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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-06-27 · 26 (27.6.1902) · page 17

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
26 (27.6.1902)
Date
1902-06-27
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Nr. 26 Dr. Bloches WorhvnschrM. Seite 437 und ihm im Namen Deiner Eltern ihr schmerzliches Bedauern aussprechen wegen der rohen Ausschreitungen ihres Sohnes und ihn in ihrem Namen deshalb um Entschuldigung bitte:- und werde hiuzufügen, daß sobald Dein Vater wieder gesund sein wird, er nicht säumen wird, ihrem Sohne gebührende Genugthuung zu verschaffen, indem er seinen Sohn exemplarisch züchtigen wird." Wiesner war bei diesen Worten aufgestanden und der Thür zugeschritten. Als er die Hand auf die Klinge legte, fühlte er sich zurückgehalten; Poldi hatte seinen Arm umklammert. „Nicht!", stammelte er, „nicht! — Sie werden das nicht dem Kohn sagen." „Das werde ich allerdings Herrn Kohn sagen, denn ich will nicht, daß Deine unschuldigen Eltern durch die Niederträchtigkeit ihres Sohnes brotlos werden." „Wenn Sie 's thun, springe ich in die Donau", schrie der erregte Knabe. Wiesner zuckte die Achseln. „Für Deine Eltern wäre das kein Unglück — besser keinen Sohn als einen Sohn, dessen man sich zu schämen hat." Er hatte Poldi's Hände von seinem Arm abgeschüttelt und die Thür geöffnet, aber sein Arm tourde abermals umklammert. „Was willst Du?", fragte er kühl, „auf einige Minuten kannst Du mich zwar zurückhalten, aber gehen werde ich zu Herrn Kohn und werde ihm genau das sagen, was ich Dir gesagt habe. — Außer wenn Du Dich entschließest, Deine Pflicht zu thun und den von Dir Beleidigten um Entschuldigung zu bitten. — Na, wie ist 's?" Poldi zögerte, sein Hochmuth bäumte sich auf von der Zumuthung, den von ihm gekränkten Juden um Entschuldigung zu bitten, noch entsetzlicher aber erschien es ihm, wenn der Freund seines Vaters dieses im Namen seiner Eltern thun würde, — und wenn er nun gar hinzufügen würde, daß sein Vater — er mochte das Entsetzliche nicht einmal denken. — Sollte er seine Drohung wahr machen und in die Donau springen? — Wenn auch Herr Wiesner behauptete, daß das ein Glück für seine Eltern sein werde — er wußte ja doch, daß sie, wie er 's nannte, ’» Narren an ihn gefressen hatten. — Aergern würde es sie jedenfalls furchtbar, und den Wiesner auch, wenn er sich auch so stellte, als ob es ihm gleichgiltig wäre. — Aber wenn er's sich genau überlegte, war es ja doch ein Unsinn, sich das Leben zu nehmen, nur um dem Judenfratzen die paar Worte nicht zu sagen. — Das Leben war ja doch schön, besonders die Weihnachtsstrizzel und die Judenhetzen. „Ich werde den Kohn morgen in der Schule um Entschuldigung bitten." Wiesner schüttelte den Kopf. „Du hast ihn heute beleidigt und wirst Dich heute bei ihm entschuldigen, wenn Du nicht willst, daß ich zu seinem Vater gehe." „Nun, meinetwegen — so gehe ich jetzt zu ihm." „Ich werde Dich begleiten", sagte Wiesner. Poldi stutzte. „Sie wollen mitgehen zu Kohn?" „Ich traue Dir nicht, ein Knabe, der, um nicht ein begangenes Unrecht wieder gutmachen zu müssen, sich das Leben zu nehme» droht, dem traue ich nicht über den Weg. Nicht daß ich fürchten würde, daß Du Deine Drohung ausführen wolltest, — ich habe Dir schon gesagt, daß ich darin weder für Deine Eltern noch für die übrige Menschheit ein Unglück sehen würde. Aber ich halte Dich fähig, mich zu täuschen, mir zu sagen, daß Du gethan habest, was Du thun sollst, und Du hättest es doch nicht gethan — davor muß ich mich sichern, denn es handelt sich um die Existenz Deiner Eltern." „Aber ich bitte, Herr Wiesner." „Ich will Dir so viel als möglich entgegenkommen, ich werde Dich daher nur bis zum Kohn'schen Hause begleiten und dann hinüber in das Kaffeehaus gehen, wo ich mich an's Fenster setzen werde. Deine Sache ist es, dafür zu sorgen, daß der junge Kohn, nachdem Du ihn um Entschuldigung gebeten haben wirst, Dich bis auf die Straße begleitet, und an der Weise, wie Ihr Euch von einander verabschiedet, werde ich erkennen, ob Du Deine Pflicht erfüllt hast oder nicht. Kommst Du allein aus dem Hause, so daß ich im Zweifel bin, so werde ich hinüber gehen und mich erkundigen." Poldi fand dieses Vorgehen überaus unangenehm, aber Wiesner war unerbittlich und so mußte der störrige Knabe