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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-07-11 · 28 (11.7.1902) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
28 (11.7.1902)
Date
1902-07-11
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 28 Dr. Bloch's WochenMrift. Beite 469 „Dann ist uns ja geholfen", rief Kohn freudig. „Ob Sie den Posten Ihres seligen Mannes werden ausfüllen können, vermag ich zwar nicht zu beurtheilen, jedenfalls könnten Sie es versuchen, und ich sollte glauben, daß es gehen wird. — Sie find eine intelligente Frau, scheinen im Besitze einiger Geschäftskennlniß und einer festen, gefälligen Handschrift, geht es beim Buch nicht, so wird einer der Correspondenten mit Ihnen tauschen, jedenfalls können Sie sich als engagirt betrachten und ihren Posten am ersten nächsten Monats antreten." Thränen entstürzten den Augen der mächtig erregten Frau, die so mit einem Schlage ihre schwerste Sorge beseitigt sah. Bor Schluchzen vermochte sie kein Wort hervorzubringen, aber sie neigte sich und dieses Mal konnte er es nicht verhindern, daß sie seine Hand an ihre Lippen drückte. Wiesner aber erhob sich und sprach sichtlich bewegt: „Gestatten Sie, Herr Kohn, daß ich mich Ihnen vorstelle, mein Name ist Wiesner. Der Verewigte, dessen irdische Ueberreste wir heute der letzten Ruhestätte übergeben haben, war mein bester Freund und hat mich daher zum Vormund seiner Kinder ernannt. Erlauben Sie, daß ich Sie meiner unbegrenzten Hochachtung versichere und Ihnen im Namen des Heimgegangenen den wärmsten Dank ausspreche für das seiner Familie bezeugte hochherzige Wohlwollen." Kohn nahm lächelnd die ihm dargebotene Hand und drückte sie freundlich. „Auf die Hochachtung eines Ehrenmannes lege ich den größten Werth, was jedoch den Dank betrifft, so muß ich denselben zurückweisen, denn ich habe nichts anderes gethan, als das, was ich als Pflicht betrachte, und dafür nehmen wir Juden keinen Dank an; im Gegentheil, fühlen wir uns Denjenigen verpflichtet, die uns Gelegenheit geben, eine Pflicht auszuüben." Wiesner schüttelte den Kopf. „Ein seltsames Volk die Israeliten — aber ein hochherziges. — Ich hatte einmal —" Er fügte noch einige unverständliche Worte hinzu, indem er sich mit der Hand über die Stirn fuhr und sinnend vor sich niederblickte, während der Andere mit der Witwe, die inzwischen ihre Fassung wieder erlangt hatte, eine Unterhaltung begann, an der auch Wiesner sich nach einiger Zeit betheiligte. Der Abend war schon ziemlich weit vorgerückt, als die Herren endlich ausbrachen und gemeinschaftlich das Haus verließen. Sie hatten aneinander Gefallen gefunden und schritten noch auf der Straße plaudernd nebeneinander einher. „Die Witwe meines Freundes hat nicht übertrieben," sagte Wiesner, „als sie versicherte, daß der Verblichene mit allen Fasern seines Herzens an seinem hochverehrten Chef gehangen ist. Sie hätte sogar hinzufügen dürfen, auch an jedem einzelnen Gliede Ihrer hochgeschätzten Familie, denn von einem Jeden hat er mir wiederholt erzählt in Ausdrücken der innigsten Anhänglichkeit." „Er war in der That ein äußerst braver Mann, seine Gewissenhaftigkeit war in meinem Geschäft sprichwörtlich. Auch die Frau ist brav und die beiden Kleinen sind liebe gutgeartete Kinder, nur der älteste Sohn macht eine Ausnahme in der Familie, ich fürchte, er wird seiner Mutter manchen Kummer bereiten und Ihnen als Vormund manchen Verdruß." „Das fürchte ich gleichfalls," stimmte Wiesner bei, „fein Vater hat in jüngster Zeit nur allzuoft über ihn geklagt." „Was werden Sre mit ihm anfangen?" fragte Kohn, „es war eine Marotte seines Vaters, daß er studiren sollte, und er soll sich auch schon darauf gefreut haben, dereinst als Burschenschaftler seiner sogenannten Ueberzeugung den lärmendsten und schlagendsten Ausdruck zu geben, doch zum ernsten Studium hat er nicht die geringste Neigung, ich weiß das aus zuverlässigster Quelle und wollte Sie als Vormund darauf aufmerksam machen, nur der Gutmüthigkeit eines Collegen, hat er es zu danken, daß er im vorigen Jahre aufsteigen konnte." „Und in diesem Jahre ist er sitzen geblieben," bemerkte Wiesner. „Jst's möglich! — aber freilich der gutmüthige College hat gefehlt. — Im Grunde ist's so besser, so wird auch die Mutter einsehen, daß es verlorene Zeit und verlorenes Geld wäre, ihn weiter das Gymnasium besuchen zu lassen." „Der Ansicht bin ich auch, und habe ich auch schon daran gedacht, ihn in ein Geschäft zu geben, es kommt nur darauf an, ein solches zu finden, indem er soviel als möglichst