Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 28 (11.7.1902)
- Date
- 1902-07-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 460 Dr. Blockes Wochenschrrfk. Nr. 28 bLlunte focialfftifche Schriftsteller Eduard Bernstein in einer öffentlichen Versammlung über die Mißhandlungen, denen angeblich die Armenier in der Türkei ausgesetzt seien, gesprochen. Bernstein ist wenigstens „noch" Jude; der Abstammung nach ist er es gewiß, da er der Neffe des bekannten Publicisten Aron Bernstern ist. Warum ist es ihm niemals eingefallen, gegen „die Barbarei des zwanzigsten Jahrhunderts" in Rumänien zu sprechen? Ich bin überzeugt, daß ihnr die Vorgänge in jenem Lande, auf das schon mehr gerechte Flüche gefallen sind als es — Schulden, natürlich unbezahlbare, hat, daß ihm die Vorgänge in jenem Lande, sage ich, recht gut bekannt sitch> aber da ist er entschieden „objectiv" und & denkt: Gerade weil ich Jude bin, muß ich zu dieser Niederträchtigkeit schweigend) Es ist eine Thutsache, daß die Juden an der deutschen PrMcistik hervorragend betheiligt sind, wenn auch ihr Einfluß da sehr überschätzt wird. Jedenfalls reicht er soweit hin, daß die deutsche Presse sich mit der Judenfrage nicht beschäftigt. Ein jüdischer Zeitungsmensch in Berlin, der alle Weltereiguisse, mögen sie an sich noch so unbedeutend sein, sensationell aufbauscht, meinte vor Kurzem, man solle doch die Vorgänge in Rumänien nicht über Gebühr einschätzen und die Sache nicht übertreiben. So schlimm, wie man sie schildert, seien sie noch lange nicht. Am allerwenigsten sei es gerecht, die rumänische Anleihefrage mit der der politischen und wirthschastlichm Lage der Juden zu verquicken. Ich bin überzeugt, daß sich nur ein Jude zu einer solchen „Objectivität" emporriugen kann. Natürlich will ich die ganze westeuropäische Judenheit nicht für die Auslassungen eines bezahlten journalistischen Gelegeuheitsmachers verantwortlich machen, aber ich kann auch chr nicht den Vorwurf ersparen, daß sie in der Behandlung der jüdischen Frage in Rumänien sehr» allzusehr „objectiv" war. Die Sache ist nicht plötzlich und überraschend gekommen, sondern sie zieht sich seit länger als dreißig Jahre hin. Und in diesem Zeiträume gab es Epochen, wo man für' die rumänischen Juden sehr wirksam hätte eintreten können. Damals war Europa noch nicht so stark antisemitisch verseucht und die politische Moral noch nicht auf ein so niedriges Niveau gesunken, wie jetzt; man hatte es damals noch nicht verlernt, sich zu schämen. Auch in Rumänien war die Lumperei und die Gemeinheit noch nicht ru einer solchen Virtuosität gelangt, wie in unseren Tagen. Wenn sich der jüdische Einfluß damals geltend gemacht hätte, so wären die Verhältnisse in Rumänien jetzt ganz anders beschaffen. Hat nicht die ganze liberale Presse in Oesterreich, d. h. die von der jüdischen „üauts finance“ subventionirte Presse, Jahre hindurch den corrmnpirten und verlogenen Bratiauu in allen Tonarten gefeiert, weil dabei ein Geschäft zu machen war? Meinetwegen sagen wir, Einige thaten dies im Interesse der auswärtigen österreichischen Politik. Nun, kümmern sich die Czechen oder die Polen um die auswärtige Politik Oesterreichs, wenn ihre Stammesgenossen etwas unsanft angerührt werden? Nur wir sind die Virtuosen in der „Objectivität", d. h. wir ducken und beugen uns, ohne je Kreuzschmerzen zu spüren. Los von dieser Objectivität! Es hätte uns gewiß nicht geschadet, wenn wir wenigstens offen und furchtlos den Kampf gegen Rumänien unternommen hätten. Gegen den Koloß Rußland mit seiner unerhörten Barbarei find wir zu schwach zu streiten, das müssen wir einem Mächtigeren überlassen. Gottes Mühlen mahlen langsam, aber sicher. Hingegen könnten wir schon recht gut mit Rumänien fertig werden, mit diesem Staat, der dem Bankerott nicht entgehen kann. Man komme ja nicht mit einer beschwichtigenden Redensart, dadurch würde man nur die Lage der Juden in Rumänien *) §1 nm. d^r Redaction: Ed. Bernstein hat in Nr. 100 des Berliner „Vorwärts" vom 30. April 1902 einen flammenden Artikel publicirt: „Die Ausrottungspolitik wider die Juden in Rumänien." verschlimmern. Die Lage ist schlimm genug und kann nicht schlimmer gemacht werden, aber die jüdische Solidarität müsse sich diesmal bewähren, wenn eine'solche noch da ist. Und wenn sie nicht da ist, so soll sie geschaffen werden, die Judenheit muß aufgerüttelt werden, das Gewissen in uns soll wachgerufen werden. Ein Vorschlag zur Güte. Jahr aus Jahr ein werden in den Synagogen am Neujahrsfest Predigten gehalten, die doch selbst im besten Falle keinen bleibenden Eindruck hinterlassen. Alle Rabbiner der gesammten Judenheit mögen die Gelegenheit benützen und sich am ersten Neujahrstage in ihren Predigten mit der Lage der rumänischen Juden beschäftigen. Die versteinerten Herzen sollen erweichen, und die Augen sollen vom Weinen roth werden über das unerhörte, grausame Schicksal unserer Brüder. Die Faust soll sich ballen, und in unserer Brust soll es toben ob dieser Schmach, die dem ganzen jüdischen Volk angethan wird. Fort mit der „Objectivität", fort mit der Lammsgeduld! Es ist eine Schmach, daß sich ein Volk von zehn Millionen Menschen, das über so viel geistigen und materiellen Reichthum verfügt, von einem Haufen bankerotter Zigeuner täglich beleidigen läßt. Wenn unsere Rabbiner sich je zu einer solchen That aufraffen, ohne sich darum zu kümmern, daß dies manchem Börsengötzen nicht in den Kram paßt, so verpflichte ich mich feierlichst, jedes böse Wort zurückzunehmen, das ich gegen sie je geschrieben oder gesprochen habe. Das erlösende Wort! Wir warten darauf. Dr. S. Bernfeld. Gin Mnhlbild ans Galizien. Gegen die in dem Städtebezirk Tarnopol - Brzezany am 12. Mai l. I. durchgeführte Ergänzungswahl eines Reichsraths- Abgeordneten wurde nachfolgender Protest im Parlamente eingebracht. (Schluß.) Ein ganzes, wohlorganisirtes Amt, das eine sehr weitschichtige und viel umfassende Thätigkeit zu bewältigen hat, ist hier bei seiner Arbeit — und es stellt sich heraus, daß zu diesen Bureaus nur ein einziger Eingang führt, und zwar derselbe, vor dem draußen der Gendarmerieposten strenge Wache hält und den kaum ein mit Legitimationskarte versehener Wähler zu passiren im Stande ist. Also auch mit diesem hochwichtigen Amte ist der Verkehr für die Parteien abgeschnitten? Das städtische Polizeicommissariat, das mit einem Auswande von vielen, vielen Tausenden Gulden in Stand gehalten wird, das für die Sicherheit und das Wohl der Gemeindemitglieder zu sorgen und im übertragenen Wirkungskreise eine Unmasse von Agenden zu erledigen hat — also auch dieses ist, zu Liebe der drei Excellenzen und dem Dr. Dulemba, für den ganzen Tag blockirt worden. Ja, das sind herrliche Zustände, die machen einem constitutionell regierten Rechtsstaate alle Ehre! Nun kommen wir endlich, endlich in das lang ersehnte Eldorado, wo wir unser verfassungsmäßiges Wahlrecht bethätigen können, über den dritten Gendarmerieposten hinweg, in das sogenannte Wahllocal. Wir müssen noch über einen meterbreiten Tisch voltigiren und befinden uns mitten d'rinn im Trubel. Die Sache schaut hier ganz eigenthümlich aus. Der Saal ist viel über 25 Meter lang und circa 8—9 Meter breit. Kaum der dritte Theil des für die Wähler bestimmten Raumes ist besetzt und auch dort bewegen sich die Leute, namentlich in den Hinteren Reihen, ziemlich bequem. Wir sehen, wie der fortgejagte städtische Polizeimann Korobij, der wiederholt abgestraste Verbrecher Gawrzecki, der Maurermeister Franciszek Puzak, auf den wir noch weiter unten zurückkommen werden, der bereits erwähnte Supplent des Lehrerseminars Mohr, der gefürchtete Amtsdiener des Steuerinspectors Sabuda und verschiedene Post- und Bahnbedienstete sich oben beim Commissionstische immerfort zu schaffen machen und immerfort ab- und zugehen. Vor dem Commissionstische stehen wohl in dichten Reihen viele Wähler, und es dauert ziemlich lange, bis einer von ihnen an die Reihe kommt. Aber dieser Umstand hat seinen guten