Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 26 (27.6.1902)
- Date
- 1902-06-27
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 26 Dr. Blvch's Wvchvnfchrifk. Seite 435 dies geht natürlich Niemanden etwas an; dem fragenden Christen gab ich zur Antwort: Wir Juden wollen das Buchdruckergewerbe wirksam unterstützen, weshalb wir unzählige Arten von Gebetbüchern haben. War dies nicht eine recht schlaue Antwort? Die neue Gebetordnung ist auf dem Princip begründet: Wir wollen von Zion nichts wissen; außerdem leugnen wir die geschichtliche Thatsache unserer Wahl — nicht Gnadenwahl, wie man zuweilen dem Christenthum nachspricht. Die Sache an sich, daß ein Volk seine Geschichte verleugnet und seine Zukunft aufgibt, ist überaus traurig und steht vereinzelt in der Geschichte da. Nun aber hätte man sich damit vielleicht doch im Laufe der Zeit aus leidiger Gewohnheit befreunden können; aber es fehlt dabei jedes System und das Ganze ist eine reine Pfuscherarbeit. Vor Allem besaßen die Männer „der Großen Versammlung" von der Oranieuburgerstraße zu Berlin weder Muth noch Kenntuiß, etwas Neues zu schaffen; vielmehr nahmen sie den Rothstift zur Hand und strichen und flickten herum, rein zum Erbarmen! Wo das Wort Zion vorkam, gleichviel in welcher Bedeutung und in welcher Hinsicht — gestrichen! Wo von der geschichtlichen Bedeutung Israels die Rede ist — gestrichen! Wo von der Hoffnung unseres Volkes für die Zukunft etwas gesagt wird — gestrichen! Wir waren nichts, wir sind nichts und wollen nie etwas sein, es sei denn „deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens"? Als solche haben wir unseren Einzug in der Geschichte der Menschheit gehalten, dies waren wir stets und wollen es für ewige Zeiten bleiben. Amen! Wenn jedoch dieses consequent durchgeführt worden wäre. Auch ein Jrrthum kann ja in gewissem Sinne großartig sein. Aber es wimmelt in unserer Gebetordnung au Widersprüchen, daß man daraus nicht klug werden kann. Freitag Abends dürfen wir nicht davon sprechen, daß wir auserwählt seien; aber am Sonnabend bei der Vorlesung aus der Thora wird dies gesagt. An Wochentagen und bei der Einsegnung der Ehepaare in der Synagoge wird sogar für die Wiederherstellung Zions gebetet! Im Mussaf-Gebet darf es nicht heißen: „Wegen unserer Sünden sind wir verbannt von unserem Lande und fern gehalten von unserer Heimat" — aber unsere Vorfahren sind von ihrem Lande fort, nicht etwa wegen ihrer Sünden, denn es sei doch keine Strafe, in Deutschland zu leben und deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens zu sein. Niemanden ist es aber eingefallen, daß schon im Ausdruck „golu“ der Begriff der zwangweisen Verbannung liegt, und da ist es doch durchaus nöthig, dies als die Folgen der Sünden zu bezeichnen. Im anderen Falle wäre es ja die reine Blasphemie! Hätten die Herren Gebetbuchfabrikanten wenigstens den Ritus des Hamburger Tempels zu Rathe gezogen, der von sachkundiger Hand zusammengestellt worden ist, so manche handgreifliche Dummheit hätte nie das Tageslicht erblickt. Aber auch in Berlin fürchten sie die „Revision", obwohl die Zeit dafür sehr günstig ist, schon deshalb, weil jetzt in unserer Mitte Männer leben, deren Mitarbeiterschaft sehr werthvoll wäre. Vor Jahren, als die Conservativen ebenfalls die Mehrheit hatten, wurde zu diesem Zweck eine Commission gewählt, die aber niemals in Berathung trat, bis die Liberalen die Mehrheit bekamen und die Commission kurzer Hand auflösten. Man gibt vor, Revision der Gebetbücher sehe wie Reaction aus. Ich meine aber, daß wenn unser altehrwürdige Gebetritus, den die ganze Judenheit Jahrtausende hindurch heilig hielt, sich eine Revision hatte gefallen lassen, auch der Gebetritus des seligen Aub — denn er hat uns mit dem neuen Gebetbuch beglückt — einer Revision unterzogen werden könnte. In einer öffentlichen Versammlung gab ich seinerzeit einen sehr triftigen Grund für die Vornahme