Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 27 (4.7.1902)
- Date
- 1902-07-04
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 446 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 37 Gendarmen an allen Ecken und Enden. Bon Zeit zu Zeit sprengt ein Dragonerlieutenant in feldmäßiger Adjustirung, in Begleitung eines Hornisten in den Hofraum, er steigt vom Pferde und tritt sporenklirrend in das Wahllocal, um sich bei eineui der diensthabenden Commiffäre zu melden und Weisungen bezüglich der consignirten Bereitschaft entgegenzunehmen. Hunderte und Hunderte von Wählern treiben sich stundenlang im Hofraum herum, blicken voll Schreck auf die gestrengen Pickelhauben, stieben entsetzt jedesmal mit dem Rufe: „Die Dragoner kommen" vor dem unheilverkündenden Dragonerlieutenant auseinander und drängen vergebens zur Eingangsthüre des Wahllocales, wo ihnen die Bajonnette der Gendarmen entgegenstarren und wo man zwei und drei Stunden ausharren muß, ehe man dazu kommt, ins Wahllocal zu gelangen. Jedoch die Gendarmen, wiewohl sie manchen Kolbenschlag an gewisse Leute ausgetheilt haben, sind galante Herren. Sie erkennen die Leute, die Verbindungen mit den leitenden Herren im Wahllocale unterhalten, od?r denen auf der Stirne geschrieben steht, daß sie für den Candidateu der drei Excellenzen stimmen werden — sie erkennen sie und laden sie freundlichst ein, vor Allen, die da lange Stunden warten, ins Wahllocal zu treten. Die Bevorzugten schmunzeln zufrieden, die Hunderte, die warten müssen, murren, schimpfen und warten. Das ist die zweite und wichtigste Etappe; hier an dieser Thüre scheitert die numerische Ueberlegenheit der freien, unabhängigen, nicht käuflichen Wähler. Die Bezirkshauptmannschaft, die vollzählig im Saale versammelt ist und mit allen Kräften darauf hinarbeitet, damit das Vaterland ja nicht durch den Fall des Dr. Dulemba in Gefahr gerathe, die weiß ganz genau, was sie will und wird es nicht zulasten, daß die Leute in zu dichten Haufen in den Saal gelangen. Immerfort schauen sie auf ihre Uhren und je langsamer die Stunden ihnen zu schwinden scheinen, desto vorsichtiger sind sie mit dem Einlaffen der ungestüm drängenden und stürmenden Menge. Immer seltener öffnet sich für die gewöhnlichen Sterblichen die schmale Halbthüre, die zum Wahllocale führt und immer kleiner wird mit den enteilenden Stunden jedesmal der Schub der Wartenden, der zur Gnade des Einlasses gelangt. Der Hüter und Vollzieher dieses wohldurchdachten Systems, das direct auf den Wahlraub hinausgeht, der Bezirkscommiffär Dniestrzanski waltet wunderbar seines Ehrenamtes und achtet genau darauf, daß die erschienenen Wähler nicht übermäßig das Wahllocal überfluthen. Platz den Honoratioren! Platz den Wohlgesinnten! Ihr Anderen könnt ruhig warten, der Tag ist lang, ihr werdet noch daran kommen. Die Beherzten und die Ausdauernden, sie warten den ganzen Vormittag, sie werden auch Nachmittag wieder kommen, trotz Gendarmen, trotz Dragoner, trotz Regen und Wetter. Aber Viele, die zu schwach, zu furchtsam, zu ungeduldig sind, oder die wichtigen Geschäften, dem täglichen Erwerbe nachgehen müsten, die ziehen in hellen Haufen ab und verzichten auf das Vergnügen, sich an dieser Wahl zu betheiligen. Treten wir nun in das so schwer erkämpfte Wahllocal. Nachdem wir den ersten Gendarmerieposten überstanden haben, gelangen wir in ein kleines Borhaus und finden dort eine ansehnliche Anzahl unserer Vorgänger, die ein zweiter verstärkter Gendarmerieposten eine längere Weile an dem weiteren Vordringen in das Wahllocal behindert. Endlich ist auch diese Probe vorüber. Ein gnädiger Schub und wir befinden uns jedoch beileibe nicht im Wahllocal, sondern in einem größeren Zimmer, wo wir wiederum andere Vorgänger antreffen, die noch immer nicht in das eigentliche Wahllocal gelangen konnten. Wir orientiren uns und machen die Entdeckung, daß aus diesem Zimmer die Thüre gerade aus vor uns, die wiederum von einer Schaar Gendarmen besetzt ist. ins Wahllocal und eine Seitenthüre links ins Polizeicommistariat des Stadtmagistrates führt. Da wir noch Zeit genug haben, ehe wir zum weiteren Schub gelangen, treten wir in die Bureaus des Polizeicommistariates ein. (Fortsetzung folgt.) Religiöse Strömungen in England. Von Dr. N. Otto. L o n d o n, 33. Juni. Die englische K ö n i g s k r ö n u n g ist eine rein religiöse Ceremonie. Der Erzbischof von Canterbnry, erster geistlicher Lord des Oberhauses und Primat der Kirche von England, krönt den König; des Königs Haupt wird mit geweihtem Oele gesalbt und der König thront dann auf dem heiligen Steine von Scone, den der erste Edward von Schottland nach England brachte und der nach alter Ueberlieferung derselbe Stein ist, aufdem der Erzvater Jakob in Bethel sein Haupt ruhen ließ, als er die