sich schließlich fügen, und Beide machten sich sofort auf den Weg und hatten sehr bald ihr Ziel erreicht. Langsam, bei jeder Stufe zögernd, schritt Poldi die Stiege aufwärts, die zur Wohnung seines Schulkameraden führte, Wiesner sah, wie er die Faust ballte und wenn er auch die halblaut gemurmelten Worte des Knaben nicht verstand, so zweifelte er doch nicht, daß sie eine Verwünschung der Juden enthielten. Er räusperte sich laut, um den allzulangsam aufwärts Schreitenden zu erinnern, daß er beobachtet werde, dann begab er sich hinüber in das erwähnte Kaffeehaus und setzte sich mit einer Zeitung in der Hand an das Fenster, von wo er den Eingang zu dem Kohn'schen Hause im Auge haben konnte. Eine Viertelstunde mochte verstrichen sein, als er den Sohn seines Freundes in Begleitung seines mehrfach erwähnten Schulkameraden drüben vor dem Hause in anscheinend lebhafter Unterhaltung sah, sie schienen im besten Einvernehmen. Schließlich bot Poldi dem Andern die Hand, die dieser freundlich drückte und dann zurück in das Haus ging, während Poldi hinüber in das Kaffeehaus eilte, wo Wiesner ihn erwartete. „Nun?", fragte er flüsternd, „sind Sie zufrieden?" Wiesner nickte zustimmend „Die Sache scheint in Ordnung." „Freilich ist sie in Ordnung, Alles ist in bester Ordnung, er wird mir alle schriftlichen Aufgaben von seinen abschreiben lassen, und damit der Professor es nicht merkt, wird er sie mit mir durchnehmen. Der dumme Kerl, ich habe es ja gleich gesagt, er ist froh, wenn er einem von uns helfen kann, — jetzt komme ich sicherlich durch, diesesmal habe ich gar nichts zu fürchten." „Und zum Dank nennst Du ihn einen dummen Kerl! — ich finde ihn edel und hochherzig." „Aber von einem Juden kann man doch nicht sagen, daß er edel oder hochherzig ist — ich bitte Sie, Herr Wiesner, das hätte ja keinen Sinn. Sie sind eben ganz anders als wir. Er hat mir's selbst gesagt, er macht sich gar nichts daraus, wenn der Professor Witze über ihn macht und die ganze Claffe darüber lacht, und als ich ihn gefragt habe, warum er, wenn ihn Einer stößt oder neckt, den nicht wieder stößt oder schlägt; da hat er gesagt, an ihren großen Festtagen da beteten sie das Vaterunser, und darin käme eine Stelle vor, wo es heißt, Gott möge das vergoffene Blut seiner Diener rächen, und daraus ginge hervor, daß sie sich nicht rächen dürften, wenn man auch ihr Blut vergießen würde. Ist das nicht ein Unsinns?" Wiesner zuckte die Achseln, die Unterhaltung mit dem so überaus niedrig denkenden Knaben widerstrebte ihm. nach einer Weile sagte er: „Weißt Du, daß Deine Eltern sich glücklich schätzen würden, wenn Du so wärest, wie dieser Alfred Kohn." „I. warum nicht gar'" „Was hat er denn gesagt, als Du Dich entschuldigt hast? — war er gleich bereit. Dir zu verzeihen." „O gewiß, er hat mir gleich die Hand gereicht und hat gesagt, von seinetwegen hätte ich mich gar nicht zu entschuldigen brauchen, nur um seiner Eltern willen wäre es ihm lieb, daß er ihnen sagen könnte, daß ich ihn um Verzeihung gebeten habe — und auch um des Vaters willen." „Aha", sagte Wiesner, „die Befürchtung Deines Vaters war also doch begründet — Poldi, sage mir nur um Gottes willen, wie hast Du Dich so weit vergessen können? — und dabei Dich noch so lange zu sträuben, die Geschichte wieder gut zu machen! Was hättest Du angefangen, wenn Deinem Vater jetzt gekündigt worden wäre?" „Er hat nichts vom Kündigen gesagt", murmelte Poldi, während er unwillkürlich den Blick zu Boden senkte. „Angedeutet hat er es allerdings. Du solltest Dir das eine Warnung sein kaffen, denn so entgegenkommend Dein Schulkamerad sich Dir hiebei auch gezeigt hat, sein Vater scheint nicht gesonnen, die fernere Beleidigungen seines Sohnes ungestraft hingehen zu lassen. — Nimm Dich in Acht, Poldi! Nimm Dich in Acht!* „Ich werde mich in Acht nehmen. Sie können unbesorgt sein, Herr Wiesner, in dieser Beziehung wird keine Klage wieder über mich kommen." „Ich hoffe, daß Du Wort halten wirst, namentlich da Du weißt, was auf dem Spiele steht. Nun aber komm nach Hause zu Deinen Eltern, ich werde Dir bestätigen, daß ich Dich im besten Einvernehmen mit dem jungen Kohn gesehen habe, und Du wirst Deinem Vater geloben, Dir nie wieder Derartiges zu Schulden kommen laffen zu wollen." (Fortsetzung folgt.)

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