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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-06-27 · 26 (27.6.1902) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
26 (27.6.1902)
Date
1902-06-27
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Sette 424 Dr. Blmtz's WochsnschrN. Nr. 26 Fahrschein eines Transportunternehmers oder einer Verkehrsgesellschaft in Händen haben. Diese Durchzügler werden in bewachten Waggons durch das Land transportirt und dürfen ohne Erlaubniß die Reiseroute weder unterbrechen noch abändern. Der Ministerpräsident erklärt, er habe auf die Nachricht von neuerlichen Einwanderungen diese Verordnung erneuert und die Behörden zur strikten Durchführung derselben angewiesen. Redner sei streng verfahren, er wolle aber nicht brutal sein, und bezwecke blos die Verhinderung eines unberufenen Zuzuges schädlicher Elemente. Abg. Victor Pichler (dazwischenrufend); Man muß die rumänische Regierung zwingen, die Berliner Convention einzuhalten. Abg. Pichler, der trotz der Ermahnungen des Präsidenten die Zwischenrufe fortsetzt, wird zur Ordnung gerufen. . Ministerpräsident v. Szell (fortfahrend) sagt, er könne nicht zugeben, daß der Angelegenheit eine antisemitische Färbung gegeben werde, da dies eine rein sociale Frage sei, deren Lösung in dem vom Redner beabsichtigten Sinne auch von den ungarischen Judenthum gebilligt werde. Uebrigens sei das Einwanderungsgesetz im Entwürfe fertig und werde demnächst dem Hause vorgelegt werden. Die Antwort wird vom Interpellanten und vom Hause zur Kenntniß genommen. Im englischen Unterhaus hat jüngsthinder Abgeordnete für Sheffield Central, Sir H. Vincent, de» Handelsminister interpellirt, ob nicht angesichts der neuen Handelsgesttzgebung in Rumänien und der damit verbundenen erneuten Bedrückung der rumänischen Juden eine große Auswanderung der so hart Behandelten und eine vermehrte Einwanderung dieser Rumänen in England zu gewärtigen sei. Der Handelsminister Gerald Balfour entgegnete, daß die ihm vom englischen Gesandten in Bukarest in Abschrift übermittelten neuen Gesetze in der That die Lage der jüdischen Handeltreibenden in Rumänien arg verschlimmern und wohl geeignet seien, die Auswanderung aus diesem Staat erheblich zu steigen, daß aber bis jetzt keine Zunahme der Einwanderung gegen das Vorjahr zu verzeichnen fft und daß die Einwanderungsfrage überhaupt augenblicklich der Prüfung der königlichen Specialcommiffivn unterliegt. — Sir Howard Vincent, bemerkt hierzu die »Jewish Chronicle", hatte unzweifelhaft das Recht, obige Anfrage an die Regierung zu richten; es ist aber erstaunlich, daß noch kein Mitglied des Unterhauses die Aufmerksamkeit der Regierung darauf gerichtet hat, in wie ungenirtec Weise die rumänische Regierung die ihr vom Berliner Vertrag auferlegten Verpflichtungen verletzt. Es scheint uns den englischen Traditionen nicht zu entsprechen, daß die Frage einer eventuell:» Auswanderung bearbeitet werden soll, während der Treubruch, der diese Auswanderung veranlaßt, mir Stillschweigen Übergängen wird. Alle parlamentarischen Führer der Einwanderungsagitation sind humane englische Bürger, die nach bestem Wissen das Wohl des Landes fördern und die für das scandalöse Vorgehen der verschiedenen rumänischen Ministerien nur Abscheu empfinden können. Sie werden deshalb auch der Ursache näher rücken, deren Symptome der gefürchtete Exodus ist. Die Jewish Colonisation Association hilft einer ganzen Anzahl von rumänischen Auswanderern bei der Auswanderung nach anderen Welttheilen, viele andere aber verlassen aus Mangel an Reisegeld auf Schleichwegen die ungastliche Heimat. Viele von diesen sind fleißige und geschickte Handwerker und Mechaniker, also Arbeiter, gegen die auch die Gegner der Fremdenetnwanderung nichts einzuwenden haben. Wenn aber falsche ökonomische Principien diesen Herren verbieten, diese für die britische Industrie werthvollen Recruten willkommen zu heißen, so sollten sie sich wenigstens bemühen, das Uebel gleich an seiner Quelle zu verstopfen, und der rumänischen Regierung etwas Pflichtbewußtsein beizubringen. Auch die leitenden Organe der Tagespresse in London widmen dem Thema bedeutsame Ausführungen, welche allesammt in der Forderung gipfeln, daß die englische Regierung das Gewicht ihres Emfluffes einsetzen möge, um die Machthaber an der unteren Donau zur Erfüllung der im »Berliner Vertrags ihnen auferlegten Pflichten zu zwingen. So schreibt die „Morning Post“: Der