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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-07-11 · 28 (11.7.1902) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
28 (11.7.1902)
Date
1902-07-11
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 464 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 28 deren materielles Interesse unter dem verderblichen Nationalitätenkampf schwer und empfindlich zu leiden habe, namentlich dort, wo sie bei den Wahlen in die autonomen und öffentlichen Körperschaften das Zünglein an der Waage bilden. Es ist ja bekannt, daß Deutsche und Czechen gegen diese jüdischen Kaufleute einen förmlichen Boycott inscenirlen und daß dieser Boycott den wirthschaftlichen Ruin Tausender und Abertausender jüdischer Geschäftsleute herbeigeführt hat. Insbesondere konnte man in Wien die Wahrnehmung machen, daß die jüdischen Kaufleute von gewissen Bezirken, die in dem Rufe des Antisemitismus stehen und diesem Rufe durch Bethätigung desselben auch gewissenhaft Nachkommen, mit ihren Geschäften wegziehen mußten. Alle Anstrengungen, gegen diesen für die Juden eine wirthschastliche Nothlage bildenden Kampf Herr zu werden, haben sich bisher als erfolglos bewiesen. Nun soll endlich dagegen auf indirectem Wege Remedur geschaffen werden. In den von der Regierung und Parlamente eingebrachten Entwürfe eines neuen Paßgesetzes ist eine Bestimmung enthalten, welche geeignet sein könnte, dem Boycott gegen jüdische Geschäftsleute radical abzuhelfen. Diese Bestimmung lautet: Wer eine, offenbar gehässigen Beweggründen entspringende, mittelbare oder unmittelbare Aufforderung zur Meidung des geschäftlichen Verkehrs mit bestimmten Kreisen von Industriellen, Gewerbetreibenden, Kaufleuten, Advocaten, Aerzten, Apothekern, Hebammen und Anderen durch eine Druckschrift veröffentlicht, ist wegen Uebertretung an Geld mit 50 bis 2000 Kronen zu bestrafen. Der Gesetzentwurf wäre eingebracht; ehe er jedoch die parlamentarische Behandlung durchgemacht und durch die kaiserliche Sanction Gesetz geworden sein wird, dürfte, der Sachlage nach zu urtheilen, noch eine ganz geraume Zeit währen. Denn unser Parlament hat vollauf damit zu thun, sich des continuirlich drohenden Gespenstes der Obstruction zu erwehren. Man muß jedoch lebhaft wünschen, daß das neue Preßgesktz je eher je lieber Gesetzeskraft erlangen möge, denn wenn auch von den Boycottparagraphen die Juden Vortheil zu ziehen in der Lage sein werden, so wird er auch allen Volksstämmen des vielgestaltigen Nationalitätenstaates Oesterreich wesentlich zu Statten kommen, weil er einen Schutzdamm für die gefährdeten wirthschaftlichen Interessen nicht nur des Einzelnen, sondern auch der Allgemeinheit bietet. Ob aber dieser Entwurf je Gesetzeskraft erlangt? E. B. Wien. Euer Wohlgeboren! Vor einigen Tagen suchte mich ein intelligent aussehender, aufgeweckter Knabe in meiner Wohnung auf und berief mich zu seinen Eltern in die Große Mohreugasse Nr. 39, Thür 2, da er aus der ersten Bürgerschulclasse, die er soeben absolvirt, ins Gymnasium übertreten möchte und ich ihm behufs Vorbereitung zur Aufnahmsprüfung — ich bin Privatlehrer — bestens empfohlen wurde. Die Familie heißt „Rasche", ist aber arisch und czechischer Nation. Der Knabe nahm bei mir in der Wohnung Stunde und nach zweimaligem Unterrichte stellte er plötzlich an mich die Frage, ob ich Jude oder Christ sei. Als er vernahm, daß ich Jude sei, was er, wie er meinte, sich gleich gedacht hatte, sprach er sein Bedenken aus, ferner zu mir zu kommen, aus Furcht, ich könnte meine Zimmerthüre verschließen, ihn abschlachten und das Blut abzapfen. Auf meine Frage, wieso er auf diesen Gedanken komme, sagte er mir. daß es doch nachgewiesen sei, daß Juden Christenkinder aus religiösen Gründen verfolgen und sie verschwinden lassen. Nachdem ich mich bemüht hatte, ihm zu erklären, daß das nicht wahr sei, sondern nur von Antisemiten gegen die Juden aufgebrachte Gehässigkeiten seien, entgegnete er mir: „Und der Hilsner? das ist doch nachgewiesen!" — Mir war sehr leid um den Burschen, denn er lernte sehr brav und gab sich redliche Mühe, von der Stunde zu profitiren, mußte ihm aber dennoch erklären, wenn er mit irgend einem Vorurtheile zu mir komme, möge er lieber ausbleiben! Ich fing an, Angst zu bekommen, das Kind könnte unter irgend einer Fiebererscheinung erkranken und man könnte dann sagen, „der Jude" habe ihm etwas angethan. Der kleine „Rasche" dürfte also nicht ins Gymnasium eintreten, da am 15. schon die Aufnahmsprüfungen stattfinden und ich habe ein paar Gulden weniger in der Tasche. Hoch-. achtungsvoll Ihr ergebener Wilhelm Geiger, ll., Weintraubengasse Nr. 15. Wien. Unter dem Vorsitze des Gemeindepräsidenten Herrn M. Nusso fand am Sonntag den 29. Juni l. I. im Winterbethaussaale des türkisch-israelitischen Tempels die Jahresprüfung der Zöglinge der türkisch-israelitischen Schule statt. Anwesend waren mehrere Honoratioren, Mitglieder der türkisch-israelitischen Gemeinde und die Eltern der Zöglinge. Geprüft wurde nach folgendem Programme: 1. Gebet. 