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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-07-04 · 27 (4.7.1902) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
27 (4.7.1902)
Date
1902-07-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 27 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 443 das Volk gegen ihn erhob, so daß er vom Sturme der allgemeinen Entrüstung weggefegt wurde, nicht mehr in den Ohren? Nachdem er einige Vorwürfe gegen Herrn Bernard Lazar geschleudert und die Plünderung jüdischer Läden für eine „schändliche Lüge" erklärt hat — als ob Jassy, Dorohoi, Bacau, Bukarest im Monde und nicht in Rumänien lägen — beruft er sich darauf: „daß die antisemitische Bewegung in Ungarn, Deutschland und Oesterreich soweit ging, daß man den Israeliten Ritualmorde andichtete. Ist ein solcher Fall in Rumänien vorgekommen? Gewiß nicht! Weshalb? Weil das rumänische Volk tolerant ist." Bevor wir uns mit dieser Aeußerung des Herrn Sturdza befassen, müssen wir sie dem „Vaterland" zu Gemüthe führen. Herr Sturdza ist jetzt „sein" Mann und dieser classische Zeuge, umso classischer als er ein in der Wolle gefärbter Judenverfolger ist, beschuldigt seine österr.- ungar. deutschen Gesinnungsgenossen offen, daß sie Ritualmorde „erdichten". Sturdza ist es, der es sagt, das „Vaterland" druckt diese Erklärung ab! Wir nehmen sie zur Kenntniß. Wenn aber Herr Sturdza glaubt, daß wir ihm deshalb seine Aeußerung: „die Rumänen seien tolerant", weil sie den Juden keine Ritualmorde andichten, passiren lassen, dann irrt er sich. Er zeige uns erst ein „tolerantes" Gesetz — dann mag er sich brüsten. Die Rumänen ersparen sich die Andichtung des Ritualmordes. Sie brauchen solch künstliches Hilfsmittel nicht. Sie begehen die Ritualmorde selbst. Unzählige jüdische Opfer rumänischer Volkswuth decken die rumänische Erde — und Herr Sturdza muß es selber zugeben, daß „die Juden unter Volksaufläufen zu leiden hatten". Allerdings schreibt er diese „Excesse" nur den Anzettelungen „gewisser" Parteien zu. Wer aber sind diese Parteien? Kennt Herr Sturdza nicht die Antisemiten liga? Weiß er nicht, daß seine Beamten darin sitzen? Weiß er nicht, daß conservative Minister sie begünstigten? Erinnert er sich der Battauschen nicht, welche auf die Juden losschlugen? Weiß er nichts von Polizeiwillkür und Rechtsbeugung Juden gegenüber? Wo ist also die Toleranz? Herr Sturdza — allen Respect vor Ihnen als Ministerpräsident, aber an rumänische Toleranz glauben Sie ganz gewiß nicht. Aber das Schuldbekenntniß nehmen wir aus Ihrem Munde als giltiges Zeugniß entgegen: „Die Excesse wurden stets von gewissen Parteien angezettelt, welche die Judenangelegenheit zu selbstsüchtigen Krawallen benützten. Man stachelte zuerst die Israeliten auf. damit sie Vorgehen; dann hetzte man wieder einen anderen Theil der Bevölkerung gegen sie. Dasselbe wird heute wieder versucht". Daß die Juden so dumm sind, sich von rumänischen Parteien „anstacheln" zu lassen, glaube wer will. Die Rumänen bedürfen der Vorwände zur Mißhandlung von Juden längst nicht mehr. Herr Sturdza behauptet, das Land sei den Verpflichtungen des Berliner Vertrages uachgekommen — wer das Gegentheil findet, „phantasirt". Man muß die „Phantasie" Sturdza's haben, um eine der historischen Wahrheit direct ins Gesicht schlagende Behauptung so kühn zu wagen. Allein Herr Sturdza ist insoweit wenigstens ehrlich, daß er die Nichtausführung des Berliner Vertrages — die er eine Ausführung nennt — zu motiviren versucht. Er sagt nämlich: „Das Königreich Rumänien gehört den Rumänen. Man kann es ihnen nicht verübeln, wenn sie sich innerhalb ihres Landes behaupten wollen. Das ist ein allgemeines Princip, woraus folgt, daß der Fremde erst dann als Rumäne betrachtet werden kann, wenn er rumänisch denkt und handelt. Unsere Israeliten sind im Großen und Ganzen ruhige Leute. Man kann nicht sagen, daß sie ein unruhiges Element seien, oder daß sie über unser Land schlecht dächten. I ch selbst bin für dieNaturalisation der Juden, aber innerhalb der durch unsere Constitution vorgeschriebenen Modalitäten und Bedingungen. Wenn aber auf unsere Israeliten von . ußen eingewirkt wird, daß sie sich als Nation betrachten sollen, und daß sie anders sein sollen als die Rumänen, so ist das ein verfehlter Weg; denn man kann billigerweise nicht