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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-07-18 · 29 (18.7.1902) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
29 (18.7.1902)
Date
1902-07-18
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 480 Dr. Bloches Wochenschrift. Nr. 39 Darmftadt. Die zweite hessische Kammer hat nun auch den Antrag Backe», des Obmannes des hessischen Landcslehrervereins, wonach die großherzogliche Regierung um zeitgemäße Regelung der Ausbildung, Anstellung und Besoldung der israelitischen Religionslehrer in Hessen ersucht wird, angenommen. Ueber die Verhandlung wird berichtet: In Anbetracht der vorgerückten Zeit ergreift der Abgeordnete Backes das Wort zu einer kurzen Begründung und wünscht in Bezug auf die Dringlichkeit und Wichtigkeit der Sache, daß sein Antrag im hohem Hause dieselbe wohlwollende Aufnahme finden möge, wie es im Ausschuß geschehen ist. Abgeordneter Molthan (Centrum) ist mit dem Ankag durchaus einverstanden, wünscht jedoch, daß zu den Kosten seiner Durchführung alle Israeliten des Landes, nicht nur die einer Religionsgemeinde zugehörigen, herangezogen werden sollen. Abgeordneter Köhler-Langsdorf (Antisemit) macht seine Zustimmung zum Antrag Backes von einer vorherigen amtlichen Untersuchung des Talmud abhängig. Er beruft sich auf das diesbezüliche Beispiel Rußlands und producirt einige aus dem berüchtigten Machwerk von Dr. August Rohling entnommene, bereits hinreichend gewürdigte Citate. Ein Orientalist von der Gießener Universität, „der noch nicht viel zu thun habe", solle mit der Prüfung beauftragt werden. Die Ausführungen des Abgeordneten Köhler werden mit sichtlicher Heiterkeit, sowohl bei den Mitgliedern des Hauses, als anch am Regierungstisch ausgenommen. Der II. Präsident (Abgeordneter Schmitt-Mainz) schließt die Debatte und schreitet zur Abstimmung. Das Resultat derselben ist: Der Antrag Backes wird mit allen gegen vier Stimmen (der Antisemiten Köhler-Langsdorf, Bähr, Ripper-Pfaffenbeerfurth und Ohl-Groß-Umstadt) angenommen. Da die Regierung schon im Ausschuß dem Antrag ihre Zustimmung gegeben, so wird er nun wohl jetzt zur Ausführung gelangen. Frankfurt a. M. (Deutscher Rabbinerverband.) Die Generalversammlung des Rabbinerverbandes in Deutschland wurde am 7. Juli Vormittag durch Rabbiner Dr. M a y b a u m- Berlin im Saale der Loge Karl eröffnet. Anwesend sind 60 bis 70 Vertreter. Der Vorsitz wurde Dr. H o r o v i tz - Frankfurt übertragen. Warme Worte des Nachrufs widmete er dem verstorbenen Dr. Selig Auerbach - Halberstadt, „der vielleichtfder frömmste deutsche Rabbiner und zugleich der duldsamste" war. Namens der Verwaltung der israelitischen Gemeinde richtete Rechtsanwalt Plotke Worte der Begrüßung an die Versammlung und hob darin u. A. hervor, es sei dankenswerth, daß auch die socialen Aufgaben zur Berathung ständen. Was die Fragen des Mädchenhandels anlange, so gelte es, die Schäden im Osten aufzudecken, die das Schild des Judenthums befleckt hätten, den Gründen nachzugehen und Maßnahmen zu treffen, die dieser Epidemie ein Ziel setzen. Director Dr. E b r a r d ladet zur Besichtigung der Hebraica-Ausstellung in der Stadtbibliothek ein. Der Vorsitzende empfiehlt den Besuch dieser „Ausstellung der Toleranz" und bringt ein Hoch auf den Kaiser aus. Der Geschäftsbericht wird von Dr. Maybaum- Berlin erstattet. Zunächst wird darin der Schächtfrage gedacht. Es ist u. A. aus Anlaß des Falles Rheydt eine Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts ergangen, das den Communen das Recht gibt, das Schächten in ihren Schlachthäusern zu untersagen. Alle bei den Ministerien unternommenen Schritte sind erfolglos geblieben. Bei aller Zurückhaltung muß man sich^sagen, daß