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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-06-27 · 26 (27.6.1902) · page 16

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
26 (27.6.1902)
Date
1902-06-27
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Seite 436 Dr. Bloch's Wochrnschrist. Nr. 26 Münchengrätz 1 L; M. Frischmann, Pilsen 1 L; Hugo Treulich, Radnitz lK.- S'ämmtlichen edlen Spendern im Namen der Hinterbliebenen den tiefgefühltesten Dank und Vergelt's Gott. Um weitere aütige Spenden wird gebeten. Rokitzan, am 16. Juni 1902. Josef Stadler, Rabbiner M. Fischer. Berlin. Wie die Tageszeitungen berichten, ist Herr Geb"imec Commercienrath L. M. Goldberger vom König von Preußen „aus Allerhöchstem Vertrauen in das Herrenhaus berufen worden". Seit dem im Jahre 1886 erfolgten Tode des Freiherrn Mayer Karl v. Rothschild hat kein Jude dem Herrenhaus angehört. Feuilleton. Girr Zeitbild. Nach wahren Begebenheiten erzählt von Richard Rolfs. (Fortsetzung.) „Sage mir doch, was thut denn Dein Vater bei Herrn Kohn?" „Der Vater ist beim Buch, den ganzen Tag hat er zu rechnen und zu schreiben —" „Außer Deinem Vater arbeitet Niemand dort?" „O gewiß, ich glaube dreißig Menschen arbeiten dort im Geschäft." „Und das sind lauter Arier?" „Was fällt Ihnen ein, Herr Wiesner, außer dem Vater und Herrn Böhler ist nicht ein einziger Christ dort im Geschäft — 28 Juden gegen zwei Christen — sagen sie selbst, ist es nicht eine Schande, daß der Vater dort arbeitet? —" Eine Schande sollte es sein, daß Dein Vater in redlicher Weise durch seine Arbeit sich und seine Familie ernährt? — Du weißt ja selbst nicht, was Du sprichst. Aber ich wollte Dich überzeugen, wie Du in den Tag hinein schwadronirst, ohne zu überlegen, ob Du Wahrheit sprichst oder nicht und Dich selbst daher in einer Minute zweimal widersprichst — zuerst behauptest Du, die Juden arbeiten nicht und hätten doch alles Geld, dann erklärst Du, daß Du Tausende von Juden kennst, die nichts haben und gleich darauf erzählst Du, daß in dem Geschäft, wo Dein Vater arbeitet, 28 Juden sind und nur zwei Christen " „Na, ich brauch' doch nicht alle Juden zu kennen, die ich kenne, das sind eben die Ausnahmen, aber im Allgemeinen wird's schon so sein, wie es die Zeitungen schreiben und mie man es überall hört, daß die Juden ein Schmarotzervolk sind, die vom Schweiß der Christen sich «ähren und fett werden. — Lesen Sie denn gar keine Zeitungen, Herr Wiesner?" „O freilich lese ich Zeitungen, aber ich bin kein leichtgläubiges Kind mehr, das Alles, was gedruckt wird, für wahr hält." „Aber was die Zeitungen über die Juden schreiben, das ist Alles ganz wahr, das sieht man doch deutlich. Haben Sie nicht gelesen, wie neulich ein Abgeordneter im Reichsrath gesagt hat, man sollte ein Schußgeld für Juden aussetzen, d. h. mau sollte ein Gesetz machen, daß Jeder, der einen Juden erschießt, eine Prämie dafür bekommt und wie dann ein Anderer — wie heißt doch der Lump? — na, auf den Namen kommt's nicht an, jedenfalls war's ein Judenknecht, der von den Juden Geld dafür bekommen hat, denn er hat beantragt, man sollte den erfteren Abgeordneten in Anklagezustand versetzen und da hat eine Commission darüber berathen und die Commission hat erklärt, er darf nicht angeklagt werden, weil er nichts Unrechtes gethan hat. Habe ich nun nicht recht? Ist das nicht ein Beweis, daß die Juden wirklich so schlecht sind, daß es eine Wohlthat für die Menschheit wäre, wenn die ganze Race ausgerottet würde." Wiesner athmete schwer auf und schüttelte den Kopf, „das ist durchaus kein Beweis für die Schlechtigkeit der Juden, sondern vielmehr ein Beweis der Schlechtigkeit des erwähnten Antragstellers und der Herzensrohheit derjenigen, die diese Schlechtigkeit nicht strafbar fanden." „Aber ich bitte Sie um 's Himmelswillen, Herr Wiesner, Sie werden doch nicht behaupten wollen, daß die Reichsraths- Abgeordneten schlecht und roh sind? Das sind doch Diejenigen, die das ganze Volk gewählt hat, also sicherlich die Besten, die Gescheidtrsten, denn sie machen doch alle Gesetze für den ganzen Staat — und wenn man sagen wollte, daß die schlecht und roh sind —" „Ich habe nur gesagt, daß der von Dir erwähnte Antrag die Schlechtigkeit des Anäagstellers bezeugt und die Herzensrohheit derjenigen, die