Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 27 (4.7.1902)
- Date
- 1902-07-04
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 27 Seite 449 Dr. Bloch's Wochsnschrifk. Schwurgerichtsverhandlung stattfand. Bei dieser Berhandlring war der Erstangeklagte Jlger ausgeblieben; ein von ihm an den Vorsitzenden gerichteter Brief enthielt die Mittheilung, daß er zu nervös sei, um die Verhandlung mitzumachen, daß er schon in der Voruntersuchung sich habe vom Untersuchungsrichter beschimpfen lassen müssen, daß er daher diesen zur Erheiterung des Lesepöbels inscenirten Proceß nicht mitmachen wolle. Entgegen dem Proteste des Klageanwaltes Dr. Schneeberger, welcher Vorführung, eventuell Vertagung begehrte, beschloß der Gerichtshof, die Verhandlung in Abwesenheit Jlger's durchzuführen. Die Geschwornen sprachen Jlger, sowie den verantwortlichen Redacteur Strecha, obzwar Letzterer sich der Vernachlässigung pflichtgemäßer Obsorge schuldig bekannte, vollständig frei. Ueber die gegen diese Freisprechung von Dr. Schneeberger eingebrachte Nichtigkeitsbeschwerde, welche sich sowohl auf die Ablehnung des Vertagungsantrages, als auch auf die Verweigerung der Verlesung der Ehrenerklärung des H. A. Schwer stützte, fand heute die Cassationsverhandlung unter Vorsitz des zweiten Präsidenten Steinbach statt. Für den Kläger war Dr. S ch n e e b e r g e r, für die Angeklagten Dr. P o r z e r erschienen.' Dr. Schneeberger führte aus: Wir stehen am Vorabend einer Gesetzesreform auf dem Gebiete des Preßrechtes, deren vielleicht wichtigster Gedanke in der Beseitigung der schwurgerichtlichen Competenz für Ehrenbeleidigungen in Preßsachen gelegen erscheint. Der heutige Fall sei ein Schulbeispiel für jene Erfahrungen der letzten dreißig Jahre, welche die Gesetzgebung auf die Bahn dieser Reform gedrängt haben. Der vorliegende Fall beweise aber auch die Richtigkeit der Worte Glaser's, daß die meisten Fehlurtheile der Jury von dem Gerichtshöfe mitverschuldet sind. Es mußte einen der Anklage abträglichen Eindruck auf die Jury erzeugen, daß dem Angeklagten Jlger gestattet wurde, nach seiner Willkür, ohne Rechtfertigung, von der Verhandlung auszubleiben. In derselben Richtung führte Dr. Schneeberger die weiteren Nichtigkeits gründe aus. Dr. P o r z e r bekämpfte die Beschwerde mit dem Anträge auf Abweisung. Nach längerer Berathung verkündete der Vorsitzende Steinbach, es werde die Beschwerde verworfen. In den Gründen wird qpgeführt: Der von dem Beschwerdeführer vertretene Gedanke, daß den Schwurgerichtshof unter Umständen eine Verantwortung für ein Fehlurtheil der Jury treffe, ist dann richtig, wenn die Erfordernisse, welche der Cassationshof aufstellt, nicht erfüllt werden. Der Cafsationshof begehrt vom Schwurgerichtshofe die Einhaltung der Grundsätze der Vollständigkeit und der Objectivität. Das Geschwornengericht ist, wie jede menschliche Institution, mit Bortheilen und Nachtheilen ausgestattet, und es ist nicht Sache des Obersten Gerichtshofes, sich über den Werth dieser Einrichtung auszusprechen. Dies bleibt Gegenstand der wissenschaftlichen Forschung und der Gesetzgebung. Der Cassationshof hat nun nicht gefunden, daß im vorliegenden Falle die Grundsätze der Vollständigkeit und der Objectivität verletzt worden sind. Ohne diese Prämissen kann der Oberste Gerichtshof in die Prüfung der Richtigkeit dieses Berdictes sich gar nicht einlassen. Die Beschwerde mußte daher verworfen werden. E. B. Brünn, 30. Juni. (Fünfzigjähriges Amtsjubiläum.) Der Vicepräsident der Brünner israelitischen Cultusgemeinde kais. Rath Epler vollendet am 5. d. M. das fünfzigste Jahr seiner Amtsthätigkeit als Beamter der Kaiser Ferdinands-Nordbahn und nahezu das vierzigste Jahr seiner Wirksamkeit als Vorstand der hiesigen Bahnstation. Was eine fünfzigjährige Thätigkeit auf dem schwierigen, aufreibenden Posten eines Eisenbahners zu bedeuten hat. vermag nur ein Fachmann, nicht aber der Laie zu ermessen. Namentlich als Chef einer so großen Bahnstation, wie es die hiesige ist, bedarf es der vollen Hingebung, der nie versiegenden Aufopferung. Herrn Epler stehen um die Organisation des Dienstes auf der Brünner Station der Nordbahn hohe Verdienste zur Seite, die im Publicum, insbesondere aber in der Geschäftswelt vollständige Würdigung und Anerkennung finden. Seines leidenden Zustandes wegen hat sich der Jubilar alle Ovationen verbeten; die vielen Freunde, Verehrer und Bekannten desselben werden es sich jedoch nicht nehmen lasten, demselben herzliche Beweise von Sympathie und Anerkennung entgegenzubringen. Selbstverständlich stehen Herrn Epler auch große Ehrungen seitens des Verwaltungsrathes