Himmelsleiter sah. Dieser heilige Stein soll von Jndaea nach Spanien gebracht worden sein, von Spanien nach Irland und von Irland nach Schottland, und Thatsache ist, daß die schottischen Könige ieit alten Zeiten auf ihm gekrönt wurden und daß die schottische Nation ihr Schicksal mit dem dieses Steines verknüpft sah. Die Schotten haben wiederholt vergeblich versucht, den Stein zurückzuerhalten. Er bleibt als kostbare Reliquie in der Westminster-Abtei aufbewahrt, unter dem Sitze des Krönungs-Thrones ist der flache, rechteckige Stein aus egyptischem Syenit zwischen den vier Beinen desselben dauernd angebracht und der siebente Eduard wird über diesem heiligen Steine sitzend gekrönt werden. Das religiöse Krönungs-Ceremoniell und die alte Krönungs- Reliquie passen scheinbar wenig zum constitutionellen, auf Vernunft und Willen des Volkes begründeten Königthume des heutigen England und das große, allermodernste britische WelD und Eolonialreich mit seinen Ekvldspecnlanten und Chartered Companies scheint des religiösen Nimbus und der alten Reliquien zu spotten. Aber das ist nur scheinbar der Fall. Weder constitutionelle Freiheiten noch Chartered Companies, weder Gold- und Diamanten-Speculationen, noch Eroberungskriege schließen religiöse Bedürfnisse aus und der religiöse Glaube ist so stark in England wie in irgend einem Lande. Das religiöse Empfinden des englischen Volles will sogar von Zeit zu Zeit ganz besonders beachtet sein, wenn man seine Ziele verstehen will. Im Bibeln druckenden und Kirchen bauenden England gibt eine Beobachtung der religiösen Strömungen bisweilen bessere Auskunft, als die Reden der Staatsmänner und die Blaubücher der Regierung, tiefere Aufschlüsse als die Informationen von „Oentral News“ und Reuter's Bureau und als die Leitartikel von „Times“ und „Daily Mail“. Der au sich scheinbar so unreligiöse Burenkrieg hat zweifellos das religiöse Empfinden sehr vieler Gläubigen in Großbritannien gestärkt. Der Glaubenssatz so vieler Frommen in England, daß das englische Volk von Gott dazu auserwählt sei, um die fremden Völker , zu beherrschen, hat der Durchführung dieses Krieges sicher mehr genützt,' als die Reden Chamberlain's. Der Friedensschluß kurz vor der Krönungsfeier hat beu alten Glaubenssatz wiederum bestätigt, und in einer Kirche in Tunbridge Wells hat man bei der Friedensfeier eine eigens gedichtete Hymne gesungen, in der es heißt, daß jede dem britischen Weltreiche zugefügte neue Nation den Willen Christi erkennt. Genau wie Krüger lesen Tausende von Engländern die Geschichte ihres Volkes, die vergangene, wie die zukünftige aus der Bibel heraus und finden sie darin beschrieben. Ein besonders religiöser bemittelter Herr (oder sollte es eine Dame sein?) veröffentlicht fortgesetzt apokalyptische Prophezeiungen im Jnseratentheile des „Standard“ und die über ganz England, Schottland, Irland und die Colonien verbreitete „British Israel Association“ begründet und verbreitet in einer Wochenschrift, einer Monatsschrift, einem in 15.000 Exemplaren gedruckten Handbuche und in zahlreichen Büchern, Broschüren und Flugschriften die Lehre, daß die alten israelitischen Prophezeiungen vom Segen Abrahams an in der modernen englischen Geschichte und an der heutigen englischen Nation sich buchstäblich erfüllen. Ganz nahe der Gegend von Fleet Street, wo der „Standard“, der „Daily Telegraph“ und der den Jnteresstn des Schankgewerbes dienende „Moming Advertiser“ gedruckt werden, befindet sich auch die Bücher- und Schriften-Vertriebsstelle der „British Israel Association“; man wende seine Schritte nach Racquet Court, Fleet Street, verlange nach dem Katalog, lese und staune! Allerdings bilden die Tausende von Engländern, die Mitglieder der „British Israel Association“ und auf die Wochenschrift „The Banner ok Israel“ abonnirt sind und die in dem Handbuch „British Israel Trnth“ nachschlagen, wenn sie die Bibel lesen, nur einen Bruchtheil aller Gläubigen. Aber die allgemeine Lehre, daß die Prophezeiungen des alten Bundes ganz speciell sich am englischen Volke erfüllen, findet bei allen Frommen in England mehr oder weniger Glauben. Es liegt ja auch für jeden bibelgläubigen Engländer so nahe, beim Lesen der verschiedenen Prophezeiungen, an deren Wahrheit er zu glauben gelernt hat, an sich und das eigene Volk zu denken und die wunderbare Ausbreitung der angelsächsischen Race über die Erde und die immer mehr fortschreitende Eroberung weiter Länderstrecken mit den Prophezeiungen der Bibel in Zusammenhang zu bringen. Der Segen Jacob's an seine Söhne bietet zu den grundlegenden Parallelen Anlaß, und die Worte „Fülle der Nationen",*) womit der 19. Vers von Genesis XLVI1I endet, wird speciell auf das britische Weltreich gedeutet. Noch einleuchtender erscheint die Bedeutung der Prophezeiung 5. °) oian