Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-07-11 · 28 (11.7.1902) · page 14

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
28 (11.7.1902)
Date
1902-07-11
Page
– (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021439-3021468--11919-3036483
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Sette 470 Dr. Bloches Wochenschrift. Nr. L8 speien darf und das es nicht einmal wagt, den Speichel abzuwaschen, sondern lieber in die Tasche greift, um zum Nutzen der Gesinnungsgenoffen besagter Gassenbuben Hunderte und Tausende zu opfern." „Aber ich bitte Sie um Himmelswillen, Herr Wiesner —" Aber Herr Wiesner war auf sein Steckenpferd gerathen, da war er nicht so rasch herunterzubringen. „Ich weiß sehr wohl, Ihr wähnt Euch zu salviren, wenn Ihr heute Hunderte zu Kirchenbauten spendet und morgen Tausende zu Nationaltheatern oder zu Heims für Gott weiß wen und wenn Ihr Wohlthätigkeitsanstalten gründet zu Nutz und Frommen der Mitglieder sämmtlicher Conseffionen, während Mitglieder sämmtlicher Conseffionen mit Fußtritten Euch dafür danken, wenn sie es auch nicht verschmähen, nt den von Euch gegründeten Heim's es sich recht behaglich sein zu laffen. — Aber merkt Jhr's denn nicht? Kein echter Arier rühmt die jüdische Wohlthätigkeit, er staunt nur über das ungeheuere jüdische Capital, das Ihr in so seltsamer Weise unter die Leute bringt, durch das das jüdische Volk allerdings eine Großmacht repräsentiren könnte, der gegenüber alle jene schmählichen Angriffe sich nicht hervorwagen würden." Kohn hatte mit wachsendem Staunen den Expectorationen des sich mehr und mehr Ereifernden gelauscht. „Ihre Worte enthalten viel Wahrheit, ich gestehe, auch mir steigt oft die Schamröthe in's Gesicht, wenn ich unter den gegenwärtigen Verhältniffen jüdische Wohlthätigkeit sich breit machen sehe und der Tausende und Abertausende unserer Glaubensgeitossen gedenke, die brot- und heimatlos umherirren. — Von Seiten unserer Gegner wird allerdings auch das jüdische Capital nur allzuost als Großmacht bezeichnet, dem die armen Christen auf Gnade und Ungnade überantwortet sind. — Wie es sich jedoch in Wirklichkeit damit verhält —" „Warum lernt Ihr nicht von Eueren Gegnern? warum zieht Ihr keinen Nutzen aus ihren Angriffen?" Kohn zuckte die Achseln. „Ich wüßte nicht, in welcher Weise wir daraus Nutzen ziehen könnten. Außer den Redacteuren der zahllosen jüdischen Blätter und Blättchen, die nur vom Antisemitismus leben." „Ach was, die zahllosen Blätter und Blättchen, die nützen nichts. Wirklichen Nutzen könnte nur Ein Blatt bringen, nur ein einziges, auf dem sämmtliche reichen Juden der Monarchie und sämmtliche jüdische Großindustriellen den festen Entschluß aussprechen, binnen Jahresfrist ein Land zu verlassen, in dem die Juden vogelfrei sind, in dem in öffentlichen Versammlungen in Gegenwart der Regierungsvertreter ungestraft und ungerügt zu Haß und Verfolgung der Juden aufgefordert wird, in dem der Jude bei den Organen des Gesetzes mit Nichten jenen Schutz findet, den er nach dem Gesetze zu fordern berechtigt ist. Ueberreichen Sie ein solches Blatt, selbstverständlich mit sämmtlichen Unterschriften der Betteffenden, der maßgebenden Behörde und — warten Sie den Erfolg ab. — Ich gebe Ihnen mein Wort, man läßt Sie nicht fort. Der Antisemitismus würde freilich durch ein derartiges Vorgehen nicht verringert