Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 27 (4.7.1902)
- Date
- 1902-07-04
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 27 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 451 Stellung bei jüdische» Meistern suchen oder finden, vermag der Vortragende nicht zu entscheiden. Auffällig bleibt es immerhin, daß sich bei 150 selbstständigen jüdischen Meistern insgesammt nur 29 jüdische Gesellen resp. Gehilfen befinden. Oder sollte sich etwa das Vorurtheil gegen das jüdische Handwerk unter gewissen Schichten unserer Glaubensgenossen auch schon auf einige jüdische Meister bei der Anstellung jüdischer Gesellen ausgedehnt haben? Eine weitere Frage lautete: »Ist ihr Kundenkreis ausschließlich a) ein jüdischer? b) ein christlicher c) ein beiderseitiger?" Nur 9. u. zw. ausschließlich Schlächtermeister, hatten einen ausschließlich jüdischen Kundenkreis, 33 ausschließlich einen christlichen und über 100 einen beiderseitigen. Die Frage 7: »Werden sie von jüdischen Institutionen beschäftigt, als da sind: jüdische Gemeinde, Krankenhäuser, Wohlthätigkeitsanstalten, jüdische Vereine rc., beantworteten nur 19 mit ja, darunter also auch die, die nicht von der Gemeinde, sondern nur von jüdischen Privatvereinen rc. unterstützt werden, alle Uebrigen mit nein. Der Vortragende — und wir mit ihm — glaubt zuversichtlich an die Blüthe und gedeihliche Entwicklung des Handwerks unter den Juden in Deutschland. Er begrüßt zum Schluß die Idee des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes mit besonderer Freude, der an sämmtliche Handwerkervereine Deutschlands ein Rundschreiben erlassen hatte, worin er dieselben ersucht, sich zu einer Centrale zu vereinigen, um solchen Gehilfen und Gesellen, die durch einen ihnen zunächst liegenden Verein keine Stellung finden können, dazu verhelfen, durch einen anderen, wo Nachfrage nach derartigen Arbeitern ist, Anstellung zu verschaffen. München. Dem Finanzausschüsse der baierischen Abgeordnetenkammer ist auf Verlangen des Centrums eine Couf e s s i o n s st a t i st i k der baierischen Universitätslehrer nach dem Stande vom 1. April d. I. vorgelegt worden. Nach dieser Statistik, bei deren Vorlegung der Cultnsminister v. Landmann darauf hinwies, daß sich die Katholiken weniger den gelehrten Berufen zuwenden, zählt die Universität München 99 katholische, 87 evangelische und nur 11 jüdische Docent e n (davon 66 katholische. 54 evangelische, 6 jüdische Professoren 33 katholische, 33 evangelische, 5 jüdische Privatdocenten); die Universität Würzburg 38 katholische, 50 evangelische, 1 jüdischen Docenten (davon 29 katholische, 37 evangelische Professoren und 9 katholische, 13 evangelische, 1 jüdischen Privatdocenten); die Universität Erlangen 12 katholische, 53 evangelische, 2 jüdische Docenten, (davon 10 katholische, 41 evangelische, 2 jüdische Professoren und 2 katholische, 12 evangelische Privatdocenten). Unter insgesammt 353 baierischen Universitätslehrern sind also 149 katholisch (darunter 3 altkatholisch), 190 evangelisch und nur 14 jüdisch. Bukarest. Soeben ist hier ein Aufruf vertheilt worden, worin mitgetheilt wird, daß sich genauen Erhebungen zufolge in Bukarest 577 israelitische Handwerker (Klempner, Tischler und Zimmerleute, Anstreicher und Zimmermaler, Maurer, Schlosser und Schmiede) befinden, die, vollständig mittel- und erwerblos, sam.mt ihren Familien (im Ganzen 2139 Personen) dem Untergange preisgegeben sind, wenn ihnen nicht von ihren besser gestellten Glaubensgenossen die Mittel gewährt werden, sich außerhalb ihrer Heimat eine neue Existenz zu gründen. Wie hecvorgehoben wird, ist der Aufruf deshalb blos an die israelitische Bevölkerung der Hauptstadt gerichtet, weil es auch in den anderen Städten Rumäniens arme israelitische Handwerker genug gibt, die der Hilfe ihrer Glaubensgenossen bedürfen. Thatsächlich kann denn auch aus dem Umfange, den die unter der Leitung der »Jewish Colonisation Association" stehende rumänische Judenauswanderung gewonnen hat, auf das in der israelitischen Handwerkerbevölkerung Rumäniens herrschende Elend geschlossen werden, von dem man sich im Auslande kaum einen richtigen Begriff machen kann. So sind am vergangenen Sonntag von Bukarest 400 meist dem Arbeiterstande angkhörende rumänische Israeliten nach Amerika ausgewandert. Da sich diesen in Plojesti noch ein zweiter meist aus moldauischen Juden bestehender Auswanderertrupp von 600 Köpfen anschloß, so haben also an einem einzigen Tage 1000 arbeitsfähige Leute, die im Lande ihrer Geburt keinen Erwerb mehr finden, Rumänien verlassen. Uebrigens sind es weder die israelitischen Arbeiter, noch überhaupt die Israeliten allein, die unter dem Druck der Erwerbslosigkeit zu leiden haben. So hat unter Anderem auch