verlangen, daß wir solchen Israeliten zur Staatsbürgerschaft verhelfen sollen, die dem ideellen Staate der ^llianes israölite angehören. Bernhard Lazar hat deshalb gegen das Interesse der hiesigen Israeliten gehandelt. Wir Rumänen — ich kann dies nicht genug betonen — wir Rumänen sind keine Antisemiten." Zu solcher Argumentation nimmt die Sophisterei Sturdza's Zuflucht. Aus dem Vordersatz „Rumänien gehört den Rumänen" schließt er, es gehört nicht den „Fremden" und läßt sofort die Juden als Fremde erscheinen, die es nicht blvs historisch nicht sind, sondern es selbst nach den späteren Worten Sturdza's nicht sind. Wenn er ihnen ein gutes Zeugniß gibt und sich für ihre Naturalisation ausspricht — warum verlangt er, gerade im Widerspruch mit den Verhandlungen bei Abschluß des Berliner Vertrages, die individuelle Naturalisation? Weiß er nicht, daß gerade dieser Punkt der essentielle des ganzen Streites ist? Hat er die Zusagen Cogalniceanus, das von Joan Brat i a n u gegebene Wort vergessen? Wie viele Juden wurden denn seit 1878 naturalisirt? Er weiß selbst nur zwei zu nennen, es waren ihrer gewiß mehr, vielleicht sogar lvO — aber die tobten Naturalisieren dürfen Sie nicht zählen, Herr Sturdza — und in Rumänien leben 240.000 Juden. Herr Sturdza gliedert die rumänischen Juden in drei Kategorien. „Da sind die. die schon zur Zeit der Dacier im Lande gelebt haben wollen; ich will das nicht untersuchen. Dann sind die ehemaligen Schutzbefohlenen anderer Mächte, die uns nach unserer Unabhängigkeitserklärung übergeben wurden. Die Meisten hatten unter österreichischungarischem Schutze gestanden. Tie dritte Classe bilden jene Juden, die aus Rußland und Galizien herüberkomnlen. wo sie dem ärmsten Theile der Bevölkerung angehörten und auswanderten, weil ihnen die Lebensbedingungen in Rumänien, Klima. Polizei und wohlfeile Lebensmittel, besser zusagteu. Diese Classe ist es, die den Proletaricrstand in unserem Lande bildet. Durch sie ist unsere Judenfrage vor Allem eine sociale Frage." Wir wollen nicht den Ministerpräsidenten, sondern den Historiker Sturdza erinnern, daß sein Ausdruck: „Juden, die schon zur Zeit der Dacier im Lande gelebt haben wollen", seine Wahrheitsliebe oder seine Geschichtskenntniß in ein übles Licht setzt. Die Documente, aus welchen die Anwesenheit der Juden in Rumänien in vorrumänischer Zeit nachgewiesen wird, bilden ja die werthvollsten der Rumänen selbst. Auf diese Documente stützen sie selber ihre Ansprüche. Sie leugnen, heißt ihren historischen Forderungen den Boden entziehen In die zweite Kategorie der Juden setzt er die „Schutzbefohlenen" aus Oesterreich-Ungarn, in die dritte die Juden aus Galizien und Rußland, die er „Proletarier" nennt. Ja, sind denn die galizischen Juden nicht Oesterreicher? Er behauptet, daß durch diese „Proletarier" die Judenfrage zur socialen geworden sei und meint, „die Lösung dieser Proletarierfrage ist umso schwerer, als man aus ihr gerne eine confessionelle machen möchte. Daraus aber folgt, daß wir die politische Führerschaft in unserem Lande diesen Leuten oder solchen, die durch sie von Außen regieren wollen, nicht in die Hände spielen dürfen." Rumänien zählt circa 6 Millionen Einwohn r, nun wandern etliche „Proletarier" aus Galizien und Rußland zu — da alle drei Kategorien von Juden nur 240.000 Köpfe zählen — werden diese „Proletarier gewiß nicht 200 000 Mann stark sein, und wären sie's — diese Proletarier wollen die politische Führerschaft im Lande anstreben"? Bemerkenswerth ist nur wieder das Geständniß: „Ich bekenne, daß in der U m st ä n d l i ch k e i t der Pro» cedur der Ballotage eine Schwierigkeit liegt, das Staatsbürgerrecht zu erlangen. Die Kammer ermüdet leicht, wenn zehn Ballotageii auf der Tagesordnung stehen, und wird beschlußu n f ä h i g. Auch Unfug kommt vor, so daß der von der Regierung Borgeschlagene nicht die erforderlichen weißen Kugeln erhält." Daß Herr Sturdza die Auswanderung der Juden aus Rumänien als eine Folge der Mißernte darstellt, ist ein alter abgebrauchter Kniff, den seine Preßhusaren schon abgedroschen haben, ohne daß ein Mensch ihnen glaubte. Man will damit verbergen, daß es die unmenschlichen Verfolgungen sind, durch welche die Juden aus dem Lande „der religiösen Gleichberechtigung" vertrieben werden.

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