werden, aber die antisemitischen Ausschreitungen würden in kürzester Zeit von der Bildfläche schwinden." „Möglich, möglich, daß Sie recht haben. Was mich betrifft, ich würde mich sofort einer derartigen Erklärung anschließen. — Aber wer bin ich? — Derartiges müßte von unseren Finanzgrößen in Angriff genommen und von der Masse ausgeführt werden. Ob aber unsere Großen dazu zu bringen sein würden? Ob die Maffen sich anschließen würden?" „Das eben ist es, das ist es, was ich dem jüdischen Volke zum Borwurf mache — es fehlt Euch an Solidarität, an Esprit de Corps. Euere Großen sind glücklich, wenn ein Herr von ihnen hin und wieder die Hand schüttelt oder eine Einladung bei ihnen annimmt. Vorläufig sind ja sie durch die Ausschreitungen des Antisemitismus materiell noch nicht geschädigt worden und für das Verächtliche ihrer Haltung fehlt ihnen das Verständniß. Euch Juden der Gegenwart fehlt jener opferwillige Gemeinsinn, der Euere Vorfahren so rühmlich ausgezeichnet hat, der Vater meiner Heimgegangenen Alice hat mir oft davon erzählt. Aber ich bin fest überzeugt, Ihr brauchtet nur entschlossen zu sein, Opfer zu bringen und brauchtet diesen Entschluß nur offen zu erklären — so wären die Opfer selbst überflüffig. — Doch ich sehe sehr wohl ein, es ist das eine Sache, die sich, um mich eines landläufigen Ausdruckes zu bedienen; nicht über's Knie brechen läßt, ich halte Sie daher nutzlos auf — doch es war mir ein Bedürfniß, wenigstens Einem von Euch einmal zu sagen, wie der unbefangene Christ Euer Thun und Laffen beurtheilt — und beurtheilen muß. Nun aber gute Nacht." Mit warmen Händedruck, als wären sie bereits seit Jahren befreundet, verabschiedeten sich die Herren von einander. Literatur. Krauß, Samuel Dr. „Das Leben Jesu nach jüdischen Quellen, herausgegeben und erläutert von ... Berlin, S. Calvary und Co. 1902. Franz Delitzsch führt gelegentlich Klage über die jüdischen Gelehrten, die wissenschaftlich theilnahmslos der Geschichte und Literatur des ersten Christenthums gegenüberstehen. Ist es doch in der That eine wichtige Periode ihrer eigenen Geschichte und Literatur, die sie aus übelangebrachter Behutsamkeit vernachlässigen. Nun ist wohl in den letzten Jahren mancher Versuch gemacht worden, jene Themen sine ira zu behandeln, bezeichnend bleibt es immerhin, daß Krauß in seiner Vorrede förmlich als Apologet seines Unternehmens auftreten muß. Wir können dem redlichen Bemühen unseres Autors, dem jedenfalls heiklen Gegenstände mit gehörigem Tacte und wünschenswerther Objectivität beizukommen, aufrichtige Anerkennung zollen. Wenn ihm dies nicht im vollem Maße gelungen ist, so liegt es daran, daß Krauß seine Texte erheblich überschätzt. Es sind die bekannten Toldoth Jesu, die Krauß in mehreren Versionen nach Handschriften publicirt und commentirt. Ich muß Bischoff und Strack Recht geben, wenn sie — im Gegensätze zu dem unbewußt apologetischen Standpunkte unseres Verfassers — die Ansicht vertreten, „daß diese Schriften Pamphlete sein wollten; .... daß sie (die Verfasser des Toldoth) ebensowenig wie jene (ihre Gegner) eine höhere, geläuterte Geschichtsauffassung besitzen". (S. 155 Anm.) E i n Beispiel nur für die Verwirrung, welche unverdaute Lectüre und durcheinander geworfene Traditionen in jenen Köpfen anrichteten! Im Ms. Straßburg (S. 40, übrigens auch ähnlich in den anderen Versionen) lesen