eine Anzahl israelitischer Aerzte sich an die englische Colonisationsgesellschaft mit der Bitte um Gewährung einer Auswandererunterstützung gewendet, weil es namentlich den zumeist auf die Clientel ihrer Glaubensgenossen angewiesenen jüngeren Medicinern israelitischen Glaubens an Gelegenheit zur Ausübung ihres Berufes fehlt. Noch bezeichnender ist aber, daß auch Vertreter der nationalen Intelligenz aus Rumänien auszuwandern beginnen. Bon vereinzelten Fällen abgesehen, in welchen rumänische Ingenieure Stellen im Auslande, beziehungsweise in Deutschland angenommen haben, hat sich hier in Bukarest auch eine Bereinigung beschäftigungsloser rumänischer Architekten und Baumeister gebildet, deren Mitglieder gemeinsam nach Transvaal auswandern wollen. Statt daß die auf Grund der vorjährigen guten Ernte erhoffte Besserung der städtischen Erwerbsverhältnisse eingetreten wäre, ist eher noch eine Verschlechterung zu bemerken. Angesichts des unter den Nachwirkungen der allgemeinen Krisis und in Folge unserer allgemeinen wirthschaftlichen Lage eingetretenen Rückganges der gewerblichen Erwerbsgelegenheiten war es eine Thorheit, den Uebelständen durch ein schlecht durchdachtes und im Auslande viel böses Blut erregendes Gewerbegesetz abhelfen zu wollen. Bukarest, (Statistik der jüdischen Bevölkerung.) Eine Anzahl hervorragender Mitglieder der Bukarester Judenschast hat die Initiative ergriffen, eine genaue Statistik der jüdischen Bevölkerung der Hauptstadt auszuarbeiten. Die Absicht ist eine sehr dankenswerthe, nur wird sie keinerlei neunenswerthes Resultat ergeben, wenn sie sich blos auf die Hauptstadt beschränkt. Warum dieser Exclusivismus? Ist denn Rumänien ausschließlich auf Bukarest couceutrirt? Oder zählen die Juden in der Provinz für die Bukarester Notablen nicht? Wenn schon eine Statistik geschaffen werden soll, so muß sie eine absolut ernste sein, muß im Interesse der Sache in der verständigsten und gewissenhaftesten Weise gemacht werden, und muß, um von wirklichem Nutzen zu sein, ganz andere Rubriken enthalten, als die bis jetzt üblichen. Eine Statistik der jüdischen Bevölkerung muß ein treues Abbild der Wirklichkeit und nicht eine einfache Aneinanderrechnung von Ziffern sein, wie die bisherigen Statistiken, die officielle des Staates miteingeschlossen. Je mehr Details gegeben werden, von desto größerem Nutzen wird die Statistik sein. Die Statistik der jüdischen Bevölkerung müßte etwa folgende Rubriken umfassen: Abstammung (d. h. ob der Betreffende von im Lande geborenen oder von ins Land eingewanderten Eltern abstammt); Geburtsort; die Städte, in denen er noch gewohnt hat; Bildungsgrad (welche Schulen er gemacht hat); Alter; Beruf; Häuser und Realitäten, die er besitzt; ob er der Militärdienstpflicht nachgekommen ist; wirthschastliche Lage (ob er seine Existenz durch seine Arbeit bestreiten kann); gewerbliche Eignung (für diejenigen ohne bestimmten Beruf, für welche Arbeit sie eine specielle Eignung besitzen, um ihre Existenz zu verdienen). Und noch viele andere derartige Fragen, eine wichtiger als die andere, und welche eine präcise Vorstellung über die hiesige jüdische Bevölkerung geben und in dieser Weise die Lösung der Judenfrage erleichtern würden. Ferner müßte eine ebenso ernste Statistik der philanthropischen und culturelle» Institute geschaffen werden, welche die Juden im Lande besitze»!. Diese Statistik müßte für jedes einzelne dieser Institute präcise Daten über die Namen der Stifter, über das gegenwärtige Vermögen. über die Art der Verwaltung und über dre Wünsche der leitenden Comitös enthalten. Schaden könnte es nicht, wenn die betreffenden Arbeiten mit Unterstützung der Behörden ausgeführt würden, damit die gesammelten Daten den Charakter der Officiellität erlangen. Montreal. Am 20. Mai. ist durch den General- Gouverneur von Kanada, Lord M i n t o, eine auf Kosten des Baro i de Hirsch-Fonds errichtete jüdische Schule ihrer Bestimmung übergeben tvorden. Zu der Feier hatten sich mehrere Minister. Richter. Vertreter der katholischen und protestantischen Geistlichkeit, der McGill-Universität, der Stadt, sowie die Consuln Frankreichs und Rußlands eingefunden. Nachdem die Tochter eines eingewanderten russischen Inden den Gouverneur mit einem vorzüglich vorgetragenen englischen Gedicht begrüßt, hielt der Minister für öffentlichen Bauten, Tarte, eine Ansprache, in der er u. A. bemerkte: »Sie, unsere jüdischen Mitbürger, und wir französischen Kanadier mögen uns in der Minorität befinden, aber trotzdem halten wir uns für ebenso gut wie der größte Engländer (tde diggest kmgiisdman); hier in Kanada gelten nicht Geburt und Titel, sondern Rechtschaffenheit, Talent und Fleiß, und es bleibt sich ganz gleich, zu welcher Religion man gehört."