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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-07-18 · 29 (18.7.1902) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
29 (18.7.1902)
Date
1902-07-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 29 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 475 Aus dem Antifemitenlager. Zwei Ereignisse der jüngsten Zeit haben uns interessante Einblicke in die Struktur, in die Stimmungen und Strebungen der antisemitischen Parteien gewährt. In Eger hat ein Schönerer'scher Volkstag stattgefunden, dessen Teilnehmer mit einem Steinhagel begrüßt und von der Menge verhöhnt wurden. Wer sich erinnert, welchen Zauber noch vor ganz geringer Zeit gerade in Eger der Name des Schloßherrn von Rosenau ausübte, wer sich der Triumphe erinnert, die Schönerer vor fünf Jahren anläßlich des „Schwures von Eger" feierte, der muß zugeben, daß der Nimbus des Deutschesten aller Deutschen arg zu verblassen beginnt. Das wäre nun freilich nichts Außerordentliches. Jede Volksgunst ist wandelbar, warum sollte es nicht auch die der Deutschen in Böhmen sein. Daß aber das Prestige des Herrn Schönerer verblaßt zu Gunsten eines Menschen wie Karl Hermann Wolf, daß die deutsch-radicalen Elemente in Böhmen, wie der Esel zwischen zwei Heubündeln, zwischen der alldeutschen Krugerstraßen-Moral des Herrn Schönerer und der ostdeutschen Biliner-Moral des Herrn K. H. Wolf hin- und herschwanken, das gibt diesen Structurveränderungen einen halb grotesken, halb widerlichen Charakter. Das Wort: „Durch Reinheit zur Einheit" ist zunächst gegen die Juden geprägt worden. Sie hat man als das unlautere, als das abstoßende Element, als den unreinen Fremdkörper im Fleische des reinen deutschen Edelvolkes bezeichnet, und dieses Wort fand seine Ergänzung in dem derben Busch-Verse: „Was einer glaubt, ist einerlei, in der Race liegt die Schweinerei". Jawohl, da liegt sie. Die Herren Schönerer und Wolf und ihre beiderseitigen Anhänger beweisen es, und sie beweisen noch mehr. Sie beweisen, daß alle die klingenden und tönenden Phrasen von deutschen Hochgefühlen, von der erhabenen Mission des deutschen Volkes in Oesterreich nichts anderes sind als Floskeln, hinter denen sich die erbärmlichste Mandatstreberei und Kleberet versteckt. Die Herren lassen sich Fetzen ins Gesicht schlagen und bleiben ruhig auf ihren curulischen Stühlen sitzen. Man sehe sich doch nur einmal die einheitliche Reinheit oder die reinliche Ecnheit der Herren Schönerer, Wolf, Herzog, Jro und Schalk an. Die Einheit ist aus kleinlichen Gründen eifersüchtiger Rivalität längst in die Brüche gegangen. Was aber die Reinheit betrifft, so werfen sich die Herren gegenseitig die lieblichsten Beschuldigungen von gebrochenen Ehrenworten, von haltlosen Verleumdungen, von erbärmlichen Denunciationen, von Verführung unschuldiger und Unterhaltung sehr schuldiger Mädchen vor. Fürwahr, das deutsche Volk in Oesterreich müßte an seinen Untergang glauben, wenn es auf diese Sorte von Rettern angewiesen wäre. Die idyllischen Zustände in der deutschnational-antisemiiischen Partei finden ihr hübsches Pendant in den Zuständen der christlich-socialen Partei, welche diese Woche der Proeeß Lueger contra Jedek enthüllt hat. Wir werden unpersönlich sprechen. Denn Herr Dr. Lueger ist empfindlich geworden, seit er von dem rücksichtslosen Führer der Opposition zum Machthaber im Wiener Rathhause aufgestiegen ist. Dieser Mann, der schonungslose Kritiker des vehementen persönlichen Angriffes, verträgt heute weder von seinen Freunden, noch von seinen Feinden Kritik und Angriff. Wir werden uns der Gefahr, von Herrn Lueger vor die Wiener Geschwornen gestellt zu werden, nicht aussetzen und deshalb nicht von ihm, sondern von der Partei sprechen, deren Führer er ist. Herr Jedek war zweier Dmge angeklagt. Der Bürgermeister erblickte in dem Borwurfe, daß er gegebene Versprechungen nicht eingehalten habe und ferner in der Behauptung, daß bei der Vergebung der Stadtrath-Mandate weibliche Einflüsse entscheidend seien, eine Verletzung seiner Ehre. Es bleibe dahingestellt, ob just in der Angelegenheit Hütter ein bindendes und formelles Versprechen gegeben wurde. Daß aber die Cbristlich-Socialen aus dem Häuschen gerathen, wenn ihnen die Nichteinhaltung gegebener Versprechungen vorgehalten wird, das ist mindestens so lustig und so widerwärtig, wie wenn die Herren Schönerer und Wolf von deutscher Ehre und Sitte sprechen. Der Proceß Lueger—Jedek ist eine symptomatische Erscheinung dafür, daß alle jene Wählerschichten, welche die Christlich-Socialen durch die unmöglichsten Versprechungen mit dem Kotzen zu fangen suchten, nunmehr ihre