einer Revision an. Unser neues Gebetbuch wimmelt nämlich im hebräischen Theil von sprachlichen und grammatikalischen Schnitzern, was gewiß der intelligenten Gemeinde Berlin — ich meine es im vollen Ernst — nicht gut paßt. Vor einiger Zeit hat man einen einzigen Theil dieses neuen Ritus auch in der Alten Synagoge, wo ich bete (oder richtiger nicht bete, da man es dort vor lauter Geschwätz nicht kann), eingeführt, das Gebet bei der sogenannten Seelenandacht. Es sind da wenige Zeilen, aber so viele Zeilen, so viele häßliche Schnitzer. Ich habe manche Fachgelehrte auf diese Fehler aufmerksam gemacht, und alle gaben mir zu, daß es eine Schande ist. Ein mittelmäßiger Schüler in Polen würde ein solches Hebräisch nicht schreiben. Wie ich dies sah, ließ ich mich» nicht verdrießen, den ganzen Ritus durchzunehmen, und es war trostlos genug, was ich da zu sehen bekam. Ich habe darauf aufmerksam gemacht und auch in einem hiesigen Blatt die Ausmerzung der Fehler gefordert, was freilich ohne eine eingehende Revision des ganzen Ritus nicht gut möglich wäre. Aber hält man in Berlin solches nicht für wichtig genug? Wäre es nicht geboten, den begangenen Fehler so bald als möglich gut zu machen, zumal doch der Borwurf keinen jetzt wirkenden Functionär trifft. Ebenso wie es im Mussaf-Gebet heißen darf: „Unsere Vorfahren sind von ihrem Lande verbannt worden", kann ja auch gesagt werden: Unsere früheren Rabbiner und Gemeindevorsteher haben kein Hebräisch verstanden, weshalb unser Gebetbuch von häßlichen Schnitzern wimmelt. Bei dieser Gelegenheit kann man sich wahrlich auch über den zu wählenden Standpunkt klar werden. Ich verlange nicht, daß man Alles wiederherftellen soll mitsammt dem Gebet für den Exilarchen und die Schulvorsteher in Babel, die seit einem Jahrtausend nicht mehr existiren. Ich opfere nicht nur den einen „Jekum purkan“, ich meine sogar: „Wajimach es kol ha-jekum“ — beide Jeknm purkan mögen gestrichen bleiben. Aber Israels glorreiche Vergangenheit und unsere Hoffnung für die Zukunft, mit welcher Hoffnung das Judenthum steht und fällt, das muß stark betont werden; in unserer an so vielen Anfechtungen reichen Zeit mehr als je. Es muß laut und eindrucksvoll gesagt werden, daß wir das größte, d. h. das bedeutendste Volk der Geschichte sind und daß wir uns nicht für abgethan halten. Sonst hat es wirklich keinen Zweck. Die Gemeinde Berlin hat in der Geschichte unseres Volkes sehr viel gut zu machen, denn seit einem Jahrhundert hat sie viel zu unserem Niedergang beigetragen — möge sie sich ihrer Schuldigkeit erinnern und nicht der Ruhe leben, sondern der Pflicht! Dr. S. B e r n f e l d. Gin WahUnid ans Galijie«. Gegen die in dem Städtebezirk Tarnopol - Brzezany am 12. Mai l. I. durchgeführte Ergänzungswahl eines Reichsraths- Abgeordneten wurde nachfolgender Protest im Parlamente eingebracht. (Fortsetzung.) Was in Brzezany geschah. Nach den bisher gemachten Erfahrungen bewegte sich die Betheiligung an den Reichsrathswahlen in Brzezany gewöhnlich zwischen 450 und 600 Stimmen und wiesen die aufgelegten Wählerlisten niemals mehr als 700 oder höchstens 750 Wahlberechtigte auf. Auch bei Beginn der gegenwärtigen Wahleampagne ging die Wählerliste über diese Grenze nicht weit hinaus und erst in weiterer Folge, als die Situation für den in Brzezany favorisirten Candidaten sich in Tarnopol höchst ungünstig gestaltete und zu guterletzt die Candidatur des Dr. Landau proclamirt worden ist, sah man sich veranlaßt, zu einer ausgiebigen Vermehrung der Wählerliste Zuflucht zu nehmen. Mit einemmale schwoll diese Liste, bereits nach vollzogenem Reclamationsverfahren, zu einer ganz unerwarteten abnormen Höhe an und die ahnungslose Wählerschaft erfuhr plötzlich, daß die disponible Stimmenanzahl sich um viel über 200 Wahlberechtigte vermehrt hat. Daß es bei diesem rühmenswerthen Werke der Vermehrung nicht mit rechten Dingen zugegangen ist, das wollen wir mit