Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 28 (11.7.1902)
- Date
- 1902-07-11
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 466 dr. Vlvch's WoüMfchrrfr» Nr. 28 „Wenn Graf Kanitz sich wirklich auf dem Gebiete des Schifffahrtswesens für eine so kenntnißreiche Autorität hält, daß er es wabt, die gerade jetzt so kostbare und für die Agrarier so wichtige Zeit des auseinanderstrebenden Reichstags mit seinen rein theoretischen und, wie er zugeben wird, jetzt jedenfalls praktisch werthlosen Erörterungen über Schifffahrtstrusts zu vergeuden, so thäte er vielleicht am Besten, seinen Großgrundbesitz schleunigst zu verkaufen und mit seinen Freunden eine neue und lohnende Rhederei zu begründen, die den von ihm getadelten Gesellschaften durch die Praxis zeigt, wie sie ihre Sache führen müffen. Ist er dagegen objectiv in der Beurtheilung fremder und seiner eigenen Verdienste, so muß er sich sagrn. daß der jetzt von der agrarischen Presse trotz oder vielleicht wegen seiner Beziehungen zum Kaiser so vielfach und so persönlich angefeindete Generaldirector B a l l i n in den letzten Jahrzehnten mehr für das Deutsche Reich und den deutschen Wohlstand gethan hat, als Graf Kanitz sammt seinen oft elbischen Freunden/ Bobruisk. (Spende des Czaren.) Czar Nikolaus hat den abgebrannten Juden der Stadt Bobruisk eine großmüthige Spende von 50.000 Rubel bewilligt. Die Vertheilung des Geldes fand unter großer Feierlichkeit durch den Gouverneur selbst und eigenhändig statt. Derselbe kam am 20. Juni mit großer Begleitung aus Minsk an. Zahlreiche Polizeibeamte trugen das zu vertheilende Geld in mächtigen, mit Gold und Silbermünzen gefüllten Säcken hinter ihm her und auf dem großen Platz vor der Festung ging der feierliche Act der Vertheilung vor sich. Die zu unterstützenden Personen wurden aufgerufen und der Gouverneur händigte jedem Einzelnen das Geld mit den Worten: „Das schenkt Dir der Czar" ein. Die großmüthige Spende hat merklich zur Linderung der Noth in Bobruisk beigetragen, und die zu Ehren des kaiserlichen Wohlthäters auf allen Plätzen der Stadt abgehaltenen Dankgebete sind den armen Juden aus tiefstem Herzen gekommen. Die Gebete mußten unter offenem Himmel abgehalten werden, da fast alle Synagogen ein Raub der Flammen geworden sind. London. Die „Jewish Colonisation Association" hat ihren Jahresbericht für 1901 herausgegeben. In der Generalversammlung, die am 15. v. M. in Paris stattgefunden hat, wurde derselbe ohne jede Debatte zur Kenntniß genommen. Dieser Bericht ist aber so umfangreich, daß nur ein Auszug aus demselben veröffentlicht werden kann. Wie gewöhnlich sind auch diesmal die englisch-jüdischen Journale in der Lage, den Bericht zu veröffentlichen, während die deutschen wohl noch wochenlang darauf zu warten haben. Wir haben gegen diesen Unfug wiederholt unsere Stimme erhoben — bisher leider vergeblich. Da aber die „I. C. A." schon durch ihre Mittel die größte Institution ist, die die moderne Judenheit besitzt, so können wir selbstverständlich, wie es einem solchen Vorgehen gegenüber eigentlich am Platze wäre, den Bericht nicht mit Stillschweigen übergehen. In der Zusammensetzung der Gesellschaft hat sich nichts geändert, als daß an Stelle des Herrn Georges K o h n (Paris) Herr Paul Errera (Brüffel) gewählt wurde. Das Thätigkeitsgebiet der „I. C. A." ist ein sehr umfasiendes. Der Haupttheil liegt natürlich in Argentinien, und dort sind die Erfolge, wie man weiß, nicht von der Thätigkeit der Colonisten allein, sondern auch von den Naturgewalten abhängig. Die großen Colonien haben im Berichtsjahre ansehnliche Erfolge erreicht, die kleinen dagegen litten ziemlich unter der Dürre, den Heuschrecken u. s. w. In Canada und in Cypern gedeihen die Colonien ziemlich gut. in Palästina ist das Reorganisationswerk im Gange, in Rußland hat die Gesellschaft neue Agricultur- und Handwerkerschulen errichtet. Von besonderer Bedeutung ist die Thätigkeit der „I. A. C." in Rumänien, wo die Emigration arbeitskräftiger Elemente unter ihrer Leitung stetig fortschreitet. Auch in Galizien hat die Gesellschaft gedeihlich gewirkt. Wir behalten uns noch vor, den Bericht der „I. C. A.", der für das große Hilfswerk von ungewöhnlicher Bedeutung ist, schon in nächster Zeit ausführlich zu besprechen. Netv-Aork. Die Interpellation Goldvogle im amerikanischen Congreß hat nun doch einen gewissen Erfolg gehabt. Nachdem bereits allgemeine Versammlungen in New-Iork und anderen