Wechsel präsentiren und daß die Herren nicht im Stande sind, dieselben einzulösen. Die Macht der Christlich-Socialen in Wien beruht vornehmlich darauf, daß lange Jahre hindurch Einzelintereffen gegen Einzelintereffen ausgespielt, die eine Schichte der Bevölkerung gegen die andere gehetzt und der Grundsatz zum Parteiprincip erhoben wurde: „Des Einen Tod ist des Anderen Brot". Die christlich-socialen Wähler find heute in der Lage der verblüfften Studenten in Auerbach's Keller, denen Mephisto in ihrem Begeisterungsrausche die herrlichsten Wunderdinge vortäuschte und die, ernüchtert, erkennen mußten, daß sie sich nur gegenseitig an der Nase hielten. Was den Fleischhauern Paffirt ist, das ist auch den Schustern und Schneidern, das ist auch den Beamten und Lehrern, das ist auch den Handlungsgehilfen Paffirt, und immer rascher und immer klarer, immer verhängnisvoller für die Machthaber im Rathhause vollzieht sich die Erkenntniß in diesen einzelnen Schichten, daß sie die Betrogenen seien. Und die Garde des Herrn Lueger weiß es sehr genau, daß diese Erkenntniß mit rapider Gewalt um sich greift. Daß sie es wissen, beweisen jene zwei Episoden im Proceffe Lueger—Jedek, durch welche die letzten und geheimsten Motive für die Vergebung der Parieiämter enthüllt wurden. Wir citiren wörtlich die Aussage des Gemeinderathes Hütter. der bisher zu den leidenschaftlichsten antisemitischen Parteigängern gehörte und daher gewiß nicht den Verdacht erweckt, daß er etwa den bösen Juden in der Leopoldstadt zuliebe gewisse Elubgeheimniffe ausgeplaudert habe. Herr Hütter erzählte wörtlich, daß in der entscheidenden Sitzung des christlich-socialen Bürgerclubs Herr Dr. Lueger die Wahl eines Neulings zum Stadtrathe mit folgender Erklärung motivirt hat: „Meine Herren, Sie werden zugeb^n, daß ich auch an mich denken muß; es kommt jetzt zur Landtagswahl, Straßer hat großen Einfluß, und infolge dessen habe ich seinem Wunsche nachgegeben." Herr Hütter hat unter Eid ausgesagt, und wir würden uns einer crassen Ehrenbeleidigung schuldig machen, wenn wir die Richtigkeit dieser beeideten Aussage auch nur mit einem Hauche anzweifeln wollten. Aus dieser Deposition geht hervor, daß in der christlich-socialen Partei das Wohl des christlichen Volkes nicht immer der entscheidende Beweggrund für wichtige Actionen ist, sondern daß das persönliche Interesse der Einzelnen eine sehr wichtige Rolle spielt und daß auch dort ein sehr heftiges Gedränge zur Parteikrippe herrscht, daß auch dort jene Kameraderie, jene Cliquenwirthschaft vorhanden ist, die Herr Lueger in seinen jungen Tagen der liberalen Partei mit so sittlicher Entrüstung zum Borwurfe machte und die er kurz und knapp als politische Corruption bezeichnete. Ob und in welchem Maße dabei auch weibliche Einflüsse mitspielten, ob der christliche Frauenbund unter den Wiener Antisemiten wirklich die Rolle der Weiber von Weinberg spielt, ob Frau RuL'öka nur die Fiakerin des Bürgermeisters von Wien oder seine Egeria ist, das sind Fragen zweiter Ordnung, die wir nicht des Langen und Breiten erörtern wollen. Die Wiener Wählerschaft ist durch die Christlich - Socialen so entmannt worden, daß man nur durch Hose und Unterrock wird entscheiden können, was ein Mandl und was ein Weibl ist, und darauf haben es die obersten Beiherren des Bürgermeisters von Wien, die Jesuiten, abgesehen. Entmündigt, entmannt, entsittlicht, entgeistigt muß das Volk sein, über welches die Jesuiten herrschen wollen. Vom Jahrmarkt de» Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. (Karlsbader Ansichtskarten. — Antisemitische Cultur. — Fleisch- und Gesinnungshandel.— Der Nothausgang der Ehrenerklärung. — Versprechungen und Eide.) „Gruß aus Karlsbad". Mit dieser Vignette werden die Ansichtskarten versehen sein, die Herr Dr. Lueger an seine Freunde richten wird, falls es in seiner Gewohnheit liegt, seine liebwerthen Genoffen, wenn er in der Ferne weilt, durch ein Lebenszeichen von seiner Hand zu erfreuen. Der Bürgermeister von Wien hat sich zu seiner Erholung genau in jenen Weltcurort begeben, der unlängst von dem Organ seiner eigenen Partei als die internationale Bersammlungsstätte schmutziger Juden, als eine unreinliche, die widerlichsten Eindrücke bietende Stadt geschildert wurde, in welcher der Fremde für theueres Geld in unreinlichen Quartieren wohnt und ungenießbare, oft ekelhafte Kost erhält. Die Reisebeschreibungen Bergani's haben sonst mit den Mühldorfer Gemeindeobligationen eine gemeinsame Provenienz; sie find gestohlen. Die betreffende Schilderung von Karlsbad jedoch scheint auf dem Mist Bergani's selbst gewachsen

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