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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-07-04 · 27 (4.7.1902) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
27 (4.7.1902)
Date
1902-07-04
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 27 Dr. Bloch's Wochenschrift. Sette 445 sind und mit welchen Gefühlen gewöhnliche, sterbliche Menschenkinder, hauptsächlich aber die armen, galizischen Juden zu ihnen emporschauen, darüber kann man sich leicht eine Vorstellung machen und unterliegt cs keinem Zweifel, daß die Verfasser des Aufrufes keine geringen Hoffnungen in den Eindruck dieses Wahlmanövers setzten. Nun war aber dasselbe gegenüber dem Gros der Wählerschaft, die sich in Tarnopol durch die geheime Abstimmung hinlänglich geschützt fühlte, ein wenig verspätet. In einer Richtung aber hat sich diese Kundgebung, sowie das Verhalten fast sämmtlicher Chefs der ärarischen Aemter und Anstalten vollständig bewährt. Die Untergebenen dieser diversen Gewalthaber, alle die subalternen Beamten und Bediensteten fühlten sich verpflichtet, diesen deutlichen Wink für ein zwingendes Gebot anzusehen, und die Eifrigeren unter ihnen nahmen diese Gelegenheit wahr, um durch thatkräftige Darthuung ihrer Bereitwilligkeit einen Stein im Brette bei ihren Vorgesetzten zu erlangen. Zwei Tage lang tummelten sich geschäftig diese abhängigen, dienstfertigen Biedermänner in der Stadt herum und am Tage der Wahl wimmelte es auf der Straße, im Magistratsgebäude und im Wahllocale selbst von Manipulationsbeamten, Schreibern, Amtsdienern, Bahnbediensteten u. dgl., die, den Winken ihrer Chefs gehorchend, einander in der lebhaftesten Agitation - und den diversesten Dienstleistungen zu überbieten suchten. Da sah man den Leiter des Steuerinspectorates Finanzrath Sabuda umgeben von einem Troß seiner Beamten, Steuerexecutoren, Schätzmänner und Amtsdiener; den Ingenieur der Bezirkshauptmannschaft Panenka mit Wegmeister, Straßenconducteuren und anderem Zubehör; den Oberfinanzrath Sosnicky mit allen Beamten, Kanzlisten und Amtsdienern, den Stationschef Kossowsky, den Oberingenieur Kuczkowski ebenfalls mit einem Stab von Beamten, Bediensteten und allerhand Functionären rc. rc. — und Alles in rastlos regsamer Bewegung, in das durch Gendarmen besetzte Wahllocal aus- und eingehend, immer Berichte erstattend und neue Befehle empfangend. Jedoch dies war nur der Apparat, der die Bestimmung hatte, dem Dr. Dulemba die unumgänglich nothwendigen 300 biDLOO Stimmen in Tarnopol zu verschaffen und auf diese Weise die in Brzezany getroffenen Vorbereitungen werkthätig zu unterstützen. Das war jedoch nicht die Hauptsache. Das Hauptaugenmerk der Tarnopoler Action zu Gunsten des Dr. Dulemba mußte darauf gerichtet sein, die Wahlbetheiligung in Tarnopol nach Möglichkeit hintanzuhalten, zu verhüten, daß 1600 bis 1700 Wähler in Tarnopol mit zur Urne gelangen und die Machenschaften in Brzezany sammt dem Tarnopoler Succurs weit überflügeln. Die Auskunftsmittel hiefür waren bald gefunden und zur Ausführung gebracht. In erster Reihe galt es, die Wähler abzuschrecken und zu terrorisiren und dann mußte dafür Sorge getragen werden, daß die Wählerschaft sich nur in dem Maße an der Wahl betheilige, als es dem Interesse des Dr. Dulemba zuträglich sein konnte. Schon am Vorabende der Wahl ließ man es die Tarnopoler merken, daß ungewöhnliche Maßregeln getroffen wurden und daß noch weitere Vorkehrungen bevorstehen, die friedfertigen, blos ihre verfassungsmäßig gewährleisteten Rechte ausübenden Bürgern gegenüber in einem Rechtsstaate niemals zur Anwendung kommen sollten. Aus allen umliegenden Ortschaften herangezogene Gendarmen patrouillirten zu dreien in voller Rüstung, ohne daß der geringste Anlaß hiefür geboten war, mit strengen, unheilverkündenden Mienen in den sonntägig belebten Straßen umher, und trugen Sorge dafür, daß den harmlosen, sich keiner Schuld bewußten Wählern bei ihrem Anblick die gestrenge Regierungsgewalt in Erinnerung gebracht werde. Erstaunt blickten Christen und Juden, Anhänger und Gegner der beiden Candidaten, die sonst im besten Einvernehmen mit einander verkehrten, auf dieses beängstigende Aufgebot der Gendarmerie, und manche ängstliche Seele dachte mit einem leisen Gruseln an die Ereignisse des nächstfolgenden Tages. Das war die erste Demonstration der Regierung — sie gab kund und zu wissen, daß die Regierung die Sache ernst nehme, daß sie für den Candidaten der drei Excellenzen eintrete und den Gegenkandidaten Dr. Landau bekämpfen werde. Die disponiblen