Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 28 (11.7.1902)
- Date
- 1902-07-11
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 28 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 465 Vägujhelyer israelitische Cultusgemeinde als Erhalterin der Realschule, derselben durch die Erweiterung der Unter- Realschule zu einer achtclassigen Ober-Realschule ein würdiges Denkmal zu setzen. Im Mai l. I. richtete der Vorstand ein Memorandum an das hohe Unterrichts- Ministerium, worin zugleich um Erlaubniß zur Eröffnung der Fünften im kommenden Schuljahre angesucht wurde. Die Geneigtheit der hohen Regierung zur Bewilligung der Ober-Realschule steht außer Zweifel; sie kennt genau die wichtige Mission, welche unsere Realschule in patriotischer und eulturellec Beziehung erfüllt, und weiß sie auch demnach zu schätzen. In Würdigung der Verdienste der Realschule hat die hohe Regierung die jährliche Subvention der Realschule im heurigen Jahre von 8000 auf 9000 Kronen erhöht. Geben wir uns jedoch durch sanguinische Auffassung dieser Angelegenheit keiner Täuschung hin. Die hohe Regierung wird die Erlaubniß zur Erweiterung der Realschule an die Bedingung knüpfen, daß die Cultusgemeinde auch ihren Bestand sichere, und nur dann wird die Regierung sich herbeilassen, die jährliche Subvention je nach Bedürfniß auf 18.000 bis 20.000 Kronen zu erhöhen. Zur Sicherung des Bestandes einer Mittelschule benöthigt man, wie zum Kriege, Geld, Geld und Geld. Die Vägujhelyer Cultusgemeinde, welche außer den religiösen Institutionen eine Volks- und Bürgerschule erhält, unterstützte die Realschule bisher mit 7000 Kronen jährlich. Mehr zu leisten ist die Gemeinde nicht in der Lage, und demgemäß könnte auch von der Erweiterung der Realschule keine Rede sein. Im heurigen Jahre haben sich jedoch der Cultusgemeinde neue Geldquellen eröffnet, die blos zu Zwecken der Realschule verwendet werden dürfen. Die Stiftung des Burg'schen Ehepaares ging im heurigen Jahre in den Besitz der Realschule über. Diese Stiftung, aus Grundbesitz bestehend, wirst einen jährlichen Ertrag von etwa 1600 Kronen ab. Der hierortige Mittelschulverein hat ebenfalls im heurigen Jahre eine ständige jährliche Subvention von 800 Kronen flüssig gemacht. Beide Beträge genügen zur Erhaltung der fünften Claffe. Zur Erhaltung der 6. bis 8. Claffe fehlen uns momentan die Mittel. Wir hegen jedoch die Hoffnung, daß in Würdigung des hohen Zieles die nöthigen Geldmittel der Cultusgemeinde zur Verfügung gestellt werden. In erster Reihe rechnen wir auf die Unterstützung des Millenniums-Fondes. Dieser .Landesfond hat es sich zur Aufgabe gemacht, jüdische Cultur. zu fördern. Die Herren, welche mit der Verwaltung dieses Fondes betraut sind, glaubten der jüdischen Cultur bestens zu dienen, wenn sie Volksschulen in chassidischen Gemeinden errichten. Das Ende des so schönen Zieles war vorauszusehen. Wo sie anklopften, wurde ihnen die Thüre gewiesen, und anstatt des Dankes erhielten sie Beleidigungen. Eine einzige Volksschule errichteten sie in einem Orte, wo — keine Chaffidim sind. In Vägujhely wurden die Herren mit offenen Armen empfangen. Sie werden durch die Unterstützung der Unter-Realschule, dem Vaterlande und den Juden unserer Gegend eine große Wohlthat erweisen. Der Panslavismus und der Clericalismus haben sich in unserer Gegend gegen die Juden verbunden, um ihnen den Broterwerb unmöglich zu machen. Die Heranwachsende Generation muß daher vor dem gänzlichen Verfalle geschützt werden. Diese Aufgabe hat der Millenniums-Fond zu lösen. Die vierclassige Realschule besuchten im laufenden Schuljahre 170 Schüler. 138 waren jüdischer und 32 christlicher Confession. Der Nationalität nach waren 18 Magyaren, 121 Deutsche und 31 Slaven. 149 Schüler können auf Grund ihrer Fortschritte die höhere Claffe besuchen, 21 repetiren. Die Schülerlade vertheilte Schulbücher und andere Lehrmittel im Werthe von 315 Kronen an Schüler ohne Unterschied der Confession. Rosenberg. Die Israelitische Cultusgemeinde Rosenberg (Böhmen) versendet nachstehenden Aufruf: P. T. Eine geschichtliche Thatsache ist es, daß die vielen und mannigfachsten Wechselfälle, die im Verlaufe der Zeiten das jüdische Volk heimgesucht haben, in ihm die Ergebenheit für den heiligen Glauben unserer Väter und die Vaterlandsliebe nicht erschüttern konnten. Denn nach der Zerstörung des jerusalemischen Tempels fand auch Israel seinen geistigen Mittelpunkt in dem öffentlichen Gottesdienste in der Synagoge. Im Gotteshause fand es für seinen irdischen Wandel Kraft und Ausdauer, Muth und Hoffnung, Trost und Belehrung. Mit