2. Biblische Geschichte. 3. Hebräische Sprache. |4. Spaniolische Sprache. ^5. Lesen in Verbindung mit deutscher Unterrichtssprache. 6. Rechnen. 7. Naturgeschichte und Naturlehre. ü. Geographie und Geschichte. 9. Gesang — türkische Volkshymne. 10. Ansprache eines Schülers. 11. Ansprache des Directors. 12. Oesterreichische Volkshymne. 13. Schlußgebet. Die Kinder beantworteten die an sie gestellten Fragen mit Sicherheit und Schlagfertigkeit. Freudig überraschten die Kenntnisse der Zöglinge aus der hebräischen und spaniolischen Sprache. Ebenso angenehm berührten die Kenntnisse der Kinder aus der Geographie von Palästina. Am Schlüsse der Prüfung ermahnte der Director der Anstalt, Herr Ignaz Weber, die Kinder, der Pflichten der Dankbarkeit gegen Eltern, Lehrer und Gemeinde, welch' letztere die Schule nur unter Aufbringung schwerer Opfer erhält, stets eingedenk zu sein. Am 26. Juni l. I. wurde die Anstalt eingehend vom k. k. Bezirksschulinspector und Schulrath I. M. Hinterwaldner inspicirt. Dieser Vertreter der Unterrichtsverwaltung sprach sich dem Director gegenüber in sehr anerkennender Weise über die erzielten Unterrichtsresultate aus, namentlich belobte er die Lehrgeschicklichkeit und die eifrige Wirksamkeit der Lehrerin Frl. Franziska Auspitz. Im Verlaufe seiner Rede sprach der Director sein lebhaftes Bedauern darüber aus, daß viele Gemeinden seinerzeit ihre gut geleiteten Schulen aufließen und sind die Verheerungen und Zerstörungen, die hiedurch namentlich in den unteren Schichten des Judenthumes angerichtet wurden, auf's Tiefste zu beklagen. Soll es da besser werden, so müssen jüdische Schulen wieder errichtet werdem Denn selbst in den Zeiten des schwersten Druckes waren die Schulen die Brennpunkte, von welchen aus die Juden Licht und Wärme erhielten. In näherer Darlegung dieser Thatsache citirte Redner nachfolgende Stellen aus dem Talmud (lerusebalmi Chagiga). Rabbi Jehuda, der Heilige, machte einst Reisen, um als Patriarch über das Wohl des Volkes zu wachen Er kam in eine Stadt und forderte, daß man ihm die Wächter des Ortes vorführe, um sich zu überzeugen, ob er daselbst mit Sicherheit verweilen könne. Es wurden die Stadtvögte und Nachtwächter vorgestellt. „Das sind nicht die Wächter, die ich zur Wahrung der Sicherheit für befähigt halte", bemerkte der Patriarch, „führet mir die Lehrer vor; denn die sind die wahren Wächter des Ortes". Deswegen ist unsere Gemeinde besonders zu beglückwünschen, daß an ihrer Spitze ein Präsident und ein Vorstand stehen, welche der Schule ein richtiges Verständniß und besondere Aufmerksamkeit zuwenden. Und wenn der Philosoph des elastischen Alterthumes den Ausspruch that „Quiun Dei cedere, pädagogum farere“ (Wen die Götter hassen, den haben sie zum Lehrer gemacht) — in unserer Gemeinde trifft dies nicht zu. Da gibt es Wohlthäter und Gönner, welche erhebliche Opfer der Schule bringen. Beispielsweise Herr A. Gerson, welcher alljährlich zwei Stiftungen zu je 92 Kronen, also im Ganzen 184 Kronen, für Schulzwecke zuwendet. Ueberdies gibt es, wie bemerkt, noch viele Wohlthäter, welche nicht aufgezählt werden können, will man nicht den Fehler begehen, des Einen oder des Anderen zu vergessen. Schließlich gedachte der Director in schwungvoller Weise des Herrscherhauses, welchem die Judenschaft zu unendlichem Danke verpflichtet ist, und forderte alle Anwesenden auf, mit ihm in ein dreifaches Hoch auf Se. Majestät unseren allergeliebtesten Kaiser Franz Josef I. und auf Se. Majestät den Sultan Abdul Hamid Khan einzustimmen, welcher Aufforderung die Versammlung mit Begeisterung Folge leistete. Hiemit schloß diese schöne und würdige Feier. Vägujhely« Die Geschichte der jüdischen Realschule in Vägujhely beendete mit dem heurigen Schuljahre eine wichtige Epoche, sie legte das vierzigste Jahr ihres Bestandes zurück. Hierzulande, wo das Bedürfniß nach Wissen erst in neuerer Zeit rege wurde, bedeutet schon die 40jährige Vergangenheit einer einfachen Volksschule ein ehrwürdiges Alter; umsomehr sind wir berechtigt, den vier Jahrzehnte langen Bestand der einzigen jüdischen Realschule Ungarns rühmend hervorzuheben. Der Abschluß dieser Epoche ging nicht spurlos vorüber. Die hohe Wichtigkeit dieses Momentes erkennend, beschloß die

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