Städten die Frage populär gemacht, hat nunmehr der Senat, wie ein Kabel-Telegramm meldet, einen Beschluß gefaßt, der den Staats-Secretär auffordert, mitzutheilen, ob den Israeliten mit einem amerikanischen Paß das Betreten Rußlands verboten sei. Die ausweichende Antwort, die der Staats-Secretär hay im Congreß gegeben, hat also auch den Senat nicht befriedigt. Es wird sich jetzt Herausstellen, daß thatsächlich amerikanische Bürger, sofern sie Juden sind, nicht über die russische Grenze dürfen. Melbourne. (F r i e d h o f s v e r l e g u n g.) Die hiesige Stadtverwaltung hatte bei den drei jüdischen Gemeinden von Melbourne die Erlaubnis nachgesucht, zur Vergrößerung eines öffentlichen Marktes die jüdische Abtheilung des alten Friedhofes in der Peelstraße zu verlegen, indem die darauf begrabenen Leichen auf Kosten der Stadt ausgegraben und nach dem Zentralfriedhof befördert, die Grabsteine dort wieder aufgestellt werden sollen. Nach Berathung mit ihren Geistlichen haben die jüdischen Gemeindevertreter den städtischen Behörden geantwortet, daß es gegen die Vorschriften ihrer Religion verstoße, die Ruhe der Todten zu stören, und daß sie darum den Wunsch der Stadt nicht zu erfüllen vermögen. In die Verlegung eines Friedhofes durch Ausgraben der Leichen u. s. w. dürften die Juden nur dann willigen, wenn das Landesgesetz dieses Verlangen gutheiße. Ein solches Gesetz besteht hierzulande nicht. Die Juden halten es überall für ihre Pflicht, die alten Begräbnißplätze zu erhalten, das geschieht selbst an Orten, an denen gar keine eigene jüdische Gemeinde mehr besteht. lieber Südafrika wird von A. Hausmann in „Ost und West" geschrieben: „Kapland umfaßt ein Gebiet von 572,000 Quadratkilometer, das nach einer Schätzung vom Jahre 1893 von 1,659,000 Einwohnern, darunter von nur 3000 Juden, bewohnt war. Transvaal hat einen Flächenraum von 308,000 Quadratkilometer mit einer Bevölkerung (Schätzung vom Jahre 1895) von 879.600 Einwohnern. Die Zahl der Juden in Transval ist mir unbekannt. Im Freistaate Oranje zählte man im Jahre 1890 bei einer Bevölkerung von 207,000 Einwohnern kaum 113 Juden. In den letzten Jahren hat eine stärkere jüdische Einwanderung eingesetzt, speciell russischer Juden auf dem Umwege über England, so daß man kaum fehl gehen wird, wenn man die Anzahl der Juden in ganz Südafrika auf 10,000 schätzt. Die Nachrichten, die wir von diesen Juden haben, lassen auf ein Wohlergehen schließen. Sie haben ein eigenes hebräisches Blatt unter dem Titel „Haor", das Licht, und wenn ich nicht irre, auch eine eigene Jargonzeitschrift „Der Jude". Ich denke mir, daß Südafrika das Gebiet ist, welches derzeit die meisten Bortheile für eine jüdische Einwanderung bietet. Politisch die Sphäre der englischen Freiheit, sprachlich das Gebiet dem Jargon verwandter Sprachen, Burensprache und englisch, setzt es keine äußeren Schwierigkeiten entgegen und besitzt die wichtigste Voraussetzung für.eine größere Immigration, nämlich die vorläufig unbeschränkte wirtschaftliche Aufnahmsfähigkeit. Findet man keinen Erwerb bei den Menschen, so kann man sich ihn unmittelbar bei der Natur suchen als Ackerbauer, Viehzüchter, Mineralgräber". An diese Bemerkungen reiht sich der praktische Vorschlag, einen Auswandererverein nach Muster z. B. des „Vereines zum heiligen Vincenz und St. Paul" für die polnische Auswanderung nach Brasilien — jedoch im größeren Maßstabe — zu gründen und das Princip der Arbeits- und Ecwerbsvermittler, wie es im Wiener Arbeitsnachweisbureau der „Bne Brith" verwirklicht ist, anzuwenden. Der Aufsatz schließt mit der zutreffenden Bemerkung, daß der Verfasser nicht die Immigration nach Südafrika den Juden überhaupt, sondern nur die Ablenkung der bestehenden Emigration von Amerika und England anempfehle — derjenigen Emigration, mit der man als einer gegebenen Thatsache rechnen müsse. Vermischtes. Kranzablöfungsfpenden zu Gunsten der „Chewra-Kadi fcha" in Wien, I., Seilenstertengaffe 4, für arme kranke Glaubensgenossen. Anläßlich des Ablebens des seligen Herrn Hermann Beer: Bon Herrn I. Herrmaun in Pilsen, X 20'—; Familie Herrmann in Pilsen, K 10*—; Herrn Jaques Schönmann in Wien, X 10'—; Herrn Jaques Karpeles, VII., Schottenfeldgasse, K 10'—; Herrn Lazarro Bitali, I., Bartensteingasse 8, X 10'—. Zusammen X 60'—. Anläßlich des Ablebens des seligen Herrn Ignatz Wilhelm: Von Herrn Max Mandl, I., Werderthorgaffe 1, X 20'—; Herrn Franz Korwill, VW., Tigergaffe 14, X 10'—; Herrn