jedem Tage jedoch mitten im Gewühle des allgemeinen Daseinskampfes wird besonders der Existenzkampf eines jeden Juden schwerer und verzweifelter, namentlich in den kleineren jüdischen Gemeinden, wo die geringen Erwerbsquellen in erschreckender Abnahme begriffen sind. Demzufolge suchen auch die meisten Mitglieder solcher Gemeinden ihre Zuflucht in den größeren Städten, um dem wirthschastlichen Elend auszuweichen. Die wenigen Zurückgebliebenen, de ungeachtet deffen mit dem vollständigen Auswande ihrer Kräfte an dem Bestände und der Fortdauer ihres Gemeindewefeus unermüdlich arbeiten, sind leider mir geringfügigen Mitteln ausgerüstet. Da der ergebenst Unterzeichnete Vorstand sich veranlaßt sieht, das mehr als ein halbes Jahrtausend zählende Gotteshaus unserer uralten israelitischen Gemeinde von innen und außen zu renoviren, wendet er sich ganz ergebenst mit dem Appell an die Wohlthätigkeit und Barmherzigkeit unserer Glaubensgenossen, uns helfend und unterstützend an die Hand zu gehen. Hoffend, daß diese bescheidene Bitte ihren gottgefälligen Zweck nicht verfehlen wird, nimmt das Caffaamt der israelitischen Cultusgemeinde Rosenberg (Böhmen) jede beliebige Spende dankend entgegen, was auch dann in den Zeitschriften für jüdische Interessen namhaft gemacht werden wird. Israelit. Cultusgemeinde Rosenberg (Böhmen): Adolf Arnstein. Dr. M. Margel, Ignaz Offner, Rabbiner. Cultusvorsteher. Josef Rob itschek. Alle Spenden sind gefälligst zu senden: An das Cassaamt der israelitischen Cultusgemeinde Rosenberg (Böhmen). Berlin. (Der Antisemitismus in der deutschen Armee.) Dem „Berliner Tageblatt" wird geschrieben: „Die scharfe Verurtheilung, welche die confessionellen Zänkereien und insbesondere der Antisemitismus in der bedeutungsvollen Rede des Generalobersten v. L o L gelegentlich der Bonner Jubelfeier des fünfundzwanzigjährigen päpstlichen Regierungsjubiläums erfahren haben, wird sicherlich in allen freisinnigen Kreisen umso wohlthuender berühren, als man schon längst nicht mehr gewohnt ist, von einer amtlich hochstehenden Person solche Worte zu hören. Daß aber die treffliche Rede irgend welche erfreuliche Wirkung auf die Waffengefährten des verdienstvollen Kriegsmannes ausüben wird, ist kaum anzunehmen, denn dazu sitzt das consequent gezüchtete Borurtheil unter diesen Herren zu fest. Gerade unter Officieren und auch unter Beamten ist es mit der confessionellen Duldsamkeit, insofern das Judenthum in Betracht kommt, trotz aller humanistischen und sonstigen Bildung noch immer nicht weit her. Wir haben ja noch jüngst aus Posen gehört, wie von Officieren und Beamten deutsche Gastwirthe gegenüber polnischen zurückgesetzt wurden, weil jene jüdischen Glaubens waren. Und das in einer Zeit, da ' die Staatsregierung die krampfhaftesten Anstrengungen macht, den Osten zu germanisiren! Auch die Disqualification jüdischer Einjährig - Freiwilliger mit Bezug auf den Reserveofficier und die Art, wie jüdischen Juristen die Richtercarriere als „noli me tangere“ hingestellt wird, lassen zur Genüge erkennen, daß in gewissen Regionen die Höhe der Gesinnung, wie sie der Generaloberst v. Los bekundet hat, noch lange nicht erreicht ist. Solchen Kreisen kann daher das Studium der Rede des Generalobersten nicht genug empfohlen werden. Auch empfehlen wir als beherzigenswertstes Seitenstück eine amtliche Urkunde, in der ermahnt wird, der Ehre und der Würde der Juden nicht zu nahe zu treten. Freilich, diese amtliche Urkunde datirt nicht von heute, sondern aus einer sehr unmodernen Zeit, nämlich vom Jahre — 1266! Sie liefert den Beweis, daß auch damals Männer von wahrer Herzensbildung existirten, die zwischen Christen und Juden keinen Unterschied machten und in puncto Humanität vielen modernen Rathen und Kriegsleuten über waren. Die Urkunde ist in zwei Steine gehauen und in die südlich? Mauer der Schatzkammer des Kölner Domes eingemauert. Ausgestellt hat sie Erzbischof Engelbert il. von Falkenburg (1261—1275), der den Juden die von Erzbischof Konrad verliehenen Privilegien bestätigte und erweiterte." Gegen Herrn Balli» den Generaldirector der Hamburg-Amerikanischen Packetfahrtgesellschaft hatte die agrarisch-antisemitische Presse wegen des Abschlusses des Schifffahrtsabkommens mit Den amerikanischen Gesellschaften ein förmliches Kesseltreiben veranstaltet. Graf Kanitz hatte auch schon eine geharnischte Interpellation im Reichstage angekündigt, sie aber auf Anrathen wohlmeinender Freunde infolge der drängenden Vertagung des Reichstages bis zum Herbst zurückgestellt. Hierzu schrieb nun u. A. die „Kölnische Zeitung": .ifm