wir: /abn flöttn nw# T3 bs nbtwaü rrm „Die Herrschaft über ganz Israel lag in den Händen einer Frau Namens Helene." Wir haben hier eine veritable Dreieinigkeit vor uns; jene Helene repräsentirt nämlich drei fürstliche Damen; I. die Königin Salome-Alexandra, Schwester Simon ben Zetach's, von dem früher die Rede war; 2. die Königin Helene von Adiabene, eine Proselytin, die bekanntlich in Jerusalem lebte; 3. Helene, die Mutter Kaiser Konstantins, die unser Schriftsteller in seinen christlichen Quellen vorfand. Und diese Gestalten combinirte — freilich theilweise schon nach berüchtigten Mustern — unser Confusionsrath und schuf daraus eine Königin zur Zeit Christi. Ein hübscher Scherz ist es immerhin, wenn die Toldoth den Apostel Paulus als Sendling der Pharisäer hinstellen. Die Frommen und Schriftgelehrten nämlich, so fabeln sie, wollten um jeden Preis die Judenchristen loswerden und diese Friedensbrecher der jüdischen Gemeinschaft entfremden. Da veranlaßten sie den Paulus, die Emancipation vom Gesetze zu predigen und als Kennzeichen des wahren Christenthums den Antinomismus auszurufen. Paulus (den sie Elijahu nennen) erhielt die Zusicherung „im Jenseits als guter Israelit zu gelten" (S. 60). Es soll nicht geleugnet werden, daß sich manches Goldkörnchen entdecken ließe, aber im Ganzen und Großen sind wir nicht in der Lage, jenen Schriften eine größere Bedeutung zuzuschreiben. Daß ein Gelehrter von den Qualitäten Kraußens, in einer an Einzelbemerkungen reichen Arbeit, viel Anregendes und Belehrendes bietet, nmß nicht erst besonders hervorgehoben werden. Da er nun das Hauptgewicht auf das Philologische seiner Abhandlung legt, wird es uns Wohl erlaubt sein, einige Punkte herauszugreifen und zu besprechen: 1. Ms. Straßburg (p. 38) nennt Maria „die Verlobte eines Johannes" (tms nb n'.ni), Ms. Vindobona (p. 64) stellt sie als verheiratet hin (,-,E>K v>bx rrm). Die erste Version, die dem Berichte Mt. I. 18 folgt, ist wohl die ursprüngliche; man nahm später die erwähnte Aenderung vor, weil ein geschlechtlicher Verkehr zwischen Verlobten als unstatthaft angesehen wurde. Es wäre aber zu verweisen gewesen auf die Hisna Kethuboth p. 12a. in der erzählt wird, daß in Jehuda (im Gegensätze zu Galiläa) eine laxere Auffassung herrschte. 2. ib. S. 40 zu dem heiligen Namen, der auf dem jrntP ptf zu lesen war, vgl. die von Grünbaum („Gesammelte Aufsätze zur Sprach- und Sagenkunde" 1901, S. 258) nach Buxtorf citirte Stelle Targ. Exod. XXVIII. 30 .rpTUP pK3 ttnsöl p’pni 3. ib. S. 42—43. lieber sem hammephoras und seine Literatur siehe Grünbaum S. 238—434, vergleiche noch die Sage b. Succah p. 52a, daß Ahitophel den heiligen Namen auf Thonscherben schrieb, in die Fluthen warf und hiedurch eine Ueberschwemmung verhütete. Erwähnenswerth ist, daß nach Ansicht einiger Forscher (Levy im Tiöbnn mpa 5. v. Schorr pbnri Bd. X) unter Ahitophel in den talmudischen Berichten zuweilen eine evangelische Persönlichkeit (Bruder Christi?) gemeint sei. 4. ist. S. 46. Daß ein Zeitgenosse Christi Küirwn genannt wird, wundert uns bei dem historischen Sinne unserer Toldoth weiter nicht. Vielleicht spielt er übrigens mit dem Namen, der „Trost, Tröstender" bedeutet, weil der Rabbi durch seine MittHeilung eine große Gefahr von den Juden abwenden half. Aehnliche Deutungen finden

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.