Bezirkscommissäre und der Bezirkssecretär Chlemdowski, der im Vereine mit dem Supplenten des Lehrerseminars Mohr — eine Persönlichkeit, mit der wir uns weiter unten eingehend beschäftigen werden — in den letzten Tagen im Schweiße seines Angesichtes agitirt und alle Thüren eingerannt hatte, machten gar geheimnißvolle und bedenkliche Mienen, als wollten sie sagen, daß wichtige und erschütternde Ereignisse bevorstehen und daß sie leider dieser zwingenden Staatsnothwendigkeit nicht aus dem Wege gehen, nichts für die renitenten Wähler, die sich gegen die Autorität der drei Excellenzen aufgelehnt haben, thun können. Der 12. Mai 1902 ist für die Tarnopoler Bürgerschaft zu einem Gedenktag der traurigsten Bedeutung geworden. Die schwerste Kränkung, die härteste Unbill, die einem Bürger in Friedenszeiten widerfahren kann, die ist an diesem Tage der durch und durch loyalen, kaisertreuen und friedlichen Bevölkerung Tarnopols zugefügt worden. Ohne jegliches Verschulden, ohne jegliche Provokation, ja ohne den allergeringsten Anlaß wurde die Wählerschaft dieser Stadt, die nichts Anderes im Sinne hatte, als von ihren constitutionellen Rechten den ihr zustehenden Gebrauch zu machen, wurde diese Bürgerschaft in der brutalsten, unverantwortlichsten Weise vor dem Kopf gestoßen. Bereits am frühen Morgen des Wahltages wurde das Magistratsgebäude von dreißig bis an die Zähne bewaffneten Gendarmen vollständig besetzt, alle Zugänge wurden abgesperrt und eine Schaar von Commissären und anderen Functionären der politischen Behörde trug Sorge dafür, daß kein Mensch ins Magistratsgebäude ohne Wahllegitimation gelangen konnte, es wäre denn, daß er ein Agitator oder Anhänger des Dr. Dulemba gewesen wäre, der durch ein verabredetes Erkennungszeichen, oder in Folge direkten Auftrages eines der politischen Beamten jederzeit den freien Eintritt gesichert hatte. Es war geradezu empörend, in welcher Weise sich dieser unerhörte Mißbrauch bei den Eingängen in den Magistrat breit machte. Ein öffentliches, autonomes Amt, der Magistrat einer Stadt von 30.000 Einwohnern, dem auf Grund der Gemeindeordnung die volle und ausschließliche Polizeigewalt auf dem gesummten städtischen Territorium zusteht, wird in seinem eigenen Gebäude, in dem Sitze seiner legitimen Ämtsthätigkeit. von einer Gendarmerietruppe blockirt, seine Polizeigewalt wird ohne viel Federlesens einfach beseitigt und dem Bürger, dem Steuerträger, der Partei, der das Recht zusteht, jederzeit im Magistratsgebäude aus- und einzugehen, wird der Zutritt in dasselbe verwehrt, während bezahlte Agitatoren und Stimmenkäufer des Doctor Dulemba frank und frei hin und herspazieren und mit der größten Unverschämtheit ihre Manipulationen mit erschlichenen oder erkauften Legitimationskarten und mit gedungenen, besoffenen Strohmännern oder bestochenen Wählern coram publico im Vestibüle, im Hofraume des Magistratsgebäudes und am ftechsten im Wahlbezirke im Wahllocale selbst ausführen dürfen. Der ehrliche, bescheidene Bürger, der ein Geschäft im Magistrat zu besorgen hat, der zufälligerweise seine Legitimationskarte verloren oder verlegt hat und hineingehen will, um die Ausfolgung eines Duplicates zu verlangen, der wird zurückaewiesen und muß zuschauen, wie der erste beste hergelaufene Lump, dem der Säckel des Dr. Dulemba sich geöffnet hat, unbehindert an ihm vorübergeht. Ja, das war empörend, das war unehrlich und heimtückisch — aber weise über alle Maßen und hat den angestrebten Zweck, der doch bekanntermaßen bei gewissen Leuten immer die Mittel heiligt, sicherlich nicht verfehlt. Hunderte von Wählern verlieren erfahrungsgemäß ihre Legitimationskarten, aber wenn keine Gendarmerie vor der Thür steht, dann gelangen die Meisten vor die Wahlcommiffion und erhalten ein Duplicat. auf welches ihnen nach Gesetz und Recht der volle Anspruch zusteht. Bei diesem sonderbaren Belagerungszustand mußten sie unverrichteter Dinge zurückkehren und ihr gutes Recht, sich an der Wahl zu betheiligen, ging verloren. Jedoch damit waren noch die getroffenen Maßnahmen nicht erschöpft, das eigentliche Werk der Vereitlung der Wahlbetheiligung spielte sich erst vor und in dem Wahllocale selbst ab. Am Eingänge zum Magistratsgebäude konnte man füglich an diesem Tage die Aufschrift anbringen: „Lasciate ogni speranza, qui voi entrate“. Folgen wir Denjenigen, die so glücklich waren, mit Hilfe ihrer Legitimationskarten in den Magistratshof zu gelangen. Hier sieht es förmlich wie in einem Feldlager aus.

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