beaufsichtigt wäre, denn — er bedarf der Aufsicht. — Da Sie die Mutter engagirt haben — könnten Sie nicht vielleicht den Sohn als Lehrling nehmen?" Kohn schüttelte den Kopf. „Es wird allerdings zum Herbst eine Lchrlingstelle bei mir frei, dennoch könnte und dürfte ich mich nicht entschließen, den jungen Menschen in mein Geschäft zu nehmen, nicht wegen seiner mir bekannten Faulheit, über die würde ich vielleicht um des Vaters willen, der mir zehn Jahre lang treu gedient hat. ein Auge zudrücken, aber der Bursche ist enragirter Antisemit, es hieße meinem Todfeinde die Thüre öffnen, würde ich ihn in's Geschäft nehmen, das darf ich nicht." „Freilich nicht, freilich nicht — es war ein unüberlegter Vorschlag meinerseits, ich muß sogar deswegen um Entschuldigung bitten, denn die sogenannten Principien des Buben waren mir bekannt, mein armer Freund hat oft genug darüber geklagt. — Seltsame Erscheinung diese antisemitische Zeitströmung — mir geradezu unbegreiflich." „Ich finde den Antisemitismus weder unbegreiflich noch auch nur seltsam. So lange es unsittliche Menschen gibt, solange wird es auch Antisemiten oder vielmehr Judenfeinde geben, denn das jüdische Volk ist nun einmal der Repräsentant der Wahrheit, des Rechtes, der Sittlichkeit und der Menschenliebe. Wem die Wahrheit nicht als Höchstes gilt, wer Recht und Menschenliebe nur für sich in Anspruch nimmt und sich um die von der Sitienlehre gezogenen Schranken nicht kümmert, der muß ein Judenfeind sein, ein sogenannter Antisemit." Wiesner wiegte lächelnd den Kopf. „Sie scheinen sehr, sehr stolz zu sein — doch ich muß gestehen, in gewisser Beziehung kann ich Ihrem Stolze eine Art Berechtigung nicht absprechen." „Nur in gewisser Beziehung? und nur eine Art Berechtigung? — Aber ich bitte, wollen Sie erwägen, was wäre die Welt, wenn das jüdische Volk ihr nicht die Lehren der Wahrheit und der Sittlichkeit überbracht hätte." „Die Lehre der Wahrheit, ich meine des Monotheismus verdankt die Welt allerdings dem Alten Testament, das wird von Allen anerkannt, ob aber auch die Lehren der Sittlichkeit?" er zuckte die Achseln, „und Menschlichkeit und Menschenliebe finden doch zuerst im Neuen Testament Ausdruck, werden zuerst im Evangelium gelehrt." „So? — meinen Sie?" um Kohn's Lippen spielte ein mitleidiges Lächeln. „Nun, ich weiß allerdings, Ihre Religion nennt sich mit Vorliebe die Religion der Liebe. Ich will davon schweigen, in welcher Weise diese Liebe uns Juden gegenüber bethätigt worden ist und noch heute bethätigt wird. Ich mache mich jedoch anheischig, für jede Sittenlehre des Evangeliums, für jede Lehre reiner Menschlichkeit, reiner Menschenliebe, die nicht der jüdischen Lehre entstammt, sofort eine Million zu hinterlegen." „Das ist ein großes Wort, dem ich zu meinem Bedauern weder zustimmen noch widersprechen kann, denn die jüdischen Quellen sind mir fremd." „Wenn Sie wollen, können Sie mein Angebot Fachkundigen mittheilen, Sie werden mich jederzeit bereit finden, mein Wort einzulösen." „Werde gelegentlich Ihrer Aufforderung entsprechen, denn es würde mich in der That intereffiren, zu wissen, ob Sie recht haben. — Ich will Ihnen sogar offen gestehen, dem Judenthum an und für sich war ich nie abhold — ich habe mich sogar längere Zeit mit dem Gedanken getragen, zu demselben überzutreten." „Bermuthlich um eine Jüdin heiraten zu können?" Wiesner neigte bejahend das Haupt. „Civilehe gab's damals in Oesterreich noch nicht und auch der Ueberlritt zum Judenthum war nicht gestattet — doch ich wäre im Ausland übergetreten, wenn nicht der Vater der von mir Angebeteten erklärt hätte, daß er auch dann seine Zustimmung zu unserer Verbindung verweigern werde, da ein frommer jüdischer Geistlicher keinen Proselyten aufnehmen würde, der um eines Mädchens willen überzutreten verlangt. — Was konnte ich machen? — ich mußte mich fügen. Aber ich habe ihr die Treue bewahrt, bis über das Grab hinaus; ich bin unvermählt geblieben, obgleich längst grüner Rasen das treueste Herz bedeckt. — Biele, viele Jahre hindurch habe ich Ihren Glaubensgenvffen die wärmste Sympathie bewahrt, bis in die neueste Zeit die antisemitischen Umtriebe —" „Wie?" fiel Kohn überrascht ein, „die antisemitischen Umtriebe haben uns Ihre Sympathie entzogen?" Wiesner zuckte die Achseln. „Ich kann mir nicht helfen, ich kann meine Sympathie keinem Volke bewahren, das sich nicht aufbäumt, wenn ihm die schmählichsten Jnvectiven entgegengeschleudert werden, dem jeder Gaffenbube ungestraft in's Gesicht

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