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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-07-11 · 28 (11.7.1902) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
28 (11.7.1902)
Date
1902-07-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 28 Dr. Blortz's Wochenschrift. ©e;u 459 dessen Staatsangehörige geworden sind, um ihres Glaubens¬ und ihres Stammes willen ausgesetzt waren und sind. Die englische Regierung hatte keine Kenntniß von den Scheußlichkeiten, die sich in Rumänien ereigneten, ihre Vertreter schliefen vielleicht in Sinaia, während in Bukarest und Jassy Plünderungen stattfanden; ihre Vertreter waren offenbar nicht im Stande, die im „Monitorul" erscheinenden Decrete zu lesen und den Verhandlungen der Gesetzesmacher auf dem Metropolitanhügel zu folgen, mit denen den Juden der Erwerb entzogen, die Schulen gesperrt wurden; ihre Vertreter wußten die Bedeutung der Gesetze nicht zu erkennen, mit welchen die Juden von Haus und Hof gejagt werden können, mit denen ihnen die ehrliche Arbeit abgeschnitten werden soll. Und da die Vertreter der englischen Regierung nichts wußten, so wußte man auch in Downingstreet nichts und ließ in Rumänien geschehen — was man den Boeren in Johannisburg so schrecklich übelnahm. Was hätte man damals gegen das Nichtwissen der englischen Regierung unternehmen sollen? Welche Mittel standen den Gekränkten, Mißhandelten, Entrechteten zu Gebote? Sie konnten nichts Anderes thun, als von Zeit zu Zeit ihre bittende Stimme erheben und warten, bis Europa durch die „Roumanian Atrocities“ aufgeschreckt, vielleicht doch sich seiner Menschenpflicht und seines Wortes erinnern werde und hoffen, daß der freieste Staat in Europa, in welchem allein die Stimme der Civilisation sich hören lassen darf, seiner Mission endlich engedenk sein werde. Inzwischen sorgte Rumänien selbst dafür, daß der Stoff zu Klagen nicht ausgiug. Es häufte Unrecht auf Unrecht, Gewalt auf Gewalt, Lüge auf Lüge und erst in den jüngsten Tagen hat sein Premier eine Reihe von Aeußerungen kundgegeben, die im grellsten Widerspruch zu historischen Tatsachen stehen. Er hat den traurigen Muth, sich über Europa lustig zu machen, indem er die Rumänen als „tolerant" hinstellt, weil sie keine Ritualmorde erdichten, wie die Deutschen, die Czechen, die Ungarn, die Wiener, die Corfioten. Allein es scheint, daß man in England nicht Lust habe, der Dupe des Herrn Sturdza und seiner Gesinnungsgenossen von rechts und von links zu sein. Wenigstens hat sich im Parlamente ein Ehrenmann, Captain Jeßd, gefunden, der freimüthig jetzt die englische Regierung an die mit dem Berliner Vertrage übernommene Verpflichtung mahnt und so weit ist doch schon die öffentliche Meinung in England geklärt und die Regierung von den Vorgängen in Rumänien unterrichtet, daß sie nicht mehr Versteckens spielt und nicht etwa wieder behauptet, sie wisse nicht, daß Rumänien vertragsbrüchig iü! Die Antwort, welche der parlamentarische Unterstaatssecretär Lord Cranborne auf die Interpellation gab, ist in vielfacher Beziehung interessant. Vor Allem ist daraus zu ersehen, daß die rumänische Regierung sich nicht schämt, auch dem europäischen Cabineten gegenüber das Sophisma und die Fiction aufrecht zu halten, „keines ihrer Gesetze basire auf irgend einem Unterschied des religiösen Bekenntnisses". Die mannigfachen Beweise, die wir unseren Lesern von der Unwahrheit dieser Behauptung gegeben haben, entheben uns der Verpflichtung, neuerdings auf die Details dieser auf Täuschung berechneten Angabe einzugehen. Allein die Antwort des englischen Unterstaatssecretärs gibt, uns auch die befriedigende Gewißbeit, daß sich England nicht von den Rumänen täuschen läßt. „Die britische Regierung hat trotz den Behauptungen der rumänischen Regierung in Bukarest Vorstellungen erhoben, um dem Artikel 44 des Berliner Vertrages eine volle und praktische Auslegung zu sichern." Allerdings haben die Bestrebungen der englischen Regierung bisher noch nicht den Erfolg gehabt, Rumänien zur Einkehr und Umkehr zu bewegen. Die englische Regierung gibt aber die beruhigende