Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 29 (18.7.1902)
- Date
- 1902-07-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 474 Dr. Bloch's Wochenfchrrfk. Nr. 29 Ein sehr bedeutsame und hochinteressante Kundgebung hat der „Politische Volksverein" in Wien (aus der Feder des Präsidenten Dr. Fialla) in deutscher und französischer Sprache an den Brüsseler Congreß gerichtet. Dieselbe lautet wie folgt: An den hohen Congreß „Pro Rrmenia*' in Brüssel. Geehrte Herren! Mit freudigem Danke begrüßen die civilisirten Völker jede öffentliche Regung ihrer hochgesinnten Söhne, welche bestimmt und geeignet ist, allen Nationen und Bekenntnissen die Lehre und das Evangelium ihrer einheitlichen, menschlichen Zusammengehörigkeit immer wieder zu verkünden, die internationalen Verletzungen dieses Fundamentalsatzes der menschlichen Gesellschaft und Gesammtheit zu brandmarken und den um ihres Stammes oder Glaubens willen Bedrohten und Verfolgten mitfühlenden Beistand und factische Hilfe zu gewähren. So begrüßt denn auch, geehrte Herren, der in Oesterreichs Metropole Wien bestehende und wirkende „Politische Bolksverein" Ihre diesmalige Versammlung, welche, hervorgegangen aus dem Solid aritäts ge fühle menschlicher Nächstenliebe und Gerechtigkeit, sich die hohe Aufgabe gestellt hat, lauten, weithin vernehmbaren Protest zu erheben und Mittel der Abhilfe zu suchen gegen die barbarische Bedrückung und Verfolgung, welcher noch immer und unter Mißachtung der Ergebniffe der Berliner Conferenz vom Jahre 1895 die Christen in Armenien seitens der andersgläubigen Türkei hilflos preisgegeben sind, unter deren grausamen Mißhandlang und Vergewaltigung sie geradezu der Vernichtung, dem Untergange preisgegeben erscheinen. Wäre es aber billig und rationell, daß diese hohe erleuchtete Versammlung, welche so viele auserlesene Geister und zahlreiche im Kampfe um die hehrsten Güter der Humanität und Gleichberechtigung erprobte Führer vereinigt, sich lediglich auf dieses eine erhabene Ziel beschränke und die Augen verschließe vor den Bitterniffen und Leiden, denen seit Jahrzehnten in der Nähe der armenischen Schlachtfelder ein a n d e r e r Volks- und Glaubens st amm zu erliegen droht, dessen Anrecht auf menschenwürdiges Dasein, Frieden und Gerechtigkeit nicht minder alt und begründet, aber auch nicht minder verleugnet und unterdrückt ist, als jenes der armenischen Christen? Gedenken Sie, geehrte Herren, auch der rumänischen Inden, und Ihr Mitgefühl wie Ihre Weisheit werden Ihnen zurufen, daß die Verfolgung von Christen durch Nichtchristen auf demselben Niveau der Barbarei sich bewegt, wie die Verfolgung von Nichtchristen und speciell Juden durch Christen, — ja letztere um so verwerflicher und verächtlicher zu sein scheint, als sie sich zugleich gegen die Lehren ihres dem Judenthume entsprossenen erhabenen Stifters und gegen die Gebote jener weltumfaffenden Religion der Liebe versündiget, welche die leuchtende Tochter des jüdischen Glaubens ist. Gleichwohl schmachten in Rumänien mehr als eine Viertelmillion treuer, hingebungsvoller jüdischer Landeskinder lediglich um ihrer Abstammung und Confeffion willen seit Jahrzehnten unter dem sich stetig steigernden Drucke vollständiger Entrechtung und unter allen entsetzlichen Folgen und Wirkungen, welche naturgemäß mit ihrer systematischen — direct und indirect betriebenen — Ausschließung aus allen Aemtern, Berufen, ja aus den untergeordnetsten Geschäftszweigen und Taglohnarbeiten, aus allen bürgerlichen Bethätigungen und mit der gesetzlich decretirten Ausschließung ihrer Kinder aus den Schulen verbunden sein müssen. Und dennoch erfüllen diese in moralischer Bedrängniß schmachtenden und gewaltsam in das materielle Elend gestoßenen und.an dieses Elend geketteten jüdischen Rumänen, deren Vorfahren zum Theile schon zur Zeit der Dacier im Lande waren, willig und voll ihre Pflichten an Geld- und Blut st euer gegen dieses ihr Vaterland, welches sie als Staatsbürger nicht anerkennt, als „Fremd e" unerhörten und in ihrer willkürlichen praktischen Ausführung maßlos verschärften Gesetzen und Verordnungen ausliefert, ihnen jedwede Arbeits- und Erwerbsgelegenheit benimmt, sie zu heimatlosen Proletariern herabdrückt, als solche sie dann verfolgt und zur unfreiwilligen Auswanderung, vielmehr zum