Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 27 (4.7.1902)
- Date
- 1902-07-04
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 27 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 455 dann sage mir, was ich für Dich thun kann." Sie hatte bei diesen Worten ihren Arm um seine Schultern gelegt und versuchte ihn niederzuziehen. Er aber schüttelte abwehrend den Kopf. »Mir scheint, ich habe Poldi gehört", flüsterte er mit heiserer Stimme. »Ich höre ihn nicht", versicherte sie, »Du wirst Dich irren." »Nein, nein, ich irre mich nicht. Geh' hinaus Franzel", wandte er sich an den Kleinen, der neben seinem Bette spielte, »sage dem Poldi, er möchte hereinkommen." »Bleib' Franzel, bleibe beim Vater", siel die Mutter hastig ein, »ich muß hinaus, nach dem Essen sehen. Wenn Poldi da ist, schicke ich ihn herein." Sie wollte bei diesen Worten zur Thüre eilen, als die kleine Lisi durch dieselbe eintrat. »Ist Poldi draußen?" fragte der Kranke. »Ja", versetzte die Kleine, »aber er hat gesagt, er wird nicht mehr lange warten." Frau Meier eilte in die Küche. »Fort Poldi, fort! Der Vater hat Dich gehört und nach Dir verlangt. Du mußt später essen, jetzt laufe rasch zu Herrn Wiesner." Der Knabe stürzte fort, während die Mutter mit zitternden Händen Teller und Bestecke in das Zimmer trug. »Er ist nicht draußen", sagte sie, indem sie sich bemühte, ihrer Stimme Festigkeit zu leihen, »ich hatte aber jetzt auch geglaubt, ihn gehört zu haben." »Er ist draußen gewesen", versicherte Lisi, »aber vielleicht ist er fortgegangen, um sein Zeugniß zu suchen, ich habe ihn gefragt, wo er es hat, da hat er gesagt, der Wind hätte es fortgetragen." »Der Wind hätte es fortgetragen?" wiederholte der Kranke kopfschüttelnd, „Marie — Marie — ich fürchte —" »Ach, Unsinn", fiel seine Frau gezwungen lachend ein, „was ist da zu fürchten — er hat sich mit Lisi geneckt." »Ja, er neckt uns häufig", fiel der kleine Franz ein, »er sagt immer, ihr verfluchten Fratzen, der Teufel soll euch holen." »Ungezogener Bube! — aber das Zeugniß! — das Zrugniß! — ich möchte doch wissen, welche Bewandtniß es damit hat. —" »Du wirst doch nicht im Ernst glauben, daß das Zeugniß vom Wind fortgeweht ist? —" »Das wohl nicht — aber — daß er fortgegangen ist. ohne uns sein Zrugniß zu zeigen. —" Frau Meier zuckte die Achseln. »Wer weiß", sagte sie mit merklich bebender Stimme, »vielleicht ist es nicht so gut ausgefallen, wie er erwartet hat — vielleicht enthält es einen Dreier und er will es uns deshalb nicht zeigen." »Ach was", versetzte der Kranke, ärgerlich lachend, »ein Dreier im Zeugniß gemrt unfern braven Poldi wenig — wenn er sich seines Zeugnisses schämt, dann — dann —"Er knirschte mit den Zähnen, seine Hand ballte sich zur Faust. »Paul, Paul! Du regst Dich schon wieder auf. — Ich bitte Dich um Himmelswillen! — Der Doctor sagt doch immer, daß Aufregung für Dich Gift ist." »Ich weiß — ich weiß — aber ich kann's doch nicht ändern. — Warum läuft der Bube fort, ohne uns sein Zeugniß zu zeigen —" »Aber ich bitte Dich — kommt es denn darauf an, ob wir es eine Stunde früher oder später sehen? —" »Wenn es auch nur einigermaßen gut wäre, würde er von sich selbst beeilen, es uns zu zeigen." »Der Ansicht bin ich auch und darum glaube ich, wir müfien uns darauf gefaßt machen, daß er ein schlechtes Zeugniß hat -" »Ihre Stimme, soeben bebend, war hart und kalt geworden, der Kranke blickte angstvoll zu ihr hinüber, während er die Hand gegen das wildpochende Herz drückte. »Du hast es gesehen —", stammelte er, »Du weißt —" »Ich habe es nicht gesehen, Paul, ich versichere Dich, ich habe es nicht gesehen. — Aber ich will es auch gar nicht sehen, und ich werde ihm verbieten, es Dir zu zeigen — weil Du Dich über die geringste Kleinigkeit so maßlos aufregst —" Während sie so gesprochen, hatte es draußen geschellt, Lisi war hinausgeeilt und hatte die Wohnungsthür geöffnet, jetzt kam sie zurück und berichtete: »Der Poldi ist da, er fragt, ob denn noch nicht gegessen wird?" Der Kranke schnellte empor. »Er soll hereinkommen!" stamckelte er, »Lisi — Franzel — geschwind — er soll