Versicherung, „sie werde auch ferner fortfahren, solche Schritte zu thun, welche sie für die zweckmäßigsten zur Erreichung dieses Zieles halte". Diesem trostvollen Versprechen wird zwar der Europa beschämende Nachsatz angehängt, daß für „eine gemeinsame A c t i o n" der Signatarmächte des Berliner Vertrages kein Grund zur Annahme vorliege" — allein wir sehen uns durch diesen Nachsatz nicht enttäuscht. Von Rußland, Frankreich und Deutschland war ja eine solche Action überhallpt nicht zu erwarten, wie wenig von Oesterreich zu hoffen ist, haben wir aus der Erklärung des Grafen Goluchowski entnommen, und so bleibt in der That nur England übrig, das dem Vertragsrecht und dem Menschenrecht zur Anerkennung verhelfen will. Hoffen wir, daß es nicht blos beim Versprechen bleibt und daß die „Romnanian atrocities“ auf die öffentliche Meinung des freiheitsliebenden England nicht geringere Wirkung üben werden, als es seiner - zeit mit den „Bulgarian atrocities“ der Fall war. Gegen das „objektive Uerfahren". (Berliner Brief.) In unserer Zeit der Zerfahrenheit und der Verwirrung in der Judenheit kann man manche interessante, wenn auch nicht erfreuliche Beobachtung machen. Das Band, das uns Jahrhunderte hindurch in der Zersteuung, trotz der Culturunterschiede in unserer Mitte, vereinigt hatte, ist nunmehr zerrissen, und wir sind leider kein Volk mehr, sondern ein Haufen Menschen, die ein grausames Geschick aneinander gekettet hat, ohne daß Einer für den Andern etwas fühlt oder empfindet. Die Noth unserer Brüder im Osten ist unbeschreiblich. Ich klage nicht, daß ihnen nicht genügend geholfen wird; nicht immer ist man in der Lage, Unglücklichen gründlich zu helfen. Aber wohl gewährt es einen überaus traurigen Anblick, wenn man bei uns in Deutschland die gleichgiltigen Gesichter sieht angesichts der unerhörten Drangsale, denen der größte Theil unseres Stammes ausgesetzt ist. Ich will nicht das Verdienst der wenigen hochherzigen Männer herabsetzen, die sich dem Hilfswerk für unsere leidenden Brüder widmen; im Gegentheil, bei der herrschenden Gleichgiltigkeit ist es umso höher anzuschlagen, wenn sich wenige von ihrer Umgebung vortheilhaft abheben. Aber dadurch wird das Gesammtbild nicht anders. Die westeuropäische Judenheit geht kalt und ungerührt über die Schreckensnachrichten, die tagtäglich vom Osten Europas kommen, hinweg. Ich will diesmal nicht von Jenen sprechen, die es als das Beste finden, sich unter den obwaltenden Verhältnissen taufen zu lassen. Offen gestanden, ist mir dies wenigstens verständlich. Es ist nicht Jedermanns Sache, für ein Ideal zu kämpfen und zu leiden, sich zu sagen, daß es, selbst wenn wir keine Zukunft hätten, ehrenvoller ist, auf einem verlorenen Posten zu kämpfen, als in das andere Lager überzulaufen und sich einen Theil der Beute zu sichern. Feigheit und Gesinnungslosigkeit sind „menschlich, allzumenschlich"; sie lassen sich psychologisch erklären. Und Alles, was seine Psychologie hat, hört auf, meinen Aerger hervorzurufen. Viel schlimmer sind mir Jene, die im Judenthum ausharren, es aber für richtiger finden, sich um jüdische Angelegenheiten, insbesondere wenn es sich um unsere Brüder im Auslande handelt, nicht zu kümmern. Es sind sogar anständige Elemente darunter. Sobald eine jüdisch-politische Frage auftaucht, stellen sie sich höchst „objectiv". Ich muß vorausschicken, daß ich nicht so sehr die Ungerechtigkeit dieser sogenannten Objectivität verurtheile, wie deren Möglichkeit bewundere. Ich frage immer: Gesetzt den Fall, man soll in solchen Fällen „objectiv" sein, aber wie kann man es? Ich kenne Publicisten, die sehr feinfühlig sind. Wenn im weiten Osten ein christlicher Missionär todtgeschlagen wird, wenn in der asiatischen Türkei Armenierdörfer geplündert werden, so zeigen sich unsere Wächter der politischen Moral aufs Aeußerste beunruhigt und bewegt. Sie suchen mit aller Kraft die öffentliche Meinung zu erregen, um „die Barbarei im zwanzigsten Jahrhundert" mit aller Entschiedenheit zu bekämpfen. Vor wenigen Tagen hat der

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