und der Direction der Kaiser Ferdinands- Nordbahn und des Präsidiums der Brünner israelitischen Cultusgemeinde,. um welch letztere er jahrelang unablästig sich gemüht hat, bevor. Budapest. (Das Jubiläum eines Rabbiners.) In solenner Weise wurde gestern in Komorn das vierzigjährige Jubiläum des dortigen verdienstvollen Oberrabbiners Dr. Armin Schnitzer begangen. Der greise Jubilar war aus diesem Anlasse Gegenstand großer Ovationen. Die Festivitäten nahmen mit einem feierlichen Gottesdienste ihren Anfang. Die Synagoge füllte ein großes Publicum, in besten Reihen man den Obergespan Aurel S L r k ö z y, den Abgeordneten Johann Tuba, den reformirten Bischof Gabriel A n t a l, Bürgermeister D o m a n y, Gerichtspräsidenten P u l a y, Schulinspector L ö r i n c z y, Oberstadthauptmann S a r k a n y, viele Deputationen re. sah. Der Jubilar sprach zunächst ein ergreifendes Gebe, und warf in einer kurzen Rede einen Rückblick auf die verfloffenen vier Decennien seiner Thätigkeit. Der Schwiegersohn des Jubilars, Doctor Franz L ö w y. würdigte in einer formvollendeten Rede die Bedeutung des Tages, worauf der „Himnusz" abgesungen wurde. Die Festgäste begaben sich sodann in den Prunksaal der Gemeinde, wo nach den Begrüßungsworten des Gemeindepräsidenten städtischen Fiskals Basärhelyi Obergespan Aurel Sä. rközy dem Jubilar das diesem von Sr. Majestät verliehene goldene Berdienstkreuz an die Brust heftete. Mit dem Empfang der Deputationen schloß die officielle Feier. Unter diesen befand sich auch die des Rabbinerverbandes jenseits der Donau, dessen Obmann der Jubilar seit seiner Gründung war. Neben dem jüdischen Frauen - Wohlthätigkeitsverein erschien zur Beglückwünschung auch der allgemeine städtische. Mittags fand ein Bankett statt, bei welchem Obergespan S ä r k ö z y, Abgeordneter Tuba. k. Notar Dr. N a g y. die Rabbiner Steinherz, Löwy und Dr. Böla B e r n st e i n Toaste auf den Oberrabbiner Dr. Schnitzer ausbrachten. Der reformirte Bischof Gabriel A n t a l trat sodann auf den Jubilar zu. um nach einigen herzlichen Worten ihn zu umarmen und zu küffen. Nun wurden Begrüßungsschreiben von Moriz I o k a i, Minister D a r ä n y i, Alexander H e g e d ü s, zahlreichen Profestoren, Gemeinden rc. verlesen. Das Begrüßungsschreiben Moriz Jükai's lautet wie folgt: „Empfangen Ew. Hochwürden meinen patriotischen Gruß anläßlich der allerhöchsten Auszeichnung, welche Sie durch Ihre allgemeiner Anerkennung würdige, gottgesegnete, unermüdliche Wirksamkeit verdienten. An meine Begrüßung knüpft sich eine dankbare Erinnerung an jene unvergleichliche Komorner Feier, bei welcher Ew. Hochwürden anläßlich der denkwürdigen Einweihung meines Geburtshauses in begeisterter Rede meiner gedachten; ich bewahre die Rede als Andenken in meiner Komorner tulpenbemalten Truhe, mit welcher mich meine Landsleute erfreut haben. Gott der Allmächtige möge seinen Segen auf Sie und Ihre Familie ausschütten, wie auf meine geliebte Vaterstadt und jeden einzelnen Bewohner derselben, welchen Glaubens und Standes immer". Abends brachte die Feuerwehr dem Jubilar einen Fackelzug. Budapest. (Hilssaction für die rumänischen Juden.) Das Hilfscomite für die rumänischen Juden, welchem der Großindustrielle Alexander v. Hatvany-Deutsch, Abgeordneter Paul S ä n d o r. Oberrabbiner K o h n, Profestor Dr. Goldziher, Dr. Moriz Mezei, Fabrikant Leopold Lebovitsch und viele Andere angehörten, hielt heute Nachmittags eine Sitzung, in welcher Alexander v. Hatvany- Deutsch die rumänischen Berhältniste kennzeichnete. Redner erklärte, daß die Zeitungsberichte über die Judenverfolgungen in Rumänien nicht übertrieben seien. Es müffe schon jetzt Hilfe gebracht werden, und deshalb proponirt er, im Jntereffe der rumänischen Juden eine Landesaction einzuleiten. In ähnlichem Sinne sprachen Oberrabbiner Dr. K o h n und Leopold Lebovitsch, während Dr. R o z s a und Arnold K o h n den Antrag stellten, eine Weltaction einzuleiten, das heißt in ganz Europa für die rumänischen Juden zu sammeln. Nach längerer Debatte wurde beschlossen, eine Landtagsaction einzuleiten und schon demnächst im ganzen Lande Spenden zu sammeln. Rumänische Auswanderer in Budapest. Am 16. v. M. weilten im Budapester Centralbahnbofe vier Stunden lang circa 200 rumänische Juden, die mit Weib und Kind nach Providence N. I., Philadelphia und San-Francisco (Amerika) reisen. Es waren zumeist intelligente Leute, Handwerker aus Bukarest, Jaffy, Foesani, Verlad und Braila. Die armen Leute hatten ihr letztes Hab und Gut verkauft, damit sie den zu paffirenden Orten nicht zur Last fallen sollen. Sie übergaben demBukarester Advocaten Dr. Löwenthal 30.000