fluchtartigen Verlassen dieser Stätten der Rechtlosigkeit und Verarmung drängt, von deren Jammer sie sich aber gleichwohl infolge ihrer Hilf- und Mittellosigkeit nicht loszusagen vermögen! Aber nicht etwa eine hohle Bettlerhand strecken diese tüchtigen, wirthschaftlich wohl verwendbaren Volkselemente ihren ausländischen Glaubensgenossen und dem Europa der Humanität, den hohen Signatarmächten des Berliner Vertrages vom 13. Juli 1878, welcher ihnen Freizügigkeit, den Genuß aller politischen und bürgerlichen Rechte und Zulassung zu öffentlichen Diensten, Aemtern und Ehren verbürgte, entgegen, — ihr Verzweiflungsruf, der in den letzten Jahren unablässig widerhallt von den Ufern der Unteren Donau hinauf bis an der Themse Strand und von Bukarest und Sinaia über Paris hinüber bis in die transoceanische Republik, er lautet und will nichts Anderes, als: „Recht und Arbeit, Duldung und Friede!" Ist es schon unsäglich traurig, daß jener altehrwürdige Bolksstamm, der in dem Gebote der Nächstenliebe den wesentlichsten Theil seiner Religion erblickt und dessen uralte Gesetze schon den Schutz und die Gleichberechtigung, ja in vielen Fällen sogar die Bevorzugung der F r e md e n an ihre Spitze stellten, heute noch, im zwanzigsten Jahrhunderte nach seiner politischen Zersprengung um Toleranz werben muß und sie nicht zu finden vermag, — so mag es einigermaßen tröstend und Hoffnung kündend erscheinen, daß immer wieder die besten Elemente der Völker unter dem Zeichen dieses überkommenen Gebotes der Nächstenliebe sich vereinigen, um das Panier menschlicher Würde, Gleichheit und Freiheit zu entfalten und unter dessen nie versiegendem Schutze die ewigen Gesetze der Menschlichkeit und ihres ethischen Zusammenhanges anzurufen und zur Geltung zu bringen. Konnte Europa einig nnd stark genug sein, um mit Waffengewalt in das ferne chinesische Reich jene Civilisation zu tragen, die weit näher, im heimischen Continente, in Armenien und Rumänien schmerzlich vermißt wird, so dürfte der Wunsch und die Erwartung nicht unbegründet erscheinen, daß es auch die moralischen und diplomatischen Machtmittel finden werde, um von seinem eigenen Leibe Auswüchse und Mißgestaltungen zu bannen, die unserer Zeit, Mission und Cultur zum Hohn und Schimpf gereichen. Jenem das „Jahrhundert schändenden" Antisemitismus mit seiner Perfidie und Verlogenheit, Rohheit und G.ewaltthätigkeit, mit seiner Selbstsucht und Zuchtlosigkeit, — ihm, dem die officiellen und die höheren Gesellschaftskreise Rumäniens sich in die demoralisirenden Arme geworfen, sind auch die Juden in Rumänien als bedauernswerthe, unsagbar leidende Opfer hingeworfen worden, — dieselben Juden, denen man einerseits jedwede Existenzfähigkeit, selbst jedwede Bildungsmöglichkeit versagt, andererseits die schwersten Steuern und militärische Dienstpflicht auferlegt, — dieselben, denen, trotzdem sie seil Jahrhunderten Inländer und Rumänen sind, plötzlich die Naturalisation aufgetragen wird, welche selbst aber nur individuell von dem Parlamente ertheilt werden kann und deren selbstverständliche Nichterlangung identisch bleibt mit — Rechtlosigkeit! So möge denn, geehrte Herren, unsere bittende Stimme Gehör bei Ihnen finden, unsere Bitte, die wir dringlichst erheben zu müssen glauben für unsere gehetzten und geächteten Glaubensgenossen in Rumänien, deren unverdiente Erniedrigung, Drangsale und Nothlage zu notorisch sind, um hier im Kreise dieser wissenden Männer voll Weisheit und Geist, voll Herz und Empfinden, voll Gerechtigkeit und Menschenliebe noch des Weiteren begründet werden zu müssen; — möge unser Appell an diese das öffentliche Gewissen repräsentirende Versammlung mächtigen Widerhall finden zu Gunsten der namenlos bedrängten Mitglieder jenes Stammes, dessen „Amen" auch Ihr Gemüth bewegt, dessen „Hosiannah" auch Ihre Andacht erfüllt und in dessen „H a l l e l u j a h" auch Ihr Herz dem gemeinsamen Allvater zujubelt. Hoher Congreß! Wenn Sie Schutz und Beistand gewähren den armenischenChristen gegen die Türken, so spenden Sie auch Ihr Wohlwollen und Ihre Hilfe den rumänischen Juden gegen deren eigenes, sie verleugnende Vaterland. Wien, Mitte Juli 1902. Politischer Volksverein: Dr. M. Hoffmann Dr. Hermann Fialla Hof- und Gerichts-Advocat, Hof- und Gerichts-Advocat, Schriftführer. Präsident,