dies ein Symptom der Verwirrung ist, welche die fortgesetzte Verlästerung auck in denjenigen Kreisen angerichtet hat, deren Bestreben gewissenhafter Prüfung keinem Zweifel unterliegen kann. Wir werden den Kampf für das rituelle Schlachtverfahren mit Energie fortsetzen, der zugleich ein Kampf für freie Religionsübung ist. Der Bericht erwähnt ferner den Konitzer Mord. Der Centralausschuß hat beschlossen, vorläufig keine Erklärung gegen die Blutbeschuldigung zu erlassen; denn es sei entwürdigend, das Judenthum gegen die Anklage des Kannibalismus in Schutz zu nehmen. (Beifall.) Für alle Fälle ist aber eine solche Erklärung in Bereitschaft. Aus dem Kassenberichte ergibt sich, daß der Verband gegenwärtig 153 Mitglieder zählt. Dr. Guttmann - Breslau spricht über „Die Bedeutung des Judenthums in der Gegenwart". Das Judenthum dauert fort, so schloß der Redner unter stürmischem Beifall, weil es seine Weltmiffion noch nicht beendet hat. Aber es erhebt nicht den Anspruch, die alleinseligmachende Religion zu sein; wir haben nur den Wunsch, daß man uns ruhig und ungestört des Weges ziehen lasse. Die Versammlung beschließt, den Vortrag separat drucken zu lassen. Dr. R o s e n a k - Bremen referirt über „DieBekämpfung des Mädchenhandels". Dieses tiefernste Capitel darf nicht mit Stillschweigen übergangen werden. Vor zehn Jahren wurde im Reichstag zuerst davon gesprochen, daß es vornehmlich Juden seien, die Mädchenhandel treiben, und daß hauptsächlich jüdische Mädchen diesem Handel zum Opfer fallen. Leider ist Vieles davon wahr. Dieser organisirte Handel erstreckt sich über die ganze Welt. Der Redner charakterisirte unter Anführung vieler meist bekannter Thatsachen das Treiben der „verworfensten und gewissenlosesten aller Menschen". Diesen Seelenverkäufern ist nur sehr schwer beizukommen. Sie haben ihren eigenen Geheimcode. Manche von ihnen haben sich selbst dazu angeboten, bei der Bekämpfung des Mädchenhandels mitzuwirken! Polen und Rußland stellen das größte Contingent, sowohl was Mädchen, als auch Besitzer von Freudenhäusern und Agenten anlangt. Der Mädchenhandel erstreckt sich jetzt sogar bis China und Japan. Zwei jüdische Vereinigungen haben in der Bekämpfung dieses Handels schon manchen Erfolg erzielt: in London und in Hamburg. Die le^isll Association ging bald von localen zu allgemeinen Aufgaben über; sie besoldet mehrere Hafenagenten. Das Hamburger Comitß wurde 1897 gegründet; zwei Jahre arbeitete es in der Stille, dann trat es vor die Oeffentlichkeit. Die Photographien der berüchtigtsten jüdischen Mädchenhändler sind in den Händen des Hamburger Comites; hervorragende Verdienste hat sich der Vorsitzende Herr Gustav Tuch erworben. Das jüdische Comite wird auf dem Frankfurter Congreß durch Tuch und Sanitätsrath Maretzky -Berlin vertreten sein. Man erließ einen Aufruf, warnend und mahnend, an die jüdischen Glaubensgenossen in Galizien, der von 500 galizischen Rabbinern und Gemeinden unterzeichnet ist. Man beschäftigt sich in Hamburg auch mit der Frage, ob man nicht Sendbotinnen zur Aufklärung der Jugend nach Galizien schicken soll. Der Referent schlägt endlich folgende Leitsätze vor: 1. Der Rabbinerverband würdigt die Bestrebungen zur Bekämpfung des Mädchenhandels und spricht namentlich seine Befriedigung darüber aus, daß die Comites in London und Hamburg mit Ernst und Energie Alles aufbieten, um dem Mädchenhandel wirksam entgegenzutreten. 2. Der Rabbinerverband unterstützt diese Bestrebungen zunächst dadurch, daß seine Mitglieder die freundschaftlichen Warnungen an allein reisende Frauen und Mädchen zahlreich unterschreiben. 