hereinkommen! —" »Nicht doch! — nicht doch!" rief die Frau, indem sie die Arme um ihn schlang, »ich bitte Dich um Gotteswillen, lieber, lieber Mann, lass' die Sache jetzt auf sich beruhen — Du kannst später mit ihm reden — nur nicht jetzt — nur nicht jetzt! —" Aber die Kinder waren auf Befehl des Vaters sofort hinausgeeilt, jetzt kommen sie wieder herein, den großen Bruder in ihrer Mitte. Poldi hatte Herrn Wiesner nicht zu Hause getroffen, und da ihn hungerte, war er heimgekommen. Daß sein kranker Vater sich über die ihm gewordene Schande aufregen werde, kümmerte ihn wenig, fühlte er sich doch sicher vor jeder Züchtigung seinerseits — das Uebrige kümmerte ihn nicht. »Näher! — Komm näher!" gebot Meier mit bebender Stimme. Der Knabe näherte sich um einige Schritte. »Wo hast Du Dein Zeugniß! — Gieb's her! —" »Ich habe es nicht mehr", entgegnete der Knabe mit frechem Lächeln, »ich habe den Wisch zerriffen." „Zerriffen?" stammelte der Kranke, »Du hast 's zerriffen!" schrie er auf. „Du bleibst sitzen?!" »Daran ist nur das Judenpack schuld — der verfluchte Judenbengel! — “ murmelte Poldi. Aber die Gesichtszüge seines Vaters hatten sich plötzlich in grauenvoller Weise verändert, Schaum trat auf seine Lippen, und ehe seine Frau es hindern konnte, war er mit einem Satze aus dem Bette und wollte mit erhobener Faust auf seinen ältesten Sohn zustürzen, dieser jedoch wich zurück und der große, breitschulterige Mann brach zusammen, als hätte der Blitz ihn getroffen. Mit dem Gesicht zur Erde lag er regungslos da. Mit lautem Schreckensruf war seine Frau zu ihm geeilt und bemühte sich, ihn aufzurichten, während die beiden jüngern Kinder laut schluchzend ihr helfen wollten. »Paul! Lieber, guter Paul! Ich bitte Dich um Himmelswillen! — hörst Du mich, Paul! — hörst Du mich? —" Ec regte sich nicht. Sie rang verzweiflungsvoll die Hände, und dann bot sie wiederum alle ihre Kräfte auf, ihn aufzurichten. Endlich gelang es ihr, seinen Kopf ein wenig zu heben. Sein Gesicht war aschfarben, seine Augen weit geöffnet, doch vollständig glanzlos — nie hatte sie derartigen Blick gesehen — »Paul!" stammelte sie, »lieber Paul! —" Er regte sich nicht, sein Blick blieb starr. »Poldi, geschwind! — lauf' um einen Doctor — den ersten, den Du findest — er muß sogleich kommen — Lisi", wandte sie sich zu der Kleinen, »laufe hinunter zum Hausmeister, ich loffe ihn bitten, er soll mir helfen, den Vater auf's Bett zu legen." Das Kind eilte hinaus und auch Poldi griff nach seinem Hute. Als er die Stiegen hinunterschritt, kam ihm seine kleine Schwester mit dem von ihr gerufenen Hausmeister bereits entgegen. »Mein Gott! Herr Poldi. was ist vorgegangen?" fragte der Mann, »ich werde nicht klug aus dem Kinde." »Dem Vater ist nicht gut geworden", erwiderte er, »er hat sich gegiftet — die verfluchten Juden! —" Lisi sah ihn mit ihren großen Kindesaugen vorwurfsvoll an. »O Poldi!" schluchzte sie. »Poldi! —" »Schweig, ..Du dummer Fratz! — Du verstehst nichts davon —" Sie ergriff die Hand des Mannes. »Kommen Sie!" bat sie, »kommen Sie geschwind zur Mutter — helfen Sie! —" Als der erfahrene Mann in das Zimmer trat, in dem Frau Meier sich noch inuner vergebens um den am Boden liegenden Gatten bemühte, erkannte er sofort an der fahlen Gesichtsfarbe, an den weit offenen, verglasten Augen den Thatbestand. Mit übergroßer Anstrengung half er der verzweifelnden Frau den schweren, regungslosen Körper empor heben und aufs Bett legen, dann eilte er gleichfalls fort, um einen Arzt herbeizurufen. Ein Arzt war rasch zur Stelle und versuchte alle möglichen Wiederbelebungsmittel — umsonst. Das Leben war entflohen. — (Fortsetzung folgt.) Krieflrasterr. K. In Schweden leben gegen 6000 jüdische Seelen, die fast ausschließlich in den Gemeinden Stockholm, Gothenburg und Malmö leben. — Die Insel Kreta zählt nach den jüngsten statistischen Aufnahmen vom Jahre 1000 301.273 Einwohner, darunter blos 627 Juden, gleich 0-42 Procent. — In Samarkand wohnen 250 jüdische Familien, von denen 150 altemgesessene aus Buchara stammen, der Rest, welcher aus Kaufleuten erster Gilde, Handwerkern