf die Bemerkung, daß die Literaturvereine auf das Conto des Zionismus zu schreiben sind. Die Literaturvereine seien nicht aus dem Zionismus hervorgegangen. „Ich will Ihnen erklären, warum so wenig Rabbiner Ihrer Einladung Folge geleistet haben. Die Rabbiner können nicht vergessen Ihre schroffen Kundgebungen: was Mar