Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-07-04 · 27 (4.7.1902) · page 14

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
27 (4.7.1902)
Date
1902-07-04
Page
– (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021439-3021467--11902-3036465
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

9 Seite 454 Vierthalbtausend Jahren die Jnsecten nach Egypten gebracht haben — darin, ist er wirklich ganz famos." »Ich freue mich schon darauf", stimmte Poldi leuchtendes Blickes bei, »wenn ich auch zuweilen meine, ich müßte ersticken, weil ich nicht so frei herauslachen darf wie Ihr. Aber hinein in seinen Hut werde ich'» schon prakriciren, davon wird Keiner was merken. — Wo hast Du's? »Hier ist's", erwiderte der Dritte im Bunde, indem er einen Papiersack aus der Tasche zog, denselben vorsichtig öffnete und den Freunden hinhielt, »schaut das nicht aus wie veritablcs Zacherlin?' »Gewiß, gewiß, aber was ist's denn?" »Farbe ist's, unter die ich etwas Kalk gemischt habe, sonst wär's zu dunkel gewesen." »Her damit!" sagte Poloi, »das wird heute ein Capitalfpaß werden. — Aber, daß Ihr mich nicht verrathet!" „Wo denkst Du hin? werden wir denn so niederträchtig sein? — wir sind doch keine Juden." Alle lachten hell auf bei dieser Betheuerung. »Aber jetzt kommt's", sagte Poldi, »gehen wir hinein, aber einzelweis, nicht alle auf einmal, sonst könnte man was merken." Der Unterricht hatte wiederum seinen Fortgang genommen, cs war eine äußerst intercffante Stunde gewesen, der Professor hatte sich selbst überboten in seinen hämischen Ausfällen gegen die Juden, die ganze Claffe befand sich in animirtester Stimmung. Nur der bleiche Knabe, der neben Poldi saß, hatte die Lippen fest aufeinandergepreßt und den Blick unablässig auf das vor ihm liegende Buch geheftet. »Mach' Dir nichts daraus", flüsterte sein Nachbar in mitleidigem Ton ihm zu, »gleich ist's aus, da gehen wir nach Haus." Der Andere athmete tief auf, cs schien ihm heute doch zuviel, ersichtlich kostete es ihm Anstrengung, das Alles so ruhig hinzunehmen. Aber er schwieg. Endlich, endlich war die Stunde zu Ende. »Gottlob, daß es endlich läutet", sagte Poldi heuchlerisch, »daß der endlich sein Maul halten muß", damit griff er nach seinen Büchern und Schulrequisiten und entfernte sich mit auffallender Hast, doch an der Thür blieb er stehen, er wollte doch das vou ihm selbst mit so großer Umsicht und Vorsicht vorbereitet? Gaudium nicht versäumen. Und was er vorausgesehen, es traf ein. Mitten unter dem Summen und Lärmen, das dem Schluffe der letzten Schulstunde stets zu folgen pflegt, vernahm er plötzlich eut lautes Gelächter und Gejohle. „Zicherl!" »Zacherl's Jusccrenpulver!" »Zacherlin!" »Der Kohn trägt Jnsectenpulver im Hut, daß ihn die L.... nicht ausfressen!" so erscholl es in wirrem Geschrei und Gelächter vielstimmig durcheinander. Und das arme Opfer des rohen Witzes stand über und über mit gelben Pulver bedeckt und knirschte vor Zorn und vor Schmerz, denn das Pulver war ihm auch in die Augen g-kommen und verursachte ihm einen brennenden Schmerz, er konnte sie nicht öffnen, mit geschloffenen Augen stand er da, während die arische Jugend, um ihn herum, ihn mit schallendem Gelächter verhöhnte. Auch der Herr Pcofeffor amüsirte sich königlich. »Das ist zu arg", rief er lachend, „habt denn Ihr Juden keine Kämme, daß Ihr Euch Jnsectenpulver in den Hut gebt? Aber ein Scandal ist's, so in die Schule zu kommen. Kohn, ich werde Ihnen eine schlechte Note in Sitten geben." Das war dem gemarterten Knaben doch zu viel. Obgleich er die Augen noch nicht zu öffnen vermochte, wandte er sich doch dorthin, von wo er die Stimme des Lehrers vernommen. »Das werden Sie nicht wagen!" rief er mit bebender Stimme, »denn Sie wiffen es nur allzuwohl, durch wen ein Elender unter Ihren Schülern verleitet worden ist, mir diesen Schabernack zu spielen." Der Herr Professor that, als habe er nichts gehört und entfernte sich eiligst, die Schüler verließen gleichfalls noch immer lärmend das Schullocal, während der Judenknabe, noch immer nicht im Stande, die Augen zu öffnen, zu der Wohnung des Pedell hintastete und dort um Wasser bat, um die Augen auszuwaschen. »Herrgott! junger Herr, was ist Ihnen geschehen?" rief die mitleidige Frau des Schuldieners, indem Sie das Verlangte rasch herbeiholte, »wer hat Sie so zugerichtet?" Alfred wußte es nicht, er wußte nur, daß er noch nie Jemanden auch nur das Geringste zu Leide gethan und daß er trotzdem die ganze Claffe zu Feinden hatte. Während die Frau