3. Der Rabbinerverband beschließt, ein dringliches Schreiben zunächst an die galizischen und russischen Rabbiner zu richten, worin sie nochmals, wie in einem ähnlichen, bereits früher ergangenen Aufruf, auf die große Gefahr aufmerksam gemacht und zur wirksamen Bekämpfung derselben aufgefordert werden. Eventuell sollen zunächst die galizischen Rabbiner in diesem Schreiben aufgefordert werden, zu diesem Zwecke eine Rabbinerconferenz in Galizien einzuberufen, die dann unsererseits beschickt werden soll. Ehe die Discussion beginnt, tritt eine Mittagspause ein. Nach der Mittagspause trat die Generalversammlung des Nabbinerverbandes in die D i s c u s s i o n über das Referat Rosenak- Bremen: „Die Bekämpfung des Mädchenhandels", ein. Dr. Freund- Ostrowo regte an, daß der Verband auf dem zu Frankfurt im October stattfindenden internationalen Congreß zur Bekämpfung des Mädchenhandels vertreten sein möge. Dr. Cohn- Kattowitz schlug vor, die Mädchenhändler „mit ihrem Gewerbe aufzukäufen", d. h. Ihnen' aus Geldspenden diejenige Summe zu zahlen, die sie an ihrem unsauberen „Handel" verdienen. Gegen diesen Vorschlag wandten sich der Vorsitzende Dr. H o r o v i tz und Dr. Werner- München, der es als das Richtige bezeichnete, verfügbare Geldmittel zur Verfolgung der Händler zu benützen. Der Redner plaidirte für den Anschluß an alle Vereine, welche die gleichen Bestrebungen verfolgen. Dr. Finkel- Pasewalk bezeichnete als Quelle der Unsittlichkeit die Noth, die Armuth. Für die Mädchen müßte Beschäftigung gesucht werden. Doctor Rülf-Bonn schilderte die Zustände an der russischen Grenze, wo das Treiben der Mädchenhändler selbst durch russisch-polnische Beamte begünstigt werde. Im Uebrigen ist der Redner ein Freund der von Dr. Rosenak aufgestellten Leitsätze, die von der Versammlung gutgeheißen werden. Ein Antrag Dr. Gold sch mid t, auf die Verbesserung der Wohnungsverhältnisse der jüdischen Bevölkerung in Polen und Galizien hinzuwirken, sowie ein Antrag Dr. Freund auf Bereitstellung von Mitteln zur socialen und politischen Hebung der Verhältnisse jener Israeliten, sollen als Material dem Hilfsverein für deutsche Juden überwiesen werden. Dr. Goitein -Burgkundstatt wünschte Wahl einer Commission, die sich aus Grenzrabbinern zusammensetzt und sich mit der Frage speciell beschäftigt. Dr. Hör ov i tz - Frankfurt erklärte, er werde an dem internationalen Congreß als Vertreter des Rabbinerverbandes theilnehmen. Nach einem Schlußwort des Referenten wurde der Gegenstand verlassen. Es folgte ein Referat von Dr. Werner- München über „Die Bethätigung des Rabbiners an der Lösung socialerAufgaben in der Gegenwart." Das Judenthum habe sich von Utopien in der Beurtheilung der socialen Frage stets ferngehalten; es werde immer Arme geben. Aber Aufgabe bleibe die Linderung der Noth, in welcher Gestalt sie uns auch entgegentrete. Das Recht auf Leben, Arbeit und Existenz dürfe nicht verkümmert werden. Auch der Rabbinerverband müsse feinen Antheil an der Lösung der socialen Frage haben. Das könne geschehen: durch berathende Mitwirkung bei der Berufswahl, durch Schaffung jüdischer Jünglingsvereine, die geeignet seien, der schulentlassenen Jugend die Wege zu ebnen, durch Förderung der jüdischen Studentenverbindungen, durch bessernde Einwirkung auf gefallene Personen beiderlei Geschlechtes, durch Mitarbeit in den Gefängnißvereinen. Ein zweiter Theil der socialen Arbeit gehöre der Wiederaufrichtung schwacher Existenzen durch Darlehenscassen und Arbeitsvermittlungs st eilen. Eine falsch angewandte Wohlthätigkeit könne nur schaden; namentlich sei auch das Ausstellen von Empfehlungsschreiben nur schädlich. Schließlich gehöre in das Gebiet der socialen Frage die thatkräftige Unterstützung aller gleichgesinnten Vereinigungen. Der Redner schloß mit dem Ausdruck der

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