diese Schlechtigkeit nicht strafbar finden — daß diese Leute zu unseren Gesetzgebern gehören, ist allerdings sehr, sehr traurig — aber liest Du denn immer den Bericht über die Reichsrathsverhandlungen?" „Den ganzen Bericht lese ich nicht, o bewahre, das wäre viel zu langweilig. Aber wenn so was über die Juden da vorkommt, da ist es immer mit fetter Schrift gedruckt — ach, das ist zu interessant!" „Und überaus bildend", fügte Wiesner ironisch hinzu. „Freilich, freilich", stimmte Poldi eifrig bei, „das sagt der Professor auch. Er hat uns darauf aufmerksam gemacht, daß wir so immer das Interessanteste aus den Verhandlungen herauslesen können. Die über den Wiener Gemeinderath sind auch so schön, was die Juden sich da alles sagen lassen müssen und dürfen nicht mucksen, es ist zu schön! Und wenn sie 'mal Einem etwas sagen wollen, da werden sie gleich eingesperrt, wie der Stiasni — haben Sie das nicht gelesen? — Und ein Beweis ist das auch für die Schlechtigkeit und für die Gemeinschädlichkeit dieses fremden Einwanderungsvolkes —" „Wie gut Du Dir die antisemitische Ausdrucksweise merkst—" „Weil ich ein Arier bin", entgegnete der Knabe sich in die Brust werfend, „ein echter arischer Jüngling." Wiesner hatte eine scharfe Antwort auf den Lippen, aber er hielt an sich, Poldi's Drohung, sich eventuell das Leben zu nehmen, hatte einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht, er nahm sich seitdem in Acht, ihn zu reizen. „Bisher habe ich Dich nicht für dumm gehalten, auch nicht für unvernünftig — aber wenn Du das, was Du liesest und hörst, so gut Dir merken kannst, da würde ich Dir doch rathen, den Vortrag in der Schule und Deine Schulaufgaben Dir auch gut zu merken — ich habe nämlich so etwas pfeifen hören, daß ein gewisser Jemand nicht hätte aufrücken können, wenn sein Schulnachbar sich seiner nicht erbarmt hätte —" Poldi war dunkelroth geworden, er wandte sich rasch zum Fenster, als ob dort ein merkwürdiges Etwas seine Aufmerksamkeit erregt hätte. „Der betreffende Jemand hat sich seinem barmherzigen Nachbar vermuthlich sehr dankbar gezeigt. Meinst Du nicht, Poldi?" „Nein", versetzte dieser schroff, „der betreffende Nachbar ist ein Judenbengel,' der sich eine Ehre daraus gemacht hat, einem Arier gefällig zu sein." „Deine Eltern haben von diesem, den Du als Judenbengel bezeichnest, in ganz anderer Weise gesprochen, Deine Mutter, die durch eine Aeußerung Deines Classenlehrers über Dich in namenloser Angst war, hat den jungen Kohn himmelhoch gebeten, er möge Dir helfen und mit Rücksicht auf sie und auf Deinen damals schon leidenden Vater hat er Dir geholfen. — 'Es wäre gut, wenn Du diesesmal Deiner Sache sicherer wärst. — Deine Mutter zweifelt daran, sie klagt, daß Du sehr faul wärest." „Der Kohn ist nicht fleißiger als ich", entgegnete Poldi eifrig, „er hat es mir selbst gesagt, zu Hause sieht er kein Buch an, das er in der Schule gebraucht. — Aber diese verfluchten Judenköpfe hat der Teufel gemacht, daß sie nichts zu lernen brauchen und doch.Alles wissen." „Sie wenden vermuthlich dem Unterrichte in der Schule stets die erforderliche Aufmerksamkeit zu, während die echten Arier das zuweilen unter ihrer Würde halten." „Na ja", erwiderte der kecke Knabe, „was sollen die Judenjungen denn anders thun, als andächtig zuhören, was in der Schule vorgetragen wird? Es gibt sich ja keiner mit ihnen ab, außer wenn man sie braucht — bei uns ist das etwas ganz anderes." „Ich muß Dir dringend empfehlen, in dieser Beziehung dem Beispiel der Judenjungen nachzueifern, umsomehr, als ich es für geradezu undenkbar halte, daß Dein Nachbar, den Du trotz seiner Dir erwiesenen Güte beschimpft und sogar thätlich beleidigt hast, sich wieder Deiner erbarmen wird. Du weigerst Dich, ihn um Entschuldigung zu bitten. Dein Vater fürchtet mit Recht, daß sein Chef, sobald er Kunde von Deinen Rohheiten seinem Sohne gegenüber erhält, ihm kündigen werde — dann wäret Ihr sämmtlich brotlos. Ich habe Deinen Eltern zugesagt, daß ich mein Möglichstes thun werde, Dich zu veranlassen, Denjenigen, den Du so schwer beleidigt hast, um Entschuldigung zu bitten — da ich sehe, daß ich Dich nicht dazu bringen kann, Deine Pflicht zu thun, so werde ich jetzt gleich zu Herrn Kühn gehen

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