Appell an die Empfindungen muß an die zweite Stelle rücken. Es ist recht und billig, den gesunden Egoismus der englischen Regierung vor Allem darauf aufmerksam zu machen, daß wir uns der Gefahr einer starken Fremden-Einwanderung gegenüber befinden und daß diese Gefahr nicht durch neue Gesetze, die wir selbst erlaffen, beschworen werden kann, sondern inoem wir auf die Erfüllung der Bestimmungen, die im Berliner Vertrage medergelegt find, dringen. Wir wollen hoffen, daß die Regierung Schritte in dieser Richtung unternimmt, um eine Gefahr für uns daheim und einen Scandal auswärts zu beseitigen". Im selben Sinne äußert sich der »Globe": »Die Folge des Handwerker-Gesetzes wird, wenn nicht Vorstellungen in Rumänien erhoben werden, sein, daß unser Vaterland einem erneuten und größeren Einbruch verarmter jüdischer Ausländer in das Eastend von London zu erwarten habe» wird." In einem Artikel der »Times" werden die Ausnahme-Gesetze, welche gegen die Juden bereits erlassen sind, aufgezählt und dann fortgefahren: »Diese lange Reihe vexatorischer Maßregeln, welche ihren Höhepunkt in dem Handwerker-Gesetz dieses Jahres erreicht haben, in einem Gesktz, das binnen kurzer Zeit 25.000 jüdische Handwerker jeder Möglichkeit, sich zu ernähren, berauben wird, muß, so ist zu fürchten, eine Massen-Auswanderung verarmter rumänischer Juden herbeiführen, wenn nicht unmittelbar Schritte geschehen, die eine thatsächliche Besserung ihrer Lage verbürgen." Schließlich sei noch die officiöse »Westminster Gazette" angeführt: »Läßt man auch alle moralischen Erwägungen bei Seite, so ist es doch klar, daß eine solche Einwanderung mit ökonomischen Uebeln sehr ernster Art verknüpft sein würde und zwar für alle westlichen Länder Europas und nicht zum wenigsten für Großbritannien." Diese Stellungnahme der Presse beweist, daß sich in England ein Stimmungswechsel gegen Rumänien vollzogen hat, der um so bemerkenswerther ist, da man bisher im Bereinigten Königreich aus politischen Rücksichten die Sympathien für das Königreich an der unteren Donau pflegte. Eine dringende Aufgabe. Berliner Brief. In unserer Gemeinde herrscht zur Zeit eine idyllische Ruhe, der ewige Friede. Weder in der Gemeindestube, noch in der Presse, noch endlich in Versammlungen ist auch die kleinste Trübung des Friedens zu merken, der mindeste Streit zu entdecken. Dieser rdeale Zustand hat seine Ursache, die leider minder idealer Natur ist. Nach der großen, nicht unverdienten Niederlage, die unsere Liberalen bei den letzten Gemeindewahlen erlitten haben, beschlossen sie, nicht mehr mitzuthun. Sie haben sich selbst aus der Vertretung im Präsidium ausgeschlossen und sich entschieden geweigert, ein Amt innerhalb der Vertretung anzunehmen. Es ist dies die reine Kinderstuben-Politik. Wenn die Kleine nicht die Rolle der Mama spielen darf, so wird sie ärgerlich und meint: „Ich nehme meine Puppe und spiele nicht mehr mit". Unsere Liberalen wollen also nicht mehr mitspielen. Und die Conservativen? Nun, diese sind friedliebend aufs Aeußerste. Sie haben ihre Gegner schon unzähligemal um Entschuldigung gebeten, daß sie letzthin gesiegt haben, auch haben sie versprochen, es nie wieder zu thun. Ich fürchte auch, sie thun's nie wieder. Jedenfalls thunsie jetzt nichts, wodurch sich die Liberalen geärgert und gekränkt sehen könnten. Auch haben sie während des Wahlkampfes - stets betheuert, sie seien nicht conservativ. Sie dürfen also nichts unternehmen, wodurch sie in den Ruf oder in den Verruf des Conservatismus kommen könnten. Man sagt mir, daß einige von den Neugewählten sogar zu Hause rituell leben, dies aber vor den Nachbarn sorgfältig verbergen; es könnte ihnen sonst schaden. Dem sei nun wie ihm wolle, die Hauptsache ist, es herrscht tiefe Stille in der Gemeinde, wahre Friedhofsstille. Während der Wahlbewegung wurde von der Revision der neuen Gebetbücher gesprochen. Ich muß den Lesern dieser Zeitschrift die Sache einigermaßen erklären. In den Orgelsynagogen haben wir einen neuen Gebetritus, merkwürdiger Weise aber nicht etwa einen für sämmtliche drei modernen Synagogen, sondern deren zwei. Das mag uns Juden erklärlich scheinen, ein gebildeter Christ fragte mich aber unlängst, warum nicht wenigstens eine Gebetordnung für sämmtliche liberale Synagogen geschaffen wird, und wie es kommt, daß fast jede Gemeinde in Deutschland, die von der alten Ordnung abweicht, einen besonderen Ritus hat? Nun,

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