diensteifrig ihm Haar und Kleider durch Bürsten reinigte und dabei über die heillose Jugend schimpfte, mit der es Tag für Tag ärger werde, badete er unablässig die Nr. 87 Augen in kaltem Wasser, aber die Schmerzen ließen nicht nach, er vermochte sie noch immer nicht zu öffnen. »Es nützt nichts", klagte er, »ich bin nicht im Stande allein nach Hause zu gehen." »Ich werde Sie begleiten, junger Herr", sagte der Pedell, »aber wenn es Ihnen recht ist, so hole ich eine Droschke, da kommen wir doch rascher vom Fleck, denn mir scheint, je früher Sie die Augen von einem Arzt untersuchen lassen, desto besser wird es sein, denn man kann nicht wissen, ob es nicht ein giftiges Pulver ist, das die verfluchten Lumpenkerls Ihnen in den Hut geschüttet haben." Der Mann hatte recht. Ais Alfred mit seiner Hilfe das väterliche Haus sehr bald erreicht hatte, sandten die erschreckten Eltern zwar sofort zum Arzt, aber das Pulver hatte eine scharfe ätzende Ingredienz enthalten, die Augen waren bereits stark entzündet. Wochen mußten vergehen, bevor sie geheilt waren. Daß er während dieser Z:it die Schule nicht besuchte, ist selbstverständlich und ebenso selbstverständlich ist es, daß sein fauler Sch ünachbar mit den häuslichen Schulaxbeiten wieder in Rückstand kam. Die Zeit schritt vor, das Schuljahr neigte seinem Ende zu. Poldi grollte und schimpfte unablässig auf die Juden, durch die nach seiner Meinung alles Unheil in der Welt entstand. War's doch einzig und allein die Schuld des Judenbengels, daß er jetzt in der Schule so oft getadelt wurde und daß es bereits sehr zweifelhaft war, ob er werde aufsteigen können. Poldi war auch fest überzeugt, daß besagter Judenbengel nur ihm zum Trotz sich noch immer augenleidend stelle, um die Schule nicht besuchen zu müssen und um ihm nicht seine ausgearbeiteten Aufgaben zum Abschreiben zu geben. »Die verfluchten Juden!" Der Unterricht war zu Ende, die Zeugnisse waren vertheilt worden, Poldr's Zmguiß gehörte zu den schlechtesten, er mußte die Claffe r-pe-iren. — Er gerieth außer sich vor Wuth, zerriß den Wisch, ro:e er es nannte, und ließ die Papierschnitzel vom Wind fortwehen. — Aber was nun beginnen? — Was den Eltern sagen, die sofort nach dem Zeugnisse fragen würden? — Er zog es in ernstliche Erwägung, ob er nicht lieber statt nach Hause in die Donau gehen sollte. — Doch in Betracht des Umstandes, daß sein Vater noch immer schwer krank darniederlag, er daher eine Züchtigung seinerseits keinesfalls zu fürchten hatte, zog er es doch vor, zum Mittagessen nach Hause zu gehen. E? traf die Mutter in der Küche, die ihm erwartungsvoll entgegen kam und nach seinem Zeugnisse fragte. Er zuckte die Achseln und erklärte, es verloren zu haben. Äeichenblässe überzog das Antlitz der erschreckten Frau, sie errieth sofort den Thatbestand. »Du bist sitzen geblieben?" flüsterte sie bebend. »Daran ist nur der Judenbengel schuld!" rief er wild mit dem Fuße stampfend, »der verfluchte Jud!" St! st! um Gotteswillen! — daß der Vater Dich nicht hört!" »Und wenn er mich hört", entgegnete er mit rohem Gelächter, »thun kann er mir doch nichts." „Den ganzen Vormittag hat er davon gesprochen, wie wohl Dein Zeugniß ausfallen wird — mein Gott! — ich weiß nicht, was ich thun soll! — wie wird er's ertragen?" »Ah, bah! — oit Haupt'ache ist, daß er mir nichts thun kann — wenn das nicht wäre, wäre ich nicht nach Hause gekommen." Frau Meier hörte nicht darauf, was er sagte, sie hörte nur, daß er sprach. »Poldi, Poldi, um Gott, sei ruhig! — Der Vater darf Dich nicht hören! — Bleibe ruhig hier in der Küche, ich gebe Dir gleich Dein Mittagessen und wenn Du gegessen hast, so gehst Du sofort zum Herrn Wiesner und sagst ihm, ich lasse ihn sehr bitten, wenn er Zeit hat, zu mir zu kommen. Sage ihm, daß Dir das Unglück widerfahren ist — und daß ich für den Vater fürchte — ich möchte mit ihm überlegen, was wir den Vater sagen könnten." Poldi, gegen seine sonstige Gewohnheit, entsprach ohne Widerrede dem Befehle der Mutter, die eben im Begriff war, ihm sein Essen zu geben, als ihre kleine Tochter aus dem Zimmer kam und ihr berichtete, daß der Vater nach ihr verlange. »Warte nur ruhig hier, ich komme sogleich wieder" und damit begab sie sich eilends an das Bett ihres Mannes, denn sie aufrecht sitzend traf und dessen fieberglühende Blicke voll Spannung auf sie gerichtet waren. »Was wünschest Du Paul? Aber warum hast Du Dich aufgesetzt? Das strengt Dich an — komm, lege Dich wieder und Lwm/s Wochenschrift.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.